Im Land konkurrieren Parteien nicht nur um Stimmen. Die politischen Akteure sprechen aus unterschiedlichen nationalen und politischen Perspektiven, wie sie zum Land und seiner Zukunft stehen. Besonders gut beobachten lässt sich dies bei den großen Parteien. Die bosniakische SDA (Stranka demokratske akcije), die stärkste Partei in BiH, die serbische SNSD (Savez nezavisnih socijaldemokrata) als zweitstärkste Partei und die HDZ (Hrvatska demokratska zajednica) BiH als Hauptvertretung der Kroaten verfügen über stark ausgeprägte ethnische Identitäten und haben jeweils unterschiedliche Vorstellungen vom Verhältnis zwischen Gesamtstaat, den beiden Teilrepubliken / Entitäten und den drei konstituierenden Völkern. Die Trojka, ein Dreierbündnis aus sozialdemokratischer SDP (Socijaldemokratska partija Bosne i Hercegovine), konservativer NiP (Narod i Pravda) und liberaler NS (Naša stranka), spielt auf gesamtstaatlicher Ebene wie in der Föderation BiH ebenfalls eine wichtige Rolle, genauso wie die serbischen Oppositionsparteien SDS (Srpska demokratska stranka ) und PDP/PSS (Partija demokratskog progresa / Sigurna Srpska).
Was bedeutet „Wir“?
Politische Kommunikation beginnt mit einer einfachen Frage: Wer ist eigentlich das „Wir“, für das eine Partei spricht? Bei der SNSD steht die serbische Entität Republika Srpska (RS) im Zentrum des Programms mit möglichst viel Unabhängigkeit. Das Portal „European Western Balkans“ beschreibt die Verteidigung der Selbständigkeit und Kompetenzen der RS als den Schwerpunkt der SNSD-Kampagne. Demgegenüber betont das serbische Oppositionsbündnis um SDS und PDP/PSS stärker wirtschaftliche und soziale Perspektiven. Die bosniakische SDA setzt einen ganz anderen Akzent. Ihr Vorsitzender Bakir Izetbegović verbindet politische Zukunftsfragen mit dem Ziel eines starken Gesamtstaats. Wichtige Punkte im Wahlkampf sind die Stärkung der staatlichen Institutionen und die territoriale Integrität von BiH.
Die HDZ BiH unter Ihrem Vorsitzenden Dragan Čović befasst sich im Wahlkampf dagegen vor allem mit der Frage der legitimen Repräsentation der bosnischen Kroaten im Staat insgesamt und im dreiköpfigen Staatspräsidium. Die Partei tritt seit Jahren für eine Änderung des Wahlrechts ein, die verhindern soll, dass der kroatische Vertreter im Staatspräsidium durch bosniakische Wähler bestimmt wird. Der Konflikt um die Wahl des Dreier-Staatspräsidiums ist nicht nur eine institutionelle Frage, sondern auch ein wiederkehrendes Kern-Element politischer Kommunikation von kroatischer Seite, der die Reihen zusammenhält.
Die Trojka zeigt wiederum, dass die politischen Frontlinien nicht vollständig entlang der Volkszugehörigkeit und politischen Ausrichtung verlaufen. Sozialdemokraten (SDP), Konservative (NiP) und Liberale (NS) bilden gemeinsam einen gewichtigen politischen Block, treten aber mit jeweils eigenen politischen Profilen auf. Gerade darin liegt ein interessantes Spannungsverhältnis: Die drei Parteien wollen einerseits als gemeinsames politisches Projekt als Alternative zu den ethnischen Volksparteien SDP und HDZ BiH wahrgenommen werden, andererseits aber unterschiedliche politische Richtungen ansprechen.
Eine Verfassung, mehrere Perspektiven
Im Wahlkampf zeigt sich, wie wichtig die Schwerpunkte der politischen Kommunikation sind. Denn Parteien vermitteln nicht nur ihre generellen Positionen, sondern bestimmen auch wesentlich, welche Themen in welcher Weise in den Mittelpunkt gerückt werden. Dies ist besonders beim Streit um die gesamtstaatlichen Zuständigkeiten zu bemerken. Für die serbische SNSD steht die Frage im Vordergrund, welche Kompetenzen bei der RS bleiben sollen und wie sie eine möglichst weitgehende Unabhängigkeit gewinnen kann. Bosniakische Parteien sprechen stärker über funktionierende gesamtstaatliche Institutionen, wirtschaftliche Entwicklung oder soziale Fragen. Der HDZ BiH geht es wiederum vor allem um die politische Repräsentation der Kroaten als Minderheit von etwa 15 Prozent% der Bevölkerung. Die Verfassung von BiH wird also aus ganz unterschiedlichen Perspektiven betrachtet und interpretiert, was die Wahlkampf-Kommunikation bestimmt.
Auch in Bezug auf den Beitritt zur Europäischen Union (EU) gibt es unterschiedliche Perspektiven. Er wird einerseits als Weg zu Reformen und wirtschaftlicher Entwicklung verstanden. Andererseits ist er eng mit der Frage verbunden, wie Staat und Gesellschaft zukünftig organisiert und wie politische Zuständigkeiten zwischen dem Gesamtstaat, den Entitäten und der EU verteilt sein sollen. So gibt es im serbischen Teil deutlich stärkere Vorbehalte gegenüber einem EU-Beitritt, auch weil eine stärkere Zentralisierung und Herrschaft der bosniakischen Mehrheit befürchtet wird. Dagegen ist die Zustimmung im bosniakisch-kroatischen Teil sehr hoch. Doch hier kommen die Parteien kaum vorwärts bei den notwendigen Reformen, die eine grundlegende Veränderung des politischen Systems bedeuten würden.
Vgl.
Marija Stojanović, Ethnic division and polarization to dominate electoral campaign in Bosnia and Herzegovina, in:
European Western Balkans vom 4.9.2026: https://europeanwesternbalkans.com/2026/09/04/ethnic-division-and-polarization-to-dominate-electoral-campaign-in-bosnia-and-herzegovina/? (Zugriff zuletzt am 29.9.2026).
Vgl.
die Internetseiten der Parteien: https://sda.ba/; https://snsd.org/; https://hdzbih.org/hr; https://www.sdp.ba/; https://www.narodipravda.ba/; https://www.nasastranka.ba/; https://www.sds.rs/; https://sigurnasrpska.org/
Der Autor des Gastbeitrags Adrian Karb arbeitet derzeit als Praktikant im Auslandsbüro Sarajevo der Konrad-Adenauer-Stiftung.
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Rund um die Themen Kommunikation, Kampagnenmanagement und Digitale Strategie gibt der Blog Einblicke in aktuelle Trends der Politischen Kommunikation. Kommunikationsexpertinnen und -experten geben innovative, praktische Tipps für die politische Kampagne und für die Umsetzung.