Varade publitseerija

Üksikpealkiri

Religion und Politik in der säkularisierten Gesellschaft

Karl Kardinal Lehmann
Referat bei der Festakademie anlässlich des 70. Geburtstages von Ministerpräsident Dr. Bernhard Vogel, Vorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung, in Berlin am 16. Januar 2003.

Varade publitseerija

Es fragt sich, was dieses Thema heute von früheren Darlegungen und Interpretationen unterscheidet. Denn dadurch, dass die Politik immer auch ihren Eigengesetzlichkeiten folgte, hat sie sich stufenweise immer schon eigene, säkulare Vorgehensweisen gesucht und sie auch in den verschiedenen Epochen ausgeprägt. Dies gilt für die verschiedenen geschichtlichen Einschnitte, wie z.B. den Investiturstreit im 11./12. Jahrhundert, die Folgen der Reformation, die Entstehung des modernen Staates vor allem in der frühen Neuzeit, die Aufklärung, den Prozess der Säkularisation im Sinne des Reichsdeputationshauptschlusses, dessen 200. Wiederkehr am 25. Februar d.J. begangen wird. Hinzu kommen jedoch weitere Prozessstufen von Säkularisierung, vor allem in den letzten Jahrzehnten.

Dabei ist allen bewusst, dass die Deutekategorie Säkularisierung zu den Begriffen gehört, die im Grunde wenig brauchbar, aber doch unersetzlich sind. Die Vieldeutigkeit dieses Begriffs liegt auf der Hand. Deswegen ist es notwendig, nicht nur diesen Begriff stärker zu präzisieren, sondern ihn auch zu ergänzen, damit der Kontext konkreter erscheint, dem er entstammt und zugehört. Es sind heute wohl vor allem zunächst folgende Gesichtspunkte, die sich mit dem Begriff der Säkularisierung verbinden:

  1. Die weltliche Herrschaft wird längst nicht mehr aus geistlichen Herrschaftsansprüchen und religiösen Vorgaben verbunden und begründet. Es ist vor allem mit der Religionsneutralität des Staates und der Gewährleistung der Religionsfreiheit, die Freiheit von der Religion und Freiheit zur Religion (negative und positive Religionsfreiheit) umfasst, eine säkulare Verfassungsordnung begründet worden. Auf diesem Fundament ist in der Weimarer Reichsverfassung und im Bonner Grundgesetz die Rechtsstellung der Kirchen festgeschrieben (wechselseitige Unabhängigkeit unter Einschluss von Kooperation, Öffentlichkeitsauftrag, Eigenständigkeit in der Ordnung und Verwaltung ihrer Angelegenheiten, Gewährleistung der Vermögensrechte). Wechselseitige Unabhängigkeit und Kooperation gestalten das Verhältnis.

  2. Ein säkularer Staat ist nicht automatisch auch schon eine säkulare Gesellschaft. Die Säkularität einer Gesellschaft lässt sich im Übrigen nicht leicht feststellen. Aber es gibt doch Indikatoren, die Schlüsse auf eine bestimmte Situation erlauben. Dazu gehört die Bedeutung traditioneller religiöser Institutionen, konkret der Kirchen. Indikatoren sind vor allem der Mitgliederschwund und der Rückgang des Kirchenbesuches. Diese Daten formaler Kirchlichkeit ergeben noch kein erschöpfendes Bild, vor allem über die gesellschaftliche Bedeutung der Kirchen, aber sie schaffen erste Zugänge. Es ist auch nicht zu übersehen, dass sich bei anderen Großorganisationen ähnlich strukturierte Prozesse abspielen. Man darf jedoch auch mit diesen Zahlen nicht leichtfertig umgehen, wie z.B. ein Blick auf eine differenzierte Statistik des Kirchenbesuchs, die Veränderung der Zahl für Kirchenaustritte und Kircheneintritte, aber auch für die Erwachsenentaufen zeigt. Es gibt auch durchaus neue Aktivitäten und Attraktivitäten in den Gemeinden. Ebenso muss man beachten, dass die früheren Prognosen einer immer mehr religionslos werdenden Gesellschaft nicht eingetreten sind, sondern dass – oft im Sinne einer außerchristlichen Religiosität – religiöse Fragen bei einer Mehrheit der Bevölkerung virulent sind. Eine große Mehrheit versteht sich, ob in einem bestimmten oder unbestimmteren Sinne, als religiös. Es gibt durchaus so etwas wie einen religiösen Markt, der freilich in Ost und West sehr unterschiedlich gestaltet ist. Aber es bleibt dabei, dass die verfassten Kirchen institutionell zwar immer noch eine hohe Tradierungskraft behalten, aber doch an institutioneller Dichte verloren haben. Im Osten scheint sich die Konfessionslosigkeit zu verfestigen, im Westen kann Kirchenferne mit bestehender Kirchenmitgliedschaft einhergehen. Freilich zeigt die Situation auch, dass sich so solche Neigungen und Bestrebungen religiöser Art ausbreiten, die mit einer vernunftorientierten Verständigung wenig oder gar nicht vereinbar sind. Man denke nur an die Phänomene schwarzer Magie und der Satanskulte. Die Befreiung vom Missbrauch der Religion wird also keineswegs durch den Abschied von der Religion erreicht.

  3. Religiöse Themen werden in einem hohen Maß in weltliche Zusammenhänge umgesetzt und aus ihrem ursprünglichem Interpretationszusammenhang gelöst. Große Themen eines früher metaphysisch orientierten Denkens werden zu Gegenständen einer weltlichen Verständigung. In diesem Vorgang der Verwandlung von Glaubensgehalten in Themen des weltlichen Umgangs wird zwar zunächst der materielle Umfang der Themen beibehalten, aber die Verwurzelung in einem ausreichenden Begründungszusammenhang wird oft verlassen. Dadurch verschiebt sich auch – oft stillschweigend – die Bedeutung oder wenigstens der Bedeutungszusammenhang einer Sache. Man könnte dies leicht an der Rede von der „Bewahrung der Schöpfung“ aufzeigen. Daraus wurde eine Schlüsselformel für die Verantwortung der Christen, aber auch aller Menschen im Blick auf die Welt. „Schöpfung“ wird dabei weithin mit Natur gleichgesetzt, wobei Tiere und Pflanzen sowie die Elemente, wie Luft und Wasser, ohnehin schon stärker zurücktreten. Verliert die Schöpfung an theologischem Gehalt und wird in diesem Sinne säkularisiert, so wird der Begriff der Natur im Gegenzug oft sakralisiert, was freilich ein vager Vorsprung bleibt. Ähnliches hat man für andere Begriffe aufgezeigt, z.B. für die Rede von Heil und Erlösung. Diese sind, wie Untersuchungen belegen, aus dem Verhältnis des Menschen zu Gott herausgelöst und betreffen eine Befreiung des Menschen von Leiden, die ihm in diesem Leben zu schaffen machen. Bewahrung des Lebens wird zum weitgehend innerweltlichen Thema. Gott wird dabei freilich zu einer Art von pastoralem Begleiter und zu einem Geist ermutigender Unterstützung. Damit hängt auch eine Verschiebung im Gottesverständnis zusammen, denn Gott tritt fast nur noch als der liebende und versöhnende Gott in den Blick. Nicht viel besser ergeht es dem Wort „Sünde“, das noch mehr von einem säkularen Kontext geradezu aufgezehrt erscheint. Maßstab für Sünde sind weitgehend sozial orientierte Ordnungsnormen, wie z.B. die Verkehrssünde, die Umweltsünde oder im Fall eines mit der Gesundheit wenig verträglichen Essverhaltens als „Diätsünde“.

  4. Diese Vorgänge sind natürlich auf ihre Weise Säkularisierungsprozesse. Aber sie betreffen schließlich nicht mehr Institutionen, wie z.B. Besitz und Eigentum, sondern es sind ganz andere Enteignungsvorgänge, weil sie das Bewusstsein des Menschen und sein Verhalten, bewusst oder unbewusst, bestimmen. Damit ist Säkularisierung weniger das bewusste Verhalten des Einzelnen, sondern es ist zu einer fast strukturellen Grundlage des Weltverständnisses geworden.

    In diesem Zusammenhang muss freilich ein weiterer Aspekt genannt werden, der fast gegenläufig erscheint, in Wirklichkeit aber das eben aufgezeigte Realitätsverständnis voraussetzt. Es ist die Individualisierung unseres Lebens. Sie trägt dazu bei, dass vorgegebene Lebensordnungen gelockert werden, vor allem die Lebensformen von Ehe und Familie, und dass die überlieferten Bindungskräfte in den menschlichen Gemeinschaften abnehmen. Vieles wird nur auf Zeit eingegangen. Die Mitgestaltung der Mit- und Umwelt wird weitgehend am eigenen Nutzen und an individuellen Zielvorgaben ausgerichtet. Längerfristige Engagements werden seltener. Die Vermehrung der Medienangebote fördert zusätzlich eine solche Individualisierung. Die Teilhabe an einer gemeinsamen Weltsicht schwindet. Nicht zufällig wird dies mit den Begriffen „Zusammenbasteln“ z.B. einer Biographie oder einer Religion oder mit dem Bild der Patchwork-Identität dargelegt. Dies ergibt insgesamt eine große Pluralität von Lebensformen, Stilen und Tätigkeiten. Das gemeinsame Leben wird vielgestaltig. Die Möglichkeit des Scheiterns wird größer.

In einer solchen Situation haben es auch alle Parteien schwieriger, ganz besonders diejenigen, die sich auch mit dem Hinweis auf religiöse Überzeugungen begründen. Dies kann nicht heißen, andere Begründungen hätten es leichter. Sie sind auf ihre Weise den dargestellten Prozessen ausgesetzt. Aber in diesem Säkularisierungsprozess wird eine solche Partei im Umfeld von Religion und Kirche ungleich stärker getroffen. Dafür bedarf es einer sorgfältigen Überlegung. Am Ende sind die Aporien der anderen Parteien größer, wie der Verlauf der Grundwerte-Debatte zeigt.

Eine politische Partei will und kann keine Glaubensgemeinschaft sein. Um so wichtiger wird bei der Bindung an den christlichen Glauben die Klärung des Verhältnisses zwischen einer solchen Partei und den Kirchen, denen die Sorge für die Bewahrung und Vergegenwärtigung des christlichen Glaubens anvertraut ist. Es stellt sich dabei die Frage, wie in einer Gesellschaft zunehmender Differenzierung und Autonomie der Lebensbereiche sowie einer sich steigernden Säkularisierung eine solche Verwirklichung christlicher Grundwerte überhaupt möglich ist. Die Parteien, denen in unserem Staat vorrangig die politische Willens- und Meinungsbildung aufgetragen ist, die das Fundament des staatlichen Handelns darstellt, stoßen auf das Problem, dass der zur Verfügung stehende Vorrat gemeinsamer Grundüberzeugungen immer kleiner und auch schwächer wird. Die Entwicklung der Gesellschaft läuft zunehmend auf eine funktionale Differenzierung und dezentrale Selbststeuerung vieler Teilsysteme hinaus. Es kommt die Gefahr hinzu, dass der legitime Pluralismus der Grundüberzeugungen in unserer Gesellschaft zur Beliebigkeit zu verkommen droht. Es ist nicht überraschend, dass in einer solchen Situation der Eindruck einer grundlegenden Unübersichtlichkeit und einer praktischen Unregierbarkeit vorherrscht.

Eine solche Diagnose findet viele Anhaltspunkte, ist aber vermutlich doch nur die halbe Wahrheit. Die Wirksamkeit staatlicher Kontrolle und der Erfolg der Steuerung gesellschaftlicher Prozesse kommen in einer derart pluralen Gesellschaft zwar bald an eine Grenze, aber gerade hier tun sich auch neue Wege einer Konsensbildung auf: in der Bildung von Koordinationsgremien. Darum sind „runde Tische“, „konzertierte Aktionen“, „Solidaritätspakte“, „nationale Konferenzen“ usw. zur Bewältigung der meisten Probleme unentbehrlich geworden. Mögen auch die Formen dieses Streits manchmal widerlich sein, so führt gerade in den großen Gestaltungsfragen heutiger Politik kein Weg an einer solchen differenzierten Konsensbildung vorbei.

Diese gewandelte Situation schafft auch eine neue Ausgangslage für das Verhältnis der Parteien zu Religion und Kirche. Kategorien, wie sie bisher vor allem zur Beschreibung des Verhältnisses von Staat und Kirche gedient haben, nämlich partnerschaftliche Beziehung und verständige Kooperation, erhalten eine grundlegende Bedeutung. Unter diesen Voraussetzungen ist einleuchtend, dass eine direkte Instrumentalisierung christlicher Glaubensgehalte problematisch ist. Die Verführung dazu ist groß, weil ihre Indienstnahme trotz schwächer werdender Identifikation mit den Kirchen immer noch eine respektable Akzeptanz verschafft, die politische Ziele - wie es scheint - leichter zu formulieren und besser durchzusetzen hilft. Ein solches Vorgehen ist im Übrigen auch deshalb nicht erfolgversprechend, weil der Säkularisierungsprozess und die Schwächung kirchlicher Bindungen, ganz besonders im Osten unseres Landes, unübersehbar sind. Es führt also nicht weit, die Kirchen oder christliche Grundwerte für bestimmte politische Positionen zu vereinnahmen. Umgekehrt trägt es politisch nicht viel aus, z.B. die Bergpredigt Jesu für die Probleme der Sicherheitspolitik in Anspruch zu nehmen.

Jede direkte Instrumentalisierung des christlichen Glaubens zur Durchsetzung politischer Ziele stößt heute auf größte Bedenken, übrigens gerade auch bei den Mitgliedern der Kirchen selbst. Nicht selten haben wir den Eindruck, dass mancher noch in diesem Erwartungshorizont denkt, wenn z.B. die Enttäuschung groß ist, dass die Kirche die eindeutige Parteinahme zu dieser oder jener politischen Option verweigert und sich einer solchen Instrumentalisierung auch bewusst und konsequent entzieht.

Stattdessen kommt es darauf an, dass christliche Grundüberzeugungen im Sinne richtungweisender Orientierungen in die konkrete Konsensstiftung des politischen Raumes hineingegeben werden. Sie sind nicht dazu da, um eine einseitige parteipolitische Option zu unterstützen, sondern sie sind vielleicht gerade darum hilfreich, weil sie nicht dem vorgegebenen Interessenfeld entspringen und also eher „fremd“ erscheinen. Dies gilt für die christlichen Grundüberzeugungen und ﷓ gewiss abgestuft ﷓ im Grundsatz auch für kirchliche Stellungnahmen zu politischen Fragen. Im Blick auf die politische Gestaltung haben christliche Grundwerte mindestens eine dreifache Funktion, die wichtig ist für jeden Prozess politischer Konsensbildung:

  1. Sie sind inspirierend, indem sie Beweggründe und Initiativkräfte für politisches Handeln wecken. So löst die Bergpredigt zweifellos mächtige Impulse für die Suche nach einer besseren Gerechtigkeit und für Friedensstiftungen aus. Sie bewegen zum Aufbruch und ermutigen zum Eingreifen.

  2. Sie haben eine kritische Korrektiv-Funktion, indem sie im Sinne negativer Leitlinien aufzeigen, wie es nicht sein und werden soll. Diese Hilfe konstruktiver Negation, die auch die Form der Mahnung annehmen kann, ist nicht zu unterschätzen. Sie hat freilich nicht die Attitüde überlegener Besserwisserei, sondern müht sich um eine Sprache solidarischen Mitsuchens. Herrschaft darf z.B. nie zu subtiler Unterdrückung oder listiger Manipulation verkommen.

  3. Sie sind transzendierend-endzeitlicher Natur, indem sie die Heillosigkeit des Menschen allein aus eigenen Kräften aufzeigen und wenigstens spurenweise mitten in der Unvollkommenheit, Fehlbarkeit und Vergeblichkeit dieser Zeit eine ganz neue Welt ankündigen. So halten sie die Sehnsucht wach nach dem, was uns selten oder nie gelingen wird: vollkommene Gerechtigkeit, selbstlose Hingabe, reine Freiheit, Feindesliebe. Sie schärfen aber so auch das Wissen um Fehlbarkeit und Grenzen, Revidierbarkeit und Korrektur aller Programme.

Auch wenn der konkrete Glaube vieler Menschen schrumpft und die kirchlichen Bindungen abnehmen, wie der Rückgang des Gottesdienstbesuchs und viele Kirchenaustritte signalisieren, so erlaubt dieser Befund noch nicht den Schluss auf eine Absage weiter Teile der Gesellschaft für die Gestaltung der Politik aus christlichem Geist. Im Gegenteil, die Erwartungen an die Kirchen sind sehr weit gefächert und sehr hoch. Bei vielen gesellschaftlichen Anliegen und Defiziten hofft die Bevölkerung, dass die Kirche hier Abhil fe schaffen kann. Sie soll sich darum kümmern, dass die Menschen nicht vereinsamen, soll ihnen die Angst vor dem Tod nehmen, soll für eine würdige Pflege der Kranken sorgen und dazu beitragen, dass sich die Generationen besser verstehen. Erst recht sind die Kirchen überall herausgefordert, Orientierungen für ein sinnvolles Leben zu geben, gegen Armut und Unterdrückung einzuschreiten und sich für ein gerechteres Wohlstandsgefälle in der Welt einzusetzen. Hier ist die Erwartung überaus groß. Ich denke auch an die gegenwärtige Gewalt- und Friedensdiskussion, wo man schnell nach den Kirchen ruft.

Freilich gelangt diese Akzeptanz rasch an Grenzen, wenn das Engagement der Kirchen die Lebensziele des Einzelnen stört oder Anforderungen aufrechterhält, die die Lebensführung einschränken. Hier besteht jedoch die Gefahr, dass das Christliche ﷓ ich benutze bewusst dieses durchaus fragwürdige Substantiv – funktional auf den politisch-sozialen und caritativ-diakonischen Wert reduziert wird und die persönliche Glaubensüberzeugung sowie die kirchliche Beheimatung in den Hintergrund treten.

Es gibt eine ungeheure Erwartung an die öffentliche Wirksamkeit des Christlichen in der Gesamtgesellschaft, zugleich jedoch nach wie vor ein sehr weitgehendes Abdrängen religiöser Überzeugungen ausschließlich in das Private. Nun wird niemand die persönliche Glaubens﷓ und Religionsfreiheit in ihrer Bedeutung mindern wollen. Auf die Dauer kann jedoch das Christliche keine nennenswerte Kraft behalten und entfalten, wenn es nicht aus den wirklich religiösen Quellen gespeist wird. Insofern ist die etwas abstrakte Rede vom „Christlichen“, vom „christlichen Verständnis des Menschen“ usw., so richtig diese sein mag, zweideutig und auch ein wenig verführerisch. Sie kann suggerieren, die Wahrheit des christlichen Glaubens sei gleichsam ein unverändert gegebener Bestand, eine stets verfügbare Ration unveränderlicher und unverrückbarer Ideen. Nun will ich gewiss nicht den geringsten Zweifel nähren an der Beständigkeit des christlichen Glaubens. Man kann jedoch nicht seine segensreichen Wirkungen behalten wollen und sich zugleich immer mehr von dem lebendigen Grund entfernen, der dies alles ermöglicht. Anders ausgedrückt: Ohne die Bereitschaft zum Bekenntnis und zum Zeugnis des gelebten Glaubens wird auch das Salz des Christlichen schal. Es wird eine sehr abstrakte, ferne, vom Leben getrennte, manchem ideologisch anmutende Größe, die über den Wolken angesiedelt ist. Deshalb ist eine Gestaltung der Politik aus christlichem Geist nur möglich, wenn sie einhergeht mit einem entschiedenen Bekenntnis, die stets auch mit einer wie auch immer gearteten kirchlichen Bindung einhergeht.

Wir haben uns in den letzten Jahrzehnten in Gesellschaft, Politik und auch in den Kirchen auf den Pluralismus des öffentlichen Lebens eingelassen und ihn auch eingeübt. Dazu gehören gegen allen Fanatismus Toleranz und Freiheit des Gewissens, der Religion und der Meinungsäußerung, Argumentationskraft und Dialogbereitschaft. Diese müssen immer wieder vertieft und verbessert werden. Aber es scheint mir auch an der Zeit zu sein, in diesem eingeübten Pluralismus den eigenen Standort – ich liebe weniger den Ausdruck Punkte – besser zu markieren, damit im Konzept der oft verwirrenden öffentlichen Stimmen das unverwechselbare Profil wieder neu vernehmbar wird. Sonst sind alle Katzen gleich grau in der Nacht. Dies ist etwas völlig anderes als irgendein Rückfall in eine Re-Ideologisierung oder die Flucht in einen Fundamentalismus. Aber es ist ein Wiedergewinn von Stärke, den wir auch noch ökumenisch besser erreichen müssen. Vielleicht kann uns dabei der Ökumenische Kirchentag im Mai d.J. in Berlin helfen, aber auch die heute in Rom veröffentlichte „Lehrmäßige Note der Glaubenskongregation zu einigen Fragen über den Einsatz und das Verhalten der Katholiken im politischen Leben“.

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