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Die "Urkatastrophe": Der Erste Weltkrieg in Film und Literatur.

Europäische Germanisten tagen in der KAS Berlin

Der Erste Weltkrieg, der im Sommer vor hundert Jahren begann, entfaltete eine zerstörende Kraft von unvorhersehbarem Ausmaß und resultierte in einer Neuordnung Europas. Zahlreiche aktuelle Publikationen zur "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts" (Kennan) zeigen, dass die Bedeutung dieses Ereignisses bislang noch nicht abschließend bestimmt werden konnte und nicht zuletzt durch mediale Repräsentationen immer wieder neu umrissen wird. Deshalb stand die Darstellung von Vorgeschichte, Ereignis und Folgen des Ersten Weltkrieges in Film und Literatur im Zentrum der VII.

Europakonferenz der Konrad-Adenauer-Stiftung vom 11. bis 13. September 2014, die in der Berliner Akademie der Stiftung über 60 Germanisten aus zahlreichen europäischen Ländern zusammenführte.

In seinem Eröffnungsreferat steckte Michael Braun, Leiter des Literatur-Referats der KAS und Organisator der Konferenzreihe, das Diskussionsfeld ab: An zahlreichen Beispielen lässt sich die Präsenz des Krieges in Film und Literatur belegen. Nach dem bekannten Diktum ist das erste Opfer des Krieges immer die Wahrheit. Deshalb stellt sich die Frage, was die verschiedenen Medien in ihren Darstellungen des Krieges leisten können? Wie steht es mit der Aussagekraft von Bildern gegenüber Worten, und was hat es mit der oft behaupteten Affinität von Medien und Krieg auf sich?

Die Sektionen wurden, getreu der Tradition der Konferenzreihe, jeweils durch Studierende aus verschiedenen europäischen Ländern moderiert. Oliver Jahrhaus (München) eröffnete mit seinem Vortrag die erste Sektion ”Krieg im Film”. Er machte darauf aufmerksam, dass es im Krieg nicht nur darum geht, rein geographisch Territorium zu gewinnen, sondern vor allem auch das Terrain der Wahrnehmung mit den jeweils eigenen Bildern zu besetzen. Doch obwohl man den Ersten Weltkrieg als ersten medialisierten Krieg der Geschichte betrachtet habe, setze dessen Repräsentation im Spielfilm erst mit einiger Verzögerung ein. Dabei sei die Darstellung der Katastrophe immer auch eine Katastrophe der Darstellung, wie vor allem an den Filmadaptionen von Erich Maria Remarques Buch Im Westen nichts Neues gezeigt wurde.

Irina Hron (Stockholm) rief in Erinnerung, dass Kafkas ”Proceß” (1915) auch als Weltkriegserzählung interpretiert wurde. In ihrem Vortrag deutete sie diese Perspektive auf den Text neu, indem sie Konfigurationen von Grenzen, Grenzüberschreitungen und Nachbarschaft in Kafkas Text sowie in der Verfilmung von Orson Welles' The Trial (1962) nachzeichnete. Diese Motive werden als Darstellungen von Dimensionen des Krieges deutbar. Gerechtfertigt scheint solch eine Öffnung des Textes nicht zuletzt durch die Orson-Welles-Verfilmung, welche das geschichtlich-prophetische Potential von Kafkas ”Proceß” durch die Montage von Post-Auschwitz- und Post-Hiroshima-Motiven freilegt.

Die Sektion rundete Lewis Milestone’s Verfilmung Im Westen nichts Neues von 1930 ab. Friedhelm Marx (Bamberg) führte in den Film ein, indem er zunächst auf die Diskussion über Authentizität oder Fälschung der Kriegserfahrung und eine entsprechend mangelhafte ästhetische Lesart von Buch und Film verwies. Für teures Geld hatte Universal die Filmrechte erworben und eine aufwendige Verfilmung z.B. durch originale Rekonstruktion von Schützengräben in die Wege geleitet. Bei seiner Uraufführung löste der Film, zugleich einer der ersten Tonfilme, heftige Kontroversen aus. Seine Absetzung auf ’Druck der Straße’ hin kann als unheilschwangeres Krisensymptom der Weimarer Demokratie gesehen werden.

Die zweite Sektion unter der Überschrift ”Krieg und Literatur” präsentierte exemplarische Analysen verschiedener Genres der Kriegsliteratur. Zunächst wandte sich Stefan Neuhaus (Koblenz-Landau) dem heute ”dekanonisierten” Autor Ernst Toller und dessen Autobiographie und Generationenbuch Eine Jugend in Deutschland zu. Als notwendige Ergänzung zu einer Deutung von Toller als einem Kronzeugen seiner Generation und linken Intellektueller wurde jedoch gezeigt, dass Effekte des Authentischen in dem Text durch Literarisierungsstrategien wie Erzählen im Präsens, einfachen Satzbau und häufige wörtliche Rede erzielt werden. In der Diskussion wurde die veränderte Rolle der Kriegsteilnehmergeneration diskutiert, schon geringe Unterschiede der Jahrgänge rissen Gräben der Kommunikation auf.

Jan Andres (Bielefeld) erinnerte daran, dass im August 1914 allein in Deutschland annähernd 50.000 Gedichte erschienen, die meist Ausdruck von Kriegseuphorie und -propaganda waren. Auch Rainer Maria Rilkes „Fünf Gesänge“ zeugen von der „Augustbegeisterung“ des Dichters. Im Zentrum des Vortrages standen allerdings kriegskritische Gedichte von Georg Trakl, August Stramm und Stefan George. Auch wenn man nicht von einer dezidierten Kriegspoetik sprechen kann, so schlug sich die Kriegserfahrung doch deutlich in der sprachlichen Gestaltung nieder. Jan Andres unterschied dabei die drei ästhetischen Modi Pikturalität, Grammatik und Rhetorik, mittels derer Trakl, Stramm und George die ästhetische Herausforderung der Kriegserfahrung bewältigten.

Frank Finlay (Leeds) beschäftigte sich mit Darstellungen des Krieges in Frontbriefen. Die Nachrichten, welche Ernst Jünger, Siegfried Sassoon und Heinrich Böll in ihrer Zeit als Soldaten im Ersten und Zweiten Weltkrieg an ihre Angehörigen richteten, legen oft Zeugnis vom Abstand zwischen Vorstellungen vom Krieg und dem tatsächlichen Kriegserleben ab. Diesen Eindruck bestätigte ein Blick auf ein jüngeres Beispiel, nämlich die Briefe des im Falkland-Konflikt gefallenen britischen Marine-Offiziers David Tinker.

In der dritten Sektion zum Thema „Medien, Kultur, Krieg“ ging Vahidin Preljevic (Sarajevo) der Erzählbarkeit von Geschichte am Beispiel des Attentats auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand auf den Grund. Der aufschlussreiche Wandel von an das Attentat erinnernden Gedenktafeln über unterschiedliche Zeiten hinweg dokumentiert, dass die gleiche Tat sehr unterschiedliche Geschichtsnarrative hervorbringen kann. Der Rückgriff auf Juri Lotmans Vorstellung von der Struktur des Ereignisses als einem Außerkraftsetzen der semiotischen Ordnung erhellt das ästhetische Potential historischer Begebenheiten.

Sabine Egger (Limerick) untersuchte in ihrem Vortrag die Darstellung von Eisenbahnreisen in Texten von Marcel Beyer, Kurt Drawert und Lutz Seiler. Unter dem Vorzeichen einer sich entwickelnden europäischen Literatur ist das Motiv der Eisenbahnreise in den „Osten“ in der deutschsprachigen Literatur nach 1989 häufiger anzutreffen. Die Eisenbahn zeige sich auch noch in diesen Gegenwartstexten als zentrales Symbol für die Ambivalenz der Moderne zwischen Fortschrittshoffnung und Zerstörungspotential, darunter nicht zuletzt den Zerstörungen des Ersten Weltkrieges.

Am zweiten Konferenzabend hielt Christopher Clark auf Einladung der Akademie der Konrad-Adenauer-Stiftung einen Gast-Vortrag. In seinem preisgekrönten Buch Die Schlafwandler. Wie Europa in den Krieg zog (2013) rekonstruiert er äußerst differenziert die Vorgeschichte des Ersten Weltkrieges. Den beteiligten Akteuren in den europäischen Zentren präsentierte sich demnach eine unübersichtliche Gemengelage, so dass sie wie Schlafwandler dem Abgrund des Ersten Weltkrieges entgegentaumelten. Die Neubewertung der Schuldfrage, welche sein Buch impliziere, solle allerdings nicht als der Versuch missverstanden werden, die Deutschen von jeder Mitverantwortung am Ausbruch des Ersten Weltkrieges freizusprechen.

Helmuth Kiesel (Heidelberg) beschäftigte sich im Abschlussvortrag mit den Kriegsdarstellungen bei Ernst Jünger im internationalen Vergleich. Die Faszination, die von Jüngers Werk In Stahlgewittern bis heute ausgeht, erklärte er dadurch, dass der Autor die Kriegserfahrung in die Literatur hineinfließen lasse. Durch mehrere Überarbeitungen werde das Erlebnismaterial immer mehr auf das dem Autor Wesentliche hin zugespitzt . Im Unterschied zu anderen Kriegsbüchern handle es sich aber hier nicht um einen Generationenroman, sondern um ein dezidiertes "Ego-Dokument". Bei Jünger wird das Ich durch den Krieg nicht zerstört, sondern allererst gebildet und leitet seine Autorschaft ab. Jünger habe im Kriegsalltag seine Beschreibungskunst ausgebildet.

Im Abschlusspodium diskutierten die Studierenden Maike Kammüller (Bielefeld), Anne Kremer (München), Georgia Parvanova (Sofia) und Aija Sakova-Merivee (Tartu) über die Frage, ob die Literatur ein Medium ist, mit dem sich aus dem Krieg lernen lässt. Trotz durchaus kontroverser Diskussionen, zeichnete sich Einigkeit darüber ab, dass die besondere Leistung der Literatur heute darin bestehe, in unserer durch Beschleunigung geprägten Medienkultur Räume für Erfahrung und Reflexion gleichzeitig zu eröffnen. Zudem kann das vielstimmige literarische Werk zur Herausbildung einer europäischen, dialogischen Erinnerungskultur beitragen und somit friedensstiftend wirken.

Die Konferenz zeigte insgesamt, wie aktuell Debatten über den Ersten Weltkrieg immer noch sind. Die Einbeziehung von Perspektiven aus unterschiedlichen europäischen Ländern verdeutlichte zudem die Notwendigkeit, Normierungen der Geschichtsdeutung aufzubrechen. In den verschiedenen geographischen Erinnerungsräumen Europas symbolisierte der Erste Weltkrieg sowohl eine Urkatastrophe als auch Möglichkeiten der Neuausrichtung. Eine vielstimmige Erinnerungskultur sollte zudem auch längere zeitliche Perspektiven mit einbeziehen. Dieser Weg wird mit dem Thema der nächsten Europakonferenz weiter verfolgt, wo die Bedeutung des Wiener Kongresses von 1815 für eine neue europäische Ordnung und die europäische Kultur erörtert werden soll.

Kontaktisikud

Prof. Dr. Michael Braun

Prof. Dr

Referent Literatur

michael.braun@kas.de +49 30 26996-2544

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