I. Türkei im Fokus nach EU-Importstopp auf russisches Gas
Am 26. Januar 2026 haben 24 der 27 EU-Staaten einem Importstopp auf russisches Gas zugestimmt. Demnach sollen russische Gaseinfuhren schrittweise verringert werden und spätestens zum 1. November 2027 komplett eingestellt werden. Im September des Vorjahres hatte US-Präsident Donald Trump bereits alle NATO-Bündnispartner dazu aufgefordert, den Import von russischem Öl und Gas komplett einzustellen, um so Russlands Krieg gegen die Ukraine nicht weiter mit finanziellen Mitteln zu unterstützen. Die EU-Verordnung zur Einstellung der Einfuhren von Pipeline-Gas und Flüssigerdgas aus Russland ist ein wichtiger Schritt zur Verwirklichung des REPowerEU-Plans. Er wurde bereits im Mai 2022 von der EU als Reaktion auf die energiepolitischen Folgen des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine vorgestellt. Eines der insgesamt drei zentralen Elemente ist die vollständige Beseitigung der Abhängigkeiten von russischem Gas. Im Jahr 2024 belief sich der Anteil der europäischen Gasimporte aus Russland auf etwa 19 Prozent. Es bleibt abzuwarten, wie der Importstopp konkret umgesetzt wird, zumal Ungarn bereits eine Klage beim Europäischen Gerichtshof in Luxemburg dagegen einreichte.
Mit dem EU-Importstopp auf russisches Gas rückt die Türkei als energiepolitischer Partner gerade jetzt mehr in den Fokus. Die Türkei betrifft der Plan auch insofern, als dass sie russisches Öl und Gas nach Europa transportiert. Allerdings kündigte die Türkei an, sich an einem potenziellen neuen Gasgesetz der EU nicht ausrichten zu wollen, sich von russischen Gas- und Öllieferungen nicht vollständig zu lösen und sich keine zusätzlichen Verpflichtungen, die Herkunft von Gasüber das übliche Maß hinaus zu zertifizieren, auferlegen zu lassen.[1] Dennoch kann ein genauer Blick auf die türkische Energiepolitik mögliche Potentiale einer Zusammenarbeit deutlich machen.
II. Energiesicherheit als Leitmotiv
Laut des türkischen Handelsministers Ömer Bolat ist russisches Gas für die Türkei derzeit „lebenswichtig“.[2] Um unter anderem dieser Abhängigkeit entgegenzusteuern, rief die Türkei unter Präsident Recep Tayyip Erdoğan das Ziel der nationalen Energieunabhängigkeit aus. Die Türkei soll demzufolge selbst in der Lage sein, ihren eigenen Energiehunger zu befriedigen, der aufgrund ihrer wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung über die letzten Jahrzehnte massiv anstieg: im Zeitraum 2001-2021 hat er sich mehr als verdoppelt. Darüber hinaus bekräftigte Präsident Erdoğan an den Renewable Energy Investments for 2024 am 7. Mai 2025 das Ziel, die Türkei solle nicht nur sich selbst versorgen können, sondern zugleich zu einem Nettoexportland für Ressourcen und Technologie werden.[3]
Die Verflechtungen zwischen Ökonomie, Ökologie, Geo- und Energiepolitik nehmen kontinuierlich zu. Präsident Erdoğan selbst ernannte Energiesicherheit zur Überlebensfrage eines Staates.[4] Für die Türkei ist die nationale Energieunabhängigkeit aufgrund mehrerer Faktoren eines ihrer zentralen Anliegen: 1) Sie sichert die globale Wettbewerbsfähigkeit der Türkei, Wohlstand und Industrialisierungsprozesse ab. 2) Sie schafft Widerstandsfähigkeit bei Lieferengpässen, Lieferstopps oder Preisexplosionen, baut Verwundbarkeiten ab und verschafft bei geopolitischen Risiken (politischen Krisen, militärischen Konflikten oder Kriegen) der türkischen Regierung einen größeren außen- und sicherheitspolitischen Handlungsspielraum. 3) Sie geht mit einem Ausbau der erneuerbaren Energien einher. Dies reduziert den Ausstoß von CO2-Emmissionen und trägt zum türkischen Ziel der Klimaneutralität bis zum Jahr 2053 sowie der Bekämpfung des Klimawandels und Erfüllung internationaler Verpflichtungen, sei es im Rahmen des Pariser Klimaabkommens, bei. 4) Sie dämmt Handelsbilanz- und schlussendlich auch Haushaltsdefizite der Türkei ein, die bisher zu großen Teilen durch teure Energieimporte verursacht wurden. Im Jahr 2024 konnte die Türkei ihre Energieimporte um fünf Prozent auf insgesamt 65,59 Milliarden US-Dollar senken. Der Anteil importierter Energie liegt laut unterschiedlichen Angaben bei etwa 70 Prozent. 5) Eine fortgeschrittene Energieunabhängigkeit würde zudem mehr Spielraum bei der Preisegestaltung von Energieressourcen geben. In Zeiten der anhaltenden Wirtschafts- und Währungskrise käme dies der türkischen Bevölkerung besonders zugute.
III. Energiepolitische Agenda
Die Türkei ist nach aktuellen Einschätzungen kein energiereiches Land und kann sich zumindest kurz- und mittelfristig nicht selbst versorgen. Dies gilt insbesondere vor dem Hintergrund der Prognose, die Türkei werde bis zum Jahr 2035 ihre Energienachfrage um 50 Prozent steigern. Sie steht somit vor dem Problem, energiepolitisch stark abhängig zu sein. Die höchste Importabhängigkeit liegt bei fossilen Energieträgern vor. Gemäß Daten der International Energy Agency machten Öl, Gas und Kohle im Jahr 2023 einen Anteil von 81,1 Prozent der türkischen Energieversorgung aus.[5]
Ihre eigene Energienachfrage und Energiearmut zwingen die Türkei, strategische Partnerschaften mit ihren energiereichen Nachbarn einzugehen. Mit einer gut ausgebauten Transportinfrastruktur ist Russland für die Türkei wichtigster Lieferant von Öl, Gas und Kohle. Der Öl- und Gashandel sind vertraglich langfristig angelegt sowie kurz- und mittelfristig aufgrund fehlender Transportmöglichkeiten alternativlos.
Eine Ausnahme zum Gastransport über herkömmliche Gasleitungen bilden allerdings Flüssigerdgasterminals, die an türkischen Küsten aufgebaut wurden und zur Diversifizierung von Lieferanten beitragen. Mit der Verarbeitung, Aufbewahrung und Distribution von Flüssigerdgas (LNG) kann sich die Türkei auch kurzfristig unabhängiger von Gas machen, das sie mittels Gasleitungen von bestimmten Ländern importiert. Sie verhelfen der Türkei zu mehr Flexibilität beim Gashandel und derzeit dazu, Flüssigerdgas hauptsächlich aus Algerien, Katar, den USA und in kleineren Mengen aus Nigeria und Trinidad & Tobago zu beziehen. Im September kam eine Liefervereinbarung zwischen dem staatlichen türkischen Pipeline-Unternehmen BOTAŞ und dem Handelsunternehmen Mercuria über den Kauf von US-Flüssigerdgas für die nächsten 20 Jahre zustande.[6] Damit macht sich die Türkei ein weiteres Stück unabhängiger von Russland und dem Iran und diversifiziert weiter ihre Energiezulieferer. Der Iran liefert der Türkei über die Tabriz-Ankara Pipeline aktuell zehn Milliarden Kubikmeter Gas im Jahr. Es ist möglich, dass auch auf Druck des US-Präsidenten Trump der Mitte des Jahres 2026 auslaufende Rahmenvertrag für den Gastransport zwischen der Türkei und dem Iran nicht zu den gleichen Konditionen verlängert wird, zumal die Türkei flexible LNG-Käufe zunehmend bevorzugt. Mit ihrer Diversifizierungsstrategie könnte die Türkei Russland und auch den Iran politisch zusätzlich unter Druck setzen, da die Türkei für beide Länder ein wichtiger Absatzmarkt ist.
Eine Diversifizierung beim Ölimport ist jedoch schwieriger und aktuell nicht zu beobachten, denn seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine verdoppelte sich nahezu der türkische Import von russischem Öl.[7] Der Grund dafür war der gesunkene Ölpreis, nachdem sich westliche Ölkonzerne nach dem 24. Februar 2022 aus dem Öl– und Gasgeschäft mit Russland schrittweise zurückgezogen hatten. Die Türkei profitiert dadurch von den EU-Sanktionen, an denen sie sich selbst von Anfang an nicht beteiligte.
Ein zentrales Element zur Gegensteuerung der energiepolitischen Abhängigkeit ist neben der Diversifizierung von Energielieferanten vor allem auch die Förderung inländischer Energiequellen. Die erneuerbaren Energien sind für die Türkei eine wichtige Möglichkeit, ihre Abhängigkeiten von fossilen Energieträgern zu reduzieren und gleichzeitig für Europa als Lieferant nachhaltiger und nicht-russischer Energie attraktiver zu werden. Zudem könnte die Stärkung erneuerbarer Energiequellen die Türkei und Europa politisch näherbringen. Dafür plant die Türkei, ihre Produktion von Solar- und Windenergie von derzeit 30.000 Megawatt auf bis zu 120.000 Megawatt bis zum Jahr 2035 zu steigern, indem umgerechnet 80 Milliarden US-Dollar investiert werden.[8] Die türkische Politik orientiert sich hierbei auch an ihrem Green Deal Action Plan 2021.[9] Im Jahr 2024 hatten erneuerbare Energien einen Anteil in Höhe von 42,7 Prozent am türkischen Strommix (in Deutschland lag er bei etwa 59,4 Prozent). An diesem Anteil machte Wasserkraft knapp die Hälfte aus.
Neben den erneuerbaren Energien spielen die geplanten Kernkraftwerke Akkuyu und Sinop eine bedeutende Rolle beim Ausbau inländischer Energiequellen. Das Kernkraftwerk Akkuyu, das vom staatlichen russischen Kernenergieunternehmen ROSATOM gebaut und betrieben werden soll, wird jährlich 10 Prozent der türkischen Stromnachfrage decken. Berichten zufolge kann als Ergebnis des Treffens zwischen Präsident Erdoğan und Präsident Trump das Projekt zum Bau des Atomkraftwerks in Sinop nicht wie ursprünglich geplant auch an ROSATOM gehen, sondern an die USA in Zusammenarbeit mit Südkorea.[10] Dies könnte ein neues Kapitel in der bilateralen Zusammenarbeit zwischen der Türkei und den USA markieren. Ihr drittes Kernkraftwerk plant die Türkei in der Region Thrakien.
Im Vordergrund stehen zugleich türkische Bemühungen, eigene Gasvorkommen zu fördern, da die Abhängigkeiten von Gas am größten sind. Erst kürzlich meldete Präsident Erdoğan, es wären neue Erdgasvorkommen (Göktepe-3) innerhalb der ausschließlichen Wirtschaftszone der Türkei im Schwarzen Meer entdeckt worden, die den Energiebedarf von türkischen Haushalten für 3,5 Jahre decken können (75 Milliarden Kubikmeter Erdgas im Wert von 27 Milliarden Euro). Im Jahr 2026 soll die erste schwimmende Erdgas-Plattform der Türkei „Osman Gazi“ die Förderkapazitäten auf insgesamt 20 Millionen Kubikmeter pro Tag am Gasfeld Sakarya im Schwarzen Meer, das 405 Milliarden Kubikmeter umfasst, verdoppeln. Bis zum Jahr 2030 soll die dortige Gasförderung 30 Prozent der türkischen Gasnachfrage stillen. Angaben zu Erdgasfunden werden von Experten mitunter kritisch gesehen, da die tatsächliche Fördermenge und wirtschaftliche Rentabilität oftmals nicht präzise genug nachgewiesen werden können. Auch im Mittelmeer versucht die Türkei, Gasvorkommen zu nutzen. Im Östlichen Mittelmeer dauert der Streit mit Zypern um den Zugang zu Erdgasvorkommen daher an. Meldungen zufolge werden Offshore-Aktivitäten der Türkei vor der Küste der Türkischen Republik Nordzypern, die ausschließlich von Ankara als eigener Staat anerkannt wird, weiterhin geplant.[11]
Parallel zur Gasförderung baut die Türkei ihre Gasspeicher aus, um strategische Reserven zu schaffen und eine möglichst verlässliche Gasversorgung sicherzustellen. Dafür ist eine Erweiterung der Speicher von derzeit 5,8 auf 12 Milliarden Kubikmeter bis zum Jahr 2028 geplant. Dies entspräche 20 Prozent des jährlichen türkischen Gasverbrauchs.
Für die Ölgewinnung im eigenen Land werden Ölfelder in der Region Gabar sowie der Provinz Şırnak genutzt. Im Januar 2025 wurde in der Region Gabar Dağı im Südosten der Türkei eine neue Erdölquelle entdeckt, aus der aktuell etwa 73.000 Barrel pro Tag gefördert werden. Am 12. März verkündete Energieminister Alparslan Bayraktar die Unterzeichnung eines Abkommens mit den US-amerikanischen Unternehmen TransAtlantic Petroleum und Continental Resources. Beide Konzerne würden technische Hilfsmittel zur vielversprechenden Förderung eigener Gas- und Ölquellen in Diyarbakır und Thrakien zur Verfügung stellen. Energieminister Bayraktar bekräftigte, die Türkei werde innerhalb von 20 oder 30 Jahren energieunabhängig und Energieexporteur sein.[12]
Im Jahr 2022 entdeckte die Türkei in Beylikova (Eskişehir) das damals zweitgrößte Vorkommen von seltenen Erden mit 694 Millionen Tonnen. Mittlerweile reiht sich die Türkei mit ihrem Fund hinter China und Schweden ein. Die seltenen Erden können für Schlüsselindustrien (Flugbranche, Verteidigung, Raumfahrt oder auch Biomedizin) wertvolle Zulieferungen ermöglichen. Die Frage nach tatsächlicher Ressourcenmenge, technischer Abbaufähigkeiten und ihren Kosten sowie der Rohstoffqualität und ihrer Verarbeitung bleiben im Detail aber unbeantwortet. Die Türkei und China unterzeichneten am 16. Oktober 2024 ein Memorandum für eine Zusammenarbeit im Bergbau, vor allem mit Blick auf den Abbau kritischer Mineralien. Weniger bekannt sind darüber hinaus die großen Vorkommen von Bor in der Türkei. Bor ist ein kritischer Rohstoff, der insbesondere in der Militär- und Raketenindustrie, aber auch im Energiesektor gefragt ist. Etwa 73 Prozent der weltweiten Bor-Reserven liegen in der Türkei.[13] Und im Jahr 2023 wurde Bor von der EU zu knapp 98 Prozent aus der Türkei importiert.[14]
IV. Vision eines Energiehändlers
Die Türkei möchte aufgrund ihrer geopolitischen Lage als geographischer Knotenpunkt zwischen Russland, dem Südkaukasus, dem Nahen Osten, Afrika und Europa eine besondere Rolle spielen, indem es zu einem der wichtigsten Energiehändler wird. In der Berichterstattung wird dies alternierend unter anderem mit „natural gas hub“, „energy hub“ oder „trading hub“ beschrieben.
Im Vordergrund dieses Vorhabens steht der Gedanke, die geographische Stellung zwischen den gasexportierenden Ländern im Norden, Osten und Süden und den gasimportierenden Ländern im Westen zu nutzen und selbst zu einem Gasmarkt zu werden.[xv] Die Stellung der Türkei wollte auch Russland zum Ausbau seiner Gasverkäufe nutzen, als Präsident Wladimir Putin dem türkischen Präsidenten Erdoğan nach Ausbruch des Ukraine-Krieges im Jahr 2022 vorschlug, mit russischer Unterstützung ein Verteilzentrum für (russisches) Gas in der Türkei zu errichten.
Das Ziel der Türkei ist es, in der Rolle als Energiehändler durch Transitgebühren sowie durch gezielte und selbstständige Ver- und Wiederverkäufe von Energie zu selbstbestimmten Preisindizes, Energieressourcen vergleichsweise kostengünstig zu kaufen und wirtschaftlichen Profit zu erzielen und schlussendlich auch an politischem Einfluss zu gewinnen. Die von Putin bekräftigten Pläne, in der Türkei einen Gasumschlagplatz zu schaffen, wurden Mitte 2025 von Gazprom aber auf Eis gelegt. Laut Insiderinformationen seien dafür die mangelnden Exportpipeline-Kapazitäten nach Europa ebenso wie die türkische Haltung, das Gas nicht gemeinsam mit Gazprom vermarkten lassen zu wollen, ausschlaggebend gewesen.[xvi] Die Türkei blickt derzeit auch verstärkt nach Turkmenistan oder in die Golf-Region, um von dort Energie zu beziehen und sie gegebenenfalls weiterzuleiten.
Die Türkei versucht ihre Position in der Region dadurch zu stärken, indem sie in den letzten Jahren Abkommen mit Bulgarien, Ungarn, Rumänien und Moldau zur Lieferung von Erdgas schloss und damit erstmals auch in nicht unmittelbar benachbarte Länder Erdgas liefert. Die Türkei besitzt derzeit fünf Terminals für den Import von Flüssigerdgas. Sie importiert etwa 14–16 Milliarden Kubikmeter jährlich (Deutschland importiert etwa 6,9 Milliarden Kubikmeter jährlich über drei LNG-Terminals), bei einem inländischen Gasverbrauch von etwa 50 Milliarden Kubikmeter pro Jahr. Es wird davon ausgegangen, dass die Türkei aufgrund der Förderung inländischer Gasvorkommen ihre Importe im Jahr 2025 reduziert. Energieminister Bayraktar erklärte, ein potenziell importierter Überschuss von 25-30 Milliarden Kubikmeter Gas könne gegebenenfalls weiterverkauft werden.[xvii]
Die Relevanz des südlichen Gaskorridors mit dem Auslaufen des Transitvertrags zwischen Russland und der Ukraine zu Anfang des Jahres 2025 ist zweifellos gestiegen. Gleichzeitig möchte die Mehrheit europäischer Staaten, zumindest langfristig, mehr grüne Energie als (russisches) Gas importierten. Und neben Russland wird auch der Iran von Europa wirtschaftlich sanktioniert. Zusätzlich sind sich Beobachter einig, dass Transportkapazitäten der Transanatolischen Pipeline (TANAP), die aserbaidschanisches Gas über Georgien in die Türkei und weiter nach Europa bringt, nicht ausreichend sind, um die europäische Nachfrage an Gas zu decken. Daher auch verständigte sich die EU mit Aserbaidschan im Jahr 2023, die TANAP zumindest von 16 auf 30 sowie die Transadriatische Pipeline (TAP) von 10 auf 20 Milliarden Kubikmeter bis 2027 zu erweitern, um mit aserbaidschanischem Gas versorgt zu werden. Dadurch kann die angedachte Rolle der Türkei, eine Gasdrehscheibe für Europa zu sein, zumindest in Frage gestellt werden. Einige Beobachter gehen in ihrer Einschätzung weiter und bewerten die Rolle der Türkei als Energiedrehscheibe mehr als politisches Narrativ, denn als kommerzielle Realität.[xviii] Nichtsdestotrotz bleibt Europa zumindest kurz- und mittelfristig auf fossile Energieträger und die Türkei als Energietransitland angewiesen.
Weitergehende Visionen in der Türkei fassen den Plan ins Auge, nicht nur im Inland produzierte, sondern auch im Ausland gewonnene Energie zu verkaufen. Dafür soll der Zugang zu Energieressourcen nicht nur im eigenen Land ausgebaut, sondern durch energiediplomatische Bemühungen auch über die eigenen Landesgrenzen hinaus, ermöglicht werden. Das Anfang des Jahres 2025 unterzeichnete Memorandum zwischen der Nationalen Ölgesellschaft Libyens (NOC) und dem türkischen Staatsölkonzern TPAO sehen neue Explorationsaktivitäten in libyschen Offshore-Gebieten mit türkischer Beteiligung vor. In den letzten Jahren entwickelte die Türkei eine beachtliche Explorations- und Bohrflotte, die auch außerhalb des eigenen Staatsgebiets eingesetzt wird. Ein Abkommen mit Somalia vom April 2025 sieht Explorationspläne auf dem somalischen Festland vor.
V. Perspektiven verstärkter Zusammenarbeit
In der energiepolitischen Zusammenarbeit stellen die erneuerbaren Energien ein großes Potential dar, weil die Türkei mit ihren klimatischen Bedingungen für die Produktion für Solar- und Windenergie sehr gut geeignet ist. Die Türkei bietet nicht nur nahezu ideale Bedingungen für den Gewinn von Solarenergie, sondern ist auch einer der größten Onshore-Windmärkte im europäischen Vergleich. Viele nachhaltige Kooperationsmöglichkeiten ergeben sich zudem bei der Herstellung von grünem Wasserstoff, auch wenn abzuwarten bleibt, als wie ergiebig sich das Thema in Zukunft erweisen wird. Für Deutschland eröffnen sich indes große Absatzmärkte und die Chance, eigenes know-how zu exportieren. Die Türkei hingegen hat einen „Bedarf an deutschen Technologien, Produkten, Dienstleistungen und Fachleistungen“[xix] sowie Investitionen. Dabei liegt für deutsche Unternehmen in der Türkei, dazu zählen in der Windenergiebranche zum Beispiel EnBW, Enercon GmbH oder auch Nordex Group, die größte Herausforderung in der Konkurrenz aus China.
Um das Potential zu nutzen, braucht es eine engere und von Vertrauen geprägte politische Kooperation[xx] zwischen der Türkei und der EU, gegebenenfalls einzelner EU-Staaten, auch um privatwirtschaftliche Hemmnisse abzubauen. Der Ständige Vertreter der Republik Türkei bei der EU, Faruk Kaymakcı, stellte das Thema der Energiezusammenarbeit ins Zentrum des zukünftigen Dialogs mit der EU, das als Vehikel für weitere Gespräche über Handel sowie politische Zusammenarbeit zu Kriegen in Osteuropa und im Nahen Osten sein könne.[xxi] Der Energiedialog zwischen der EU und der Türkei wurde jedoch 2019 von der EU ausgesetzt, weil der Europäische Rat die türkischen Bohraktivitäten zur Förderung von Erdgas vor der Küste des EU-Mitglieds Zypern als rechtwidrig einstufte.
In den deutsch-türkischen Beziehungen gehören das Deutsch-Türkische Energieforum, das deutsch-türkische Wirtschaftsformat Joint Economic and Trade Commission (JETCO) sowie die Deutsch-Türkische Energiepartnerschaft der Deutschen Energie-Agentur (in Kooperation mit der Deutsch-Türkischen Industrie- und Handelskammer im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie) zu den wichtigsten Formaten. Sofern die Energiezusammenarbeit einen zentralen Platz in den deutsch-türkischen Beziehungen einnehmen soll, müssten bestehende Formate gegebenenfalls neu gedacht werden. Es würde zudem helfen, mit politisch stabilen und verlässlichen Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei dem privatwirtschaftlichen Sektor zu mehr Planbarkeit und Sicherheit zu verhelfen und Investitionsbarrieren abzubauen.
Die großen Ambitionen und bereits erzielten Erfolge der Türkei auf ihrem Weg zur Stärkung der Energiesicherheit sind beachtlich, auch wenn sie aufgrund ihrer bestehenden Abhängigkeiten weiter vor großen Kraftanstrengungen steht. Denn die bisherigen Abhängigkeiten, vor allem von Russland oder vom Iran, können kurzfristig nicht komplett abgebaut werden. Mit ihrer Diversifizierungsstrategie bei Energiequellen und Energielieferanten – der mögliche Zuschlag für den Bau des Kernkraftwerks in Sinop an die USA in Zusammenarbeit mit Südkorea und nicht an Russland sowie der Anstieg von LNG-Importen aus den USA sind nur zwei jüngste Beispiele dafür – und der Förderung nationaler Energiereserven entwickelt sich die Türkei aber zweifellos zu einem immer wichtigeren Energiepartner, der auch für Europa und Deutschland immer attraktiver wird. Mit einer engeren und verlässlichen Zusammenarbeit könnten beiden Seiten das große Potential einer europäisch-türkischen Energiepartnerschaft nutzen. Die anstehende Weltklimakonferenz 2026 (COP31), die im November in Antalya stattfinden wird, kann eine zusätzliche wichtige Plattform bieten, energiepolitische Bemühungen in internationaler Abstimmung klimapolitisch einzuordnen und weiterzuentwickeln.
[1] Vgl. Jack, Victor, Brussels wants to ditch Russian gas. Turkey could keep it flowing undetected, Politico, 7.8.2025, letzter Aufruf 27.8.2025.
[2] Aussage vom 30. September 2025, Ministry of Economy of Istanbul Exporter’s Association, Istanbul.
[3] Vgl. Türkiye Cumhuriyeti Cumhurbaşkanliği, Hedefimiz ithalatı düşürerek, enerji faturamızı hafifletmek ve Türkiye'yi ihracatçı bir ülke yapmaktır, 7.5.2025, letzter Aufruf 27.8.2025.
[4] Vgl. Ibid.
[5] Vgl. International Energy Agency, Türkiye - Energy Mix, letzter Aufruf 27.8.2025.
[6] Vgl. BOTAŞ Signs Long-Term LNG Agreement with Mercuria, Mercuria, 23.9.2025, letzter Zugriff 11.10.2025.
[7] Vgl. Wie Ankara von den Russland-Sanktionen profitiert, Handelsblatt, 20.1.2023, letzter Aufruf 28.8.2025.
[8] Vgl. Republic of Türkiye, Ministry of Energy and Natural Resources, Energy Transition - Renewable Energy 2025, letzter Aufruf 28.8.2025.
[9] Vgl. Türkiye Cumhuriyeti Ticaret Bakanliği, Yeşil Mutabakat Eylem Planı 2021, letzter Aufruf 28.8.2025.
[10] Vgl. Turkey shifts to US partnership for second nuclear plant once promised to Russia, Nordic Monitor, 8.10.2025, letzter Aufruf 8.10.2025.
[11] Vgl. Turkey's state-run oil company says it plans energy exploration off Cyprus, Turkish Minute, 22.4.2025, letzter Aufruf 1.9.2025
[12] Vgl. Türkiye announces new era in oil, gas exploration following US agreement, Türkiye Today, 15.3.2025, letzter Aufruf 27.8.2025.
[13] Vgl. Türkei besitzt fast alle Bor-Reserven der Welt, Deutsche Wirtschaftsnachrichten, 10.2.2018, letzter Aufruf 8.10.2025.
[14] Vgl. European Union Natural borates (excl. sodium) and concentrates imports by country in 2023, World Integrated Trade Solution, letzter Aufruf 8.10.2025.
[xv] Vgl. Siccardi, Francesco, Understanding the Energy Drivers of Turkey’s Foreign Policy, Carnegie Europe, 2024, S. 15
[xvi] Vgl. Russia’s Gazprom has quietly shelved Turkey gas hub plan, says report, bne IntelliNews, 3.6.2025, letzter Aufruf 27.8.2025.
[xvii] Zit. nach Michalski, Adam, Strength in LNG? The gas market in Turkey, OSW Centre for Eastern Studies, 1.10.2024, letzter Aufruf 27.8.2025.
[xviii] Vgl. Esen, Mustafa, Geopolitical Constraints of Turkey's Energy Hub Ambitions, instituDE, 2025, S. 1.
[xix] Deutsch-Türkische Industrie- und Handelskammer, Türkei: Herstellung von grünem Wasserstoff aus erneuerbaren Energien. Zielmarktanalyse 2024 mit Profilen der Marktakteure, 2024, letzter Aufruf 27.8.2025, S. 1.
[xx] Weiterführend siehe Rau, Moritz, Für die Wiederaufnahme des Energiedialogs EU-Türkei, Tagesspiegel Background, 31.7.2023, letzter Aufruf 28.8.2025.
[xxi] Zit. nach Gavin, Gabriel, Turkey pushing to help EU replace Ukraine gas transit, Politico, 26.1.2025, letzter Aufruf 27.8.2025.
Létrehozta a
Auslandsbüro TürkeiErről a sorozatról
A Konrad Adenauer Alapítvány öt kontinensen kereken 70 országban képviselteti magát saját irodával. A helyben tevékenykedő külföldi dolgozók első kézből tudósíhatnak az illetékességi területükön zajló aktuális eseményekről és hosszútávú fejlesztésekről. Az „Országtudósítások“ a Konrad Adenauer Alapítvány weboldalának felhasználói számára exkluzív elemzéseket, háttérinformációkat és becsléseket kínál.