Eine Stimme der Vernunft und Menschlichkeit
Zu Beginn der Gedenkveranstaltung würdigte Annegret Kramp-Karrenbauer, Vorsitzende der Konrad-Adenauer-Stiftung, das politische Lebenswerk von Prof. Dr. Rita Süssmuth. Sie zeichnete das Bild einer Politikerin und Wissenschaftlerin, die beharrlich Verantwortung übernommen habe – von der akademischen Arbeit, über die Tätigkeit als Bundesministerin bis hin zum Amt der Bundestagspräsidentin. Es habe „keine Herausforderung gegeben, die sie nicht beherzt aufgenommen hat“. Ihr Wirken, so die Vorsitzende, sei „ein beständiger Auftrag, Verantwortung zu übernehmen – für Demokratie, Teilhabe und Gleichberechtigung“. Besonders hob sie Süssmuths klare Haltung in der frühen AIDS-Debatte hervor: „Wir bekämpfen die Krankheit, aber nicht die Kranken.“ Diese Haltung habe nicht nur medizinethische Maßstäbe gesetzt, sondern auch eine gesellschaftliche Stigmatisierung durchbrochen. Zudem erinnerte sie an Süssmuths Bedeutung für die politische Teilhabe von Frauen, für die sie als Wegbereiterin neue Perspektiven eröffnet habe.
Ein Leben mit „Feuer und Flamme"
In einem sehr persönlichen Beitrag schilderte die Tochter Dr. Claudia Süssmuth Dyckerhoff den familiären Alltag ihrer Mutter. Sie erinnerte an Süssmuths intellektuelle Neugier, ihre Energie und ihre vollständige Hingabe für berufliche wie auch politische Aufgaben. Besonders prägend sei das Lebensmotto ihrer Mutter gewesen: „Wer nicht kämpft, hat schon verloren!“ Süssmuth habe nie gezögert, sich klar gegen Widerstände bei Themen wie Frauenrechten, Gesundheit oder auch Jugendbildung zu positionieren. Denn politisch wie auch menschlich stand sie immer für die Themen ein, für die sie "Feuer und Flamme" war.
„Die richtige Frau zur richtigen Zeit"
An diese Erinnerungen knüpfte Nina Warken, Bundesministerin für Gesundheit und Vorsitzende der Frauen Union der CDU Deutschlands, an. Sie würdigte Süssmuths außergewöhnliche Wirkung über parteipolitische Grenzen hinweg. Sie war „die richtige Frau zur richtigen Zeit", deren Einsatz für Frauenrechte, Gesundheitskommunikation und Chancengerechtigkeit bis heute Maßstab politischer Arbeit sei. Auch habe Süssmuth vielen Frauen den Weg geebnet – in der Union wie auch im Bundestag: „Sie hat Weichen gestellt, die bis heute tragen.“ So habe Süssmuth stets zu ihren Überzeugungen gestanden – gerade dann, wenn es unbequem war – und habe damit Maßstäbe für politisches Engagement gesetzt.
Gesundheitspolitik im Spannungsfeld von Aufklärung und Verantwortung
Im anschließenden Panel zu "Gesundheit und gesellschaftlicher Verantwortung" wurde unter der Moderation von Dr. Daniel Friedrich Sturm (Der Tagesspiegel) deutlich, wie stark Rita Süssmuth die Verschränkung von Gesundheit, Prävention und gesellschaftlicher Teilhabe geprägt hat. In der Diskussion mit Bundesministerin Nina Warken, der Vorstandsvorsitzenden der Deutschen AIDS-Stiftung, Anne von Fallois, und der Fellow der KAS, Prof. Dr. Alena Buyx (TUM), zeigte sich, dass Vertrauen, Aufklärung und evidenzbasierte Kommunikation zentrale Bausteine einer verantwortungsvollen Gesundheitspolitik bleiben – insbesondere vor dem Hintergrund von Impfdebatten und zunehmender Desinformation. Anne von Fallois wies darauf hin, dass HIV und AIDS weiterhin gesellschaftliche Realität seien und die Stigmatisierung Betroffener zunehme. Prävention bleibe unverzichtbar: „Prävention ist teuer – aber keine Prävention ist teurer.“ Prof. Buyx verwies auf wachsende Ungleichheiten im Gesundheitsbereich sowie auf die zunehmende Skepsis gegenüber der Wissenschaft – vor allem unter jungen Menschen. Wissenschaftskommunikation müsse deshalb „sichere Orte für sichere Informationen“ schaffen und zugleich niedrigschwellig bleiben, um Polarisierungen entgegenzuwirken.
Alle Diskutierenden unterstrichen, dass eine resiliente Gesundheitsversorgung immer auch eine demokratische Verantwortung voraussetzt – ein Gedanke, den Rita Süssmuth früh formuliert und konsequent vertreten hat.
Demokratiebildung als Grundlage gesellschaftlicher Teilhabe
Bildungsministerin Karin Prien spannte in ihrer Rede anschließend den Bogen zur demokratischen Verantwortung. Sie erinnerte an Süssmuths Fähigkeit, offen zu diskutieren und zugleich Brücken zu bauen. Mit dem Blick auf die Gegenwart warnte sie dabei vor einer schwindenden Streitkultur. Besonders bei den jungen Menschen zeige sich eine zunehmende Distanz zu demokratischen Institutionen: „Wir befinden uns in einer tiefen Vertrauenskrise.“ Deshalb brauche es "neue Räume für demokratischen Dialog – von der Dorfkneipe bis zur Berufsschule", wie Prien abschließend feststellte.
Im anschließenden Panel diskutierten Martin Rabanus MdB, Vorsitzender des Deutschen Volkshochschul-Verbands, und Anne Rolvering, Vorsitzende der Geschäftsführung der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung. Unter der Moderation von Volker Resing (Cicero) wurde deutlich, wie zentral Bildung für Teilhabe, Integration und gesellschaftlichen Zusammenhalt ist. Frau Rolvering hob hervor, dass insbesondere frühkindliche Förderung, außerschulische Bildung und lebenslanges Lernen Grundvoraussetzungen für die Stärkung demokratischer Kompetenzen sind. Der Einfluss Süssmuths als beharrliche Fürsprecherin für Zugangsgerechtigkeit zu Bildung war in allen Beiträgen deutlich spürbar.
Gleichstellung als demokratische Verpflichtung
Der thematische Abschluss der Veranstaltung widmete sich einem der zentralen Anliegen von Rita Süssmuth: der Gleichstellung der Geschlechter. Unter der Moderation von Christian Wilp (RTL) diskutierten Dr. Beate von Miquel, Vorsitzende Deutscher Frauenrat, Eva Maria Welskop‑Deffaa, Präsidentin des Deutschen
Caritasverbandes, und Elke Hannack, stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes und Mitglied des CDU Bundesvorstands, über Fragen der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, der Lohnungleichheit und der politischen Repräsentation. Von Miquel betonte, dass Frauenrechte „Grundpfeiler demokratischer Ordnung“ seien und nicht als Zusatzthemen für stabile Zeiten betrachtet werden dürften. Welskop‑Deffaa verwies dabei auf die weiterhin bestehenden, strukturellen Hürden – von unzureichender Betreuungsinfrastruktur bis hin zu traditionellen Rollenmodellen. Süssmuth habe früh verstanden, dass Gleichstellung nur gelingen könne, wenn Frauen in allen politischen und gesellschaftlichen Entscheidungsgremien vertreten sind. Dies unterstrich auch Hannack mit Blick auf die aktuelle Debatte: „Wahlrechtsreform ohne Parität geht nicht.“ Deutlich wurde: Die feministischen Impulse Süssmuths wirken bis heute und festigen die feministische Politik als gesamtgesellschaftliche Aufgabe.
Ein Vermächtnis, das verpflichtet
In einer abschließenden Würdigung hob Britta Haßelmann MdB, Vorsitzende der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen, die parteiübergreifende Wertschätzung für Rita Süssmuth hervor. Sie habe stets den Mut gehabt, politisches Neuland zu betreten und habe die besondere Fähigkeit besessen, kontroverse Themen mit Empathie und Klarheit voranzubringen.
Zum Abschluss der Veranstaltung erinnerte Hermann Gröhe, Präsident des Deutschen Roten Kreuzes und stellvertretender Vorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung, an persönliche Begegnungen mit Rita Süssmuth und hob hervor, dass ihr Wirken, ihr Denken und ihre Haltung auch künftig Orientierung für eine demokratische, solidarische und gerechte Gesellschaft geben. Er fasste das Gedenken an Rita Süssmuth mit einem eindrücklichen Satz zusammen: „Ihr Mut, ihre Klarheit und ihre Zuwendung sind Verpflichtung und Auftrag zugleich.“
Die Veranstaltung machte deutlich, wie vielschichtig und nachhaltig das Wirken von Rita Süssmuth bleibt. Ihr Einsatz für eine offene, gerechte und demokratische Gesellschaft, für Gleichberechtigung, Bildungschancen und eine verantwortungsvolle Gesundheitspolitik wird bis in die Zukunft weiterhin Maßstäbe setzen.
Témák
Létrehozta a
Hauptabteilung Politische BildungErről a sorozatról
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