KAS/Christiane Stahr

Veranstaltungsberichte

70 Jahre Evangelischer Arbeitskreis von CDU und CSU: „Auf Gottes Wort hören und dabei den Menschen im Blick haben“

Zum Jubiläum würdigten Historiker, Politiker und Kirchenvertreter die Geschichte des EAK und diskutierten die Rolle von Religion und Politik

Die Geschichte der Christlichen Demokratie und die Protestantismus-Geschichte in Deutschland können nicht geschrieben werden ohne eine besondere Institution in den Blick zu nehmen: den Evangelischen Arbeitskreis der CDU/CSU. Er vereint seit 1952 Protestanten, die aus ihrer Verantwortung vor Gott eine Verantwortung gegenüber dem Menschen ableiten und sich politisch einbringen. Das Jubiläum nahm die Konrad-Adenauer-Stiftung zum Anlass, sich mit einer zeitgeschichtlichen Fachtagung der Wirkungsgeschichte des EAK und der Rolle von Staat und Kirche zu widmen.

Religion und Politik greifen in Deutschland ineinander und beeinflussen sich gegenseitig. Das zeigen die heftigen Debatten um Waffenlieferungen in die Ukraine, Schwangerschaftsabbrüche oder die kirchlichen Missbrauchsskandale, um nur drei aktuelle Beispiele zu nennen. Keines dieser Themen findet nur in der Politik oder nur in der Kirche statt. Besonders ethische Grundfragen, bei denen es um die bloße Existenz von Leben und um die Menschenwürde geht, benötigen einen konstruktiven Dialog. Eine „entscheidende Rolle“ dabei spielt seit 1952 der EAK, betonte dessen Vorsitzender, der Bundestagsabgeordnete Thomas Rachel, in seiner Jubiläumsansprache. Er verwies auf die Brückenfunktion des EAK und dessen Beitrag zu den Debatten: „Sachgerechte Differenzierung, Ausgleich und Versöhnung.“

 

„Sorgfältige Trennung und intelligente Verbindung von Politik und Religion“

Der EAK wurde historisch in einer Minderheitenposition gegründet und sollte den Protestanten in der Union Gehör und Einfluss verschaffen. Vor einer ähnlichen Herausforderung stehen die Kirchen mit ihrem anhaltenden Mitgliederschwund heute in Deutschland, wie die Diskussionsrunde am Abend der Tagung zeigte. Sowohl Prälat Dr. Martin Dutzmann, Bevollmächtigter des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland bei der Bundesrepublik Deutschland und der Europäischen Union, als auch Prof. Dr. Birgit Aschmann, Historikerin und Mitglied des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, schlussfolgerten, dass die Kirchen sich in diesem Moment stärker darauf konzentrieren könnten, was das Christentum eigentlich attraktiv mache. Aschmann forderte ein „authentisches Christentum“, in dem das, was man vorlebt, „im Einklang stehen (muss) mit dem, was man predigt.“ „Wenn wir weniger sind, werden wir anders arbeiten und den jetzt weiten Mantel etwas enger nähen“, ergänzte Dutzmann und berichtete, worauf sich die Kirche seiner Erfahrung nach fokussieren müsse: „Das C ist dann gut, wenn es immer wieder konkretisiert wird.“ Die Frage nach diesem wechselseitigen Verhältnis ist auch für Prof. Dr. Norbert Lammert alles andere als überholt. Der Vorsitzende der Konrad-Adenauer-Stiftung plädierte in seiner Einführung zur Jubiläumsveranstaltung deswegen „für eine sorgfältige Trennung und zugleich für eine intelligente Verbindung von Politik und Religion, von Glauben und Handeln. Religion ist zunächst eine reine Privatangelegenheit, aber sie hat immer auch gesellschaftliche Bedeutung.“

 

„Kurs der Einheit, nicht der Spaltung“

Dem ersten EAK-Vorsitzenden Hermann Ehlers war genau das wichtig: Dass Christinnen und Christen politische Verantwortung übernehmen, so Dr. Benedikt Brunner vom Leibniz-Institut für Europäische Geschichte in Mainz, der über Ehlers und die Gründungsgeschichte des EAK referierte. Gläubige sollten sich auch mit den wichtigsten Fragen der Zeit befassen. Eines dieser Themen war Konrad Adenauers Politik der Westbindung und der Wiederbewaffnung. Protestanten wie Gustav Heinemann lehnten diese zum Beispiel ab. Doch Ehlers gelang mit der ersten EAK-Tagung im März 1952 ein „Schulterschluss mit den Positionen Adenauers“, so Brunner. Dr. Michael Borchard, Leiter Wissenschaftliche Dienste der Konrad-Adenauer-Stiftung, wies in seiner Begrüßung darauf hin, dass sich in der 1952 veröffentlichten „Entschließung von Siegen“ der „Kurs der Einheit, nicht der Spaltung“ der Union erstmals offenbarte.

 

Dr. Michael Borchard, Leiter Wissenschaftliche Dienste/ Archiv für Christlich-Demokratische Politik, Konrad-Adenauer-Stiftung KAS/Christiane Stahr
Dr. Michael Borchard, Leiter Wissenschaftliche Dienste/ Archiv für Christlich-Demokratische Politik, Konrad-Adenauer-Stiftung

„Mut zur Diskussion auch heißer Eisen“

Der Arbeitskreis befasste sich nicht nur mit Grundsatzfragen, sondern sollte anfangs den Protestanten in der Union die Möglichkeit geben, sich zu vernetzen und gleichberechtigt Einfluss auf die Partei auszuüben, wie Brunner weiter ausführte. Ziel war es zu verhindern, dass die „CDU nicht Fortsetzung des Zentrums mit anderen Mitteln war“, ergänzte Prof. Dr. Torsten Oppelland von der Universität Jena. Tatsächlich habe sich der EAK nicht zu einer „Hausmacht“ entwickelt, sondern zu einem „belastbaren Netzwerk zwischen Parteipolitikern“, so Oppelland, der sich auf der Tagung mit dem EAK als Machtfaktor innerhalb der Unionsparteien befasste. Der Arbeitskreis sollte ein Forum für echten Austausch, für inhaltliche Auseinandersetzung sein und die Arbeit öffentlich sichtbar machen. Neben den regelmäßigen Tagungen diente dazu auch die seit März 1952 erscheinende Zeitschrift „Evangelische Verantwortung“. In ihr befassten sich die Autoren frühzeitig mit den wichtigen Themen der jeweiligen Zeit, wie der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft, und nahmen teilweise sehr frühzeitig auch neu aufkommende politische Felder auf: darunter die Umweltproblematik und Frauen, Familie sowie gleichgeschlechtliche Partnerschaft, berichtete Dr. Rebecca Schröder, Referentin im Archiv für Christlich-Demokratische Politik der Konrad-Adenauer-Stiftung, in ihren Ausführungen über das EAK-Publikationsorgan und „Sprachrohr“. Sie wies zudem darauf hin, dass es nicht an „Mut zur Diskussion auch heißer Eisen“ gefehlt habe.

 

Sachliche Auseinandersetzung und konstruktiver Dialog

Ein besonders „heißes Eisen“ wurde der NATO-Doppelbeschluss. Dieser führte zu Beginn der 1980er Jahre „zu heftigsten Debatten in der Kirche“, so der evangelische Militärbischof Dr. Bernhard Felmberg. Er fokussierte sich in seinen Ausführungen auf das Verhältnis von Protestantismus und CDU/CSU seit den 1950er Jahren und stellte die parallele Einstellung sowohl beim EAK als auch der Militärseelsorge fest, dass sie zwar das „Nie wieder“ nach dem Krieg unterstützten, aber für sie das „Ohne mich“ keine Option gewesen sei. Denn außerhalb dieser Bereiche habe „die Verweigerung am Dienst an der Waffe (…) als selbstverständlich in kirchlichen Kreisen“ gegolten, so Felmberg. Immerhin hätten knapp ein Viertel der evangelischen Kirchenmitglieder die Friedensbewegung unterstützt, so Prof. Dr. Claudia Lepp von der Forschungsstelle für Kirchliche Zeitgeschichte in München. Der EAK habe hier Unionspositionen vertreten und sich für eine sachliche Auseinandersetzung stark gemacht. Gleichzeitig bewirkte der sogenannte Bewegungsprotestantismus der 1980er Jahre, dem sich Lepp auf der Tagung angenommen hatte, „eine Moralisierung der Politik“ und „der EAK hat diese neue Moralpolitik kritisch bewertet.“ Nach dem Ende des Kalten Kriegs tat sich der EAK indes erneut hervor, indem er 1990 und 1991 drei deutschlandpolitische Foren organisierte. Der Hamburger Historiker Prof. Dr. Thomas Großbölting bewertete diese als „große Leistung“, als er in seinem Vortrag genauer auf den EAK und die Wiedervereinigung schaute. Das vom Arbeitskreis geschaffene Forum des Austausches zwischen Ost und West ermöglichte Großbölting zufolge eine „Diskussion auf Augenhöhe“, das „war damals eher die Ausnahme.“ Schließlich gehöre der konstruktive Dialog zur evangelischen Freiheit und damit auch zum EAK dazu, fasste Thomas Rachel auf der Tagung abschließend zusammen: „Auf Gottes Wort hören und dabei den Menschen im Blick haben.“

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Über diese Reihe

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