Contributii la manifestari

Der Roman eines Schicksalsvollen

de Sonja Hartwig, Kilian Trotier

Wortgewaltig und bildscheu: Uwe Tellkamp, Preisträger des KAS-Literaturpreises 2009

Ein junges Trio für Klavier, Violine und Violoncello, Franz Schubert im Musikgymnasium Schloss Belvedere. Bundestagspräsident Norbert Lammert, die Thüringer Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht, ihr Amtsvorvorgänger und Stiftungsvorsitzender Bernhard Vogel: Sie hören mit 500 Gästen, darunter viele mit Rang und Namen, gebannt zu. Am aufmerksamsten ist Uwe Tellkamp. Seine Füße wippen mit im Takt, punktgenau, nuancenhaft, bis zum letzten Ton. Es ist der Auftakt der Feierstunde, in der der 1968 in Dresden geborene Autor den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung 2009 erhält.

Es ist seine Welt, seine Musik, die Musik des Bildungsbürgertums, wohnhaft im „Weißen Hirsch“, dem Akademikerviertel im Osten Dresdens. Hierhin zog Tellkamp mit sieben Jahren, hier wandeln die Figuren seines Wenderomans, eines fast tausend Seiten starken Werkes. Viele Besucher der Feierstunde haben den „Turm“ schon mitgebracht, die anderen steuern schnell noch zum Büchertisch, kaufen das Werk, um das es an diesem Tag geht. Nach der Verleihung des Literaturpreises der Stiftung wollen sie es vom Autor signieren lassen. Sie werden sagen, dass es für die Kinder oder Enkelkinder zu Weihnachten sei, sie werden fragen, wie es denn dem Herrn Vater gehe, und danken für die Gedanken, die er, der Autor, ihnen mit diesem Buch gab. Gedanken, die vieles weckten, vieles kleideten, das man selbst nicht in Worten hätte äußern können.

Tellkamp, so liest man aus seinem Buch, ist ein Mann vieler Worte, unbeschreibbar schöner Worte, ein Mann überbordender Sprache, mit Sätzen, die nicht selten eine halbe Seite füllen. Tellkamp, so sieht man bei der Signierstunde, ist kein Mann der simplen Sätze, der schnell gesagten, wohlgemeinten, die sich in der Anzahl so ähneln, stakkatohaft aufeinander folgen, ohne ein Decrescendo. Er hört sie sich an, doch er reagiert nicht, jedenfalls nicht hörbar. Nur einmal während der vielen lobenden, anerkennenden Worte schaut er sekundenschnell auf, als eine Frau um ein Satzende ringt, nicht weiß, wie sie ihre Würdigung formulieren soll. Als sie den Satz beschließt, geht sein Blick verlegen zu Boden. Vor ihm stehen Männer in Anzug und Krawatte, fokussieren ihre Handykameras.

Uwe Tellkamp mag die Aufregung um ihn offenbar nicht, sie provoziert Anspannung. Er mag sie nicht, diese Bewunderung, diese Blitze und Klicks, die Kameras, die auf ihn gerichtet sind, als er zu Beginn mit den Rednern den Raum betritt. Während Christine Lieberknecht und Norbert Lammert Hände schütteln, Bernhard Vogel mit Gästen spricht, hat sich Uwe Tellkamp schon zu seinem Platz gedreht, das Schild mit seinem Namen in schwarzen Lettern neben das Sitzkissen gelegt, einmal unsicher zurückgeschaut, überlegt, ob er auch noch begrüßen muss, sich dann aber dagegen entschieden und als erster Platz genommen. Objektive werden gewechselt, klick. Tellkamps Hände ruhen auf seinem Schoß, sind miteinander verschränkt. Angestrengt betrachtet er sie. In seinem „früheren“ Leben hat der promovierte Mediziner als Handchirurg gearbeitet.

Nein, es ist nicht seine Welt. Es ist sein Buch, aber die Welt der Bühne meidet er. Er sei ein scheuer Mensch, sagte er ein paar Stunden zuvor. „Wenn die Kameras auf einen gerichtet sind, fühlt man sich wie ein Insekt, das unter die Lupe der Käferforscher gelegt wird.“ Nun bekommt er diesen angesehenen Preis, einen Preis, der vor ihm auch an Hilde Domin (†), Walter Kempowski (†), an die Nobelpreisträgerin 2009 Herta Müller, an Daniel Kehlmann verliehen wurde.

Die Redner rühmen aber sein Werk. Sie halten sich nicht zurück, zaudern nicht mit Lob. Als erster setzt Bernhard Vogel an. Das Buch, einmal in die Hand genommen, sich durch die ersten hundert Seiten gekämpft, lese sich beinahe wie von selbst. Tellkamp lächelt. Christine Lieberknecht preist den mehrfach Preisgekrönten, meint, dass die Preisverleihung auch auf dem „Weißen Hirsch“ in Dresden hätte stattfinden können. Da zieht Tellkamp den linken Zeigefinger in die Höhe. Der Philosoph Richard Schröder würdigt das Werk als wunderbare Grundlage für ein gründliches Nachdenken darüber, was in der DDR alles falsch gelaufen ist. Ein „Preis für die Freiheit und Würde des Menschen“, sagt Bernhard Vogel, als er Tellkamp einen Scheck übergibt und Blumen für seine Frau. Händeschütteln, ein Schluck Wasser, ein zaghaftes Fotolächeln und ein noch zaghafteres: „So, jetzt komm’ ich auch noch.“ Die unprätentiöse Ouvertüre zu Tellkamps Dankesrede.

Über die Auszeichnung spricht er im letzten Abschnitt, dankt, dass die Jury so freundlich war, ihm diesen Preis zuzusprechen, sagt, dass ihm diese Arbeit Freude mache, der Prozess des Schreibens, dass er aber noch am Anfang stehe; dass er sich freuen kann wie seine Tochter über ein Erdbeerpferd. Freude über die Praxis des Lebens, seine Frau, Sohn und Tochter, über zwei über eine Nuss verhandelnde Eichelhäher, über seine DVD-Sammlung, Tunnelbauer in Kuala Lumpur, einen Augenblick, seinen Alltag. Nach der Rede sucht er sich schnell seinen Weg zum Platz, setzt sich hin, verschränkt die Hände, senkt den Kopf, als alle klatschen.

Am Ende wiederum Musik. Diesmal Chopin. Da sitzt er, der 17. Preisträger des KAS-Literaturpreises, schließt die Augen, seine Welt. Neben ihm Lammert, Lieberknecht und Vogel. Und Tellkamps Fuß fängt an zu wippen.

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Prof. Dr. Michael Braun

Prof. Dr

Referent Literatur

michael.braun@kas.de +49 30 26996-2544
Interview mit Uwe Tellkamp, Träger des KAS-Literaturpreis 2009 descărcare

despre această serie

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