Gemeinsame Politik der Stärke
Angesichts des anhaltenden russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine, wachsender hybrider Bedrohungen und zunehmender geopolitischer Spannungen in der Ostsee, im Schwarzen Meer und in der Arktis waren sich die Teilnehmer einig, dass Sicherheit in Europa nicht länger als selbstverständlich betrachtet werden könne. Sie müsse politisch gewollt sein, militärisch abgesichert und gesellschaftlich getragen werden.
Die Vorsitzende der Konrad-Adenauer-Stiftung, Annegret Kramp-Karrenbauer, betonte bereits zu Beginn der Konferenz, dass die Bedrohung durch Russland in der Ostseeregion nicht abstrakt sei, sondern täglich sichtbar werde. Europa brauche deshalb eine gemeinsame Politik der Stärke. Bundesaußenminister Dr. Johann Wadephul unterstrich die Bedeutung des transatlantischen Bündnisses und verwies auf die tiefgreifende Anpassung der NATO seit Beginn der russischen Aggression gegen die Ukraine. Die Allianz habe sich von einer reinen Abschreckungspräsenz zu einer Verteidigungsgemeinschaft entwickelt. Diese müsse in der Lage sein, jeden Zentimeter ihres Territoriums zu schützen.
Sicherheit maritimer Infrastruktur als strategische Schlüsselfrage
Im Mittelpunkt der diesjährigen Konferenz standen die sicherheitspolitischen Herausforderungen in drei strategisch miteinander verbundenen Räumen: der Ostsee, dem Schwarzen Meer sowie der Arktis und dem Hohen Norden. Obwohl sich die Bedrohungslagen unterscheiden, wurde in den Diskussionen deutlich, dass die Regionen eng miteinander verknüpft seien. Man müsse diesem Raum als „strategisches Kontinuum” betrachten, forderte die rumänische Außenministerin Oana-Silvia Țoiu. In Ihrer Eröffnungsrede warnte sie unter anderem vor Angriffen im Bereich der Desinformation: „Wir müssen zusammenarbeiten, um die Wahrheit zu schützen!”
Russlands Krieg gegen die Ukraine prägt weiterhin die Sicherheitslage im Schwarzen Meer. Gleichzeitig nehmen hybride Angriffe auf kritische Infrastruktur, Unterseekabel und maritime Versorgungslinien in der Ostsee zu. In der Arktis wiederum wächst der geopolitische Wettbewerb durch die zunehmende militärische Präsenz Russlands und die steigenden Ambitionen Chinas.
Die Konferenz machte deutlich, dass Europa diese Herausforderungen nicht isoliert betrachten kann. Sicherheit im Baltikum, im Schwarzen Meer und im Nordatlantik ist Teil einer gemeinsamen strategischen Realität. Die Verteidigung der östlichen NATO-Flanke, die Sicherheit maritimer Infrastruktur sowie die Gewährleistung freier Handels- und Kommunikationswege sind heute zentrale Voraussetzungen für die Stabilität Europas.
Ostsee und Schwarzes Meer: Unterschiedliche Herausforderungen, gemeinsame Antworten
Das erste Panel widmete sich den sicherheitspolitischen Verbindungen zwischen Ostsee und Schwarzem Meer. Hier gibt es unterschiedliche Herausforderungen und gemeinsame Antworten. Die Diskussion verdeutlichte, dass sich Europa auf ein dauerhaft verschärftes Bedrohungsumfeld einstellen müsse. Niclas Herbst, Mitglied des Europäischen Parlaments, warnte: „Europa befindet sich in einem hybriden Kriegsszenario; die Zeit rennt, und wir sind nicht so vorbereitet, wie wir es sein sollten.“
Die Teilnehmer waren sich einig, dass Russland auf absehbare Zeit die größte sicherheitspolitische Herausforderung für Europa bleiben werde. Gleichzeitig wurde betont, dass die Wahrnehmung dieser Bedrohung innerhalb Europas noch immer stark von den jeweiligen historischen Erfahrungen und der geografischen Lage geprägt sei. Während die Staaten an der Ostflanke die Gefahr unmittelbar spürten, werde die strategische Bedeutung des Schwarzen Meeres in Teilen Europas noch immer unterschätzt.
Konsequentere Durchsetzung bestehender Sanktionen und eine engere Zusammenarbeit
Mehrfach wurde auf die Bedeutung militärischer Mobilität, moderner Infrastruktur und einer besseren europäischen Handlungsfähigkeit hingewiesen. Die Fähigkeit, Truppen und Material schnell über den Kontinent zu verlegen, sei eine Grundvoraussetzung glaubwürdiger Abschreckung.
Besondere Aufmerksamkeit erhielt die Rolle der Ukraine. Die Diskussionsteilnehmer hoben hervor, dass die Ukraine in den vergangenen Jahren nicht nur ihre eigene Verteidigung organisiert, sondern zugleich wichtige Beiträge zur europäischen Sicherheit geleistet habe. Die Erfahrungen der ukrainischen Streitkräfte im Einsatz neuer Technologien, insbesondere unbemannter Systeme, lieferten wertvolle Erkenntnisse für die zukünftige Ausrichtung europäischer Streitkräfte.
Zugleich wurde deutlich, dass die Bedrohung durch Russlands sogenannte Schattenflotte und hybride Aktivitäten gegen kritische Infrastruktur entschlossener beantwortet werden müsse. Die Teilnehmer forderten eine konsequentere Durchsetzung bestehender Sanktionen und eine engere Zusammenarbeit der europäischen Partner.
Die Arktis und der Hohe Norden gewinnen an Bedeutung
Im zweiten Panel rückte die Arktis in den Mittelpunkt. Die Diskussion machte deutlich, dass sich die Region von einem Raum begrenzter strategischer Aufmerksamkeit zu einem zentralen sicherheitspolitischen Handlungsfeld entwickelt habe: Die Arktis und der Hohe Norden gewinnen an Bedeutung.
Die isländische Außenministerin Thorgerdur Katrin Gunnarsdottir hob hervor, dass wirtschaftlicher Wohlstand, Demokratie und offene Gesellschaften ohne Sicherheit nicht bestehen könnten. Die zunehmende Bedeutung der Arktis erfordere mehr Aufmerksamkeit. Gleichzeitig betonte die Ministerin, dass Europa seine Werte nicht aus den Augen verlieren dürfe: „Werte“, so Gunnarsdottir, „sind weder eine Last noch eine Schwäche. Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Grundfreiheiten sind unsere größte Stärke. Sie sind ein Kompass, der uns hilft, in einem Sturm von Herausforderungen die Orientierung zu bewahren.“
Neue technologische Lösungen erforderlich
Die Diskussionsteilnehmer verwiesen darauf, dass Russland seine militärische Präsenz im Hohen Norden kontinuierlich ausbaue und zugleich die Zusammenarbeit mit China vertiefe. Dadurch entstehe eine neue strategische Dimension, die Europa und Nordamerika gleichermaßen betreffe und miteinander verbinde.
Besonders hervorgehoben wurde die Bedeutung maritimer Lagebilder, moderner Überwachungstechnologien und unbemannter Systeme. Angesichts der enormen geografischen Ausdehnung der Region seien neue technologische Lösungen erforderlich, um maritime Räume wirksam überwachen und schützen zu können.
Die Aufnahme Finnlands und Schwedens in die NATO wurde als entscheidender Fortschritt für die Sicherheit der Arktis und des Ostseeraums bewertet. Sie habe die Fähigkeit des Bündnisses gestärkt, die gesamte Nordflanke gemeinsam zu schützen.
Europas Abschreckungs- und Verteidigungsfähigkeit weiterentwickeln
Im dritten Panel stand die Frage im Mittelpunkt, wie Europa seine Abschreckungs- und Verteidigungsfähigkeit weiterentwickeln kann. Die Diskussion wurde vor dem Hintergrund möglicher Veränderungen amerikanischer Sicherheitsprioritäten und der bevorstehenden Entscheidungen des NATO-Gipfels in Ankara geführt.
Der estnische Außenminister Margus Tsahkna warnte in seiner Keynote davor, die russische Bedrohung zu unterschätzen. Europa müsse aus den Fehlern der Vergangenheit lernen und verhindern, dass Russland erneut zu strategischen Fehlkalkulationen verleitet werde. Hätte Putin 2022 gewusst, wie wir auf seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine reagieren würden, hätte er diesen Krieg nicht begonnen, so Tsahkna. Um zukünftige Fehlkalkulationen Putins zu verhindern seien politische Entschlossenheit, militärische Fähigkeiten und gesellschaftliche Widerstandskraft gleichermaßen notwendig.
Effektiver in konkrete militärische Fähigkeiten investieren
Mehrere Teilnehmer betonten, dass höhere Verteidigungsausgaben allein nicht ausreichten. Entscheidend sei, finanzielle Mittel schneller und effektiver in konkrete militärische Fähigkeiten umzusetzen. Dazu gehörten moderne Luftverteidigungssysteme, Fähigkeiten zur Drohnenabwehr, bessere Aufklärung sowie eine engere europäische Zusammenarbeit bei Beschaffung und Rüstungsproduktion. Thomas Röwekamp, Mitglied des Deutschen Bundestages und Vorsitzender des Verteidigungsausschusses, merkte an, dass die EU-Länder zusammengenommen bereits heute über die zweithöchsten Verteidigungsausgaben weltweit verfügten: „Aber wir müssen zusammenarbeiten, damit sich dies auch in militärischen Fähigkeiten niederschlägt!”
Gesellschaftliche Resilienz: breite sicherheitspolitische Verankerung in der Bevölkerung
Ein weiterer Schwerpunkt der Diskussion war die gesellschaftliche Resilienz. Finnland wurde als Beispiel dafür genannt, wie eine breite sicherheitspolitische Verankerung in der Bevölkerung die nationale Widerstandsfähigkeit stärken könne. Abschreckung umfasse heute nicht nur militärische Fähigkeiten, sondern auch den Schutz demokratischer Institutionen, die Widerstandskraft gegenüber Desinformation und die Fähigkeit, hybride Angriffe abzuwehren.
Zugleich bestand Einigkeit darüber, dass die NATO auch künftig das Fundament der europäischen Sicherheit bleiben müsse. Europa sei gefordert, mehr Verantwortung zu übernehmen, jedoch innerhalb eines starken transatlantischen Bündnisses.
Gemeinsame Stärke für eine gemeinsame Sicherheit
Die Kieler Sicherheitskonferenz 2026 hat deutlich gemacht, dass die sicherheitspolitischen Herausforderungen Europas eng miteinander verbunden sind. Die Bedrohungen in der Ostsee, im Schwarzen Meer und in der Arktis unterscheiden sich in ihrer Ausprägung, verlangen jedoch gemeinsame Antworten für eine gemeinsame Sicherheit.
Drei zentrale Erkenntnisse prägten die Diskussionen des Tages: Erstens erfordert glaubwürdige Abschreckung konkrete militärische Fähigkeiten und nicht allein steigende Verteidigungsausgaben. Zweitens bleibt die Unterstützung der Ukraine ein wesentlicher Bestandteil europäischer Sicherheit. Und drittens ist politische Geschlossenheit innerhalb Europas und der NATO selbst ein strategischer Faktor.
Europa tritt in eine Phase ein, in der Sicherheit nicht ausgelagert werden kann. Sie muss durch politische Führung, Resilienz, Innovation und enge Zusammenarbeit aktiv gestaltet werden. Die Kieler Sicherheitskonferenz 2026 hat hierfür wichtige Impulse geliefert und erneut ihre Rolle als Plattform für den sicherheitspolitischen Dialog in Europa unterstrichen.
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