Виступи на заходах

Leipzig liest

з Michael Braun

Neuerscheinungen und Empfehlungen zur Buchmesse

„Leipzig liest“, so wirbt die Leipziger Buchmesse mit über 3.000 Autorenveranstaltungen um ihr liebstes Kind, das Buch. Es gibt diesmal eine App, mit der man sich auf Europas größtem Lesefestival orientieren kann. Wie aber kann man sich sonst in der Büchervielfalt orientieren? Hier einige Leseempfehlungen.

Politisches (1): Europa und der Terror

Das 21. Jahrhundert ist ein vom Terror erschüttertes Jahrhundert. Woher kommt die fundamentalistische Gewalt? Warum ermorden Dschihadisten wehrlose Menschen? Wie kommen diese „Schreckens-Männer“ (Enzensberger) dazu, Jugendliche als Selbstmordattentäter aufzurüsten? Die Schriftstellerin Gila Lustiger, die seit 1987 in Paris lebt, hat nach den Attentaten vom 13. November 2015 nicht als Gewaltforscherin zu schreiben begonnen, sondern als betroffene Zeitgenossin und als empathische Mutter. Ihr Buch „Erschütterung“ ist eine persönlich überzeugende und zugleich politisch eindringliche Studie über die französischen Zustände und die globalen Zusammenhänge des IS-Terrors. Ein Buch mit Kopf und Herz, ein Werk der kritischen Aufklärung, umsichtig, einsichtsvoll, auch mit beifälligen Worten zu der Integrationspolitik der deutschen Kanzlerin, mit einem Wort: höchst lesenswert.

Politisches (2): Migration und Integration

„Die Figuren erzählen mir ihre Geschichten“, meint Michael Köhlmeier. In seinem neuen Buch „Das Mädchen mit dem Fingerhut“ geht es um ein namenloses sechsjähriges Mädchen. Es kommt, mitten im Winter, in einer mitteleuropäischen Stadt an, heimatlos, der Sprache nicht mächtig, verloren, hungrig und frierend. Eine Geschichte unserer Tage, wie es scheint. Das Mädchen bekommt zu essen und zu trinken, Kleider und ein Bett, es wird aufgenommen und gepflegt, doch es ist nicht das, was es hält und ihm eine Identität gibt. Eine Schwester im Heim lobt die Haare und die Augen des niedlichen Kindes, aber diese Lobeslogik ist suspekt: „Weil man ihr gesagt hatte, das Kind verstehe ihre Sprache nicht, fiel es ihr besonders leicht, Gutes zu sagen“. Köhlmeier aber greift weiter aus. Er habe über die Schicksale der "Wolfskinder" gelesen, die zu Hunderten nach 1945 in den baltischen Ländern herumgeirrt seien. Auch Andersens Märchen vom „Mädchen mit den Schwefelhölzern“ und Grimms böses Sterntaler-Märchen sind Hintergründe. So wird die tagesaktuelle Geschichte zu einer Parabel über gute Absichten und gutes Handeln: zwei recht verschiedene Dinge. Wo hört die Fürsorge auf, wo fängt die Vereinnahmung? Michael Köhlmeier lässt den Leser mit diesen Fragen bewusst allein. Integration ist eine Aufgabe, die zunächst damit zu tun hat, den Geschichten der Migranten zuzuhören. Und sie zu erzählen.

Gesellschaft und Familie: Demenz, eine künftige Volkskrankheit?

Nach Arno Geiger und anderen hat sich auch Burkhard Spinnen (KAS-Literaturpreisträger 1999) der Demenz angenommen. Sein Buch „Die letzte Fassade“ beschreibt, wie die Erkrankung seiner derzeit 93-jährigen Mutter die Familie an neue Grenzen gebracht hat. Der Sohn erfährt, wie hilflos er ist beim Zusehen des unaufhaltsamen geistigen Verfalls, wie sehr aber auch Großherzigkeit gefragt ist, als seine Mutter ihr penibel gepflegtes Haus gegen ein Altenheimzimmer eintauschen muss. „Sie lebt jetzt in einer Nussschale, und ich richte ihr jetzt die Nussschale ein.“ Spinnen dokumentiert eine Krankheit, die aufgrund ihrer Unfassbarkeit eine literarische Herausforderung ist: wie über etwas schreiben, das man selber gar nicht kennt.

Wie Philosophie zum Widerspruch reizt

Peter Sloterdijk gilt als ein Meistersurfer auf dem Boulevard des Zeitgeistes, ein Alchimist von großen Gedanken, ein verkappter Apokalyptiker, der gerne Weltalter überblickt. So auch in seinem neuen Buch, einer Sammlung von Aufsätzen mit dem Titel: „Was geschah im 20. Jahrhundert?“ Sloterdijk durchleuchtet den Prozess der globalen Selbstdomestikation und stellt dem ewigen Frieden eine günstige Prognose, er gibt der neuzeitlich vernetzten Nachrichtenwelt eine Mutter: die Novelle, er fasst das heiße Eisen von Heideggers Politik an und erklärt sie mit der Langeweile angesichts des Endes der Geschichte, er entdeckt Odysseus als lebensklugen Europastrategen und Geburtshelfer der Philosophie aus dem Geist des Reisestresses – unter dem Mythos macht es Sloterdijk nicht. Und mag auch mancher Gedankengang als „Peterchens Bonmot-Fahrt“ (Jan Küveler) erscheinen, so ist doch genug Potential zum Nachdenken über das da, was uns das 20. Jahrhundert zur Gestaltung des 21. überlässt.

Roman: Wieder mal eine Kulturbetriebssatire

Martin Walser kann es nicht lassen. Dem „liebenden Mann“, Walsers Goethe-Roman von 2008, folgt „Ein sterbender Mann“, diesmal in der Gegenwart angesiedelt. Die Kritik war gemischt, die einen lobten Walsers Kunst, den Leser zu verunsichern und zu übertreiben, die anderen rügten die Schwerfälligkeit des Stils und die unselbständigen Figuren, „Sprechpuppen an der Hand des Autors“ (NZZ). Das Positive überwiegt: Der Briefroman handelt von einem Bestsellerautor, der nach dem Verrat durch seinen besten Freund zum Suizidkandidaten wird. Natürlich spielen auch Frauen mit, vor allem eine Tangotänzerin, die für einen coup de foudre sorgt. Walser lässt seine großen Themen, Liebessehnsucht und Angstlust, Familie und Ehe, Gesellschaft und Kulturbetrieb, noch einmal in einem Alterstischfeuerwerk abbrennen: kapitelweise ein Lesegenuss. Wer kann schon das Format „Lesung und Dinner“ so ironisch abhandeln wie Walser im (hier natürlich nicht echten) Münchner Lyrikkabinett?

Und Lyrik: Poesie der Landschaft

Die thüringische und sächsische Landschaft zieht sich wie ein roter Faden durch das lyrische Werk von Wulf Kirsten (KAS-Literaturpreisträger 2005). Der junge Kollege Jan-Volker Röhnert, Lyriker auch er, hat in der Münchner Reihe „Stiftung Lyrik Kabinett“ eine Hommage auf Wulf Kirsten vorgelegt, die unvorhergesehene Perspektiven öffnet: Kirstens poetische Archäologie, seine christlichen Bezüge, sein Frankreich-Bild. Dazu neue Gedichte. Im Mittelpunkt steht ein langes Interview, in dem man erfährt, wie der Dichter zu seiner enzyklopädischen Kenntnis von Flora und Fauna, von Geologie und Geographie kommt, ganz ohne anthroposophische Beiklänge: „Viel wichtiger ist für mich“, sagt er, „dass Literatur keiner Ideologie, keiner Doktrin unterworfen sein darf, damit sie autonom bleibt“. Zum Einlesen, zum Nachlesen!

P.S. Europa im Film

Warum marschiert ein Amerikaner in Europa ein? Der Dokumentarfilmer Michael Moore tut es, um dort die besten Ideen einzufangen und in die USA zu importieren. „Denn wir haben Probleme, die mit Kriegen nicht zu lösen sind“, sagt er. Der bezahlte Urlaub in Italien, das gesunde Mittagsmenu an französischen Schulen, die Verarbeitung der dunklen Seite der deutschen Geschichte bei uns, der offene Strafvollzug in Norwegen, die Legalisierung des Drogenkonsums in Portugal, keine Studiengebühren an slowenischen Universitäten, keine Hausaufgaben an finnischen Schulen – warum wir das nicht haben, fragt sich Moore. Und gibt am Ende eine gerade für Amerikaner sehr überraschende Antwort. Ein teils idealistisches, teils realistisches Reisetagebuch zum Nachdenken, ein amerikanischer Blick auf den Pluralismus Europas: „People don’t want medicine, they want popcorn” (Moore auf dem Toronto Film Festival 2014).

Bibliographie

  • Wulf Kirsten – die Poesie der Landschaft. Gedichte, Gespräche, Lektüren. Hrsg. von Jan-Volker Röhnert. München: Stiftung Lyrik Kabinett, 2016.
  • Michael Köhlmeier: Das Mädchen mit dem Fingerhut. Novelle. München: Hanser, 2016.
  • Gila Lustiger: Erschütterung. Über den Terror. Berlin: Berlin Verlag, 2016.
  • Michael Moore: Where To Invade Next. USA 2015.
  • Peter Sloterdijk: Was geschah im 20. Jahrhundert? Berlin: Suhrkamp, 2016.
  • Burkhard Spinnen: Die letzte Fassade. Wie meine Mutter dement wurde. Freiburg: Herder, 2016.
  • Martin Walser: Ein sterbender Mann. Roman. Reinbek: Rowohlt, 2016.

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Eingang zur Leipziger Buchmesse 2015 | Foto: Leipziger Buchmesse Leipziger Buchmesse

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