Виступи на заходах

Wohin gehen?

з Michael Braun

Jenny Erpenbeck liest in der Reihe von KAS und Universität Bonn aus ihrem Flüchtlingsroman „Gehen, ging, gegangen“

Kann die Literatur helfen, die Situation der Flüchtlinge, Asylbewerber und Zuwanderer in Deutschland zu verstehen? Die einen gestehen politische und moralische Ratlosigkeit ein. Andere, wie der Kölner Schriftsteller Navid Kermani, erklären sich für einen europäischen Solidaritätsbeitrag. Die Literatur aber kennt einen dritten Weg, nach dem Verstehen und Erklären: das Erzählen.

Und Jenny Erpenbeck ist, wenn auch vielleicht nicht die erste, so doch eine eindringliche und wichtige Stimme im Erzählchor von der Flüchtlingstragödie, die sich in den europäischen Ländern abspielt. In der Lesungsreihe, die 2009 von der Adenauer-Stiftung mit der Universität Bonn begonnen wurde, stellte sie ihren Roman Gehen, ging, gegangen vor.

Das war vor allem für die Studierenden von Interesse, die am Vorabend des dies academicus der Universität in den nahezu voll besetzten Theaterhörsaal gekommen waren. Der Rektor Michael Hoch würdigte eingangs die Präsenz der jungen Literaturwissenschaftler und stellte die Kooperation mit der Adenauer-Stiftung im Rahmen der transuniversitären Projekte heraus. Susanna Schmidt, die Leiterin Begabtenförderung und Kultur der Stiftung, führte Jenny Erpenbeck als eine politisch wache, literarisch hochversierte Autorin ein, die mit ihrem Roman Gehen, ging, gegangen letztlich Vertrautwerden und Fremdsein „konjugiere“.

Im Gespräch mit den Germanisten Kerstin Stüssel (Universität Bonn) und Michael Braun (KAS) führte die Autorin aus, wie sie zu dem Roman gekommen sei: mit eigenen Recherchen und der Erfindung einer Kunstfigur, des Altphilologen Richard, der seine Zeit in klassischen Flüchtlingsdramen von der Odyssee bis zur Iphigenie gespiegelt sieht. Die Distanz zu Deutschland – zwei Drittel des Romans entstanden während eines Gastaufenthalts von Jenny Erpenbeck an der Washington University in St. Louis (USA) – habe dem Schreiben gutgetan.

Jenny Erpenbeck lässt ihre Erzählerfigur die Geschichten von afrikanischen Flüchtlingen aufsammeln, die nach einem Hungerstreik vor dem Roten Rathaus in Berlin nun in einem Berliner Asylbewerberheim auf engstem Raum und mit geringsten Mitteln leben. Es wäre sicherlich ein saisonaler Tatsachenroman geworden, hätte es die Autorin bloß bei diesen Einzelfallgeschichten belassen. Doch Jenny Erpenbeck ging es um mehr: um die Verknüpfung von Lebenslauferzählungen und um den Zusammenhang von Raum, Zeit und Dichtung. Man könne den Weg der Flüchtlinge an ihren Geschichten erkennen, sagt sie.

Da ist zum Beispiel das Schicksal von Awad aus Ghana. Sein Vater war Fahrer für eine Ölgesellschaft, gut situiert für die Verhältnisse, in den Ferien flogen sie nach Ägypten. Dann kam der Krieg, der Vater wurde erschossen, die Wohnung verwüstet. Awad wurde von einer Militärstreife in ein libysches Barackenlager gebracht und mit dem Gewehrkolben auf den Kopf geschlagen. Am dritten Tag trieben ihn Soldaten auf ein überfülltes Boot mit einer Gaddafi-Flagge. Niemand wusste, wohin die Fahrt ging. In Sizilien konnte er bleiben, neun Monate, in einem Zimmer mit zehn anderen. Deutschland war eine vorläufige Rettung: „am Oranienplatz bekam er zu essen. Und einen Schlafplatz“. Doch damit ist ihm auf Dauer nicht geholfen. Wohin geht einer, der gar nicht weiß, wohin? „Ich schaute nach vorne und nach hinten und sah nichts“, heißt es einmal.

Jenny Erpenbecks Roman ist ein Buch der Fragen. Wer fragt, schafft Übergänge, überbrückt das Warten, bereitet Lösungswege vor. Es kommt darauf an, mit fragenden Sinne auf diese Flüchtlingsgeschichten zuzugehen. Was sie mitgenommen haben bei ihrem Aufbruch, wie sie sich Europa vorgestellt haben, was sie am meisten vermissen, das sind die Aspekte, die uns teils verwirren, teils aufklären. Denn Richard gehört zu den Akteuren einer Willkommens- und Integrationskultur, deren eigene Biographie, deren Nachkriegskindheit, deren wissenschaftliche und politische Lebenswege sich bis in die Gegenwart mit denen der Flüchtlinge kreuzen. Und so braucht man sich nicht zu wundern, dass auch Angela Merkel einmal in dem Roman auftaucht: als Physikerin.

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erscheinungsort

Berlin Deutschland