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Der Schock von Bergamo wirkt nach

od Nino Galetti, Franziska Gysler

Wie Italien die seit einem Jahr andauernde Corona-Pandemie bewältigt

Italien war das erste Land in Europa, das ab Ende Februar 2020 mit voller Wucht von der Corona-Pandemie erfasst worden ist. Die erschreckende Entwicklung und der landesweit verordnete Lockdown hatte einen großen Einfluss auf die Reaktionen der übrigen europäischen Regierungen.

Am 30. Januar 2020 wurde der erste Corona-Fall in Italien festgestellt: Ein Ehepaar aus China, das zum Urlaub in Rom war, wurde mit einschlägigen Beschwerden ins Krankenhaus eingeliefert. In den folgenden Wochen stieg die Zahl der Infizierten exponentiell an. Aufgrund der verzweifelten Lage erließ die italienische Regierung ab März 2020 ebenso harte wie klare Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie. In erster Linie sollte das italienische Gesundheitssystem, das auf eine Pandemie nicht vorbereitet war, rasch entlastet werden. Es fehlte sowohl an Intensiv¬betten als auch an ausreichend geschultem Personal.

Mit dem Notstandsdekret vom 9. März 2020 führte die Regierung einen landesweiten Lockdown ein, um die weitere Verbreitung des Virus von Norditalien nach Mittel- und Süditalien zu verhindern. Die Bevölkerung durfte das Haus nur noch in absoluten Ausnahmefällen verlassen. Schulen und Universitäten, Gastronomie und Hotellerie, sowie der Einzelhandel mussten ihren Betrieb vorübergehend einstellen. Ausschließlich Lebensmittelläden und Apotheken blieben geöffnet. Die erhöhte Präsenz von Polizei und Militär in der Öffentlichkeit garantierte die Umsetzung der Restriktionen. Hohe Geldstrafen trugen zur Einhaltung der Regeln bei. Es galten fortan Kontaktbeschränkungen und die AHA-Regeln sowie das Verbot von Menschen-ansammlungen.

Im Gegenzug verabschiedete die Regierung während der ersten Welle mehrere milliarden-schwere Hilfspakete mit dem Ziel, die Bevölkerung und Wirtschaft vor einer existenziellen Krise zu bewahren (Decreto Cura Italia, Decreto Liquidità und Decreto Rilancio). Die Namen der Dekrete sind Programm: Vorgesehen sind finanzielle Hilfen für das Gesundheitssystem, Unterstützung von Unternehmen, Regelungen zu Arbeits-losenhilfe und Kündigungsschutz, Steuer-erleichterungen, Kredite, Zahlungs¬aufschübe und finanzielle Zuwendungen für Familien und Unternehmen, Investitionen in die Online-Infrastruktur von Schule und Universitäten.

Zum Zeitpunkt des Ausbruchs der Pandemie verfügte das italienische Gesundheitssystem landesweit lediglich über 5.179 Intensiv-Betten. Im Verlauf des Frühjahrs wurde die Kapazität um 3.500 weitere Einheiten erhöht. Von März bis Dezember 2020 wurden insgesamt über 20.000 Neu-Einstellungen von Ärzten und Kranken-pflegern in staatlichen Krankenhäusern verzeichnet.

Der Premierminister Conte kommunizierte die Dekrete über Pressekonferenzen und richtete sich in Fernsehansprachen direkt an die Bevölkerung. Der Inhalt der Dekrete sowie die tagesaktuellen Zahlen an Erkrankten und Toten fanden in den Medien breiten Niederschlag.

Die Bewertung und Wahrnehmung der Maßnahmen fiel bzw. fällt je nach individueller Situation und eigenen Interessen sehr unterschiedlich aus. Einen einheitlichen Konsens gab es in der Bevölkerung zunächst nicht. Spätestens jedoch die Bildern aus Bergamo, wo unzählige Särge Ende März 2020 aufgrund der völligen Überlastung der örtlichen Bestatter vom Militär abtransportiert werden müssen, wirkten auf die italienische Bevölkerung wie ein Schock und führten dazu, dass es bis zur Jahreswende 2020/21 keinen nennenswerten Widerstand gegen die Maßnahmen der Regierung gab.

Entspannung im Sommer 2020

Im Sommer 2020 hatte Italien die Situation im Griff. In Einzelhandel, Gastronomie und Hotellerie werden seither die strengen Hygiene-Regeln mit großer Disziplin befolgt. In einzelnen Urlaubs-orten flackerten kurzzeitig Infektionsherde auf, konnten jedoch rasch bekämpft werden. Dies trug dazu bei, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel im Rahmen einer Pressekonferenz im September 2020 den Bundesbürgern ermunter¬te, in den Herbstferien nach Italien zu reisen.

Erst mit Öffnung der Schulen nach den langen Sommerferien kündigte sich die zweite Pandemiewelle in Italien allmählich an. Die Neuinfektionen stiegen erneut an, die Todesfälle nahmen ab Oktober rasant zu. Die Regierung reagierte auf die dramatische Situation mit der Einführung eines Ampel-Systems zur Gefahrenbewertung, das Italien in drei Risiko-Zonen (rot/orange/gelb) teilt. So will Rom gezielter auf regionale Unterschiede bei der Corona-Entwicklung eingehen und einen neuerlichen landesweiten Lockdown umgehen. In den roten Zonen mit sehr hohem Corona-Risiko gehen die Verbote deutlich über die landesweiten Regelungen hinaus: Geschäfte und Restaurants müssen schließen. In orangen Zonen bleibt der Einzelhandel unter bestimmten Auflagen geöffnet. In den gelben Zonen dürfen Restaurants und Bars bis 18 Uhr geöffnet sein.

Im Laufe des Herbstes wurden vier weitere milliardenschwere Dekrete (Quattro decreti ristori) von der Regierung erlassen, die insbesondere zur Unterstützung der Wirtschaft in den Regionen mit roter Einstufung dienen.

Ausgangssperre zu Weihnachten

Über die Weihnachtsfeiertage und zum Jahreswechsel erklärt die Regierung ganz Italien zur roten Zone. Außer Lebensmittelläden und Apotheken blieben alle Geschäfte und Restaurants geschlossen. Es war verboten, seine eigene Gemeinde zu verlassen. Von Familien-besuchen wurde dringend abgeraten. Die Bevölkerung nahm diese harten Restriktionen an, es gab keinen nennenswerten Protest.

Zum Jahrestag der ersten Corona-Erkrankung in Italien beträgt die Anzahl von Covid-Infizierten rund 2,5 Millionen Personen. Insgesamt sind in den vergangenen zwölf Monaten über 85.000 Personen an oder mit Corona verstorben. Am Ende der ersten Pandemiewelle (Stichtag: 30. Juni 2020) registrierte Italien 240.578 infizierte Personen und 34.767 Todesfälle. Vergleicht man die Zahlen, fällt auf, dass während der ersten Welle (bis 30. Juni 2020) die Sterblichkeitsrate gemessen an der Zahl der erkrankten Patienten außerordentlich hoch war. Während der zweiten Welle (Zeitraum: 1. Juli 2020 bis 30. Januar 2021) hat sich hingegen die Sterblichkeitsrate prozentual stark reduziert.

Seit dem 31. Dezember 2020 haben in Italien die Impfungen begonnen. Die Regierung konzentriert sich zunächst auf Impfungen von Personal in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen. Am 15. Januar 2021 verkündete der italienische Gesundheitsminister, dass Italien zu diesem Zeitpunkt mit über 1 Million Geimpfter Europameister sei.

Nach neun Monaten Covid-Pandemie in Italien zeigen sich in der Bevölkerung Ermüdungs-erscheinungen angesichts der strengen Restriktionen. Vereinzelt haben insbesondere Gastronomen gegen die Schließung ihrer Lokale protestiert. Eine große Unsicherheit hinsichtlich der Zukunft ist weit verbreitet und im täglichen Gespräch Thema. An Stelle der anfänglichen Entschlossenheit im Frühjahr, die Pandemie zu bekämpfen, ist in der Zwischenzeit eine deutliche Ernüchterung innerhalb der Bevölkerung eingetreten. Zu offen artikuliertem Widerstand ist es jedoch bislang nicht gekommen. Im Gegenteil: Als der Vorsitzende der rechtspopulistischen Lega, Matteo Salvini, mit Wutreden gegen den Lockdown und die Maßnahmen der Regierung reagierte, fielen seine Beliebtheitswerte deutlich ab. Und auch während der Parlamentsdebatten zur Vertrauensfrage, die Premierminister Conte am 18./19. Januar 2021 gestellt hatte, waren die Corona-Maßnahmen kein Thema. Der Schock von Bergamo wirkt nach.

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