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Neue Energiepartnerschaften und Dekarbonisierungsschub?

Der Ukrainekrieg und seine energiepolitischen Folgen in Asien

Der russische Angriff auf die Ukraine hat auch auf den asiatischen Energiemärkten für Turbulenzen gesorgt. Die Folgen sind vielfältig: Einerseits dürfte der Preissprung für fossile Energieträger der Dekarbonisierung in vielen asiatischen Staaten neuen Schwung verleihen. Andererseits könnten Länder wie Indien und insbesondere China versuchen, die von den westlichen Staaten zunehmend verschmähten russischen Energieressourcen günstig zu beziehen. Dem von Sanktionen überzogenen Moskau entstehen daraus Möglichkeiten für neue Energiekooperationen – aber auch Risiken in Form von wachsenden Abhängigkeiten.

Auf den Energiemärkten ist der Ausnahmezustand mittlerweile Normalzustand. Allein in den vergangenen zwei Pandemiejahren mussten die Energieversorgungsinfrastrukturen zunächst aufgrund der Lockdowns Tiefst- und später im Zuge der wirtschaftlichen Erholung Höchstpreise bewältigen. Die hohen Energiepreise wirken daher bereits spürbar bremsend auf die weltwirtschaftliche Entwicklung. Hinzu kommen Rohstoffengpässe, unter anderem bei kritischen Mineralien im Bereich der Technologien für erneuerbare Energien, in der Halbleiterbranche und in der chemischen Industrie. Die globalen Folgen sind unterbrochene Wertschöpfungsketten und Produktionseinschränkungen. Der Angriff Russlands auf die Ukraine verschärft diese Entwicklungen und könnte darüber hinaus zu einer grundlegenden Neuordnung der globalen Energie­sicherheitsstrukturen führen, die auch und vielleicht sogar besonders in Asien sichtbar werden wird.

In Rekordzeit hat der Russland-Ukraine-Konflikt die Gewissheit über zuverlässige Gaslieferungen aus Russland für Europa, die sogar während des Kalten Krieges galt, über Bord geworfen. Das Erstaunliche daran ist, dass die energiepolitische Entkoppelung zwischen Europa sowie weiteren westlichen Demokratien und Russland nun anscheinend mutwillig von beiden Seiten angestrebt wird. Für Europa, das zwar mit der Dekarbonisierung bis 2050 seine Energieversorgung ohnehin weitestgehend auf regenerative Energieträger umstellen will, ist das trotzdem ein gewagter Schritt. Kurzfristig ist es auf Gas-, Öl- und Kohleimporte aus Russland sowie auf für Dekarbonisierungstechnologien wichtige kritische Mineralien angewiesen und riskiert Energieausfälle. Dennoch ist Europa zunehmend willens, in Anbetracht der sicherheitspolitischen Dimensionen des Krieges einen hohen Preis für die Energieunabhängigkeit von Russland zu bezahlen. Inwieweit Russland diese Entwicklung vorausgedacht hat, lässt sich im Nachgang schwer einschätzen, allerdings arbeitet es seit Jahren intensiv am Ausbau seiner asiatischen Energiebeziehungen, insbesondere zu China.

In der Region Asien und Pazifik befinden sich die Energiegroßkonsumenten China, Indien, Japan und Südkorea, deren Energienachfrage globale Wirkung besitzt. Die russische Orientierung Richtung Osten ist aus energie­wirtschaftlichen Gründen deshalb nicht verwunderlich. Ob Asien aber tatsächlich als Ersatzregion für den Energieexport taugt, muss sich angesichts der Reaktion des Westens, die Russland in einem historisch einmaligen Vorgang innerhalb kürzester Zeit zum am stärksten sanktionierten Land der Welt gemacht hat, erst noch zeigen.

 

Asiatische Energiemärkte

Der Krieg zwischen der Ukraine und Russland wirkt sich über direkte und indirekte Kanäle auf die Energiesicherheit der Region Asien und Pazifik aus. Von unmittelbarer Bedeutung sind die Energiebeziehungen Russlands zu Asien. Von Russlands Ölexporten gingen 2021 knapp die Hälfte nach Europa und etwas weniger als 40 Prozent nach Asien. Beim Gas gingen knapp 75 Prozent nach Europa und nur 13 Prozent nach Asien. Bei der Kohle hingegen exportierte Russland mehr als 50 Prozent nach Asien und nur knapp 30 Prozent nach Europa. Die Energiesanktionen der ­USA, die zwar kurzfristig durchaus zu einer ökonomischen und politischen Isolation Russlands auf den Weltenergiemärkten führen, werden an diesem Energiegeschäft kaum etwas ändern können. Denn China als asiatischer Hauptabnehmer für Öl, Kohle und Gas aus Russland hat deutlich gemacht, dass es seinen Handel mit Moskau nicht wegen der westlichen Sanktionspolitik einschränken wird.

Die indirekten Effekte des Krieges in Europa auf den Energiemarkt zeigen schon heute ihr disruptives Potenzial für Asien.

Daneben importieren im nennenswerten Umfang Japan, Südkorea und Vietnam russisches Flüssiggas (Liquefied Natural Gas, ­LNG), Kohle und Öl, allerdings im Vergleich zu China in einem weitaus geringeren Maße. Japan ist zudem unmittelbar an ­LNG- und Ölproduktionsanlagen im russischen Teil des Ostpazifiks beteiligt. Japan unterstützt einen Beschluss der G7-Staaten, Ölimporte aus Russland zu beenden bzw. auslaufen zu lassen. Allerdings wird Japan, das in einem hohem Maße von Energieimporten abhängig ist, aus Energiesicherheitsgründen keine schnelle Loslösung von Ölimporten aus Russland vornehmen.

Die indirekten Energiemarkteffekte des Krieges in Europa zeigen indes schon heute ihr disruptives Potenzial für Asien. Europäische Regierungen und Unternehmen treiben die sich ohnehin auf hohem Niveau befindlichen Preise für Kohle, Öl und Gas mit ihrer Nachfrage nach Alternativen zu Energieimporten aus Russland weiter nach oben. Für Asien, das in der Gesamtbetrachtung eine Energienettoimportregion ist, folgt daraus die Erhöhung der lokalen Energiepreise, die wiederum die Inflation von Landeswährungen in vielen Ländern der Region Asien und Pazifik zur Folge hat. Die Verschuldung in der Region dürfte durch fiskalpolitische Gegenmaßnahmen vieler Regierungen zunehmen und langfristig zu einer Abschwächung der wirtschaftlichen Entwicklung insgesamt führen.

Es gibt in der Region Asien-Pazifik aber auch Ausnahmen von dieser Entwicklung: Malaysia, Indonesien und Australien sind Energienetto­exporteure und werden zumindest aus der volkswirtschaftlichen Gesamtbetrachtung heraus von der erhöhten Energierohstoffnachfrage profitieren. Malaysia ist der zweitgrößte Ölproduzent in Südostasien und der fünftgrößte ­LNG-Exporteur der Welt. Das Land liegt geografisch zudem geradezu ideal für den Welthandel: Die Straße von Ma­lak­ka ist ein zentrales Nadelöhr für den globalen Rohstoffhandel. Indonesien ist das größte Kohleausfuhrland der Welt und exportiert ebenfalls ­LNG. Beide südostasiatischen Staaten erwarten durch die steigenden globalen Energiepreise erhebliche Mehreinnahmen. Auf der anderen Seite gewähren sie umfassende Energiesubventionen, um ihre heimischen Energiepreise für die Endverbraucher in der Industrie, aber auch im Privatbereich gering zu halten. Ein Teil der Mehr­einnahmen wird dort deshalb für die erhöhten Energiesubventionskosten aufgebraucht werden. Indonesien muss zudem einen großen Teil seines Öls importieren und ist deshalb von den hohen Ölpreisen negativ betroffen. Hier schließt sich eine strenge Regulierung der Kohleexporte an, die sicherstellen soll, dass die heimische Energieversorgung nicht gefährdet ist. Im Januar 2022 führte diese sogar kurzfristig zu einem Exportstopp. Insgesamt werden Malaysia und Indonesien jedoch wirtschaftlich betrachtet die Risiken vergleichsweise gut bewältigen.

Mehreinnahmen durch Rohstoff­exporte erzielt gegenwärtig Australien. Schon während der Energieknappheit Ende vergangenen Jahres im Zuge der wirtschaftlichen Erholung von der Pandemie konnte Australien von steigenden Preisen in Asien für Kohle und ­LNG profitieren. Jetzt sind es auch noch europäische Energieunternehmen, die nicht nur kurzfristig australische Energieressourcen kaufen wollen, sondern gewillt sind, langfristige Verträge abzuschließen. Das deutsche Energieunternehmen ­EON plant zudem den Import von australischem grünen Wasserstoff.

Gas gilt in vielen asiatischen Ländern als sichere Brückenenergie.
Vom Krieg in der Ukraine besonders betroffen ist in Asien der Gasmarkt. Der Preis für ­LNG wird durch die Nachfrage aus Europa, das hände­ringend nach Alternativen zu Importen aus Russland sucht, nach oben getrieben. Für asiatische ­LNG-Importeure insbesondere in Süd- und Südostasien ist das eine Herausforderung, da sie, im Vergleich zu den ostasiatischen Abnehmern Japan und Südkorea, in diesen hohen Preis­kategorien oftmals nicht mitbieten können, ohne sich umfassend zu verschulden. Bangladesch ist dabei in einem besonderen Maße betroffen. Gas gilt in vielen asiatischen Ländern als sichere Brücken­energie, um CO2-Emissionen mittel- bis langfristig zu senken, aber auch um die wachsende Energienachfrage zu decken. Die geplanten und bereits getätigten Investitionen in den Gassektor sind deshalb sehr hoch. In Indonesien, den Philippinen, Vietnam, Südkorea und Japan übersteigen die Planungen für den Aufbau von Kapazitäten für die Gasnutzung schon heute die Abschaltquote von Kohlekraftwerken.

Die größten Investitionen tätigt gegenwärtig China beim Aufbau seiner Gasinfrastruktur. China kann als einziges asiatisches Land auf eine Gaspipeline nach Russland zurückgreifen, die mit langfristigen Lieferverträgen vor dem überhitzten asiatischen ­LNG-Markt schützt. Hier schließt sich an, dass China auch russisches ­LNG über den Schiffsweg importieren kann. Schwierig wird es jedoch für die südostasiatischen Länder, insbesondere Vietnam, Thailand und Myanmar, die sehr stark in den Aufbau von heimischen Gaskraftwerken und ­LNG-Terminals investiert haben. Diese Investitionen geraten nun aufgrund der anhaltend hohen ­LNG-Preise auf den Prüfstand. Die Folgen für diese und andere Länder könnten hohe Risiken für die Energiesicherheit sein.

 

Neue Energiepartnerschaften: Russland-Indien

Wie verheerend die indirekten Energiemarkt­effekte in Asien kurzfristig sind, die zugleich auch mittel- bis langfristig zu direkten Veränderungen der regionalen Energielieferbeziehungen führen können, zeigt sich am Beispiel Indien. Für den nach China zweitgrößten Ölimporteur Asiens, der mehr als 80 Prozent seines Ölverbrauchs importiert, sind die hohen Energiepreise besonders riskant. Umfassende Subventionsregime zur Sicherung von Energiepreiskorridoren sind nur rudimentär vorhanden und können deshalb die Energiepreissteigerungen nicht wirkungsvoll abschwächen. Die hohen Preise werden mehr oder weniger direkt an die Endverbraucher in der Industrie und die Privathaushalte weitergegeben. Die indische Regierung erwägt deshalb, ihre Öl-, Kohle- und Flüssiggas­importe aus Russland, die bisher weniger als fünf Prozent der Gesamtenergieimporte ausmachen, auszuweiten. In diesem Zusammenhang ist auch die mögliche Beteiligung indischer Energieunternehmen an russischen Energieprojekten zu sehen. Der Handel soll mit Blick auf westliche Sanktionen über ein eigens dafür eingerichtetes Rubel-Rupie-Zahlungssystem abgewickelt werden.

Für Indien ist günstiges russisches Öl eine attraktive Gelegenheit. Russland bietet sein Öl mit erheblichen Preisnachlässen an. Indien muss sich dabei auch keine politische Inkonsequenz vorwerfen lassen. Es kann auf eine lange Partnerschaft mit Russland zurückblicken. Der Kritik begegnet Indien zudem mit dem validen Argument, dass auch Europa weiterhin russische Energieressourcen importiert.

Die Herausforderungen im Ausbau der Energie­handelsbeziehungen zu Russland liegen für Indien indes eher darin, dass sich indische Raffinerien auf die russische Ölqualität einstellen müssen, die vom Öl aus dem Nahen Osten abweicht. Zudem könnte die Handelslogistik kompliziert werden. Die US-Sanktionen auf russisches Öl würden den finanziellen Teil des Handels aufgrund des geplanten Rubel-Rupie-­Zahlungssystems zwar nicht betreffen, aber Logistikunternehmen würden sich einem gewissen Reputationsrisiko aussetzen, das sich real etwa in hohen Versicherungsprämien für den Schiffsverkehr niederschlagen könnte. Hinzu kommt, dass sich bisherige Öllieferanten aus dem Nahen Osten oder Kohleexporteure wie Australien und Indonesien schnell und gegebenen­falls langfristig auf andere Nachfrager wie Japan und/oder Südkorea ausrichten könnten. Für Indien könn­ten damit etablierte langjährige Energie­beziehungen gefährdet werden und die Abhängigkeit von rus­si­schen Energieressourcen steigen.

 

Russisch-chinesische Energiepartnerschaft

Die enge Energiepartnerschaft zwischen Russland und China ist nicht nur aus der aktuellen politischen Situation heraus betrachtet konsequent. Russland verfügt über große Vorkommen fossiler Energieträger wie Öl, Kohle und Gas, aber auch Aluminium und kritische Mineralien wie Nickel, die unter anderem bei Technologien für erneuer­bare Energien gebraucht werden. China wiederum ist zur globalen Marktmacht aufgestiegen. Es produziert diverse Güter für den Weltmarkt und braucht dafür Energie und Rohstoffe. Zugleich verbindet beide Länder die geografische Nähe in Form einer langen gemeinsamen Grenze. Es ergeben sich energiewirtschaftliche Vorteile für beide Seiten.

Gegenwärtig ist Russland für China nach Saudi-Arabien der zweitgrößte Öllieferant, nach Indonesien der zweitgrößte Kohlelieferant und nach Turkmenistan und Australien der drittgrößte Gaslieferant (Pipeline- und ­LNG-Importe zusammengenommen). Umgekehrt ist China unter anderem an russischen ­LNG-Terminals sowie gemeinsamen Pipelines beteiligt. Ein weiterer Einstieg chinesischer Energieunternehmen in russische Energieversorgungsunternehmen ist durchaus denkbar. Russland gehört damit für China zum festen Energiepartnerportfolio. Allerdings ergibt sich daraus noch keine einseitige Energieabhängigkeit Chinas von Russland. China achtet auf einen breiten Energieimportmix aus verschiedensten Ländern weltweit. Der Löwenanteil der chinesischen Energieimporte stammt nicht aus Russland. Auf der anderen Seite ist China für Russland in Asien das wichtigste Energieexportland.

Die energiewirtschaftlichen Beziehungen zwischen beiden Ländern haben sich vor allem in den vergangenen Jahren – nicht zuletzt im Vorfeld und Nachgang der russischen Besetzung der Krim – intensiviert. Seit 2019 liefert die Pipeline Power of Siberia 1 (­POS 1) Gas direkt von Russland nach China. Die Kooperation für die ­POS 1 sowie die chinesischen Beteiligungen an den russischen ­LNG-Terminals Yamal ­LNG und Arctic ­LNG 2 kamen unmittelbar im Anschluss an die Krimkrise zustande. Während der Olympischen Winterspiele in Peking verkündeten China und Russland weitere Energieabkommen. So sollen die Gasexporte von Russland nach China erhöht werden. Dafür soll Gas aus den Vorkommen vor der russischen Pazifikinsel Sachalin nach Nordchina fließen. Gegebenenfalls könnte dabei die­ POS 1 mit der entsprechenden Pipeline vom Pazifik (Sachalin-Chabarowsk-Wladiwostok) verbunden werden. Ebenfalls während der Olympischen Winterspiele wurde ein Ölabkommen erneuert, infolgedessen russisches Öl über eine bestehende Pipeline durch Kasachstan nach China exportiert wird. Sie ergänzt die russische Ostsibirien-Pazifik-­Pipeline. Die russisch-chinesischen Energiebeziehungen könnten zu­dem perspektivisch durch die Power of Siberia 2 (­POS 2), die durch die Mongolei verlaufen soll und dort Sojus-Wostok-Pipeline genannt wird, eine weitere Intensivierung erfahren. Diese Pipeline soll sogar in der Lage sein, auf Gas zuzugreifen, das eigentlich für die Versorgung Europas gedacht ist.

Erste chinesische Unternehmen verhalten sich zurückhaltend, wenn es um den Erwerb von russischem Öl geht.

Für China ist der Ausbau der Energiebeziehungen zu Russland vor allem mit Blick auf die Pipelines und ­LNG-Terminals ein attraktives Geschäft. China hat ehrgeizige Klimaziele und will, auch wenn der Ausbau der Kohlekraftwerke und die Reaktivierung von Kohleminen anlässlich der Energiekrise Ende 2021 wieder Fahrt aufgenommen haben, seinen Kohleanteil am Energiemix perspektivisch reduzieren. Gas ist dafür von großer Bedeutung. Die langfristigen Pipeline-Anbindungen zu Russland sind dabei eine stabile Variante insbesondere angesichts der volatilen Preise für ­LNG auf dem Weltmarkt, die durch die europäische Gasnachfrage weiter nach oben getrieben werden. China kann sich damit vom hochkompetitiven globalen ­LNG-Markt entkoppeln. Die enge Energiepartnerschaft trägt zudem zur Verbesserung der Energiesicherheit in China bei.

Das intensivierte Energiegeschäft zwischen Russland und China ist für das Reich der Mitte allerdings nicht ohne Risiko. Zwar kann das Land dauerhaft wichtige Energierohstoffe günstig erwerben, aber die US-Sanktionen können vor allem für international agierende chinesische Energieunternehmen zum Problem werden. Der Ausschluss russischer Banken aus ­SWIFT ist dabei aus energiewirtschaftlicher Sicht zwischen Russland und China nur ein geringes Problem. Die chinesische Alternative Cross-Border Interbank Payments System (­CIPS) könnte substituierend zum Einsatz kommen, indem Zahlungsabwicklungen in Yuan getätigt werden. Schwierig wird es aber, wenn die ­USA tatsächlich nachgelagerte Sanktionen einsetzen. Dann könnten international agierende chinesische Energieunternehmen von den internationalen Märkten oder Banken ausgeschlossen werden. Und tatsächlich verhalten sich erste chinesische Unternehmen zurückhaltend, wenn es um den Erwerb von russischem Öl geht. Ob chinesische Energieunternehmen aber nicht doch Wege finden werden, um die Sanktionen legal zu umgehen, wird sich zeigen.

 

Energiegeopolitik und Dekarbonisierung

Aus energiepolitischer Sicht scheint der Krieg zwischen Russland und der Ukraine eine schon länger anhaltende Entwicklung zu beschleunigen: Die weltweiten Anbieter fossiler Energieträger aus Afrika, dem Nahen Osten und Lateinamerika orientieren sich nach Asien, weil dort schon heute und zukünftig ohnehin eine höhere Nachfrage für Öl, Kohle und Gas herrscht. Die Orientierung Russlands zum asiatischen Energie­markt kann rein wirtschaftlich gesehen und auch mit Blick auf die Klimaziele der EU deshalb durchaus als strategisch konsequent betrachtet werden. Russlands Energiebeziehungen zu China sind dabei von grundlegender Bedeutung. Es geht nicht nur um den chinesischen Energiemarkt, welcher der größte asiatische Energieabsatzmarkt ist, sondern auch darum, insgesamt einen Zugang nach Asien zu bekommen.

China kann aufgrund des strategischen Ausbaus der Energiebeziehungen zu Russland seine Energie­sicherheit verbessern.

Für Russland könnte dieser Schritt nun aber mit einer voraussichtlich nahezu vollständigen wirt­schaftlichen und politischen Entkoppelung von Europa und weiteren westlichen Demokratien verbunden sein. Russlands Kalkül, gegebenenfalls seine fossilen Energierohstoffe in Asien und Europa gleichzeitig anzubieten und diese Situation strategisch zu nutzen, wird damit vermutlich mittelfristig nicht aufgehen. Die Folge der Sanktionen ist ein wirtschaftlich enorm geschwächtes Russland, das immer stärker in ökonomische Abhängigkeit von China gerät. Russland muss dabei hinnehmen, dass die Abwicklung seiner Handelsgeschäfte, die noch mehrheitlich auf US-Dollar-Basis stattfindet, nicht den Rubel stärkt, sondern den chinesischen Yuan. Die Ankündigung Russlands, gegenüber „unfreundlichen Staaten“ Energiegeschäfte nur noch in Rubel abzuwickeln, kann wohl als Reaktion auf diese Erkenntnis gewertet werden. Auf der anderen Seite besitzt Russland nicht nur Öl, Kohle und Gas. Auch kritische Mineralien wie Nickel, die essenziell für den Bau von Batterien für Elektroautos sind, gehören dazu. Die Preise dafür sind ebenfalls massiv gestiegen. Europa wird auch diese Rohstoffimporte aus Russland angesichts der aktuellen Situation ersetzen müssen, wenn es seine Klimaziele erreichen will. Es wird dabei mit China im Wettbewerb stehen, das diese Rohstoffe ebenfalls braucht.

Der Ausbau von Energiebeziehungen zwischen Indien – US-Verbündeter im Indopazifik – und Russland könnte eine fundamentale Signalwirkung auf die Energiesicherheit der ganzen Region entfalten. Hierbei geht es nicht nur um die globalpolitische Systemkonkurrenz, sondern auch um regionale Einflusssphären. Indien ist neben China der größte Energieimporteur in Asien. Es wird sich nun zeigen, ob auch andere asiatische Länder angesichts der hohen Weltmarktpreise auf vergleichsweise billige Energie­ressourcen Russlands zurückgreifen werden und damit US-Sanktionen zuwiderlaufen. Es ist auch nicht ausgeschlossen, dass süd- und südostasiatische Staaten, die gegenwärtig von hohen ­LNG-Preisen besonders betroffen sind, auf russisches ­LNG zurückgreifen. Letztlich beziehen auch die europäischen Staaten nach wie vor russische Energieressourcen.

Für Russland ist die Erweiterung seiner Energiebeziehungen nach Asien nicht ohne Risiko. Sein fester Energiepartner China und der womöglich neue Energiepartner Indien stehen in regionaler Konkurrenz zueinander und die russisch-pakistanischen Energiebeziehungen könnten durchaus eine negative Wirkung auf das Verhältnis zu Indien entfalten. Aber vielleicht ist gerade diese Verbindung Russlands zu Pakistan auch ein Grund für Indien, die Handelsbeziehungen zu Russland zu vertiefen. Auf der anderen Seite unterhält Russland schon seit Jahrzehnten Handels­beziehungen mit verschiedensten Ländern in der Region, vor allem im Bereich Waffenexporte, was unter geopolitischen Gesichtspunkten als noch viel sensibler einzuordnen ist. Dennoch wird Indien abwägen müssen, wie es die Aufrechterhaltung eines politischen Gegengewichts zu China in der Region und die dafür notwendigen Kooperationen mit anderen westlichen Demokratien mit seinen nationalen Energiesicherheitsinteressen dauerhaft in Einklang bringen will.

China kann aufgrund des strategischen Ausbaus der Energiebeziehungen zu Russland seine Energiesicherheit verbessern. Es erhält weiteren und dauerhaften Zugang zu russischen Energieressourcen und Infrastrukturen. Für China geht es aber nicht nur darum, seine Energiesicherheit zu verbessern, sondern auch die chinesischen Klimaziele (CO2-Emissionsspitze bis 2030 und CO2-Neutralität bis 2060) mit Gas als Alternative zu Kohle voranzutreiben. Hier schließt sich der Ausbau seiner Grüne-Technologien-Industrie mit heimischen Wertschöpfungsketten an, die längst eine globale Dimension hat. China unterhält mittlerweile dank seiner Monopole auf kritische Mineralien wie Seltene Erden auf heimischem Boden und dank des Engagements staatlicher chinesischer Unternehmen bei der Förderung weiterer wichtiger Rohstoffe in zahlreichen anderen Staaten – etwa in Indonesien und auf den Philippinen – einen profitablen Wirtschaftszweig rund um Technologien für erneuerbare Energien. Im Bereich der Solarpanelproduktion ist es sogar weltweit führend. China könnte sich mit den zusätzlichen Gasimporten und den daraus perspektivisch folgenden geringeren CO2-Emissionen auch wesentlich besser auf den europäischen CO2-Grenzausgleich einstellen, der für die CO2-­intensive chinesische Exportindus­trie zu einem großen Problem werden könnte.

Wie sich der Krieg in Europa auf die Dekarbonisierung in Asien insgesamt auswirkt, ist schwer vorherzusehen. Allerdings kann wohl davon ausgegangen werden, dass die enorme Verteue­r­ung fossiler Energieträger die ohnehin schon wirt­schaftlich konkurrenzfähigen erneuerbaren Energien im Vergleich noch billiger macht. Viele Staaten in Asien werden vor diesem Hintergrund den Einstieg in die erneuerbaren Energien oder deren breiten Ausbau vermutlich intensivieren und den Ausbau von Brückenenergien wie Gas reduzieren. Womöglich wird auch die Kernkraft davon profitieren. Für die asiatische Energie­sicherheit hat der Krieg in Europa in jedem Fall Konsequenzen. Neue Energiepartnerschaften werden Einfluss auf die großen systemischen Auseinandersetzungen in Asien nehmen – und die Dekarbonisierung könnte am Ende sogar beschleunigt werden.

 


 

Dr. Christian Hübner leitet das Regionalprogramm Energiesicherheit und Klimawandel Asien und Pazifik der Konrad-Adenauer-Stiftung mit Sitz in Hongkong.

 


 

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