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Essay

Eine Kraft, mit der man rechnen muss

von Prof. Dr. Aurelian Craiutu

Über den Aufstieg des Postliberalismus und die Zukunft der liberalen Ordnung

Der Postliberalismus hat sich in den vergangenen Jahren von einer intellektuellen Randströmung zu einer ernstzunehmenden politischen Kraft entwickelt. Aurelian Craiutu zeichnet die ideengeschichtlichen Wurzeln dieser heterogenen Bewegung nach und zeigt, warum ihre Kritik am Liberalismus heute auf Resonanz stößt. Zugleich wird deutlich, dass postliberale Denker trotz gemeinsamer Gegner höchst unterschiedliche Gesellschaftsentwürfe vertreten. Der Beitrag plädiert dafür, diese Strömung weder zu überschätzen noch vorschnell abzutun, sondern ihre Einwände als Hinweis auf die Schwächen liberaler Demokratien ernst zu nehmen.

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Die Kuppel des US-Kapitols in Washington, D.C., bei Sonnenuntergang. picture alliance / Westend61 | Serjunco
Die Kuppel des US-Kapitols in Washington, D.C., bei Sonnenuntergang.

Die Welt, in der wir leben

Leben wir bereits in einer postliberalen Welt? Glaubt man Matthew Rose, dem Autor von A World after Liberalism: Philosophers of the Radical Right (2021), lautet die Antwort ja: Das postliberale Zeitalter habe bereits begonnen, und es sei höchste Zeit, sich darauf einzustellen. Fünf Jahre später wirkt diese Diagnose noch plausibler als zum Zeitpunkt ihrer Formulierung. Drei neuere Bücher von Matt Sleat, Laura Fields und Arnauld Miranda bieten detaillierte Analysen des Aufstiegs und der inneren Vielfalt des Postliberalismus. Sie unterscheiden sich zwar in Reichweite und stilistischer Anlage, zeichnen jedoch gleichermaßen das intellektuelle Milieu nach, aus dem das gegenwärtige postliberale Denken hervorgegangen ist. Zugleich verfolgen sie die verschlungenen Wege, auf denen postliberale Ideen aus Nischenmilieus in den politischen und gesellschaftlichen Mainstream vorgedrungen sind. Dabei reicht das thematische Spektrum von der Kritik am procedural liberalism und am marktzentrierten Individualismus bis hin zur Verteidigung eines common good constitutionalism sowie zu teils futuristischen Entwürfen sozialer und ökonomischer Ordnung.

Unsere Gegenwart gibt Anlass zu ernsthafter Sorge um die Zukunft liberaler Demokratien. Populisten und Nationalisten, Tech-Anarchisten und religiöse Traditionalisten prägen zunehmend die politischen und öffentlichen Diskurse weltweit. Gemeinsam ist ihnen die Überzeugung, dass die klassischen Grundsätze des Liberalismus überholt seien und durch etwas grundsätzlich anderes ersetzt werden müssten, um den vermeintlichen Niedergang der westlichen Zivilisation aufzuhalten. Eine Studie des Economist vom Februar 2025 trägt entsprechend den Titel: „Hard-right parties are now Europe’s most popular“. Diese Parteien profitieren vom anhaltenden Niedergang traditioneller Kräfte und erreichen inzwischen im Schnitt rund 25 Prozent der Wählerstimmen. Mit ausgefeilten Kommunikations- und Mobilisierungsstrategien üben sie zugleich erheblichen Einfluss auf die Medienlandschaft aus.

Der russische Angriffskrieg gegen einen souveränen Staat im Jahr 2022 stellte die europäische Nachkriegsordnung in ihren Grundfesten infrage. Auch die zweite, von vielen als erratisch und konfrontativ empfundene Amtszeit Donald Trumps hat weltweit die Sorge verstärkt, dass die liberale Ordnung der Nachkriegszeit ihrem Ende entgegengeht. Vergleiche mit der Weimarer Republik sind deshalb längst zu einem festen Bestandteil öffentlicher Debatten geworden.

Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass der Postliberalismus zunehmend als ernstzunehmender Herausforderer liberal-demokratischer Ordnungen wahrgenommen wird. Postliberale Denker vertreten die These, der Liberalismus habe eine globale Ordnung hervorgebracht, die Gesellschaften und Lebensformen schleichend aushöhle. Zwar sind die Kritiken am Liberalismus relativ klar konturiert, deutlich weniger eindeutig bleibt jedoch, wie eine postliberale Ordnung konkret aussehen könnte. Diese Unbestimmtheit hängt wesentlich mit der inneren Heterogenität des postliberalen Spektrums zusammen, das alles andere als einheitlich ist – insbesondere auf der politischen Rechten.

Hinzu kommt, dass der Postliberalismus keineswegs ausschließlich ein konservatives Phänomen ist, auch wenn er dort besonders stark ausgeprägt ist. Zwar existiert keine geschlossene postliberale Linke von vergleichbarer politischer Sichtbarkeit wie etwa der katholische Neo-Integralismus oder der Nationalkonservatismus der amerikanischen Rechten. Dennoch üben einzelne linke Intellektuelle wie John Milbank oder Adrian Pabst im Vereinigten Königreich gemeinsam mit konservativen Postliberalen Kritik an wachsender Vermögensungleichheit, am Marktindividualismus sowie an der liberalen Neutralität gegenüber konkurrierenden Vorstellungen des guten Lebens. Sie beklagen eine Erosion gesellschaftlicher Solidarität und teilen die Diagnose, dass sich der Liberalismus sozial, ökonomisch und moralisch erschöpft habe. Auch andere linke Kritiker eines stärker „perfektionistischen“ oder transformatorischen Liberalismus wie Samuel Moyn knüpfen in Teilen an postliberale Argumentationsmuster an.

Gleichzeitig bestehen erhebliche Differenzen über Religion, Nationalismus, oder Immigration zwischen postliberalen Autoren wie Milbank, Pabst, Patrick Deneen oder Sohrab Ahmari, paläokonservativen Denkern wie Paul Gottfried sowie Vertretern der „Hard Right“ oder „Alt-Right“ wie Steve Bannon, Michael J. Anton oder Darren Beattie. Nationalkonservative Autoren wie Yoram Hazony setzen wiederum andere Akzente als medienpräsente Influencer und Publizisten wie Tucker Carlson, Nick Fuentes oder der „Bronze Age Pervert“. Integralistische Theoretiker wie Adrian Vermeule oder Gladden Pappin unterscheiden sich ihrerseits sowohl von christlichen Nationalisten und Anti-Woke-Aktivisten als auch von Tech-Monarchisten wie Curtis Yarvin oder Tech-Libertären wie Peter Thiel und Alexander Karp.

Ob der Postliberalismus unter diesen Bedingungen überhaupt als kohärente politische Bewegung gelten kann, bleibt offen. Viele seiner Vertreter stehen im Rampenlicht der Öffentlichkeit, andere bewegen sich eher in digitalen Randräumen – in Podcasts, Substack-Publikationen oder wenig beachteten Online-Plattformen, nicht jedoch im etablierten Feuilleton. Einige sind Intellektuelle im klassischen Sinne, andere arbeiten in Thinktanks, im Umfeld von Risikokapital oder in ideologisch geprägten Online-Magazinen wie The American Mind oder der Claremont Review of Books, die beide vom Claremont Institute in Kalifornien herausgegeben werden. Dieses Institut hat sich zu einem zentralen intellektuellen Knotenpunkt des postliberalen Milieus in den USA entwickelt. Trotz aller Unterschiede eint die Postliberalen jedoch eine geschlossene Diagnose der Gegenwart sowie der Anspruch, einen Weg jenseits des liberalen Horizonts aufzuzeigen. In den Worten von Mark Leonard stellen sie damit „eine politische Kraft dar, die in besonderer Weise an die politische Welt von heute angepasst ist“ – und die entsprechend ernst genommen werden muss.

Newt Gingrich und seine Frau Callista Gingrich mit dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump im Oktober 2017. Shealeah Craighead - The White House (Public Domain)
Newt Gingrich und seine Frau Callista Gingrich mit dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump im Oktober 2017.

Vorläufer des Postliberalismus

Bevor man die Originalität und Wirkung postliberaler Ideen beurteilt, lohnt sich ein Blick auf ihre Genealogie. Wer vom Ende des Liberalismus und dem Beginn einer postliberalen Epoche spricht, sollte bedenken, dass diese Diagnose keineswegs neu ist. Der Liberalismus hatte stets Kritiker in nahezu allen politischen Lagern. Seine Durchsetzung ging mit einer tiefgreifenden wirtschaftlichen Transformation einher, die Deirdre McCloskey als „The Great Enrichment“ bezeichnet hat. Liberale Prinzipien veränderten nicht nur das ökonomische Denken, sondern auch Vorstellungen von Staat, Recht, Kultur, Religion und Gesellschaft – und gingen mit einem beispiellosen Anstieg von Wohlstand und Stabilität einher.

Gleichwohl wurde der Liberalismus schon früh als destruktive Doktrin kritisiert, die Atheismus, Materialismus und Nihilismus befördere. Ihm wurde vorgeworfen, Familie und Moral zu untergraben und gesellschaftliche Ordnung zu zerstören. Kaum eine Institution äußerte über so lange Zeit hinweg so grundsätzliche Vorbehalte wie die katholische Kirche, die den Liberalismus regelmäßig wegen seines Marktglaubens, seines Individualismus sowie seiner vermeintlichen Förderung von Gier und Profitorientierung kritisierte.

Immer wieder wurde der Liberalismus für „tot“ erklärt – erstmals bereits im späten 19. Jahrhundert, erneut um die Jahrhundertwende und seither in beinahe regelmäßigen Abständen. Vor rund achtzig Jahren argumentierten Theodor W. Adorno und Max Horkheimer im Exil in den USA in ihrer Dialektik der Aufklärung, dass die instrumentelle Vernunft der Aufklärung trotz ihrer emanzipatorischen Ansprüche in erheblichem Maße destruktive Folgen hervorgebracht habe. In den 1980er Jahren formulierte Alasdair MacIntyre in After Virtue eine weitere einflussreiche Kritik liberaler Moral- und Wertvorstellungen. Teile dieser Kritik überlappten sich später mit Positionen radikaler Gegner des Liberalismus von rechts, für die die 1980er Jahre den Beginn einer Politik der Enttäuschung und des Ressentiments markierten.

In dieser Phase begannen Kritiker des Liberalismus, erste Konturen einer postliberalen Ordnung zu entwerfen. Parallel dazu wuchs die gesellschaftliche Unzufriedenheit, die sich auch in der Suche nach charismatischen Führungsfiguren niederschlug. Bei der US-Präsidentschaftswahl 1992 gewann der Unternehmer Ross Perot überraschend knapp 19 Prozent der Stimmen und artikulierte damit weit verbreitete anti-elitistische Stimmungen. Zwar scheiterte sein politisches Projekt, doch zeigte es die politische Sprengkraft dieser Entwicklungen.

Mitte der 1990er Jahre gelang es republikanischen Politikern wie Newt Gingrich und Pat Buchanan, diese Unzufriedenheit politisch zu kanalisieren. Während Gingrich die institutionelle Strategie der Republikaner im Kongress neu ausrichtete, fokussierte sich Buchanan auf kulturelle Konflikte und die Mobilisierung sogenannter „vergessener Amerikaner“ im Landesinneren. Sein Buch The Death of the West (2002) bündelte zentrale Motive, die später auch das postliberale Denken prägen sollten: Kritik am Individualismus, demografische Ängste, Anti-Globalismus und die Verteidigung christlich geprägter Zivilisation.

Im intellektuellen Bereich entwickelte Samuel Francis (1947–2015) eine Agenda zur Rehabilitierung des amerikanischen „Heartland“. Sein posthum veröffentlichtes Werk Leviathan and Its Enemies antizipierte zentrale Elemente dessen, was später als Trumpismus und MAGA-Bewegung bekannt wurde. Wie Buchanan erkannte auch Francis das politische Potenzial der sogenannten „Middle American Radicals“, die durch Frustration, Statusverlust und kulturelle Entfremdung geprägt waren.

 

Der Postliberalismus heute

Diese Entwicklung, die vor zwei Jahrzehnten noch randständig wirkte, hat seit etwa 2010 zur Herausbildung eines postliberalen Spektrums innerhalb der amerikanischen Rechten beigetragen. Die Ursachen für diese Bewegung sind vielfältig und lassen sich nicht auf einen einzelnen Faktor reduzieren. Während einige Akteure von Gefühlen der Demütigung, des Statusverlusts und institutioneller Ausgrenzung geprägt sind, spielen bei anderen kulturelle Entfremdung, Zivilisationspessimismus, Misstrauen gegenüber liberalen Institutionen oder die Wahrnehmung eines kulturellen Machtverlusts eine zentrale Rolle. Allen gemeinsam ist jedoch die Tendenz, große Niedergangserzählungen zu formulieren, die nahezu alle gesellschaftlichen Probleme auf den Liberalismus zurückführen.

Charakteristisch ist zudem eine ausgeprägte Neigung zu binären Weltdeutungen, die wenig Raum für Ambivalenz und Nuancen lassen. Wenn man den Liberalismus für schlecht oder tot erklärt, dann müssen folgerichtig alle Spielarten des Liberalismus ausnahmslos gleichermaßen schlecht oder tot sein. Hinzu kommt ein ausgeprägtes Vertrauen in die Möglichkeit eines bevorstehenden Regimewechsels – selbst dort, wo realistische Alternativen kaum erkennbar sind.

Kritiker wenden ein, dass diese Diagnose die interne Vielfalt der liberalen Tradition verkenne. So wird etwa Patrick Deneen in seinen Büchern Why Liberalism Failed (2018) und Regime Change (2023) vorgeworfen, zentrale liberale Denker wie John Locke oder John Stuart Mill selektiv zu lesen und zu verzerren. Indem sie den Liberalismus als geschlossene Ideologie darstellen, übersehen Postliberale, dass es keinen kanonischen Gründungstext des Liberalismus gibt – anders als etwa im Marxismus.

Zudem nivellieren sie die erheblichen Differenzen innerhalb liberaler Traditionen und setzen unterschiedliche Strömungen – etwa progressiven Liberalismus und Neoliberalismus – vorschnell mit dem Liberalismus insgesamt gleich. Tatsächlich handelt es sich beim Liberalismus eher um eine vielgestaltige Tradition mit zahlreichen internen Spannungen und Debatten.

Nur wenige Postliberale, die eine Art „Flight-93“-Logik vertreten, sind überhaupt an einer Reform liberaler Institutionen interessiert; vielmehr zielen sie auf deren Überwindung. Die daraus entstehenden Visionen reichen von Rückgriffen auf vormoderne Ordnungen über katholische Integralismen bis hin zu techno-utopischen Entwürfen. Während Autoren wie Alexander Karp technologische Beschleunigung affirmativ deuten, entwerfen andere wie Rod Dreher Rückzugsmodelle in kleine, wertegebundene Gemeinschaften. Wieder andere, etwa Adrian Vermeule, vertreten mit dem Konzept des Common Good Constitutionalism die These, dass Verfassungen primär dem substantiellen Gemeinwohl dienen und nicht in erster Linie individuelle Autonomie schützen sollen.

Viele dieser Autoren teilen die Überzeugung, dass der Liberalismus seine eigenen Voraussetzungen untergrabe: Er zerstöre jene moralischen und sozialen Ressourcen, die er selbst zur Stabilisierung einer freien Ordnung benötige. Aus dieser Perspektive erscheine die liberale Moderne als eine Art Trümmerlandschaft: zerfallende Institutionen, erodierende Familienstrukturen, religiöse Entleerung und gesellschaftliche Fragmentierung.

Die zentrale These lautet daher nicht, dass der Liberalismus gescheitert sei, sondern dass sein Erfolg selbst die Ursache seiner Krise bilde. Die gegenwärtige Welt erscheine als erschöpft und innerlich ausgehöhlt – „wie eine hohle Trommel“, durchzogen vom „Geruch langsamen Todes“ (James Baldwin zufolge). Entsprechend wenden sich Postliberale gegen die Vorstellung, diese Entwicklung lasse sich durch ein „mehr“ an liberaler Politik korrigieren. Zugleich halten manche von ihnen jedoch an liberalen Kernwerten wie Freiheit und individuellen Rechten fest, interpretieren diese jedoch in nicht-universaler, stärker traditionsgebundener Weise.

Auch in Fragen von Migration, Freihandel und Marktordnung zeigen sich deutliche Vorbehalte, die häufig als existenzielle Bedrohungen gesellschaftlicher Stabilität interpretiert werden. Der Liberalismus wird kritisiert, weil er Freiheit primär als individuelle Autonomie versteht und damit angeblich Relativismus, Hedonismus und ein verkürztes Verständnis des guten Lebens fördere. In dieser Sichtweise verhindere er echtes menschliches Gedeihen und unterminiere moralische und kulturelle Bindungen.

Im Zentrum steht daher zunehmend die Idee, das Gemeinwohl müsse die individuelle Freiheit als Leitkategorie ablösen. Während einige Postliberale die Trennung von Kirche und Staat grundsätzlich infrage stellen, plädieren andere für einen aktivistischen Staat mit teils deutlich autoritären Zügen. In jedem Fall gilt die Frage nach der Größe des Staates als sekundär gegenüber der normativen Frage, welchem Verständnis des guten Lebens staatliches Handeln verpflichtet sein soll.

 

Den Tiger reiten

Ob man die Positionen der Postliberalen teilt oder nicht, ihre Schriften verdienen ernsthafte Auseinandersetzung. Sie lassen sich nicht als bloß reaktionär oder randständig abtun, ohne analytischen Verlust zu riskieren. Viel eher lohnt es sich, ihre Argumente als Ausdruck realer Spannungen innerhalb liberaler Gesellschaften zu lesen und zu verstehen, welche Erfahrungen sie politisch verdichten.

Postliberale mögen in ihrer Diagnose überzeichnen und in ihren Lösungsvorschlägen irren, doch sie verweisen auf tatsächliche Spannungen und Widersprüche liberaler Ordnungen. Es geht dabei nicht darum, nach Matthew Rose, ihre Positionen zu normalisieren, sondern darum, das eigene Verständnis zu schärfen: „Wir können nicht wissen, was wir bejahen, ohne zu wissen, was wir verneinen, und wir können nicht wissen, wer wir sind, wenn wir nicht wissen, welche anderen Lebensformen möglich sind.“ Wer liberale Ideen ernst nimmt, sollte daher bereit sein, auch ihre entschiedenen Kritiker zu lesen – vorausgesetzt, sie argumentieren intellektuell redlich und mit analytischer Schärfe.

Die Auseinandersetzung mit postliberalen Texten kann ernüchternd, aber erkenntnisreich sein. Die darin artikulierte Entfremdung ist real, ebenso wie die gesellschaftlichen Ressentiments, aus denen sie sich speisen. Auch wenn sie keine verlässlichen Architekten neuer Institutionen sind, können Postliberale dennoch auf „Teilwahrheiten“ hinweisen, die für liberales Denken produktiv sein können – etwa die erneute Betonung von Gemeinschaft, Gemeinwohl, Tugend, Patriotismus und Tradition.

Gleichzeitig bleibt es schwierig, universale oder theologisch fundierte Gemeinwohlkonzepte überzeugend zu begründen, ebenso wie Versuche, eine solche Vorstellung politisch umfassend durchzusetzen. Auch die Aufhebung der Trennung von Kirche und Staat erweist sich als kaum vereinbar mit pluralistischen Gesellschaften. Katholische Integralisten gehen hier in ihrer Kritik an der liberalen Neutralität des Staates deutlich zu weit, da ihre Position letztlich einen interventionistischen Staat impliziert, der individuelle Freiheiten erheblich einschränken würde.

Gleichwohl sollte man die Frage nicht vorschnell verwerfen, ob Politik nicht auch auf menschliches Gedeihen zielen müsse – ein Gedeihen, das auf lokale Gemeinschaften, Familien und soziale Bindungen angewiesen ist. In diesem Sinne formulierte Christopher Lasch bereits vor drei Jahrzehnten, dass eine politische Philosophie des 21. Jahrhunderts der Gemeinschaft mehr Gewicht einräumen müsse als individuellen Entscheidungsrechten.

Vor diesem Hintergrund regen postliberale Debatten dazu an, über hybride Ordnungen nachzudenken: etwa die Verbindung eines sozialstaatlich orientierten Wirtschaftsmodells mit politischer Machtbegrenzung und kulturell konservativen Wertorientierungen. Zugleich erinnern sie Liberale daran, dass eine stabile demokratische Ordnung mehr braucht als Toleranz allein – nämlich auch ein geteiltes ethisches Fundament, das Tugend, Verantwortung und Tradition einschließt.

Angesichts anhaltender Krisenerfahrungen und beschleunigter technologischer Umbrüche dürfte die Attraktivität postliberaler Ideen vorerst nicht abnehmen. Umso wichtiger ist es, dass zentrale liberale Prinzipien – Rechtsstaatlichkeit, Meinungsfreiheit sowie Freiheit des Gewissens und Denkens – nicht aufgegeben werden.

Gleichzeitig bleibt die Herausforderung bestehen, das Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Verwurzelung mit der Verteidigung liberaler Errungenschaften zu verbinden. Denn, wie Raymond Aron betonte, stellen die liberalen Gesellschaften der Gegenwart eine historisch seltene Ausnahme dar: „Diese Gesellschaften, die wir beschreiben und kritisieren, diese Gesellschaften, die durch einen permanenten Streit über die Ordnung leben, die sein soll, […] sind historisch außergewöhnliche Gesellschaften. […] Wir sollten niemals vergessen, sofern wir Freiheit oder Freiheiten schätzen, dass wir ein historisch und geografisch seltenes Privileg genießen.“ Dieses Privileg ist alles andere als selbstverständlich. Es verdient nicht nur Verteidigung, sondern auch Dankbarkeit gegenüber jenen, die seine Entstehung ermöglicht haben.

 

Aurelian Craiutu ist Professor für Politikwissenschaften an der Indiana University Bloomington. 

 

Literatur: 

Cole, Daniel; Craiutu, Aurelian: “The Many Deaths of Liberalism,” Aeon Magazine, 28 Juni, 2018, https://aeon.co/essays/reports-of-the-demise-of-liberalism-are-greatly-exaggerated\

Field, Laura K.: Furious Minds: The Making of the MAGA New Right. Princeton: Princeton University Press, 2025.

Leonard, Mark: The New Right: Anatomy of a Global Political Revolution. Policy Brief. Berlin: European Council on Foreign Relations (ECFR), 5. Februar 2026. Online: The new right: Anatomy of a global political revolution – European Council on Foreign Relations (Abruf am 9.6.2026).

McCloskey, Deirdre N.: The Bourgeois Virtues: Ethics for an Age of Commerce. Chicago: University of Chicago Press, 2006.

Milbank, John: Theology and Social Theory: Beyond Secular Reason. Oxford: Blackwell, 1990.

Milbank, John; Pabst, Adrian: The Politics of Virtue: Postliberalism and the Human Future. London: Rowman & Littlefield International, 2016.

Miranda, Arnauld: Les lumières sombres: Comprendre la pensée néoréactionnaire. Paris: Gallimard, 2025.

 Moyn, Samuel: Liberalism Against Itself. Princeton: Princeton University Press, 2023.

Pabst, Adrian: Postliberal Politics: The Coming Era of Renewal. Cambridge: Polity Press, 2021.

Rose, Matthew: A World After Liberalism: Philosophers of the Radical Right. New Haven: Yale University Press, 2021.

Sleat, Matt: Postliberalism. Cambridge: Polity, 2026.

 

 

"Geschichtsbewusst" bildet eine Bandbreite an politischen Perspektiven ab. Der Inhalt eines Essays gibt die Meinung der Autorin oder des Autors wieder, aber nicht notwendigerweise diejenige der Konrad-Adenauer-Stiftung.

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