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Essay

Überall Faschisten

Zur Entwertung eines historischen Begriffs und den Folgen für die liberale Demokratie

Der inflationäre und von historischer Unkenntnis geprägte Gebrauch des Faschismusbegriffs folgt einer politischen Absicht. Matthias Oppermann begibt sich auf die Spur der Begriffs- und Debattengeschichte und untersucht den Einsatz des Faschismusvorwurfs in den Auseinandersetzungen der Gegenwart.

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Staatsbesuch Adolf Hitlers in Italien vom 02. bis 10. Mai 1938. Adolf Hitler und Benito Mussolini im offenen Wagen. picture alliance / arkivi
Staatsbesuch Adolf Hitlers in Italien vom 02. bis 10. Mai 1938. Adolf Hitler und Benito Mussolini im offenen Wagen.

Das Lied vom armen Leutnant, der ein Gigolo wurde, kennt heute kaum noch jemand – schon gar nicht die Originalfassung von 1929. Manche Ältere haben vielleicht noch Louis Primas Version von 1956 im Ohr, in der der amerikanische Trompeter und Bandleader das Lied mit einem anderen, I Ain’t Got Nobody, zu einem Medley verband. Mit dem ursprünglichen Tango, der eine typische Geschichte der Zwischenkriegszeit erzählt, hatte Primas Swing-Version nichts mehr zu tun.

Die Melodie von Schöner Gigolo, armer Gigolo komponierte der Italiener Leonello Casucci 1928 auf einen Text, den der österreichische Librettist Julius Brammer schon 1924 verfasst hatte. Am bekanntesten dürfte die Fassung sein, die der österreichische Tenor Richard Tauber 1929 aufnahm. Brammer war Jude, Tauber der Sohn eines zum Katholizismus konvertierten Juden. Beide mussten später vor den Nationalsozialisten fliehen. Alles in allem kam hier eine recht alteuropäische Gesellschaft zusammen und man darf es durchaus als bittere Ironie empfinden, dass es in dem Lied gerade um den Untergang des alten Europas ging.

Im Mittelpunkt steht ein k. u. k. Husarenleutnant, dessen glänzendem Leben in der Donaumonarchie der soziale Abstieg nach dem Ersten Weltkrieg gegenübergestellt wird. Konnte der „beste Reiter“ vor dem Krieg „goldverschnürt“ durch die Straßen reiten, muss er in der Republik Österreich als Eintänzer arbeiten. Brammer verdichtete in seinem Text das Schicksal einer ganzen Gesellschaftsschicht, nicht nur das von Offizieren aus der Ober- und Mittelschicht, sondern vieler Soldaten, die nach dem Krieg Schwierigkeiten hatten, in eine Gesellschaft zurückzukehren, die sich völlig verändert hatte. Gewiss gab es auch Fälle wie den Major Melzer in Heimito von Doderers Strudlhofstiege, der im Wien der zwanziger Jahre als Erbe eines Brauereibesitzers und mit dem gemütlichen Posten eines Amtsrates der Österreichischen Tabakregie materiell gut zurechtkommt. Aber auch in Melzer, der sich auf dem langen Weg zur Entwicklung eines „Zivilverstandes“ befindet, spiegelt sich die Orientierungslosigkeit eines Rumpfstaates auf der Suche nach einer neuen Identität.

Brammer schrieb den Text seines Liedes im Hotel Adlon in Berlin, und tatsächlich hätte er ihn auch über einen ehemaligen Offizier des Deutschen Kaiserreichs schreiben können. Auch in Erich Maria Remarques Im Westen nichts Neues spielt dieses Motiv – der Protagonist Paul Bäumer macht diese Erfahrung schon während des Krieges – eine zentrale Rolle. Als der amerikanische Komponist Irving Caesar 1930 einen englischen Text zu Casuccis Melodie schrieb, machte er aus dem österreichischen Offizier einen französischen. Eine tragische Figur in einem ehemaligen Feindstaat hätte keine Sympathie geweckt. Die amerikanische Version, die Bing Crosby im Jahr 1931 aufnahm, wurde die erfolgreichste überhaupt. Die Bedeutung des Liedes ging darin aber verloren. Sie erschöpfte sich nicht darin, dass für den „kleinen Leutnant“ die „Uniform passé“ war. „Schöne Welt, du gingst in Fransen!“ – das ist die zentrale Aussage des deutschen Textes, und wahrscheinlich konnte man sich in Amerika gar nicht vorstellen, was das bedeutete.

 

Kollaps der alten Ordnung

Junge Männer wie der k. u. k. Leutnant bildeten überall in Mittel- und Ostmitteleuropa ein Reservoir, aus dem die Bewegungen faschistischen Typs ihre Mitglieder oder Anhänger im weiteren Sinn rekrutierten. Schon Moritz Julius Bonn, einer der führenden Ökonomen der Weimarer Republik und Mitglied der liberalen Deutschen Demokratischen Partei, hat 1925 in seiner kleinen Schrift Die Krisis der europäischen Demokratie den gesellschaftlichen und identitären Zusammenbruch durch die Niederlage im Ersten Weltkrieg als einen entscheidenden Faktor für den Aufstieg rechtsautoritärer Bewegungen benannt. Der Kollaps der alten Ordnung habe zu einer „Entstaatlichung des Staates“ geführt, zu einer Situation, in der private Gruppierungen, die von einem Kult der Gewalt geprägt waren, die Militärhoheit an sich gerissen und nie wieder vollständig abgegeben hätten. Das „neue Kondottieretum“, das in der deutschen Revolution von 1918/19 in Form von Freikorps zur Abwehr des Bolschewismus entstand, setzte sich in verschiedenen paramilitärischen Verbänden fort, deren Mitglieder, in ihrer Identität erschüttert, davon träumten, die Demütigung vergessen zu machen.

Obwohl Italien nominell zu den Siegermächten gehörte, weil es 1915 auf Seiten der Entente-Mächte in den Krieg eingetreten war, sah Bonn dort eine ähnliche Gemengelage. Tatsächlich wurden die italienischen Hoffnungen auf Gebietsgewinne enttäuscht, so dass der nationalistische Schriftsteller Gabriele d’Annunzio von einem „verstümmelten Sieg“ sprach. Die soziale Lage vieler italienischer Weltkriegsoffiziere war ähnlich wie in Deutschland und Österreich, doch das Ressentiment, das sie gegen den liberalen, als schwach empfundenen Staat empfanden, speiste sich nicht aus einer Niederlage, sondern aus dem Gefühl, um den Sieg betrogen worden zu sein. Aus diesem Milieu kam ein Großteil der jungen Mitglieder verschiedener paramilitärischer Organisationen, die Benito Mussolini und seine faschistische Bewegung auf dem Weg zur Macht unterstützten.

Unterstützer Donald Trumps beim Sturm auf das Kapitol in Washington, D.C. am 6. Januar 2021. Tyler Merbler - https://www.flickr.com/photos/37527185@N05/50812356151/CC BY 2.0
Unterstützer Donald Trumps beim Sturm auf das Kapitol in Washington, D.C. am 6. Januar 2021.

Historische Begriffe und gegenwärtige Politik

Vielleicht sollte man Brammers Liedtext in den Schulen lesen, um Jugendlichen einen Eindruck davon zu vermitteln, auf welchem Boden die autoritären und totalitären Bewegungen der Zwischenkriegszeit gewachsen sind und welchen Charakter sie notwendigerweise hatten: nämlich den von Mörderbanden. Vielleicht wäre das auch etwas für die Erwachsenenbildung – gerade heute in einer Zeit, in der wieder viel von „Faschismus“ gesprochen wird.

Denjenigen, die zum Beispiel den Trumpismus als „Faschismus“ bezeichnen, müsste man zuerst einmal die Frage stellen, wo denn die uniformierten, paramilitärischen Kampfverbände „faschistischer“ Parteien sind, die auf der Straße Angst und Schrecken verbreiten? Davon, dass solche Banden in den USA politische Gegner in den Straßen jagen, sie zusammenschlagen und ihnen Rizinusöl einflößen, um sie nicht nur zu foltern, sondern sie mit diesem Abführmittel auch zu demütigen, hat man jedenfalls noch nichts gehört. Für die italienischen Faschisten war das vor Mussolinis „Marsch auf Rom“ eine übliche Vorgehensweise, die sich die deutschen Nationalsozialisten bei ihnen abschauten. Wo sind die Schlägertrupps der MAGA-Bewegung? Wo sind die bewaffneten Wokeness-Aktivisten, mit denen sie sich Straßenschlachten liefern?

Ich kenne die Antwort darauf schon: Man müsse doch nur zur Kenntnis nehmen, was die United States Immigration and Customs Enforcement (ICE) im Auftrag des Präsidenten veranstalte. Die Empörung darüber ist verständlich; dieses Vorgehen kann man nicht gutheißen. Aber ICE ist nicht der Kampfverband einer „faschistischen“ Bewegung auf dem Weg zur Macht. Die Gewalt geht von der Regierung selbst aus, was im Grunde schlimmer ist, aber nur dann „faschistisch“ sein könnte, wenn der Staat es ebenfalls schon wäre. Aber wer wollte das ernsthaft über ein Land sagen, in dem es eine freie Presse gibt, die den Präsidenten offen kritisieren kann, in dem es Parteienpluralismus, ein föderales System und eine an vielen Stellen funktionierende Rechtsprechung gibt? Der österreichische Politikwissenschaftler Anton Pelinka, der ein ebenso scharfsinniger wie unabhängiger Geist war, hat sich 2022 einem wichtigen Buch über die heutige Beliebigkeit des Faschismusbegriffs mit dieser Frage auseinandergesetzt und zwei treffende Schlüsse gezogen: Der Sturm auf das Kapitol vom 6. Januar 2021 zeige zum einen, dass die liberale Demokratie stets gefährdet bleibt, zum anderen aber auch, wie unsinnig es sei, jede dieser Gefahren als „faschistisch“ zu bezeichnen.

 

Ein amerikanischer Faschismus?

In der Tat: Warum muss man die Gefahren, die vom Trumpismus ausgehen, mit einem Begriff aus der europäischen Zwischenkriegszeit beschreiben, wenn es doch genug Vergleichsmöglichkeiten in der langen Gewaltgeschichte der USA gibt? Wenn Politikwissenschaftler beziehungsweise Historiker wie Robert Kagan und Timothy Snyder in Trump einen Faschisten sehen wollen, drücken sie sich davor, die autoritären Möglichkeiten der Gegenwart nüchtern zu beschreiben. Wer von „Faschismus“ spricht, erregt größere Aufmerksamkeit als derjenige, der beschreibt, was er sieht. Das ist durchaus nicht neu.

Die Anwendung des Faschismusbegriffs auf Trump hat für manche Amerikaner aber noch einen anderen Vorteil: mit ihr entlasten sie die amerikanische Geschichte, indem sie die Wurzeln des Trumpismus nach Europa verlegen. Der „Faschismus“ ist das Böse, und es kommt aus der Alten Welt. Man kann Kagan zwar nicht unterstellen, er sähe die dunklen Seiten der amerikanischen Geschichte nicht. Er hat sie in seinem Buch Rebellion eindringlich beschrieben. Aber der wirkliche Liberalismus, der aus seiner Sicht in Amerika erfunden wurde, befindet sich eben seit der Unabhängigkeitserklärung in einem beständigen Abwehrkampf gegen einen Antiliberalismus europäischer Herkunft. Dass Großbritannien 1807 den Sklavenhandel und 1834 die Sklaverei im Empire verboten hat, findet sich in dem Buch ebenso wenig wie ein Wort über das Schicksal der amerikanischen Ureinwohner. Wenn Trump auf die Errichtung eines autoritären Regimes in den USA zielen sollte, dann würde es sich im Erfolgsfall aus amerikanischen Quellen speisen, die es schon gab, bevor der italienische Faschismus oder der Nationalsozialismus überhaupt entstanden sind. Trump mag rhetorisch oder visuell so viele Anleihen bei Mussolini machen, wie er will – die MAGA-Bewegung kommt aus den Tiefen der amerikanischen Geschichte: etwa aus dem weißen Nationalismus, dem evangelikalen Autoritarismus, der Tradition der Lynchjustiz und der Verachtung für bundesstaatliche Institutionen im Süden.

 

Begriffliche Indifferenz in politischer Absicht

Andere Freunde des Faschismusbegriffs betreiben eine Art historischer Gegenwartsfuturologie – der Begriff klingt so absurd wie die Sache ist – und erklären, dass der neue „Faschismus“ ja nicht zwingend so aussehen müsse wie der alte. Das leuchtet ein, zwingt aber zu der Frage, warum überhaupt noch von „Faschismus“ gesprochen werden sollte, wenn es um eine unvorhersehbare Zukunft geht. In Wirklichkeit ist der Begriff des „Faschismus“ heute – zwar nicht in der Geschichtswissenschaft, aber in der Öffentlichkeit, der Politik und den Medien – ganz und gar beliebig geworden. Dass der Begriff in einer breiteren Öffentlichkeit keine Bedeutung mehr hat, heißt freilich nicht, dass er zweckfrei verwendet würde. Er hat nämlich eine große polemische Kraft. Im 18. Jahrhundert saßen im britischen Parlament fast nur noch Whigs, weil die Könige aus dem Haus Braunschweig den Tories misstrauten. In dieser Situation machten die Mitglieder verschiedener Whig-Cliquen einen Sport daraus, in den Parlamentsdebatten andere Whigs als Tories zu beschimpfen, obwohl jeder wusste, dass die Angegriffenen sich auch als Whigs betrachteten.

Vor allem in Deutschland benutzen heute manche Politiker den Faschismusbegriff ähnlich wie die Whigs des 18. Jahrhunderts den Tory-Begriff, nämlich als Schimpfwort ohne Inhalt – allerdings mit einem wichtigen Unterschied: die britischen Parlamentarier wussten, dass der Tory-Begriff nichts bedeutet und verwendeten ihn bewusst in rhetorisch-polemischer Absicht, im Grunde im Sinne eines Rituals im Rahmen von intellektuell hochstehenden Debatten in einem aristokratisch geprägten Parlament. Sie wussten aber sehr wohl, was „Tory“ im 17. Jahrhundert bedeutet hatte. Wenn heute ein Politiker – manchmal leider auch ein Journalist oder ein Wissenschaftler – einen anderen Politiker oder eine Partei als „faschistisch“ bezeichnet, weiß diese Person meist nichts über seine ursprüngliche Bedeutung.

Luigi Partisano beim Parteitag der Partei "Die Linke" am 19.-21. Juni 2026 in Potsdam. Ullstein Bild
Luigi Partisano beim Parteitag der Partei "Die Linke" am 19.-21. Juni 2026 in Potsdam.

Nähe zum Marxismus-Leninismus

Das hat uns Luigi Pantisano kürzlich auf fast realsatirische Weise vor Augen geführt, als er in einem Interview mit Bild sagte: „Letztlich gibt es auch gerade gar keinen Unterschied zwischen der CDU, die faschistische Politik macht, der AfD oder den Faschisten selbst.“ Es gibt gute Gründe für moralische, politische und vor allem geschichtswissenschaftliche Empörung über diese Aussage, aber es sollte darüber nicht vergessen werden, dass Pantisano nichts Überraschendes gesagt hat, sondern sich in die Tradition stellte, in die er offensichtlich gehört. Es ist durchaus kein Schaden, dass das deutlich geworden ist. Pantisano hat, gewiss ohne sich darüber im Klaren zu sein und ohne auch nur Proseminarniveau zu erreichen, den Kern der marxistischen Faschismustheorie wiedergegeben. Diese Theorie aus den 1930er Jahren war der früheste Versuch, das Phänomen der rechtsrevolutionären Bewegungen in Europa auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Die marxistisch-leninistischen Theoretiker passten dabei freilich, so weit wie nötig, die Wirklichkeit ihrer Ideologie an.

Pantisano sieht das Verbindende zwischen der Union, der AfD und den „Faschisten“ anscheinend in der Wirtschafts- und Sozialpolitik, was der These vom Primat des Ökonomischen der marxistischen Faschismustheorie entspricht. Der „Faschismus an der Macht“ sei, so hat der bulgarische Kommunist Georgi Dimitroff 1935 auf dem VII. Weltkongress der Kommunistischen Internationale gesagt, „die offene, terroristische Diktatur der reaktionärsten, chauvinistischsten, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals.“ Nach dieser Definition, die als Dimitroff-These zur offiziellen Doktrin der Komintern wurde und schon 1933 von deren Exekutivkomitee beschlossen worden war, sind die „bürgerliche Demokratie“ und der regierende „Faschismus“ zwei Formen der Herrschaft des Finanzkapitals. Wenn das Bürgertum mit den Mitteln des Parlamentarismus seine verschleierte Diktatur über die Arbeiterklasse nicht mehr aufrechterhalten kann, geht es zur „faschistischen“ Diktatur über. Wenn Pantisano über die Unterdrückung der Arbeiter spricht, klingt das nicht ohne Grund ganz ähnlich.

 

Relativierung des Nationalsozialismus

Nicht nur, dass nach dieser Definition zwischen Liberalismus und „Faschismus“ keine nennenswerten Unterschiede bestehen – es gibt auch keinen Unterschied zwischen dem italienischen Faschismus und dem Nationalsozialismus, da dieser nichts anderes ist als ein „Faschismus deutschen Schlages“. Dadurch erhält die Pantisano-These, die der neue Linken-Vorsitzende ja im Hinblick auf deutsche Verhältnisse aufgestellt hat, eine noch größere Tragweite. Wenn er im deutschen Kontext von „Faschisten“ spricht, darf man unterstellen, dass er, dem Sprachgebrauch seiner politischen Strömung entsprechend, eigentlich die Nationalsozialisten meinte. Die allgemeine Empörung müsste also eigentlich noch größer sein. Denn neben ihrer beleidigenden Dimension verharmlost Pantisanos Einlassung nicht nur den Faschismus im Allgemeinen, sondern auch den Nationalsozialismus.

Man kann, wenn man will, den Nationalsozialismus unter einen generischen Faschismusbegriff fassen, aber nur, wenn man in der Lage ist, die Unterschiede zwischen ihm und dem italienischen Faschismus oder gar anderen rechtsrevolutionären Bewegungen hervorzuheben. Generische Faschismuskonzepte sind mit Vorsicht anzuwenden, weil die Unterschiede zwischen verschiedenen Bewegungen faschistischen Typs mindestens ebenso zahlreich sind wie die Gemeinsamkeiten. Zu dieser Sorgfalt scheint heute jenseits der Geschichtswissenschaft niemand mehr in der Lage zu sein. Die Faschismus- und Nationalsozialismus-Experten unter den Historikern können angesichts der semantischen und inhaltlichen Gleichgültigkeit, die heute gegenüber historischen Phänomenen herrscht, zu Recht fragen, was all ihre Forschungen eigentlich bewirkt haben.

Mit seriösen Ausführungen darüber, was der italienische Faschismus und der deutsche Nationalsozialismus waren und in welchem Maße es möglich ist, sie gemeinsam unter einen generischen Faschismusbegriff zu fassen, sind unzählige Seiten, ja Bibliotheken gefüllt worden. Man muss nicht all diese Seiten lesen, um zu wissen, was jeder Entscheidungsträger in einer liberalen Demokratie wissen sollte. Dazu gehört, dass Vergleiche immer dazu dienen, Gemeinsames und Trennendes herauszuarbeiten, und dass Vereinfachungen fatale Folgen haben, wenn es um die totalitären und autoritären Bewegungen des 20. Jahrhunderts geht.

 

Der italienische Faschismus als Blaupause

Als Ausgangspunkt aller Vergleiche rechtsrevolutionärer oder rechtsautoritärer Bewegungen und Regime in Europa muss stets der italienische Faschismus dienen – nicht nur, weil der Begriff dort seinen Ursprung hat, sondern auch, weil Mussolinis Bewegung als erste Erfolg hatte. Für andere, auch diejenigen, die in entscheidenden Punkten von ihm abwichen, war der italienische Faschismus eine Art Blaupause. Der italienische Faschismus war eine Form des Ultranationalismus, in dem verschiedene Elemente auf neue Art verbunden wurden: der Kult der Gewalt und des auserwählten Führers, die Nutzung einer Parteimiliz, die Errichtung eines Einparteienregimes mit dem Ziel des totalen Staates, eine vitalistische, gegen den Rationalismus gerichtete Lebensphilosophie, der Wille, einen neuen, revolutionären Menschen zu schaffen, und die vollständige Militarisierung der Gesellschaft. Dazu kommen eine Reihe von Negationen, nämlich: Antiliberalismus, Antikonservatismus, Antibolschewismus. Wo nicht mindestens diese Merkmale vorhanden sind, sollte man nicht von Faschismus sprechen. Das Franco-Regime in Spanien war ebenso wenig faschistisch wie das Salazar-Regime in Portugal. Obwohl es in beiden Staaten faschistische Bewegungen gab, ruhte der autoritäre Staat dort auf anderen Grundlagen.

Die Beschäftigung mit den autoritären oder totalitären Bewegungen und Regimen in der Zwischenkriegszeit erfordert die Fähigkeit zur ständigen Differenzierung. Pelinka hat den Vorschlag gemacht, Mussolinis Italien als „real existierenden Faschismus“ zu bezeichnen, dagegen den Nationalsozialismus als „Faschismus, aber mehr“ und die Kanzlerdiktatur der Christlich-Sozialen im Österreich der 1930 Jahre vor dem „Anschluss“ als „Faschismus, aber weniger“. Das ist eine bedenkenswerte Herangehensweise, die aber letztlich nicht völlig überzeugt. Denn was der sogenannte „Ständestaat“ in Österreich weniger hatte als der italienische Faschismus, war doch so viel weniger, dass man im Hinblick auf den Kern des Regimes nicht von Faschismus sprechen kann. Das Dollfuß- und später Schuschnigg-Regime machte starke Anleihen beim italienischen Faschismus, war aber im Wesentlichen der Versuch der Kräfte eines katholisch-autoritären Konservatismus mit nicht zu rechtfertigenden Mitteln die Machtübernahme der Nationalsozialisten zu verhindern.

 

Beschädigung der politischen Debatte durch historische Ahnungslosigkeit und begriffliche Unschärfe

Auch der Nationalsozialismus passt nicht in das Schema, weil das, was er mehr hatte als der italienische Faschismus, zu weit über diesen hinausging, um ihn einfach unter „Faschismus“ zu subsumieren. Der Nationalsozialismus wies alle oben aufgezählten Elemente auf, war im Kern aber etwas anderes. Der italienische Faschismus war ursprünglich nicht antisemitisch und nur in der zeitgenössischen verbreiteten Form rassistisch, nämlich durch den Glauben an die Überlegenheit der europäischen Völker gegenüber nichteuropäischen Völkern geprägt. Dieser Rassismus herrschte aber auch in liberal-demokratischen Gesellschaften. Der Nationalsozialismus hingegen war von Anfang an im Kern rassistisch und vor allem antisemitisch, und das in einer Form, die zwar aus der völkischen Bewegung hervorging, diese aber überschritt. Der Nationalsozialismus war zum einen durch spezifisch deutsche Entwicklungen geprägt, zum anderen – und das war wichtiger – durch die Person Adolf Hitlers und sein Denken. Der Historiker Klaus Hildebrand hat daher nicht ohne Grund schon in den 1970er Jahren vorgeschlagen, eher vom Hitlerismus als vom Nationalsozialismus zu sprechen, und Karl Dietrich Bracher, Sebastian Haffner sowie Eberhard Jäckel haben ähnliche Ansichten vertreten.

Der Nationalsozialismus zielt, seinem Wesen entsprechend, auf Krieg, auf die Vernichtung der Juden, die Versklavung anderer Völker und die Dystopie der Herrschaft einer imaginierten germanischen Rasse. Sein Ideal ist nicht wie für den Faschismus der Nationalstaat oder ein von einem Nationalstaat beherrschtes Imperium, sondern die Überwindung des Nationalstaats durch die Rassegemeinschaft. Der Nationalsozialismus war ein Phänomen sui generis und sollte auch so behandelt werden.

Besonders schwer zu verstehen ist das eigentlich nicht. Und doch wird das Wesen des Nationalsozialismus in einer breiteren Öffentlichkeit anscheinend nicht mehr verstanden – ebenso wenig wie die Wesensmerkmale des Faschismus im Allgemeinen. Darüber, ob die AfD „faschistisch“ ist, kann man sich streiten. Ihr rechtsextremer Teil scheint, wie man nicht zuletzt am Begriff der „Remigration“ sieht, eher von der völkischen Bewegung als von den intellektuellen Revolutionären von rechts der Weimarer Republik inspiriert zu sein, die oft unter dem unglücklichen Begriff der „Konservativen Revolution“ zusammengefasst werden. Daraus mag jeder seine eigenen Schlüsse ziehen.

Mit Politikern aber, die auch die Union als „faschistisch“ bezeichnen und sich dabei – bewusst oder unbewusst – von den Vorstellungen der Komintern der 1930er Jahre leiten lassen, also von einer mörderischen, aber glücklicherweise gescheiterten Ideologie, wird man eine Diskussion über diese Dinge nur schwer führen können. Die leichtfertige Verwendung historischer Begriffe aus Unwissenheit oder ideologischer Verblendung zerstört die Reste einer zivilisierten Debatte und führt dazu, dass tatsächliche Gefahren für die liberale Demokratie nicht mehr ernst genommen werden. „Democracy Dies in Darkness“ lautet seit 2017 das Motto der Washington Post. Es könnte sein, dass die liberale Demokratie eher im grellen Tageslicht sterben wird.

 

 

Matthias Oppermann ist Abteilungsleiter Zeitgeschichte und stellvertretender Leiter der Hauptabteilung Wissenschaftliche Dienste der Konrad-Adenauer-Stiftung. Er lehrt als außerplanmäßiger Professor Neuere Geschichte an der Universität Potsdam.

 

 

"Geschichtsbewusst" bildet eine Bandbreite an politischen Perspektiven ab. Der Inhalt eines Essays gibt die Meinung der Autorin oder des Autors wieder, aber nicht notwendigerweise diejenige der Konrad-Adenauer-Stiftung.

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