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In der Auseinandersetzung mit den totalitären Ideologien des Nationalsozialismus und Kommunismus formulierten europäische und amerikanische Intellektuelle nach dem Zweiten Weltkrieg ethische und politische Positionen, die nichts an Aktualität eingebüßt haben. Politische und historische Handlungsfreiheit stand im Mittelpunkt der Werke von Denkern wie Raymond Aron, Isaiah Berlin oder Hannah Arendt. Angesichts der weltweiten Krise der freiheitlichen Demokratien erinnert „Geschichtsbewusst“ an die Lehren aus dem 20. Jahrhundert.
Angesichts einer global diagnostizierten Krise des Liberalismus fragen Historiker und Politikwissenschaftler nach dem intellektuellen Erbe liberaler und konservativer Denker des 20. Jahrhunderts. Der Beitrag rekonstruiert die oft missverstandenen Ideen und Überzeugungen der Cold War Liberals zwischen Antitotalitarismus, Wertepluralismus und sozialstaatlicher Verantwortung, lotet ihre ethischen und politischen Grundannahmen aus und fragt nach ihrer Tragfähigkeit für eine Gegenwart, in der Optimismus, Fortschrittsglaube und institutioneller Konsens brüchig geworden sind.
Carl Joachim Friedrich gehört zu den prägenden Politikwissenschaftlern des 20. Jahrhunderts. Mit „Totalitarian Dictatorship and Autocracy“ konzeptionalisierte er mit dem bekannten totalitären „Syndrom“ aus Ideologie, Massenpartei, terroristischer Geheimpolizei, Planwirtschaft sowie staatlichem Nachrichten- und Waffenmonopol eine der einflussreichsten Deutungen totalitärer Herrschaft im Kalten Krieg. Doch Friedrich war weit mehr als ein Theoretiker des Totalitarismus. Sein umfangreiches Œuvre reicht von politischer Ideengeschichte und Konstitutionalismus über Verwaltungswissenschaft und Vergleichende Politik bis hin zu Fragen von Tradition, Autorität und politischer Kultur. Der Beitrag zeichnet den Lebensweg des transatlantischen Gelehrten zwischen Harvard und Heidelberg nach und zeigt, wie seine Totalitarismustheorie aus einem umfassenderen Denken über Gemeinschaft, Verwaltung und die kulturellen Grundlagen politischer Ordnung hervorging. So erscheint Friedrich als ein Denker der politischen Moderne, dessen Werk die Spannungen zwischen Freiheit, Autorität und institutioneller Stabilität auslotet.
Als einer der einflussreichsten liberalen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts trat Wilhelm Röpke früh für eine marktwirtschaftlich fundierte, kulturell verankerte und politisch widerstandsfähige Ordnung des Westens ein. Im Kalten Krieg warnte er vor totalitären Versuchungen – von rechts wie von links – und plädierte für Selbstverantwortung, Föderalismus und wirtschaftliche Vernunft. Konsequent betonte er in seinem Werk den Zusammenhang von politischer und wirtschaftlicher Freiheit.
Erste Ansätze einer politikwissenschaftlichen Betrachtung totalitärer Systeme entstanden seit den 1920er Jahren vor dem Hintergrund des Aufstiegs historisch neuartiger, überaus gewaltbereiter und ideologischer Regime in Italien und Deutschland. Zu den Klassikern der Ideengeschichte des Totalitarismus zählt Hannah Arendt, aber eine ganze Reihe weiterer Autoren leistete im 20. Jahrhundert substanzielle Beiträge zu einer Analyse totalitärer Systeme. Angesichts der in jüngster Zeit weltweit zu beobachtenden Transformation autoritärer zu zunehmend totalitär agierenden Staaten interessiert sich die Forschung mehr und mehr für „Dynamiken der Autokratisierung“ und deren Bedingungsfaktoren.