„Der Ausgangspunkt für dieses Buch war, dass mich der Vergleich der heutigen Zeit mit dem Kalten Krieg ärgert.“ Diesen Vergleich hält Odd Arne Westad „nicht nur [für] vereinfachend und oberflächlich, sondern auch [für] falsch“. Die heutige Zeit gleiche vielmehr dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, da sie zum einen multipolar und zum anderen von ähnlich tiefgreifenden Veränderungen geprägt sei.[1] Angesichts immer neuer, rasch wechselnder internationaler Konstellationen ist es verständlich, dass die Vergangenheit bemüht wird, um die Gegenwart zu verstehen. Dabei gibt es immer noch jene, die, wie Andreas Rödder, an einem bipolar geprägten Weltbild festhalten, dem zufolge sich die liberale Ordnung des Westens gegen die imperiale des Ostens positioniert.[2] Demgegenüber sieht Herfried Münkler – etwas künstlich – mit den USA, China, Russland, Indien und der EU eine neue Pentarchie heraufziehen.[3]
Da die heutige Welt von Großmächte-Konkurrenz, Nationalismus, Populismus und Protektionismus geprägt ist, ähnelt sie Westad zufolge der Staatenwelt vor 1914. Doch während es sich damals um fünf Großmächte in Europa handelte, agieren die führenden Mächte heute weltweit, und die wichtigste Konfliktzone der Gegenwart hat sich, so der Autor, nach Asien verlagert. Dabei zieht er Parallelen etwa zwischen Großbritannien und den USA sowie zwischen Deutschland und China. Im 19. Jahrhundert sei das britische Weltreich die unbestrittene Führungsmacht gewesen, wurde aber nach 1871 in zunehmendem Maße durch das wirtschaftlich und militärisch erstarkende Deutschland herausgefordert, während Großbritannien einen relativen Positionsverlust hinnehmen musste. Ganz ähnlich würden heute die im Abstieg begriffenen USA von China herausgefordert, das zu einer führenden Weltmacht aufgestiegen sei.
Dabei wird freilich einiges ausgeblendet. Die Seemacht Großbritannien hatte im 19. Jahrhundert zwar eine führende, aufgrund ihrer Insellage einzigartige Stellung, aber sie war gleichzeitig Teil der Pentarchie, die ihren außenpolitischen Handlungsrahmen bildete. Anders die USA nach 1991: Nach dem Untergang der Sowjetunion waren in dem über ein Jahrzehnt währenden „unipolaren Moment“ die Vereinigten Staaten die einzige Weltmacht, und erst nach der Jahrtausendwende wurde deutlich, dass ihnen vor allem in China ein neuer Konkurrent erwuchs. Außerdem stieg Deutschland keineswegs „fast aus dem Nichts zu einer der führenden Weltmächte auf“ (S. 25). Preußen, die Keimzelle des Deutschen Reiches von 1871, war zwar lange Zeit die geringste unter den fünf Großmächten, hatte aber seit 1815 eine unangefochtene Stellung in der Pentarchie, während China aufgrund der maoistischen Experimente bis in die 1970er Jahre hinein ein weitgehend isoliertes Entwicklungsland war. Zwei weitere Analogien sind ebenfalls fragwürdig: zum einen die Parallelisierung der autoritären Züge des Kaiserreichs mit der chinesischen Parteidiktatur und zum anderen das sowohl China als auch Deutschland unterstellte, unaufhaltsame Streben nach Vorherrschaft in Asien beziehungsweise in Europa. Dabei werden zum einen die zunehmende Parlamentarisierung des Kaiserreichs sowie dessen föderale Struktur und zum anderen die keineswegs erfolglosen Schritte Bismarcks, das als saturiert erklärte Reich in das europäische Staatensystem zu integrieren, vernachlässigt. Auf ähnlich fragwürdige Parallelisierungen zwischen Frankreich und dem heutigen Indien (wegen des umstrittenen Besitzes von Elsass-Lothringen damals und der umstrittenen Grenzgebiete im Himalaya heute) sowie zwischen Österreich-Ungarn und dem heutigen Russland (wegen des deutsch-österreichischen Zweibundes damals und der informellen Allianz von Peking mit Moskau heute) sei nur en passant verwiesen.
Westad macht mit einem gewissen Recht die Ängste und Ressentiments der Großmächte vor 1914 als tiefer liegende Ursachen für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs aus. Er konzentriert sich jedoch vor allem auf Ängste vor einem wirtschaftlichen Niedergang und deren machtpolitischen Konsequenzen. Das Ziel dieser Darstellungsweise ist durchschaubar: Damit sollen die Parallelen zur heutigen Zeit besser aufgezeigt werden können, insbesondere wenn Asien ins Zentrum der Betrachtung gerückt wird, das lange Zeit sehr viel stärker von wirtschaftlichem als militärischem Dominanzstreben geprägt war. Die massive Aufrüstung Chinas und die Bedrohung seiner Nachbarstaaten ist hingegen erst ein Phänomen der jüngsten Vergangenheit. Zwar beschreibt er auch die Militärstrategien der heutigen Großmächte; dass diese aber „gewisse Ähnlichkeiten mit denen des frühen 20. Jahrhunderts“ aufweisen (S. 139), wird indes nicht weiter erläutert. Demgegenüber kommt zu kurz, dass sich die Sorgen der Großmächte zu Beginn des 20. Jahrhunderts vor allem auf militärische Bedrohungen und feindliche Koalitionsbildungen richteten. Deutschland konnte sich aufgrund der französisch-russischen Entente eingekreist fühlen und Frankreich im Bündnis mit Russland Sicherheit vor Deutschland suchen. Außerdem sah sich Großbritannien als führende Seemacht durch den rasanten Aufbau einer deutschen Hochseeflotte elementar herausgefordert. Auch wenn China, wie Westad schreibt, durch Aktivitäten der USA in seinen Nachbarstaaten eine Einkreisung fürchten sollte und zu deren Verhinderung sein Bündnis mit Russland pflegt, gleicht die Welt von 1914 mit ihren festgefügten Bündnissystemen der heutigen, sehr viel fluideren internationalen Situation kaum.
Im letzten Kapitel schildert Westad, ausgehend von der Analyse der internationalen Konstellation des Jahres 1914 mit einem Schwerpunkt auf der Entwicklung von der Julikrise bis zum Kriegsausbruch die zahlreichen heutigen, weitaus gefährlicheren Konfliktregionen: „Der Konflikt um Taiwan ist ein wenig wie Elsass-Lothringen, Bosnien und Belgien auf einmal.“ (S. 178) Dabei unternimmt er eine lehrreiche Tour d’horizon von Taiwan über Korea, das südchinesische Meer, die Himalaya-Region, die Ukraine bis zum Nahen Osten. Über diese umstrittenen Gebiete hinaus verweist er auf ein Problem, das 1914 bestand und sich heute noch verschärft hat. Damals wurde aufgrund von rigiden militärischen Mobilmachungsplänen in Verbindung mit einer „Kultur der Offensive“ die Zeit, in der auf diplomatischem Wege eine Deeskalation herbeigeführt werden konnte, immer knapper. Heute reduzieren die „Geschwindigkeit der Kommunikations- und Nachrichtenzyklen und die Wirksamkeit der Waffen des 21. Jahrhunderts […] nicht nur die Zeit, die für Entscheidungen zur Verfügung steht, immer mehr, sondern verstärken auch das Misstrauen und die Angst in Bezug auf das, was andere tun können.“ (S. 223)
Die Lehren, die er abschließend zieht, um heute einen Weltkrieg zu verhindern, sind – notwendigerweise – sehr allgemein gehalten. Sie lauten etwa, dass Abschreckung im Allgemeinen funktioniert, dass Verteidigungsbündnisse sinnvoll sein können, dass Kommunikationsverbindungen zwischen den Führern der Großmächte bestehen müssen und dass lange ungelöste regionale Konflikte „Pulverfässer sein können, die einen Weltbrand entfachen“ (S. 242). Dem ist sicher zuzustimmen. Ein Blick auf die Zeit vor 1914 schärft sicher auch unser Bewusstsein dafür, dass es sich dabei um sinnvolle Maximen handelt. Aber ist er dafür unbedingt notwendig?
Vor diesem Hintergrund stellt sich noch einmal die Frage, inwieweit uns die Parallelisierung der heutigen Welt mit derjenigen vor 1914 weiterbringt. Zweifellos ist Westad zuzustimmen, wenn er die gegenwärtige internationale Situation als multipolar bezeichnet, in deren Problemzonen Gefahren für den Weltfrieden lauern. Aber mit zahlreichen einzelnen Analogien geht er in die Irre. Das liegt daran, dass er die grundsätzlichen Unterschiede der verglichenen Konstellationen in ihren Ursprüngen nicht genügend berücksichtigt. Die Welt vor 1914 beruhte auf dem seit dem 18. Jahrhundert bestehenden internationalen Mächtesystem, dessen Gestalt sich infolge der napoleonischen Kriege 1815 und dann wieder infolge der Reichsgründung von 1871 zwar wandelte, das aber in seinen Grundzügen starke Kontinuitäten aufwies. Ganz anders die Situation nach 1991: Damals ging die bipolar organisierte Welt des Kalten Krieges durch den Untergang der Sowjetunion zu Ende, um in den Jahrzehnten seither einem neuen, multipolaren System zu weichen, das mit dem des 19. Jahrhunderts nichts mehr gemein hat. Das heutige internationale System ist bei aller Multipolarität auch noch von den Zusammenschlüssen aus der Zeit nach 1945 geprägt, im transatlantischen Bereich von der NATO und in Europa von der EU. Die NATO scheint zwar angesichts einer Führungsmacht unter einem unberechenbaren Präsidenten an Wert zu verlieren, aber sie ist, etwa durch den Beitritt Finnlands und Schwedens auch stärker geworden. Und auch die EU sollte trotz all ihrer Probleme nicht vorschnell abgeschrieben werden. Als Staatenbünde stellen sie Ordnungsfaktoren dar, die auch in einem grundsätzlich multipolaren System Stabilitätsfaktoren darstellen.
Insgesamt haben Westads Überlegungen gewisse Schwächen hinsichtlich der historischen Analogiebildung. Hervorzuheben sind indes seine Gegenwartsanalysen, die konsequent den asiatischen Schauplatz in den Mittelpunkt rücken und die Europäer darauf aufmerksam machen, dass dort aller Wahrscheinlichkeit nach in Zukunft über Krieg und Frieden entschieden wird.
Hermann Wentker leitete von 1998 bis 2026 die Forschungsabteilung Berlin des Instituts für Zeitgeschichte.
Anmerkungen:
[1] So Westad in einem Interview: In der Thukydides-Falle, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.4.2026, S. 10.
[2] Andreas Rödder: Der verlorene Frieden. Vom Fall der Mauer zum neuen Ost-West-Konflikt. München 2024.
[3] Herfried Münkler: Welt in Aufruhr. Die Ordnung der Mächte im 21. Jahrhundert. Berlin 2023.