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Rezension

Francis Fukuyama: Der letzte Mensch. Wohin steuert die Welt?

von Prof. Dr. Hans Jörg Hennecke

Was kommt nach dem „Ende der Geschichte“ und nach dem „letzten Menschen“? Rückzugsgefechte eines heimatlosen Großintellektuellen

Francis Fukuyama: Der letzte Mensch. Wohin steuert die Welt? Hoffmann und Campe. Hamburg 2026.

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Man kann darüber streiten, ob es ein genialer Marketing-Coup war oder ob es nicht eher eine intellektuelle Tragik auslöste, dass der 36-jährige Francis Fukuyama im Sommer 1989 einen Essay über die Zukunft der liberalen Demokratie mit dem Titel „Das Ende der Geschichte?“ überschrieb. Als wenige Wochen später die Berliner Mauer und mit ihr die Idee des Sozialismus zusammenbrach, wurde sein Slogan zum Soundtrack der Demokratisierungserwartungen der 1990er Jahre, vor allem seitdem er in einer erweiterten Buchfassung aus dem Jahre 1992 das wichtige Fragezeichen weggelassen hatte und noch eine weitere apodiktische Deutung hinzufügte: „The End of History and the Last Man“ (übersetzt als „Das Ende der Geschichte: wohin steuern wir?“).  Die steile These zahlte sich für Fukuyama durch schlagartigen Ruhm aus. Aber sie verfolgte ihn auch zeitlebens.

Nach 1989 stand Fukuyama nicht allein mit der Auffassung, dass es keine belastbare Alternative zur liberalen Demokratie mehr gebe. Ganz so simpel, wie ihm eilige Leser oder unbelesene Kritiker vorwarfen, war Fukuyamas Blick nach vorne freilich nicht. Die bei Hegel entliehene Formulierung vom „Ende der Geschichte“ vernebelte ebenso wie die von Nietzsche übernommene Formulierung vom „letzten Menschen“, dass auch für Fukuyama noch vieles in der Geschichte möglich war. Zum einen hielt er es für denkbar, dass die Ordnungsfunktionen der liberalen Demokratie durch Fehlentscheidungen erodieren. Zum anderen sah er ein Problem darin, dass die liberale Demokratie im nüchternen Bereitstellen von Freiheit und Wohlstand Begeisterung und Aufopferungsbereitschaft ihrer Bürger nicht mehr aktivieren könnte und dass ihre Mobilisierungs- und Integrationskräfte nachlassen könnten. Wenn Fukuyama vom „letzten Menschen“ sprach, so meinte er damit einen Zustand der Ermattung, Langeweile und Antriebslosigkeit, den die liberale Demokratie, wenn sie erfolgreich ist, hervorbringt. Das natürliche Bedürfnis nach Zugehörigkeit, Stolz und Anerkennung, das Fukuyama mit Platon im „Thymos“ des Menschen verortet, werde dann nur noch unzulänglich befriedigt. Diese „Verflachung der Horizonte“ rufe antiliberale, populistische Bewegungen auf den Plan – so seine vielfach variierte und wiederholte Grundthese.

Seit dem Epochenjahr 1989 sind inzwischen mindestens zwei weitere politische Generationen in die Geschichte eingetreten, und viel ist passiert, was an der Unerschütterlichkeit der liberalen Demokratie zweifeln lässt. Wer also von Fukuyamas neuem Buch – im Amerikanischen mit eschatologischer Wucht als „In the Realm of the Last Man“ betitelt – eine grundlegende Reflexion und Aktualisierung seiner Großthese erwartet, wird allerdings enttäuscht. Es handelt sich nicht um einen stringenten theoretischen Traktat, sondern um eine intellektuelle Autobiographie, die ausgesprochen locker, persönlich und episodenhaft daherkommt.

Das Buch bietet spannende, stellenweise unterhaltsame Facetten: die Vorgeschichte seiner japanischen Familie, ein wenig politikwissenschaftlichen „Tratsch“ über teils liebenswürdige, teils skurrile Persönlichkeiten im Dunstkreis der Politikwissenschaft und Philosophie, Rückblicke auf Gesprächstermine bei Muammar al-Ghaddafi, nicht zuletzt auch die Schilderung von einigen handwerklichen Übungen im Möbelbau, in der Messerschleiferei oder in der Fotografie, denen Fukuyama im Sinne von Matthew Crawfords Parole „Ich schraube, also bin ich“ phasenweise mit großer Leidenschaft nachging. Man erfährt auch einiges über die intellektuellen Einflüsse, zu denen Samuel Huntington, Leo Strauss, Alexandre Kojève und M. Seymour Lipset zählten. Eine besondere Würze bekam dieses intellektuelle Leben, weil es sich nicht nur im akademischen Elfenbeinturm zutrug und zielstrebig auf eine Professur für Ideengeschichte zulief, sondern Fukuyama auch einige Male in Think Tanks, politische Apparate und in die Nähe der Macht führte. In einem neokonservativen Milieu beheimatet, erzählt Fukuyama auch eine Geschichte der intellektuellen Vereinsamung und Heimatlosigkeit in der Folge der politischen Wetterwenden. So führte der Irak-Krieg 2004 zum außenpolitischen Bruch mit seinem bisherigen Umfeld, und mit der Finanzmarktkrise 2008 rückte Fukuyama von bisherigen marktwirtschaftlichen Überzeugungen ab und driftete wirtschaftspolitisch nach links. Zugleich blieb er aber ein überzeugter Kritiker von Identitätspolitik, von Poststrukturalismus, Postmodernismus, Multikulturalismus oder Dekonstruktivismus, wie sie im links dominierten Universitätsmilieu üblich waren. Hochangesehen saß er irgendwann zwischen allen Stühlen.     

In verschiedenen Episoden eingestreut und ganz zum Ende hin setzt sich Fukuyama mit seiner Sicht auf die liberale Demokratie und mit den vielen Kritikern an seiner These vom „Ende der Geschichte“ auseinander. Hier kommen viele wichtige und treffende Zeitdiagnosen zusammen: Fukuyama betont die Bedeutung des Sozialkapitals und des Vertrauens in modernen Demokratien. Er beklagt die Neigung zur „Vetokratie“, also die Unfähigkeit, notwendige Reformen auch gegen populären Widerstand durchzusetzen. Er kritisiert den wachsenden „Verfahrensfetischismus“, der zu einem Überborden und Lähmen der Staatstätigkeit führt und die Legitimation der liberalen Demokratie untergräbt. Er weist auf der anderen Seite mit dem Schlagwort der „Repatrialisierung“ auf die Gefahr hin, dass die regelgebundene Verwaltungstätigkeit auch in Demokratien durch Korruption und Günstlingswirtschaft ersetzt werden kann. Sein Plädoyer für einen „Realismus der Mittel“ kann auch als Warnung vor einer allzu naiven, idealistischen Außenpolitik von Demokratien gelesen werden. Auch hinter dem, was er mit Nietzsche als „letzten Menschen“ bezeichnet, steckt eine richtige Beobachtung: Die liberale Demokratie führt, wenn sie erfolgreich ist, in eine saturierte, risikoscheue, ziellose Gesellschaft. Sie weckt keine Begeisterung und Leidenschaft, und ihr Pluralismus und Relativismus kann es schwer machen, für Zuwanderer orientierende Identitäts- und Integrationsangebote zu machen. Vor allem ist sie einer Renaissance von Identitätspolitiken von links und rechts ausgesetzt, die sich nur in ihrem Antiliberalismus einig sind.

Das sind treffende Beobachtungen eines Intellektuellen, der fest in der politischen Mitte verwurzelt ist und von kritischer, realistischer Sympathie für die Demokratie angetrieben ist. Aber seine Perspektive hat auch Schwächen.

Erstens führt Fukuyama selbst so viele Beispiele dafür ins Feld, dass liberale Demokratien scheitern oder entarten können, dass die These vom „Ende der Geschichte“ schließlich sehr hohl wirkt. Auch Fukuyama sitzt als Zeitzeuge seiner Gegenwart, wie es der Historiker Karl Schlögel unlängst treffend bezeichnete, auf einer „Sandbank“, und es spricht wenig dafür, dass ausgerechnet er selbst den festen Boden unter den Füßen gefunden hat. Solche hegelianischen Historizismen, die vom Angelpunkt der Gegenwart aus selbstgewiss alles Vergangene und Künftige erklären, machen großen Eindruck auf orientierungslose Zeitgenossen, aber am Ende ist man gut beraten, gegenüber solchen tönenden Parolen skeptisch zu bleiben und sich auf die Offenheit und Unvorhersehbarkeit der kulturellen Evolution einzustellen, Rückschritte und Katastrophen eingeschlossen. Im Grunde verdunkelt Fukuyama mit seiner ideenhistorisch hergeleiteten Rhetorik den Blick auf seine nüchterne, realistische und in vielerlei Hinsicht treffende Zeitdiagnostik. 

Zweitens ist sein Bild von der liberalen Demokratie eigenartig diffus. Das mag daran liegen, dass er sowohl Hobbes, Hegel und Rousseau als Begründer des Liberalismus sieht und auch der liberal-totalitären Ambivalenz der Französischen Revolution kaum Beachtung schenkt. Man gewinnt bei Fukuyama den Eindruck, dass die politische Modernisierung recht geradlinig im Sinne eines Zugewinns an Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichberechtigung verläuft. Dass es innerhalb dieser Begriffe große Zielkonflikte gibt und sich Demokratien beispielweise erheblich darin unterscheiden können, ob sie die Gesellschaft eher marktwirtschaftlich ordnen oder eher planwirtschaftlich steuern, spielt bei ihm keine allzu große Rolle. Letztlich bleibt Fukuyamas Verständnis einer liberalen Ordnung zu schwammig und konsensorientiert.

Das führt zu einem dritten Punkt: Viel Neues zur Zukunft der liberalen Demokratie enthält Fukuyamas autobiographisches Werk nicht, seine Prognosen und Warnungen über die Gefährdungen der liberalen Demokratie hat er in Grundzügen schon zu Beginn der 1990er Jahre ausgeführt. Er wirft wichtige Fragen auf, kann aber im Grunde keine Antworten oder Handlungsstrategien benennen: Wie können liberale Demokratien in einer pluralistischen Gesellschaft Identität und Integration anbieten, damit es eben nicht zu antiliberalen Gegenbewegungen von Populismus, Fundamentalismus oder Kollektivismus kommt? Wie sichern liberale Demokratien ihre Fähigkeit, bei aller Wertgebundenheit eine realistische Außenpolitik zu betreiben und vorhandene Sicherheitsbedrohungen rechtzeitig ernst zu nehmen? Wie lässt sich gewährleisten, dass liberale Demokratien die Kraft zu rechtzeitigen Reformen besitzen, um der Selbstüberforderung entgegenzuwirken? Wie lässt sich der galoppierende Trend der wuchernden Bürokratie und der überzogenen Steuerungsansprüchen stoppen und umkehren? Fukuyama benennt etliche Gefahren und Selbstgefährdungen der liberalen Demokratie, eine verfassungspolitische oder ökonomische Reformagenda von konzeptioneller Klarheit hat er allerdings nicht zu bieten. Dabei käme es darauf derzeit besonders an, um die Selbstbesinnung und Selbstbehauptung der liberalen Demokratie nicht nur gegen erklärte Feinde, sondern auch gegen falsche Freunde zu unterstützen.

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