Die Germanistik entstand im 19. Jahrhundert als Literaturwissenschaft in enger Verbindung mit der nationalliberalen Bewegung und Nationalgeschichtsschreibung. Helmuth Kiesel (*1947) steht in dieser Tradition und ist schon lange dafür bekannt, die „deutschsprachige“ Literatur sozialwissenschaftlich fundiert auch als vielstimmige Reflexion der Nationalgeschichte zu lesen und im souveränen, stilistisch glänzenden Überblick synoptisch zu erfassen. In den 1980er Jahren las man im Studium bereits den Kiesel / Münch (Gesellschaft und Literatur im 18. Jahrhundert, München 1977). Damals publizierte Kiesel u.a. Monographien zur „literarischen Hofkritik“, zu Erich Kästner und Alfred Döblin. Später traten u.a. Monographien und wegweisende Editionen zu Ernst Jünger hinzu, die den literarischen Rang Jüngers auch als Blick in die Werkstatt herausstellten. Allzu verkürzt wurde Kiesel deshalb gelegentlich auf die Rolle des Jünger-Forschers festgelegt. Schon 2004 publizierte er, seit 1990 Ordinarius in Heidelberg, aber auch eine vorzügliche Geschichte der literarischen Moderne, die diese Avantgarde soziologisch abgeklärt als „reflektierte Moderne“ (dazu 2025, 33ff.) begriff und paradigmatisch insbesondere an Alfred Döblin, Berthold Brecht und Gottfried Benn exemplifizierte. Damit hatte Kiesel sich eine Aufgabe gestellt oder ein Projekt formuliert, das er 2017 und 2025 in zwei magistralen Bänden als Geschichte der deutschsprachigen Literatur von 1918 bis 1933 und jetzt 1933 bis 1945 in stupender Kenntnis der primären und sekundären Quellen realisierte. Wer nur einige Blicke in diese Werke wirft, wird sogleich den Unterschied ums Ganze zur heutigen Wiki- und KI-Literatur erkennen: Hier steht alles aus erster Hand mit souveränem Überblick und Urteil. Die „deutschsprachige Literatur“ der „klassischen“ Moderne findet hier ihre ästhetisch wie politisch ausgewogene Gesamtwürdigung. Das Fach muss Autor und Verlag dankbar sein, dass sie durchhielten und diese Trilogie der literarischen Moderne noch im Gutenberg-Format realisierten.
Schreiben in finsteren Zeiten zitiert Brechts Gedicht An die Nachgeborenen, aus dem Jahr 1939, im Titel wie als Motto. Kiesel analysiert und präsentiert den „Spiegel der Literatur“ im Clash einer dissonanten Vielstimmigkeit und Verdüsterung, die viele Autoren auch jenseits existentieller Gefährdungen und Lebenslagen ins Verstummen und Schweigen zwang. Bei Brecht finden erst die „Nachgeborenen“ wieder zur Sprache. Für heutige Historiker sind diese verdichteten Spiegelungen der finsteren Zeit eine Quelle und Mahnung ersten Ranges. Kaum ein anderes Buch eignet sich für den Einstieg, die ständige Anregung wie Rückbetrachtung so wie Kiesels konzentrierte Überblicksdarstellung. Jeder wird Anregungen finden und Entdeckungen machen; es ist ein ebenso beklemmendes wie anregendes Buch der Bücher.
Historiographische Erfassungsbreite
Einleitend schreibt Kiesel zum Vorhaben: „Die vorliegende Literaturgeschichte ist […] von der Absicht geleitet, die literatur- und zeitgeschichtlich interessanten, also in bestimmter Hinsicht repräsentativen und aufschlussreichen Texte in möglichst großer Breite zur Geltung zu bringen. Die Kriterien der literarischen und ethischen Dignität werden dabei nicht etwa ignoriert, aber zugunsten historiographischer Erfassungsbreite zurückgestellt.“ (S. 27) Kiesel schätzt die Zahl der einschlägigen Autoren auf etwa 20.000, von denen etwa 2.500 ins Exil gingen. Etwa 4.000 Titel jährlich seien bis 1945 erschienen, von denen Kiesel einen hohen Anteil aus eigener Lektüre berücksichtigt. Er urteilt vorurteilsfrei jenseits aller Lager: „Die vorliegende Übersicht konzentriert sich auf die dichterisch herausragende und zeitgeschichtlich aufschlussreiche Literatur. Die komplette Unterhaltungsliteratur (einschließlich der Kriminalromane) bleibt unberücksichtigt.“ (S. 28) Am Ende der Einleitung findet sich der schlichte stolze Satz: „Die Charakteristik der Werke erfolgt durchweg auf der Basis eigener Lektüre.“ (S. 44) Der Leser hat keine Zweifel und kann es kaum fassen.
Kiesels zeitgeschichtlicher Fokus führt zu einer chronistischen Anlage, die durch diverse Untergruppen differenziert ist. So finden sich Kapitel zu einzelnen literarischen Gattungen, Themen oder Genres wie „Thingspiel“ und „Bauern- und Dorfroman“, zur Darstellung moderner Technik, lokalen Differenzierung (Österreich, Schweiz und auch Grenz- und Auslandsdeutschtum) oder auch bestimmten Autorengruppen (Literatur von Frauen, Jüdische Literatur u.a.), was jeweils kategorial erläutert wird. Dominant ist aber die zeithistorische Linienführung. So schreibt Kiesel große Kapitel zur literarischen Spiegelung der „Machtergreifung“ sowie weiteren Stationen der NS-Geschichte und Diskriminierungspolitik. Fast alles thematisierte damals bereits die „fiktionale“ Literatur, was heute geschichtswissenschaftlich objektiviert wird. Kiesel urteilt lagerübergreifend und setzt moralische oder politische Kriterien nicht mit ästhetischen Qualitätsurteilen gleich. Er präferiert also kein einzelnes Lager und stellt die Emigrations- und Exilliteratur nicht etwa pauschal über Autoren, die in Deutschland verblieben und publizierten. Dabei schreibt er ohne revisionistischen Ton und Impetus, rüttelt nicht am Kanon. Auch ihm sind Döblin und Brecht, Heinrich, Thomas und Klaus Mann, Stefan Zweig, Feuchtwanger und manche andere die „Klassiker“ dieser „finsteren“ Zeit. Ernst Jünger würde er wohl hinzufügen. Daneben kennt er nicht nur beachtliche „neutrale“ Autoren diverser Couleur, sondern selbst innerhalb der nationalsozialistischen oder irgendwie NS-affinen Literatur lesenswerte Stimmen. Literatursoziologisch blickt er auf Voraussetzungen des Literaturbetriebs und die Politisierung im Nationalsozialismus wie im Exil.
Eindrucksvolle Nachzeichnung von Werken und Schicksalen
Dramatiker hatten es schwer: Es gab keine Bühnen mehr, die neue Stücke für ein größeres Publikum spielen konnten. Lyrik und Epik wie auch die Essayistik waren aber weiter produktiv, wobei vieles – im „Reich“ wie im Exil – jedoch unpubliziert blieb, keinen Verlag fand und teils erst in jüngster Zeit posthum entdeckt wurde, vieles wohl auch heute noch der Entdeckung harrt. Viele Werke und Autorenbiographien referiert Kiesel prägnant, vieles ist erschütternd. Er zitiert eindrucksvolle Beispiele, insbesondere Lyrik, teils eingehend, und geht in jedem Referat analytisch weit über Wikipedia-Stil hinaus. Oft sammelt und listet er Gruppen und Schicksale. Dabei unterscheidet er diverse Funktionen von Literatur: Dienst am „Volk“, an der „Partei“ und „Einheitsfront“, Trost oder Appell, Aufruf zum Widerstand und anderes mehr, und prägt mehr oder weniger beiläufig zahlreiche kategorisierende Begriffe, die weiter diskutiert werden könnten. Auch in der nationalsozialistischen Literatur entdeckt er manche irritierende Befunde, etwa zur Rolle der Frauen oder Lage der Bauern, die Historiker interessieren sollten.
Der Stalinismus war nicht nur für das Moskauer Exil ein Problem. Die Exilliteratur litt insgesamt unter dem Zwang zur Parteinahme und sowjetischen Vorgaben, wie sich etwa in Fragen des Widerstands, der Volksfront oder auch zum Spanienkrieg zeigte. Nur der oft auf Aktualitäten anspielende „historische Roman“ hatte damals eigentlich noch ein breiteres Publikum und wurde deshalb, mit diversen Tendenzen, weiter gepflegt. Kiesel erinnert an Döblins Amazonas-Trilogie sowie die Tetralogie über die November-Revolution, aber etwa auch an Reinold Schneiders „antirassistische Erzählung“ Las Casas. „Wie im August 1914 gab es auch im Herbst 1939 eine literarische Mobilmachung“ (S. 1171), schreibt Kiesel. Sie fand aber kaum noch zur großen Form. Einige Exilautoren waren in den USA erfolgreich, andere schlugen sich in Hollywood irgendwie durch oder schrieben für die sowjetische Propaganda. Carl Zuckmayers Drama Des Teufels General, 1946 uraufgeführt, gehört zu den bedeutendsten Problemstücken, die nach 1945 wirksam blieben. Heinrich Manns Roman Lidice (1943) war im satirischen und filmischen Gestus – auch nach dem Urteil Thomas Manns – nicht sonderlich geglückt. Theodor Plieviers Stalingrad, vor Kriegsende in einer Moskauer Zeitschrift erschienen, hat dagegen einige „erzählerische Wucht“. Aus den Konzentrationslagern und Gefängnissen sind vor allem Gedichte überliefert. Kiesel würdigt hier auch Albrecht Haushofers Moabiter Sonette als „einzigartige Selbstanklage“ (S. 1275) eines deutschen Diplomaten im Widerstand. Kiesel schließt mit literarischen Abgesängen und Abrechnungen, wie Manns Doktor Faustus, sowie einigen Überlegungen zu den neuen Fronten und polemischen Auseinandersetzungen um die „innere Emigration“ und nachfolgende „Kahlschlag“-Literatur der frühen Bundesrepublik. Thomas Manns „Totalverwerfung“ der „innerdeutschen“ Literatur nennt Kiesel „nicht gerecht“. Ein epilogisches Buch über die Nachkriegsliteratur und den Neuansatz in der Bundesrepublik wäre von ihm noch zu wünschen.
Literarische Stimmen bezeugen den Zivilisationsbruch
Nach 1945 gab es einige Kontroversen um die Teilnehmer- und Beobachterperspektive und Kompetenz zeitgeschichtlicher Forschung, engagiert wie distanziert beschreiben und urteilen zu können. Literatur verbindet die sachliche Beschreibung stets mit der individuellen Stimme des Autors. Der Literaturwissenschaftler begreift, wie intensiv Dichtung die finsteren Zeiten in allen Farben und Brechungen individuell erfasste. Kiesels Sondierung der Zeugnisse ist deshalb ein ernstes Memento und eine starke Anregung für die Geschichtswissenschaft, die ex post, in akademischer Orientierung, an den differenzierten Erfahrungen und reflexiven Verdichtungen der Zeitzeugen vorbeizugehen droht. Schon Aristoteles stellte das humane Zeugnis der Dichtung einst über einen historischen Enzyklopädismus, der nicht zum Urteil und Begriff gelangt. Abschließend seien statt einzelner Hervorhebungen aber nur Kiesels Schlusssätze zur Literatur der finsteren Jahre bis 1945 zitiert: „Wenn sie denn eine ‚Episode‘ war, dann eine mit kulturellen, sozialen und bewußtseinsgeschichtlichen Verwerfungen von derart erschütternder Wucht, dass die historische, politische und ethische Reflexion notwendigerweise immer wieder auf diesen ‚Zivilisationsbruch‘ und die Bedingungen seiner Ermöglichung zurückgeworfen wird. Die Literatur dieser Zeit bietet dieser Reflexion in scharfsichtigen Darstellungen und bewegenden Geschichten, dichten Problembeschreibungen und unvergesslich prägnanten Formulierungen vielfältiges Anschauungsmaterial und vielerlei Einsichten, die in anderen Quellen nicht zu finden sind.“ (1316)
Prof. Reinhard Mehring ist Politikwissenschaftler und Philosoph, von 2007 bis 2025 lehrte er Politikwissenschaft an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg.