Philip Manow hat sich in den vergangenen Jahren als einer der originellsten politikwissenschaftlichen Denker profiliert. Denn er beantwortet Fragen nach dem Aufkommen populistischer Bewegungen und der „Krise der Demokratie“ jenseits der moralisierenden Selbstbestätigung einer selbsterklärten „Mitte“, die in Populisten vor allem kulturell und/oder ökonomisch abgehängte „Beklagenswerte“ erkennt, die auf autoritäre Lösungen hoffen. Manow hingegen interpretiert (auf der Grundlage sozialstatistischer Auswertungen von politisch-inhaltlichen Positionierungen) die Entwicklungen im europäischen Parteiengefüge als eine „doppelte Transformation“ (S. 138) entlang zweier Konfliktlinien und auf zwei Ebenen.
Die erste Ebene ist die gesellschafts- und verteilungspolitischer Konfliktlinien. Die gesellschaftspolitische Linie trennt Vorstellungen von Diversität und Homogenität, man kann auch sagen: zwei Geschlechter versus Selbstbestimmung. Die verteilungspolitische unterscheidet Marktwirtschaft und Freihandel gegenüber Sozialstaat und Umverteilung. In einer klassischen Links-Rechts-Konstellation steht die reformerische Linke für Diversität und Umverteilung, für Gleichheit und Emanzipation gegenüber einer gemäßigten Rechten oder rechten Mitte, die für zwei Geschlechter und Marktwirtschaft, wirtschaftliche Freiheit und Sicherheit eintritt. Man kann diese Positionen aber auch anhand einer anderen Konstellation sortieren, und zwar von Schließung und Öffnung. Dann stehen zwei Geschlechter, Umverteilung und Nationalstaat für geschlossene Vorstellungen, Selbstbestimmung und Freihandel, Einwanderungsgesellschaft, transnationale Institutionen und supranationale Bindungen demgegenüber für offene.
Damit kommen die Ebene der EU und die Dimension von Nationalstaat und Transnationalisierung ins Spiel.[1] Die Europäische Union steht für eine „Öffnung der Märkte und der Identitäten“ (Andreas Reckwitz) auf Kosten nationaler Selbstregierung. Damit positioniert sie sich gesellschaftspolitisch links und verteilungspolitisch rechts. Da in den proeuropäischen Eliten der politischen Mitte ein breiter proeuropäischer Konsens herrscht, herrschte kein politischer Wettbewerb an dieser Konfliktlinie, die sich als neue Hauptachse des Konflikts herausstellte. Denn dass sich die Sozialdemokratie dem europäischen Wettbewerbsrecht und die Christdemokratie den Vorstellungen gesellschaftlicher Diversität beugte, eröffnete den Raum für eine neue politische Konfiguration: die neurechten Bewegungen gegen die Migrations- und die Wettbewerbspolitik der EU, zugunsten von Migrationsstopp und Sozialprotektionismus – etwas vereinfacht, aber erhellend formuliert: gesellschaftspolitisch rechts und verteilungspolitisch links.
Alles in allem interpretiert Manow den neurechten Populismus als Wiedergänger des Transnationalismus und seines politisch-kulturellen Großprojekts der Öffnung, auf der Ebene der Europäischen Union und durch eine uniforme politische Mitte, die durch die Stillstellung des Parteienwettbewerbs an dieser Konfliktlinie das Demokratieprinzip des Wechsels ausschaltete. In der Verbindung mit der nationalen Ebene politischer Konfliktlinien spielt die europäische Integration eine entscheidende Rolle, insofern sich die europäischen Bindungen sowie eine zunehmende Verrechtlichung der Politik zu Lasten nationaler politischer Entscheidungsfreiheit auswirken. Gerade vergemeinschaftete und stark verrechtlichte Themen wie Währung, Migration und Grenzen, Green Deal, ESG und EU-Taxonomie und gesellschafspolitische Regulierungen stellten sich als Triggerpunkte der politischen Auseinandersetzungen und als Katalysatoren für die Formierung der neuen Rechten in den 2010er Jahren heraus.
Man mag kritisieren, dass die Darstellung zu Redundanzen neigt, und dass die Konfiguration der Konfliktlinien und der Ebenen arg pauschal ausfällt (in der SPD gab es immer einen starken sozialinterventionistischen und in der Union einen migrationskritischen Flügel, und auch die neurechten Bewegungen sind von Geert Wilders bis Björn Höcke ideologisch nicht homogen). Gerade deshalb aber ist Manows Erklärung anregend provokativ und luzide; beispielsweise lässt sich die Nähe zwischen AfD und BSW auf diese Weise analytisch deutlich besser verstehen. Mit einem originellen Sinn für historisch-politische Widersprüchlichkeiten und Ambivalenzen – zum Beispiel den Zusammenhang von Transnationalisierung und Entdemokratisierung – eröffnet Manow den Blick auf eine übergreifende Dimension der verwirrenden aktuellen Entwicklungen, und er verweist jenseits moralisierender Verdikte der „Europafeindlichkeit“ auf die demokratiepolitisch gebotene Einforderung nationaler Entscheidungshoheit gegenüber transnational-europäischen Vorgaben.
Manows politikwissenschaftliche Thesen – eine neue Kombination aus verteilungspolitisch linker und gesellschaftspolitisch rechter Orientierung als Reflex auf die Hegemonie einer parteipolitisch stillgestellten Mitte im Zeichen der transnationalen Öffnung und vor dem Hintergrund einer entdemokratisierenden Europäisierung – haben es politisch in sich. Mit politischen Konsequenzen freilich hält er sich, darin ganz analytischer Politikwissenschaftler, dezent zurück. Man könnte an dieser Stelle auf die Studie von Mark Leonard vom European Council on Foreign Relations über „The new right: Anatomy of a global political revolution“ vom Februar 2026 verweisen [2], der vor allem Dreierlei empfiehlt: die neuen Bewegungen ernst zu nehmen, statt sie herablassend auszugrenzen, eine eigene Reformagenda zu verfolgen, statt den Status quo zu verwalten, und ein authentisches eigenes Narrativ kollektiver Identität zu entwickeln. Und im Anschluss an Manow kommt eine Herausforderung gegenüber der europäischen Integration hinzu: Spielräume demokratischer Politik zurückzugewinnen.
[1] So auch schon Philip Manow, Unter Beobachtung. Die Bestimmung der liberalen Demokratie und ihrer Freunde. Berlin 2024.
[2] https://ecfr.eu/publication/the-new-right-anatomy-of-a-global-political-revolution/ (29. Juli 2026).