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Editorial der Ausgabe: „Globale Partnerschaften“

Zwischen Werten, Interessen und geopolitischem Wettbewerb

Die internationale Ordnung befindet sich im Wandel. Neue Machtzentren entstehen, traditionelle Bündnisse werden hinterfragt und strategische Partnerschaften gewinnen weltweit an Bedeutung. Von Lateinamerika über Afrika und den Mittelmeerraum bis nach Zentralasien und den Indo-Pazifik stehen Deutschland und Europa vor der Aufgabe, ihre außenpolitischen Beziehungen neu zu denken. Welche Regionen gewinnen an Relevanz, welche Interessen stehen im Vordergrund und wie kann Europa seine Position in einer zunehmend multipolaren Welt stärken?

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Liebe Leserinnen und Leser,

die Bedeutung verlässlicher Partnerschaften hat vor dem Hintergrund internationaler Entwicklungen in den letzten Jahren stark zugenommen. Sie sind kein diplomatisches Beiwerk, sondern Voraussetzung politischer Handlungsfähigkeit in einer zunehmend fragmentierten Welt, die durch militärische Konflikte, geopolitische Verschiebungen, wirtschaftliche Unsicherheiten, Energie- und Klimakrisen sowie Migration geprägt ist. Gerade Deutschland ist als exportorientierte Volkswirtschaft und zentraler Akteur in Europa auf Kooperation und verlässliche Partner angewiesen. Die erfolglose deutsche Kandidatur für einen nichtständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat hat zuletzt gezeigt: Internationale Zustimmung ist kein Selbstläufer, sondern muss aktiv erarbeitet und strategisch klug umgesetzt werden.

Doch was macht einen verlässlichen Partner heute aus? Wie können Partnerschaften gestaltet werden, die für beide Seiten einen Mehrwert schaffen? Und was erwarten andere Staaten von Deutschland und Europa, wenn sie als glaubwürdige Partner auftreten wollen? Diese Ausgabe widmet sich diesen Fragen mit Blick auf verschiedene Weltregionen und Länder, wobei hier nur ein Ausschnitt internationaler Akteure besprochen werden kann, die kontinuierlicher Beobachtung bedürfen. Im Heft richten wir den Blick auf Räume, in denen sich die Neuordnung internationaler Beziehungen besonders deutlich zeigt, sowie auf Regionen, die bislang weniger Aufmerksamkeit erhalten haben.

Dass sich Partnerschaften unter den veränderten geopolitischen Rahmenbedingungen wandeln, wird bereits in der europäischen Praxis sichtbar. Sie werden breiter und strategischer aufgestellt, weniger allein normativ begründet und stärker an Interessen und konkreten Ergebnissen ausgerichtet – ohne den Anspruch wertebasierten Handelns aufzugeben. Wie sich dieser Wandel vollzieht, analysieren Olaf Wientzek und Sven Nicolay. Ob sich dieser neue Ansatz trägt, wird sich daran zeigen, ob er tatsächlich wirksamere Zusammenarbeit ermöglicht oder im Falle des „Pakts für den Mittelmeerraum“ möglicherweise weitere Bürokratie produziert – eine offene Frage, die Lukas Kupfernagel in seinem Beitrag beleuchtet. Zugleich zeigt sich, dass Partnerschaftspolitik längst über klassische außen- und sicherheitspolitische Fragen hinausreicht. Das gilt insbesondere für Migration, die heute zu einem zentralen Feld internationaler Zusammenarbeit zählt. Caroline Schmidt analysiert, warum sich migrationspolitische Herausforderungen nur noch gemeinsam in der Zusammenarbeit mit anderen Ländern wirksam bewältigen lassen.

Auch aufseiten der Staaten, mit denen bereits Partnerschaften bestehen, verschiebt sich das Verständnis dieser Beziehungen: Viele agieren längst nicht mehr als Adressaten internationaler Kooperation, sondern als eigenständige Akteure, die ihre Beziehungen strategisch ausbalancieren. Kenia steht exemplarisch für diesen Wandel: Thomas B. Amolo und Mathias Kamp beschreiben, wie das Land mit wachsendem Selbstbewusstsein multilaterale Handlungsspielräume nutzt. Darüber hinaus lenkt der Perspektivwechsel den Blick auf Länder, die bislang häufig im Schatten klassischer Krisenräume standen. Am Beispiel des Golfs von Guinea zeigen Stefanie Brinkel und Anna Lena Sabroso-Wasserfall, warum einige wachstumsorientierte und vergleichsweise stabile Staaten Westafrikas als langfristige Partner stärker in den Fokus rücken sollten.

Gleichzeitig verändern die aktuellen geopolitischen Umbrüche die strategische Bedeutung ganzer Weltregionen. Räume, die lange als peripher galten, werden zu zentralen Schauplätzen von Wettbewerb um Energie, Rohstoffe, Handel und Einfluss. Dies gilt etwa für Zentralasien, das angesichts der Interessen Russlands, Chinas und westlicher Akteure zunehmend zu einem geopolitischen Wettbewerbsraum wird. André Algermißen zeigt, warum Europa hier schneller und sichtbarer handeln muss. Gerade der Rohstoffhandel ist ein gutes Beispiel dafür, dass Opportunitätskosten entstehen können, wenn notwendige Schritte ausbleiben. Europäische Akteure konkurrieren in vielen rohstoffreichen Ländern nicht nur mit China, Russland oder der Türkei, sondern vielfach auch untereinander. Entscheidend ist daher für die Zukunft, nicht anderen europäischen Einzelstaaten das Spielfeld zu überlassen, sondern europäische Stärken im Sinne eines „Team Europe“-Ansatzes besser zu bündeln und Wettbewerb mit strategischer Kooperation in gemeinsamen Interessenfeldern zu verbinden.

Auch im indo-pazifischen Raum verändern geopolitische Spannungen die Logik internationaler Zusammenarbeit. Sicherheitspolitische Erwägungen prägen zunehmend wirtschaftliche und politische Kooperationen. Australien steht exemplarisch für diesen Wandel: Das Land entwickelt sich zu einem aktiveren sicherheitspolitischen Akteur und treibt neue Kooperationsformate voran, wie Christian E. Rieck und Sabina Wölkner analysieren. Neue Chancen entstehen zudem in Lateinamerika. Dort eröffnen wirtschaftliche Interessen, politische Anschlussfähigkeit und strategische Offenheit neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit. Carmen Dragon zeigt dies am Beispiel Argentiniens, das sich insbesondere in den Bereichen Energie, Rohstoffe, Wissenschaft und Technologie zunehmend als attraktiver Partner für Europa positioniert.

Alle Beiträge verdeutlichen: Partnerschaften sind weder selbstverständlich noch konfliktfrei. Sie erfordern politische Prioritäten, wirtschaftliche Investitionen und die Bereitschaft, unterschiedliche Interessen auszuhalten. Die geopolitische Lage verlangt, Partnerschaften nicht aus der Perspektive kurzfristiger Entwicklungen zu bewerten, sondern diese strategisch und mit einem mittelfristigen Horizont zu gestalten, um bei Krisen und Veränderungen schnell und flexibel reagieren zu können beziehungsweise eine Balance zwischen transaktionalen und langfristig angelegten Partnerschaften zu finden. Für Deutschland und Europa bedeutet dies, ihre Rolle in einer zunehmend multipolaren Welt neu zu definieren – als Akteure, die Werte und Interessen nicht gegeneinanderstellen, sondern in tragfähige und langfristige Kooperationen übersetzen. Verlässliche Partnerschaften werden jedoch nicht nur auf Regierungsebene geknüpft und entwickelt, sondern leben auch vom Zusammenspiel parlamentarischer, wirtschaftlicher und zivilgesellschaftlicher Akteure – zu denen auch Organisationen wie die Konrad-Adenauer-Stiftung zählen, die mit ihrer internationalen Zusammenarbeit einen wichtigen Beitrag leisten.

Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre.

 

 

Caroline Kanter ist Herausgeberin der Auslandsinformationen (Ai) und Leiterin der Hauptabteilung Europäische und Internationale Zusammenarbeit der Konrad-Adenauer-Stiftung.

 

 

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