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Rezension

Vordenker der Neuen Rechten: Armin Mohler und der antiliberale Konservatismus in der Bundesrepublik

von Dr. Nils Lange

„Maik Tändler liefert mit seiner Arbeit über Mohler ein dicht geschriebenes Buch, das sich wie eine historische Kartierung der ideellen Landschaft der Bundesrepublik rechts der Mitte liest.“

Maik Tändler: Armin Mohler und die intellektuelle Rechte in der Bonner Republik. Wallstein-Verlag, Göttingen 2025.

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1995 bekannte der rechte Publizist und Intellektuelle Armin Mohler: „Ich bin ein Faschist.“ Es ist ein Selbsturteil nach rund 50 Jahren öffentlicher Einmischung und politischer Vorarbeit, nach Jahren innerhalb der intellektuellen Rechten in Deutschland. Mohlers Radius reichte vom Versuch einer Einwirkung auf das neu gegründete Institut für Zeitgeschichte oder auf Franz Josef Strauß bis hin zu gescheiterten und erfolgreichen publizistischen Vorhaben.

Eine solche Selbstzuschreibung sollte nicht allzu ernst genommen werden, doch sie zeigt den Reiz des Vorhabens einer intellektuellengeschichtlichen Betrachtung Mohlers. Das gilt gerade in Zeiten erstarkender rechtsextremistischer und rechtspopulistischer Kräfte in Deutschland, deren Erfolg nicht auf einer Vertuschung radikalen Denkens zu beruhen scheint, sondern auf der Betonung dieser Ansichten.

Der Historiker Maik Tändler, der am Institut für Zeitgeschichte in München tätig ist, liefert mit seiner Arbeit über Mohler ein dicht geschriebenes Buch, das sich wie eine historische Kartierung der ideellen Landschaft der Bundesrepublik rechts der Mitte liest. Armin Mohler tauchte in diesem Milieu zuerst mit seiner 1950 erschienenen Dissertation über die „Konservative Revolution“ in der Weimarer Republik auf, über ein loses Spektrum antiliberaler Gruppierungen, für die Mohler selbst den Namen erfand.  Seine deutschnationale Gesinnung hatte den 1920 geborenen Schweizer bereits als 22-jährigen Studenten dazu bewogen, aus der Schweizer Armee zu desertieren und illegal nach Deutschland zu reisen, mit dem Willen, sich der Waffen-SS anzuschließen. Sein Vorhaben setzte er nicht in die Tat um und kehrte 1943 in die Schweiz zurück, wo er wegen „Schwächung der Wehrkraft“ verurteilt wurde.

Tändler liefert ein Nachschlagewerk über Publizistik und Intellektualität im Spiegel Mohlers Werdegangs. Die zahlreichen Biogramme und Episoden machen das Buch zu einem wahren Steinbruch künftiger Forschungsarbeiten und Studien. Er knüpft dabei an Axel Schildts posthum erschienenes Opus Magnum „Medien-Intellektuelle in der Bundesrepublik“ an.

Im Zentrum des Buches sollen laut Tändler Vertreter der Grauzone zwischen Konservatismus und radikaler Rechter stehen. Seinen Protagonisten Mohler verliert er dabei nicht aus dem Blick. Tändler zeichnet ein Bild von Mohler als beflissenem Netzwerker, der es als seine Aufgabe empfand, das rechte politische Lager zu einen; natürlich in seinem Sinne: radikal, antiliberal und nationalistisch.

Gemäßigte Konservative oder Liberalkonservative waren für Mohler Vertreter eines „Gärtner-Konservatismus“. Es gehe ihnen eher ums Hegen und Pflegen des selbst Wachsenden und um das gelegentliche Ausrupfen von Unkraut, als darum, eigene Werte zu schaffen. In den 1950er Jahren hatte Mohler seine Hoffnung auf die Deutsche Partei (DP) gesetzt und – wie Tändler herausarbeitet – auch maßgeblichen Einfluss auf programmatische Schriften der Partei um den Vorsitzenden Heinrich Hellwege genommen. Die versuchte Hinwendung der DP zu einem durch das politische Denken Edmund Burkes geprägten, die liberale Demokratie verteidigenden, Konservatismus kritisierte Mohler später und führte sie als Grund für das Scheitern der DP an. Auch sein relativ erfolgloser Versuch, den CSU-Politiker und bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß in seinem Sinne zu prägen, frustrierte Mohler von der Politik und ließ ihn sich vor allem auf publizistische Vorhaben konzentrieren.

Dabei wurde der Umgang mit der NS-Vergangenheit zu seinem entscheidenden Thema, zur „Wasserscheide“, wie es Mohlers Weggefährte Caspar von Schrenck-Notzing formulierte. Intellektuell war das aus seiner Sicht nur konsequent, da sich sein Glaube an eine „Konservative Revolution“ eng mit einer Relativierung des Nationalsozialismus verband. Spätestens ab den frühen 1960er Jahren gab es aus Mohlers Sicht daher allen Anlass zur Sorge, und er machte sich den Kampf gegen eine beginnende umfassende Aufarbeitung der Verbrechen der Nationalsozialisten zur Aufgabe. Angestoßen wurde diese Aufarbeitung seiner Zeit vor allem aus dem liberalkonservativen Lager.

Mohler konnte immer dann in weniger radikalen und nicht überwiegend von Waffen-SS-Veteranen geprägten Kreisen anknüpfen, wenn er seine Weigerung einer allzu starken Befassung mit der NS-Zeit mit nachweisbarem Opportunismus einiger Protagonisten flankieren konnte. Meist äußerte sich das jedoch in der Kritik an diesen, nicht zu ihrer Haltung vor 1945 zu stehen, wie zum Beispiel in den Fällen des langjährigen FAZ-Feuilletonchefs Karl Korn oder des Chefredakteurs von Christ und Welt, Giselher Wirsing. Der Vorwurf war also nicht die Nähe zum Nationalsozialismus, sondern die spätere Leugnung der eigenen Haltung und die Anpassung an geänderte Verhältnisse.

Mohler war einer der prominentesten Befürworter einer Amnestie für NS-Verbrecher und befand sich damit durchaus auf einer Linie mit der bundesdeutschen Gesellschaft der späten 1960er Jahre. War das Motiv der Mehrheit der Menschen aber vermutlich die Scham über die eigenen oder familiären Verstrickungen in die NS-Verbrechen sowie der Versuch der Verdrängung, um vermeintliche Ruhe zu finden, solidarisierte sich Mohler eher mit dem österreichischen Psychologen und Hamburger Professor Peter R. Hofstätter, der unter anderem die Schoa als „Tragik der Moderne“ relativierte und damit einen akademischen Skandal auslöste.

Dass Armin Mohler über Jahre hinweg immer wieder Ein- und Zugang in konservative und liberale Milieus der Bundesrepublik gefunden hat, ist aus der Sicht Tändlers wohl der wichtigste Befund dieser Arbeit; er ist nicht unbedingt neu, aber in seiner Ausführlichkeit so erstmals dargestellt. Tändler ist der Auffassung, dass die von Jens Hacke[1] herausgearbeiteten grundsätzlichen Differenzen zwischen liberalkonservativem Denken und einem antiliberalen Rechtskonservatismus, für den Mohler stand und der offene Grenzen zum Rechtsradikalen aufwies, „ideengeschichtlich verengt“ seien. Mohler selbst beklagte eine Spaltung des „konservativen Lagers“ und machte dafür die „linke Intelligenz“ verantwortlich. Auch für Tändler scheinen die Ideen, die den antiliberalen Konservatismus vom liberalen Konservatismus der Union unterschieden, eine untergeordnete Rolle zu spielen: die Ästhetisierung von Gewalt, der grundsätzlich relativierende Blick auf den Nationalsozialismus,  die Ablehnung liberaldemokratischer, parlamentarischer,  und pluralistischer Grundsätze sowie die Zurückweisung der christlichen Ethik.

Für Tändler stehen Verflechtungen wie die Veröffentlichungen in der Buchreihe „Initiativ“ von Klaus Kaltenbrunner im Herder-Verlag, zum Beispiel auch in einem Sammelband von 1975, oder Mohlers kurzzeitiger Einfluss bei der WELT bis hin zu Einladungslisten für Veranstaltungen für einen gemeinsamen kulturellen Kampf gegen links. Stilbildend für diese Argumentation ist Tändlers einleitend geschilderte Szene der Verleihung des Konrad-Adenauer-Preises der nationalgesinnten Deutschland-Stiftung an Armin Mohler im Februar 1967, an der Konrad Adenauer selbst nur wenige Wochen vor seinem Tod teilnahm. Diese vermeintliche Verbrüderungsszene der konservativen Welt schaffte es als Foto auch auf das Cover des vom Wallstein-Verlag veröffentlichten Buches.

Tändler, das macht er in seiner Schlussbetrachtung deutlich, sieht in Armin Mohler einen antiliberalen, zuweilen rechtsradikalen Denker, der durchaus Einfluss auf die Meinungsbildung der Union und konservative Netzwerke in der frühen Bundesrepublik genommen hat. Deren Ausrichtung sei letztlich im Zusammenspiel andauernder gesellschaftlicher Krisenzustände in die AfD gemündet. Das ist eine Möglichkeit, wie diese Arbeit zu lesen ist und vor allem ist es in dieser Lesart ein kleiner – manche würden behaupten folgerichtiger – Schritt, dass dieses vermeintlich geistig einige Lager rechts der Mitte auch politisch zusammengeht. Ein Kampf gegen diese Entwicklung wäre also nach diesem Rückschluss ein Kampf für eine politische Landschaft ohne Parteien der rechten Mitte, ohne demokratische Konservative, ohne Liberalkonservative.

Man kann die Arbeit aber auch als Geschichte der Erfolglosigkeit Mohlers lesen – Dominik Geppert weist in der F.A.Z. darauf hin. Wer rechts der Mitte stand, aber zu dieser tendierte, konnte mit dem Milieu um Armin Mohler in Berührung kommen. Das musste nicht kompromittieren, sondern war zum Teil sogar sinnvoll zur Stärkung des eigenen Profils. Die Union wurde dadurch nicht rechtsradikal oder nationalistisch, genauso wenig wie die liberale Zeitschrift Der Monat, in der Mohler schreiben konnte. Trotz des erheblichen publizistischen und wissenschaftlichen Tatendrangs Mohlers und seiner Gefolgsleute konnten sich auch in diesen Bereichen vor allem gemäßigte Konservative durchsetzen und profilieren, ob beim Institut für Zeitgeschichte oder im Verlag Axel Springer. Tändler beschreibt eine Zeit der offenen Debatten ohne diskursives Einmauern. Das kam nicht einer Selbstaufgabe des Liberalkonservatismus gleich, sondern war Ausdruck seines Selbstbewusstseins.

 

Dr. Nils Lange ist Historiker und arbeitet in der CDU/CSU-Bundestagsfraktion.

 

[1] Jens Hacke, Philosophie der Bürgerlichkeit. Die liberalkonservative Begründung der Bundesrepublik, Göttingen 2006.

 

 

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Essay
ullstein Bild - dpa
9. Januar 2025
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Coverfoto von Maik Tändler: Armin Mohler und die intellektuelle Rechte in der Bonner Republik Wallstein Verlag

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