Zum hundertjährigen Jubiläum der Entstehung des ersten modernen iranischen Staates – ein Prozess, der mit der Konstitutionellen Revolution (1905–1911) begann und durch die Gründung der Pahlavi-Dynastie im Dezember 1925 seine Konsolidierung erfuhr – sieht sich die Islamische Republik Iran erneut mit einer tiefgreifenden politischen und gesellschaftlichen Krise konfrontiert. Sollte sich aus der gegenwärtigen Konstellation ein Umsturz entwickeln, wäre es die dritte grundlegende Umwälzung, die das Land seit Beginn des 20. Jahrhunderts erlebt – nach der Konstitutionellen Revolution und der Islamischen Revolution von 1979.
Andauernde Konflikte und gesellschaftliche Umbrüche: Eine iranische „Jahrhundertdebatte“?
Die aktuelle Krisendynamik wird häufig auf die Islamische Revolution und das zweite Pahlavi-Regime (1941–1979) zurückgeführt. Die strukturellen Wurzeln der Konflikte reichen jedoch weit tiefer und sind in den Umbrüchen zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu suchen. Seitdem sind der iranische Staat und die Gesellschaft in eine anhaltende, mehrdimensionale und strukturell verankerte Auseinandersetzung verstrickt, die als historische „Jahrhundertdebatte“ begriffen werden kann.
Diese Auseinandersetzung lässt sich in drei eng miteinander verknüpfte und sich wechselseitig verstärkende Konfliktfelder gliedern: erstens den Konflikt zwischen Tradition und Moderne, zweitens die Frage der Trennung von Religion und Staat und drittens den Konflikt um die Staatsform sowie um die konkrete Ausgestaltung von Gewaltenteilung und Herrschaftsorganisation.
Die Krisenphänomene der letzten zehn Jahre – von wiederkehrenden Massenprotesten über die Erosion institutioneller Legitimität, generationelle Wertekonflikte und anhaltende wirtschaftliche Stagnation bis hin zur internationalen Isolation – sind als Ausdruck dieser jahrzehntelangen strukturellen Problemlagen zu verstehen.
Eine nachhaltige Bewältigung der gegenwärtigen und absehbar zukünftigen Krisen setzt daher eine grundlegende Auseinandersetzung mit dieser dreifachen Herausforderung voraus.
Drei Epochen des Umbruchs
Aus einer langfristigen historischen Perspektive lassen sich die Ursprünge des gesellschaftlichen und politischen Wandels in Iran in drei zentrale Epochen gliedern, in denen die genannten Konfliktfelder jeweils in charakteristischer Weise hervortraten und sich verdichteten: erstens der Einzug der Moderne vom frühen 19. Jahrhundert bis zur Konstitutionellen Revolution (1905–1911), zweitens die Modernisierung von oben unter der Pahlavi-Dynastie (1925–1979) und drittens die Stagnation beziehungsweise partielle Umkehrung des Modernisierungsprozesses seit der Revolution von 1979 bis zur Gegenwart.
Den Ausgangspunkt dieser triangulären Konfliktdynamik in der neueren und modernen Geschichte Irans bildet die allmähliche Begegnung der iranischen Gesellschaft mit dem Westen und den demokratischen Ideen sowie Institutionen der westlichen Moderne. Den Höhepunkt dieser Entwicklung markierte die Konstitutionelle Revolution: Iran erhielt erstmals eine geschriebene Verfassung und ein nationales Parlament, die Zahl der Zeitungen und Zeitschriften stieg in den Folgejahren sprunghaft an, und die politische Partizipation breiterer gesellschaftlicher Schichten nahm spürbar zu. Dennoch mündete dieser frühe Modernisierungsschub nicht in eine dauerhafte Konsolidierung konstitutioneller Strukturen.
Nach der kurzen Phase der Konstitutionellen Revolution und der damit einhergehenden ersten Begegnung mit parlamentarisch-demokratischen Elementen durchlief Iran zwei deutlich voneinander abgrenzbare Perioden autoritärer Herrschaft. In der ersten Periode unter der Pahlavi-Dynastie erhielt die Modernisierung von oben eindeutig Vorrang vor einer demokratischen Entwicklung. In dieser Zeit vollzog sich ein tiefgreifender gesellschaftlicher Wandel: Das Land bewegte sich von einem weitgehend feudal und traditional geprägten Gefüge schrittweise hin zu Urbanisierung, Industrialisierung und Säkularisierung. Dieser Prozess erzeugte jedoch erhebliche soziale und politische Spannungen, die beim Sturz der Monarchie 1979 eine wesentliche Rolle spielten.
Reza Schah Pahlavi errichtete seine Monarchie 1925 mit der Unterstützung konservativer Teile der schiitischen Geistlichkeit, die ein republikanisches System als unvereinbar mit der Scharia und der islamischen Tradition betrachteten. Damit begann ein anhaltender Dualismus zwischen republikanischen und monarchistischen Vorstellungen über die angemessene Staatsform, der iranische politische Kultur nachhaltig prägte und bis in die Gegenwart fortwirkt. Die Herrschaftspolitik der Pahlavis – geprägt durch Iranismus als nationalistische Aufwertung der vorislamischen persischen Identität, ausgeprägten Zentralismus, strategische Westbindung sowie die gezielte Förderung westlich orientierter Kulturpolitik – erzeugte im Verlauf der Jahrzehnte eine breite, sozial wie ideologisch heterogene Opposition. Diese umfasste die schiitische Geistlichkeit, antikoloniale Nationalisten – insbesondere die Anhänger Mohammad Mossadeghs nach dessen Sturz von 1953, der unter maßgeblicher Beteiligung der USA und Großbritanniens sowie mit Billigung Mohammad Reza Shahs vollzogen wurde –, linke und marxistisch-kommunistische Gruppierungen sowie Teile der traditionellen Stammesverbände und Großgrundbesitzer.
Demokratie in Iran? Mossadegh und die Operation „Ajax“
Mit Historiker und Islamwissenschaftler Tim Epkenhans zeichnet die Episode den Iran in den frühen 50er Jahren neu. Sie beleuchtet dabei Mossadeghs Machtstil und die Dynamik zwischen Schah, Ajatollahs, Militär und Straßenmobilisierung, die Bedeutung der Ölkrise seit 1951 und die Einflussnahme externer Akteure. Wie entstand der Regimewechsel von 1953, was waren die Hintergründe – und warum erklärt diese Zeit viel von Irans politischer Gegenwart?
Podigee
Mit der Islamischen Revolution von 1979 wurde nicht nur die über 2500 Jahre symbolisch tradierte monarchische Herrschaftsform in Iran beendet, sondern zugleich ein neuartiges politisches System etabliert: eine Republik, deren Verfassung auf dem Prinzip der Velayat-e Faqih – der Herrschaft des islamischen Rechtsgelehrten – beruht und stark von der Ideologie des schiitischen Islam geprägt ist. Die nichtreligiösen Kräfte – allen voran linke Gruppierungen –, die maßgeblich zum Sturz des Schahs beigetragen hatten, wurden in den unmittelbaren Nachrevolutionsjahren systematisch aus dem politischen Raum verdrängt. Die islamistischen Kräfte hingegen festigten ihre Vormachtstellung durch den gezielten Aufbau eines dichten Netzes ideologischer, juristischer und religiöser Institutionen und trieben eine umfassende Islamisierung staatlicher, rechtlicher und gesellschaftlicher Strukturen voran.
Der säkulare iranische Nationalismus trat zunehmend hinter einen islamisch-universalistischen Umma-Gedanken zurück (globale muslimische Glaubensgemeinschaft). Islamische Rechtsvorschriften schränkten bürgerliche Freiheiten, individuelle Rechte und säkulare Prinzipien erheblich ein. In der Außenpolitik vollzog sich ein grundlegender Paradigmenwechsel: Iran, das unter den Pahlavis als strategischer Partner des Westens agiert hatte, glitt in eine zunehmende internationale Isolation ab und positionierte sich – gestützt auf eine enge Anlehnung an China und Russland – in explizitem Gegensatz zur westlichen Staatengemeinschaft.
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Liegt die Zukunft in der Vergangenheit?
Die jüngsten Protestwellen in Iran – insbesondere die landesweiten Demonstrationen seit Ende Dezember 2025 – haben gezeigt, dass beachtliche Teile der jüngeren Generation, vor allem die sogenannte Generation Z, Forderungen artikulieren, deren Wurzeln in die Zeit vor der Islamischen Revolution von 1979 zurückreichen.
Die tiefen gesellschaftlichen Spaltungen, die bereits im 20. Jahrhundert sichtbar wurden – der Konflikt zwischen Tradition und Moderne, die Frage der Trennung von Religion und Staat, die Debatte um die Staatsform sowie die Ausgestaltung von Gewaltenteilung –, bestehen, wie dargelegt, bis heute fort. Bis zum Ausbruch des Krieges zwischen den USA, Israel und der Islamischen Republik im Februar 2026 traten diese Gräben sowohl innerhalb des Landes als auch in der Diaspora deutlich zutage.
Die zukünftige politische Entwicklung Irans und mögliche demokratische Transformationsprozesse hängen wesentlich davon ab, ob es gelingt, einen neuen gesellschaftlichen Konsens – einen überarbeiteten Gesellschaftsvertrag – zu schaffen. Ein solcher Vertrag müsste von politischen und gesellschaftlichen Eliten sowie staatlichen Institutionen gemeinsam ausgehandelt werden, um die drei strukturell verankerten Konfliktfelder in ein tragfähiges Gleichgewicht zu überführen:
- Wie können bürgerliche und individuelle Freiheiten nachhaltig wiederhergestellt und institutionell abgesichert werden?
- Welche Rolle soll Religion in Gesellschaft und Politik künftig einnehmen – von einer strikten Trennung bis hin zu einer symbolischen oder begrenzten Präsenz?
- Soll das republikanische System in modifizierter Form fortbestehen, eine Rückkehr zu einer konstitutionellen Monarchie erfolgen oder eine völlig neue Staatsform etabliert werden?
Damit verbunden ist die Frage, wie Gewaltenteilung auf demokratischer Grundlage gestaltet und das Verhältnis zur internationalen Gemeinschaft sowie zur westlichen Welt neu justiert werden kann.
Mohammad Zarei war Mitarbeiter am Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) und promoviert an der Universität Rostock zur Iranpolitik der CDU-geführten Bundesregierungen der Bundesrepublik Deutschland (1949–1969).
Weiterführende Literatur:
Amanat, Abbas (2017): Iran: A Modern History. New Haven, CT: Yale University Press.
Atabaki, Touraj / Zürcher, Erik J. (Hrsg.) (2004): Men of Order: Authoritarian Modernization under Atatürk and Reza Shah. London/New York: I.B. Tauris.
Chehabi, H. E. / Martin, Vanessa (Hrsg.) (2010): Iran’s Constitutional Revolution: Popular Politics, Cultural Transformations and Transnational Connections. London/New York: I.B. Tauris.
Kurzman, Charles (2005): The Unthinkable Revolution in Iran. Cambridge, MA/London: Harvard University Press.
Milani, Abbas (2011): The Shah. New York: St. Martin’s Press.
Mirsepassi, Ali (2019): Iran’s Quiet Revolution: The Downfall of the Pahlavi State. Cambridge: Cambridge University Press.
Rahnema, Ali (2025): The Economic Modernisation of Iran, 1953–1968: Architects, Agents, and Unwitting Thwarters. London: Oneworld Academic.
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