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Blickpunkt Ukraine

BRICS+ 2026: Positionierung, Entwicklungsperspektiven und Auswirkungen für die Ukraine

von Olena Bordilovska

Stärkung analytischer Kapazitäten für außenpolitische Entscheidungsprozesse

Diese Publikation wurde im Rahmen eines Forschungsprojekts erstellt, das vom Zentrum für Internationale Sicherheit (Centre for International Security, CIS) mit Unterstützung der Konrad-Adenauer-Stiftung, Auslandsbüro Ukraine, durchgeführt wird. Das Projekt zielt darauf ab, analytische Studien zu zentralen Fragen der ukrainischen Außenpolitik zu erarbeiten, die als Grundlage für politische Entscheidungsprozesse auf Regierungsebene dienen können.

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Autorin:

Olena Bordilovska, PhD in Geschichte, Doktorin der Politikwissenschaften, Expertin am Nationalen Institut für Strategische Studien

 

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Einleitung

BRICS+ ist ein Zusammenschluss von Staaten des ehemaligen „Globalen Südens“, die ihr wirtschaftliches Wachstum im 21. Jahrhundert erheblich beschleunigt haben und heute einen größeren Einfluss auf die globalen Wirtschafts- und zunehmend auch auf die politischen Prozesse beanspruchen. Seit seiner Gründung hat sich das Format von einer Gruppe großer Volkswirtschaften mit hohen Wachstumsraten zu einer geopolitischen Plattform entwickelt, die den Anspruch erhebt, die Interessen des sogenannten Globalen Südens zu vertreten. Im Jahr 2026 begeht BRICS+ sein 20-jähriges Bestehen mit einem deutlich erweiterten Teilnehmerkreis: Die Gruppe ist von vier auf zehn Mitgliedstaaten angewachsen. Den Vorsitz führt in diesem Jahr Indien, das sich seit mehreren Jahren als „Stimme des Globalen Südens“ positioniert und BRICS+ als wichtigen Bestandteil seiner außenpolitischen Strategie versteht.

BRICS+ ist ein klassisches Beispiel sogenannter Club-Diplomatie – eines konsultativen Mechanismus und Instruments zur Förderung einer für alle Seiten vorteilhaften Zusammenarbeit in unterschiedlichen Bereichen. Das Format fordert eine Reform der globalen Governance-Strukturen und der internationalen Finanzinstitutionen mit dem Ziel, die Vertretung schnell wachsender Volkswirtschaften zu stärken. Gleichzeitig bietet BRICS+ eine attraktive alternative Plattform für Investitionen, Wirtschaft, Handel, Bildung und Technologie sowie für die gemeinsame Bewältigung sozialer und ökologischer Herausforderungen. Der konsultative Charakter des Formats setzt weder Konsens noch starre Regeln voraus und eröffnet damit erhebliche Spielräume für Kompromisse. Unterschiedliche Auffassungen über die internationale Ordnung und regionale Konflikte sowie zum Teil tiefgreifende Interessengegensätze zwischen einzelnen Mitgliedstaaten – etwa zwischen Indien und China – begrenzen jedoch die Handlungsfähigkeit von BRICS+.

Seit 2014 haben die BRICS+-Staaten Russlands Vorgehen gegen die Ukraine weder unterstützt noch verurteilt; dieselbe neutrale Haltung prägt ihre Position auch seit Beginn der russischen Vollinvasion im Jahr 2022. Diese Haltung beruht vor allem darauf, dass viele Mitgliedstaaten den Krieg als Ausdruck einer Konfrontation zwischen Russland und dem Westen betrachten – ein Narrativ, das von der russischen Propaganda gezielt verbreitet wird. Die vorliegende Analyse untersucht, weshalb BRICS+ unter den Bedingungen einer zunehmend fragmentierten internationalen Ordnung an Bedeutung gewinnen könnte, welchen Einfluss das Format künftig auf die Gestaltung der globalen Ordnung ausüben dürfte und ob daraus Risiken für die Interessen der Ukraine erwachsen.

 

Schlussfolgerungen und Empfehlungen

  1. BRICS+ hat in den vergangenen zwanzig Jahren eine bemerkenswerte Entwicklung durchlaufen und sich als Plattform für Konsultationen sowie als Kooperationsmechanismus in unterschiedlichen Politikfeldern bewährt. Angesichts der anhaltenden Unsicherheit der internationalen politischen und wirtschaftlichen Ordnung bleibt ein solches Format relevant. Entgegen pessimistischen Prognosen ist BRICS+ nicht gescheitert, auch wenn seine Wirksamkeit je nach Politikbereich unterschiedlich bewertet werden kann. Die meisten Mitgliedstaaten verzeichnen weiterhin ein dynamisches Wirtschaftswachstum sowie tiefgreifende gesellschaftliche und technologische Veränderungen. Selbst unter schwierigen sicherheitspolitischen Bedingungen haben einzelne Staaten – etwa Iran – die Stabilität ihrer politischen Systeme bewahrt.
  2. Der Anspruch von BRICS+, den gesamten sogenannten Globalen Süden zu vertreten, erscheint jedoch kaum gerechtfertigt. Ebenso fraglich ist, ob die Gruppe tatsächlich die Interessen aller Entwicklungs- und Schwellenländer wirksam vertreten kann. Ursache hierfür sind die zahlreichen Interessengegensätze zwischen den Mitgliedstaaten, die zwar zeitweise überdeckt werden können, sich jedoch bei regionalen Krisen rasch verschärfen. Hinzu kommen unterschiedliche Vorstellungen über die geopolitische Ausrichtung des Formats. Insbesondere Indien, Brasilien und Südafrika lehnen eine ausgeprägt antiwestliche Positionierung ab.
  3. Die Entwicklung von BRICS+ zeigt zugleich, dass das Format anpassungsfähig ist und Erweiterungen nicht ausschließlich wirtschaftlichen Kriterien folgen. Zwar ist bislang kein Vollmitglied ausgetreten, jedoch wurden Beitrittsanträge infolge politischer Machtwechsel zurückgezogen oder aufgrund regionaler Konflikte ausgesetzt. Bei grundlegenden politischen Veränderungen könnte die Mitgliedschaft einzelner Staaten künftig an Bedeutung verlieren. Gleichwohl dürfte BRICS+ fortbestehen und sich weiter an neue Rahmenbedingungen anpassen, da die gegenwärtige internationale Ordnung weiterhin von Unsicherheit und einer zunehmenden Tendenz zur Multipolarität geprägt ist.
  4. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine sowie die Entwicklungen im Nahen Osten haben den Reformbedarf der globalen Governance-Strukturen zusätzlich verdeutlicht. Vor diesem Hintergrund bleibt die Nachfrage nach alternativen internationalen Formaten nachvollziehbar. Die BRICS+-Staaten können insbesondere im humanitären Bereich auf zahlreiche Beispiele erfolgreicher Zusammenarbeit verweisen. Hervorzuheben ist zudem ihr Bestreben, die internationale Finanzordnung durch Maßnahmen zur Entdollarisierung zu verändern, um die Anfälligkeit ihrer Volkswirtschaften gegenüber bestehenden oder möglichen westlichen Sanktionen zu verringern. Eine solche Fragmentierung der globalen Finanzordnung verändert jedoch die Handlungslogik anderer Akteure grundlegend und stellt eine erhebliche Herausforderung für das bestehende internationale Kräftegleichgewicht dar.
  5. Für die Ukraine gehen die größten Herausforderungen derzeit von der Mitgliedschaft Russlands in BRICS+ aus. Moskau nutzt das Format als Plattform für aggressive Propaganda, zur Verbreitung eigener Narrative und zur Vermeidung diplomatischer Isolation. Tatsächlich hat BRICS+ seit Beginn des russisch-ukrainischen Krieges wesentlich dazu beigetragen, eine vollständige außenpolitische Isolation Russlands zu verhindern. Auch wenn Südafrika den russischen Präsidenten 2023 aufgrund des vom Internationalen Strafgerichtshof erlassenen Haftbefehls aufforderte, nicht am 15. BRICS-Gipfel teilzunehmen, bleiben die BRICS+-Staaten wichtige politische und wirtschaftliche Partner Russlands. Insbesondere Indien und China tragen durch den Kauf russischer Energieträger und den intensiven bilateralen Handel zur Finanzierung des russischen Krieges bei. Darüber hinaus nutzt Russland die BRICS+-Staaten, um westliche Sanktionen zu umgehen.
  6. Vor diesem Hintergrund sollte die Ukraine ihre bilaterale Zusammenarbeit mit jedem einzelnen BRICS+-Mitglied konsequent ausbauen. Besondere Aufmerksamkeit verdient eine stärkere Informationspräsenz in den Mitgliedstaaten, um die ukrainische Position zum russischen Angriffskrieg klar zu vermitteln und russische Verbrechen offenzulegen – etwa den Diebstahl ukrainischen Getreides und dessen Weiterverkauf in BRICS+-Staaten wie Ägypten. Ebenso wichtig ist es, wirksame Kommunikationskanäle zu schaffen, um Verstöße Russlands gegen das Völkerrecht und die Charta der Vereinten Nationen sowie das destruktive Verhalten Moskaus gegenüber seinen eigenen Partnern sichtbar zu machen. Gleichzeitig sollte die Ukraine auf belehrende oder moralisierende Botschaften verzichten, da diese in vielen BRICS+-Staaten als Bevormundung wahrgenommen werden. Stattdessen empfiehlt sich der Ausbau gegenseitig vorteilhafter Wirtschaftsbeziehungen sowie ein intensiver politischer Dialog, um langfristig ein ausgewogenes und glaubwürdiges Bild der Ukraine zu vermitteln.

 

Der vollständige Text der Publikation kann in englischer Sprache als PDF über die rechte Seitenleiste heruntergeladen werden.

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Kontakt Dr. Jan Philipp Wölbern
Dr. Jan Philipp Wölbern
Stv. Leiter Auslandsbüro Ukraine
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