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Vance in Armenien - Rückenwind für Jerewan?

από Florian Binder, Marlon Husmann, Jakob Wöllenstein

Als erster US-Vizepräsident besucht JD Vance Armenien – TRIPP, Rüstungskooperation und neue Dynamik im Friedensprozess

Erstmals reist ein US-Vizepräsident nach Armenien – und kommt nicht nur mit Investitionszusagen, sondern mit einem geopolitischen Angebot. TRIPP, nukleare Kooperation und neue Rüstungsdeals markieren eine qualitative Vertiefung der Beziehungen zwischen Washington und Jerewan. Für Premierminister Paschinjan bedeutet dies Rückenwind im Wahljahr, für Russland und Iran eine weitere Verschiebung der regionalen Machtbalance. Die EU steht vor der Frage, ob und wie sie die neue Dynamik in den kommenden Jahren aktiv mitgestalten kann. 

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Ein Novum mit strategischer Tragweite

Am 9. Februar 2026 besuchte erstmals ein US-Vizepräsident die Republik Armenien. Der Besuch von JD Vance in Jerewan markiert nicht nur einen symbolischen Meilenstein in den bilateralen Beziehungen, sondern fällt in eine Phase tiefgreifender geopolitischer Verschiebungen im Südkaukasus. Im Zentrum standen die operative Umsetzung der „Trump Route for International Peace and Prosperity“ (TRIPP), neue Abkommen zur nuklearen und technologischen Kooperation sowie die politische Flankierung des noch ausstehenden Friedensvertrags zwischen Armenien und Aserbaidschan.

Der Besuch erfolgte zudem wenige Monate vor den für den 7. Juni 2026 angesetzten Parlamentswahlen und verlieh Premierminister Nikol Paschinjan sichtbare internationale Unterstützung. Damit unterstreichen die USA ihren fortbestehenden und wachsenden Anspruch auf eine gestaltende Rolle im Südkaukasus – mit Chancen für regionale Stabilisierung bei einer Veränderung der Machtbalance, die auch Risiken mit sich bringen könnte. Mehr als zuvor setzen die USA nun auf wirtschaftliche Verflechtungen, um ihre eigenen Interessen zu wahren und regionale Stabilität zu erreichen.

 

TRIPP als geopolitischer Hebel

Bereits im Januar 2026 hatten Armenien und die USA das TRIPP Implementation Framework (TIF) vorgestellt.[1] TRIPP sieht eine langfristige – auf mehrere Dekaden ausgelegte – Mehrheitsbeteiligung amerikanischer Akteure (74 Prozent) an zentraler Infrastruktur in der armenischen Provinz Sjunik vor. Als „neutraler Drittakteur“ sollen die USA einerseits armenische Souveränitätsbedenken, andererseits aserbaidschanische Sicherheitsinteressen moderieren.

Das Projekt beruht auf dem im August 2025 unterzeichneten Washingtoner Abkommen.[2] Für Aserbaidschan eröffnet TRIPP eine direkte Anbindung an die eigene Exklave Nachitschewan sowie perspektivisch an die Türkei. Für Washington wiederum ist das Projekt auch wirtschafts- und rohstoffpolitisch motiviert: Die Sicherung kritischer Lieferketten – etwa für Kupfer oder Lithium – steht seit dem „Project Vault“ weit oben auf der außenpolitischen Agenda.[3]

Gleichzeitig steht der formale Friedensvertrag zwischen Jerewan und Baku weiterhin aus. Paschinjan bestätigte gegenüber Vance seine Teilnahme am von Donald Trump initiierten „Board of Peace“ (BoP). Dieses Format wird von europäischen Akteuren kritisch gesehen, da es potenziell Parallelstrukturen zu bestehenden multilateralen Institutionen schafft. Armeniens Beteiligung signalisiert jedoch die klare strategische Entscheidung, sich enger an Washington anzulehnen – potenziell auch auf Kosten traditioneller Partner.

Insbesondere Teheran hatte im Vorfeld deutliche Vorbehalte gegen TRIPP geäußert. Eine verstärkte US-Präsenz in unmittelbarer Nähe zur iranischen Nordgrenze wird dort als strategische Herausforderung wahrgenommen. Gleichwohl erscheint fraglich, inwieweit Iran derzeit über die politischen oder militärischen Hebel verfügt, um das Projekt substanziell zu beeinflussen. Der Besuch Vances fiel nicht zufällig in eine Phase erhöhter amerikanischer Militärpräsenz im Nahen Osten, einschließlich der Vorbereitung zur Entsendung einer weiteren Flugzeugträgergruppe sowie der Verlegung zusätzlicher Bomberverbände in die Region.[4]

 

Nukleare Kooperation und sicherheitspolitische Neuausrichtung

Ein zentrales Element des Besuchs war die Unterzeichnung eines sogenannten „123 Agreements“ zur zivilen Nutzung von Atomenergie.[5] Das Abkommen ebnet den Weg für US-Technologieexporte im Umfang von bis zu neun Milliarden US-Dollar und könnte mittelfristig die Rolle des russischen Staatskonzerns Rosatom, der momentan das alternde Atomkraftwerk Metsamor betreibt, in Armenien zurückdrängen.[6] Für Jerewan bedeutet dies einen weiteren Schritt zur energiepolitischen Diversifizierung.

Darüber hinaus bestätigte die armenische Regierung erstmals den Erwerb amerikanischer V-BAT-Überwachungsdrohnen im Wert von elf Millionen US-Dollar – der erste Kauf US-amerikanischer Rüstungsgüter durch Armenien. Die Wahl eines primär defensiv ausgerichteten Systems unterstreicht das Bemühen, militärische Fähigkeiten auszubauen und Rüstungsbeziehungen zu diversifizieren, ohne dabei zusätzliche Beschwerden aus Baku zu provozieren.

Im Technologiesektor begrüßte Paschinjan die für Armenien ausgesprochene Exportgenehmigung von NVIDIA-Chips, die im Rahmen eines 500-Millionen-Dollar-Projekts für Rechenzentren eingesetzt werden sollen. Vance unterstrich, dies zeige das tiefe Vertrauensverhältnis zwischen Washington und Jerewan. Ziel sei es, Armenien als regionalen Standort für KI- und Cloud-Dienstleistungen zu positionieren.[7]

 

Innenpolitische Dimension: Wahlkampf und Frage der Gefangenen

Die offene Unterstützung Vances für Paschinjan im Vorfeld der Wahlen dürfte in Armenien auch innenpolitisch Wirkung entfalten. Trotz punktueller Kontakte zwischen Vertretern der armenischen Opposition und Akteuren aus dem Umfeld der MAGA-Bewegung, insbesondere durch kremlfreundliche Stimmen wie Tucker Carlson[8],  entschied sich Washington demonstrativ für die Zusammenarbeit mit der amtierenden Regierung.

Ein besonders sensibles Thema blieb die Situation der in Aserbaidschan inhaftierten Armenier aus dem Kontext des Bergkarabach-Konflikts. Zwar hatte Baku im Januar vier Gefangene freigelassen, die Überstellung der übrigen wurde jedoch ausgeschlossen. Während Vances Aufenthalt kam es zu öffentlichen Kundgebungen, bei denen Vertreter von Zivilgesellschaft und Kirche eine stärkere amerikanische Vermittlung forderten. Vance kündigte an, das Thema in Gesprächen bei seinem Anschlussbesuch in Baku anzusprechen. Zwar bestätigte ein Sprecher des Vizepräsidenten später, dass Vance dieser Ankündigung nachgekommen war, in welchem Umfang das Thema angesprochen wurde blieb aber zunächst unklar.[9],[10]

 

Europäische Perspektive: Zwischen Zustimmung und strategischen Fragen

Die Europäische Union begrüßte die Vereinbarungen ausdrücklich. Gleichwohl markiert der Besuch von Vance und das Voranschreiten von TRIPP eine sichtbare Verschiebung der ordnungspolitischen Gewichte im Südkaukasus zugunsten Washingtons.

Doch auch die Europäische Union bleibt für Armenien ein Partner von wachsender Relevanz – sowohl politisch und diplomatisch, als auch bei Wirtschaftsthemen und der Umsetzung einer ambitionierten Reformagenda. Sie verfügt über ein breites und wirksames Instrumentarium, um ihr Engagement weiter auszubauen und nachhaltig Einfluss zu nehmen.

Dazu gehören „Global Gateway“ als strategischer Rahmen für Infrastruktur- und Konnektivitätsprojekte, substanzielle bilaterale Investitionszusagen einzelner Mitgliedstaaten sowie die kontinuierliche Unterstützung von Reformprozessen im Rahmen der Östlichen Partnerschaft. Hinzu kommt die bereits angekündigte Ausweitung technischer und wirtschaftlicher Kooperation im Energie- und Digitalbereich. Zusammengenommen bilden diese Instrumente ein belastbares Fundament europäischer Präsenz in Armenien. Ihre volle Wirkung entfalten sie jedoch nur dann, wenn sie strategisch gebündelt, politisch kohärent kommuniziert und sichtbar umgesetzt werden.

Zwar stehen im Zusammenhang mit TRIPP noch konkrete Rahmenbedingungen aus, bevor größere Investitionen in das Projekt getätigt werden können, und eine einheitliche europäische Gesamtstrategie befindet sich weiterhin im Aufbau. Dennoch erweitert Europa seine Präsenz in Armenien spürbar: Diplomatische Vertretungen werden personell verstärkt, hochrangige Besuche intensiviert, politische Dialogformate ausgebaut und auch der Prozess zur Vorbebereitung der Visabefreiung für Armenier bei Reisen in die EU schreitet voran. Europa ist damit weit mehr als nur Beobachter der Entwicklungen.

Dass die EU den Südkaukasus nicht ausschließlich als Transit- oder Wirtschaftsraum begreift, unterstreicht insbesondere die zivile EU-Beobachtungsmission (EUMA) in Armenien. Sie steht für ein sicherheitspolitisches Engagement mit normativem Anspruch und signalisiert Jerewan langfristige politische Begleitung. Gleiches gilt für die jüngst unterzeichnete strategische Partnerschaft zwischen Armenien und der Europäischen Union, die die Zusammenarbeit institutionell vertieft und politisch aufwertet.

Auch Deutschland hat im Dezember 2025 eine strategische Partnerschaft mit Armenien unterzeichnet. Beide Seiten stehen nun vor der Aufgabe, dies konkret auszugestalten und operativ zu vertiefen. Eine gezielte wirtschaftliche Präsenz in TRIPP-nahen Projekten kann dazu beitragen, europäischen Einfluss sichtbar zu halten und Diversifizierung zu unterstützen. Zugleich sollte Berlin darauf hinwirken, institutionelle Marginalisierung zu vermeiden, indem europäische Initiativen komplementär – und nicht konkurrierend – zu US-Formaten positioniert werden. Auf diese Weise kann Europa seine Rolle als eigenständiger, langfristig orientierter Gestaltungspartner im Südkaukasus festigen.

 

Balanceakt zwischen Diversifizierung und Abhängigkeit

Der Besuch von JD Vance war kein isoliertes diplomatisches Ereignis, sondern Ausdruck einer sich abzeichnenden strategischen Neuordnung im Südkaukasus. Die Diversifizierung der armenischen Außenpolitik schreitet damit sichtbar voran. Die vertiefte Orientierung nach Westen – zu der auch die deutliche Annäherung an die Europäische Union gehört – erhält durch diesen hochrangigen Besuch zusätzliche politische Symbolkraft und institutionelle Substanz.

Ob sich daraus tatsächlich ein historischer Wendepunkt entwickelt, hängt jedoch von mehreren Faktoren ab: erstens vom erfolgreichen Abschluss und der belastbaren Umsetzung des Friedensvertrags mit Aserbaidschan; zweitens von der innenpolitischen Stabilität über die kommenden Parlamentswahlen hinaus und einer nachhaltigen Unterstützung der Bevölkerung für die politischen Prioritäten, die die Regierung Paschinjan definiert hat; und drittens von der geopolitischen Entwicklung der Region, zu der neben der Entwicklung der Lage in und um Russland und dem Iran auch die Vertiefung der Beziehungen zwischen Jerewan und Ankara gehört.

Für die Europäische Union eröffnet sich in dieser Phase ein erweitertes Handlungsfenster. Wirtschaftliche Präsenz, regulatorische Standards und langfristig angelegte Reformpartnerschaften sind Bereiche, in denen Europa weiterhin über komparative Vorteile verfügt. Entscheidend wird sein, strategische Klarheit mit operativer Konsequenz zu verbinden und europäische Angebote so auszugestalten, dass sie Armeniens Diversifizierung ergänzen und strukturell absichern.

 


 

[1] US Embassy in Armenia, https://am.usembassy.gov/joint-statement-on-the-publication-of-the-u-s-armenia-implementation-framework-for-the-trump-route-for-international-peace-and-prosperity-tripp/

[2] Historischer Durchbruch für Frieden im Südkaukasus? - Regionalprogramm Politischer Dialog Südkaukasus - Konrad-Adenauer-Stiftung

[3] Financial Times, https://www.ft.com/content/0a27adbc-1c8b-4361-9c57-c9f7f53f49d3

[4] The Wall Street Journal Exclusive | Pentagon Prepares Second Aircraft Carrier to Deploy to the Middle East - WSJ

[5] Office of the Prime Minister, https://www.primeminister.am/en/press-release/item/2026/02/09/Nikol-Pashinyan-J-D-Vance-Announcement/

[6] Radio Free Europe https://www.azatutyun.am/a/33675221.html

[7] Armenpress, https://armenpress.am/en/article/1222010

[8] Caucasus Watch, https://caucasuswatch.de/en/news/tucker-carlson-hosts-karapetyans-allies-as-they-link-armenias-church-dispute-and-karabakh-conflict-to-global-assault-on-christianity.html

[9] Radio Free Europe azerbaijan-energy-security-nuclear-partnerships-genocide/33675242.html?utm_source=chatgpt.com

10Massis Post Vance Raises Issue of Armenian Prisoners’ Release in Baku • MassisPost

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Επικοινωνία Florian Binder
Florian Binder
Trainee des Regionalprogramms Politischer Dialog Südkaukasus
Florian.Binder@kas.de +995 32 2 45 91 11
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