Wie persönliche Familiengeschichten Geschichte greifbar und erfahrbar machen können, zeigten zwei besondere Schulveranstaltungen mit über 200 Schülerinnen und Schülern in Frankfurt. Zu Gast an der Helmholtzschule sowie an der Helene-Lange-Schule Frankfurt war der international renommierte Jazzpianist und Komponist Ted Rosenthal aus New York City.
Im Mittelpunkt stand seine Jazzoper „Dear Erich“, die einen eindrucksvollen künstlerischen Zugang zur Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus und Holocaust eröffnet. Die Oper wurde 2019 im Auftrag der New York City Opera uraufgeführt und basiert auf rund 200 Originalbriefen aus den Jahren 1938 bis 1941. Diese Briefe wurden von Herta Rosenthal an ihren Sohn Erich Rosenthal, Ted Rosenthals Vater, geschrieben, der zu diesem Zeitpunkt bereits in den USA studierte, während seine Familie Deutschland nicht mehr verlassen konnte.
Erich Rosenthal stammte aus Wetzlar und war Student an der Justus-Liebig-Universität Gießen, von der er aufgrund seiner jüdischen Herkunft verwiesen wurde. Ihm gelang die Flucht in die USA, während seine Eltern dem Holocaust zum Opfer fielen. Die Briefe dokumentieren eindrücklich Ausgrenzung, Verfolgung, Hoffnung und Verzweiflung in der Zeit des Nationalsozialismus. Sie beginnen meist mit der Anrede „Lieber Erich“, die der Oper ihren Titel gab.
In den Veranstaltungen verdeutlichte Ted Rosenthal die Geschichte seiner Familie durch die Präsentation originaler Briefe, Fotografien und weiterer Dokumente aus der NS-Zeit. Dadurch entstand für die Schülerinnen und Schüler ein unmittelbarer und persönlicher Zugang zur historischen Thematik.
Musikalisch wurden die Veranstaltungen durch live gespielte Ausschnitte aus der Oper ergänzt. Gemeinsam mit Martin Gjakonovski am Kontrabass und Berthold Möller am Schlagzeug präsentierte Ted Rosenthal mit seinem Trio ausgewählte Musik aus „Dear Erich“ in einer eigens für diese Besetzung interpretierten Form. Die Live-Musik stellte einen direkten Bezug zu den handelnden Personen und zur Handlung der Oper her und ermöglichte ein intensives, emotionales Musikerlebnis.
Mit Blick auf Demokratiebildung und Erinnerungskultur wurde auch die Aktualität der in der Oper behandelten Themen herausgearbeitet. Die Veranstaltungen machten deutlich, wie wichtig eine offene, tolerante Gesellschaft ist und welche Verantwortung junge Menschen heute tragen, Erinnerung wachzuhalten.
Die Begegnung mit Ted Rosenthal bot den Schülerinnen und Schülern eine außergewöhnliche Möglichkeit, Geschichte nicht nur zu lernen, sondern persönlich und künstlerisch zu erleben – als lebendige Erinnerungskultur, die weit über den Unterricht hinauswirkt.
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