picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Dmitri Lovetsky

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Im Krieg mit dem Westen

Wladimir Putins Geschichts- und Weltbild

Wladimir Putins imperiales Geschichtsbild legitimiert in seinem Denken seinen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg auf die Ukraine. Mit Anlehnungen an die sowjetische Siegessymbolik und Verweisen auf die Heldentaten Stalins demonstriert der russische Präsident einen globalen Machtanspruch.

Seitdem die Französische Revolution das Zeitalter der Ideologien eröffnet hat, werden auch Kriege nicht mehr ohne ideelle oder moralische Begründung geführt. Vor Augen geführt hat das der Erste Weltkrieg, in dem alle Seiten für sich beanspruchten, für ein höheres Ideal zu kämpfen. Im 20. Jahrhundert haben Diktatoren ihre Angriffskriege immer wieder damit begründet, dass die Gegenseite den Angriff provoziert habe, und dass sie das Recht auf ihrer Seite hätten. Wie der von Putin befohlene Überfall Russlands auf die Ukraine zeigt, setzt sich dies bis in die Gegenwart fort. Nicht nur gibt er vor, die Russen in der Ukraine vor den Übergriffen der Ukraine zu schützen. In seiner Rede vom 21. Februar 2022 zur Begründung der Anerkennung der sogenannten „Volksrepubliken“ Donezk und Lugansk berief er sich auch auf ein höheres Recht, das in der Geschichte Russlands wurzelt. Immer wieder hat er sich bereits in den letzten Jahren dezidiert zu historischen Themen geäußert, so etwa 2021 in einem Aufsatz über die „Einheit der Russen und der Ukrainer“.

Tatsächlich sind die aktuellen Ereignisse nicht ohne Putins Geschichtsbild zu verstehen. Im Konzept kollektiver staatsnationaler Identität, das zum ersten Mal Ende 1999 ausformuliert wurde, spielt neben der Idee eines nach innen wie nach außen starkem Staats die Vergangenheit eine zentrale Rolle. Dabei geht nicht um eine ausgewogene Darstellung historischer Ereignisse. Es geht darum, Geschichte als Mittel der Auseinandersetzung mit der Opposition im eigenen Land und mit den westlichen Staaten zu nutzen.

Bei der Konstruktion eines angeblich patriotischen Geschichtsbildes setzt die russische Führung unter anderem auf die Überarbeitung der Lehrbücher, auf die Zusammenarbeit mit staatlich finanzierten „historischen Gesellschaften“, auf große Inszenierungen zu Jahrestagen und in letzter Zeit verstärkt auf restriktive Gesetze zum kollektiven Gedächtnis.

 

Das Weltbild eines sowjetisch sozialisierten Menschen

Besonders dem schon genannten Aufsatz von 2021 kann man einiges über Putins Selbstverständnis als Machtpolitiker entnehmen. Das Kernelement seines Geschichtsbildes ist die These von der tausendjährigen Geschichte russischer Staatlichkeit, die auch in der neuen Verfassung verankert ist. Demnach sind starke Herrscher und autoritäre Politik der Garant dafür, dass das Land sich bis in die Gegenwart in Kriegen behaupten konnte, vor allem gegen Feinde aus dem Westen. Die historische Entwicklung des russischen Staates lässt sich demzufolge wie eine Kette von Eroberungen lesen, die aus der Defensive geboren wurden – Befreiungskriege zum Wohle der Eroberten.

Putins imperiale Geschichtsinterpretation kommt ebenfalls in seinen Ausführungen zum Ursprung des Landes bzw. zur Identität der Slawen zum Ausdruck, wenn er die historische Einheit der Russen und Ukrainer betont und von einer Dreieinigkeit des russischen Volkes spricht. Dabei übernimmt er die staatsbildende Konzeption des Russländischen Imperiums, nämlich die Vorstellung von drei kleinen Teilgruppen den Groß-, Bela- und Kleinrussen, die sich aus dem altrussischen Volk der Kiewer Rus entwickelt haben und zusammen das Kernvolk des russischen Imperiums bilden. In der Tat war die Geschichte der drei slawischen Völker seit jeher miteinander verflochten. Doch Putin spricht vor allem den Kleinrussen, also den Ukrainern, ihre eigene Identität ab, indem er mit der gemeinsamen Sprache, Religion und der Geschichte argumentiert. Dahinter steckt das Weltbild eines sowjetisch sozialisierten Menschen.

Die Unfähigkeit von Kaiser Nikolaus II., die Macht des Staates zu erhalten, die darauffolgenden Revolutionen, der Bürgerkrieg und die ausländische Intervention führten zum Zerfall des Russischen Reichs. Für Putin ist der Frieden von Brest-Litowsk die erste Katastrophe der modernen Geschichte Russlands. Die Bolschewiki macht er für erhebliche territoriale Verluste verantwortlich und letztlich auch für den Untergang der Sowjetunion im Jahr 1991. Denn ihre Nationalitätenpolitik, die eine Stärkung der Einzelrepubliken bedeutete, habe wie eine Zeitbombe gewirkt. Das gelte nicht zuletzt für die willkürliche Festlegung der Republikgrenzen, die sogenannte „Einwurzelung“ der 1920/30er Jahre und das Recht zum freien Austritt aus der Union.

 

„Großer Vaterländischer Krieg“ als Gründungsmythos

Dem verhängnisvoll handelnden Lenin stellt Putin Stalin als Lichtgestalt gegenüber. Zwar nimmt Stalin in den jüngsten Ausführungen zum russisch-ukrainischen Verhältnis nur wenig Platz ein. Putin grenzt sich sogar von seinem Staatsterror ab. Dennoch spielt Stalin eine wichtige und vor allem positive Rolle in der gegenwärtigen russischen Geschichtspolitik. Als weiser Staatsmann und Wirtschaftslenker in einer Epoche der ruhmreichen Siege und großer Errungenschaften wird er kaum mehr im Kontext von Repression und Terror gesehen. Vielmehr steht er für die Entwicklung des Landes zur Supermacht und damit in einer Reihe mit Alexander Nevskij, Peter I., Katharina der Großen – und mit Putin selbst. Die in diesem Zusammenhang stehende Erinnerung an den Sieg im „Großen Vaterländischen Krieg“ dient heute als eine Art Gründungsmythos. Durch das Anknüpfen an die sowjetische Siegessymbolik demonstriert Putin Russlands globalen Machtanspruch. Gerade in den Auseinandersetzungen mit der Ukraine verweist die russische Führung immer wieder auf die „gemeinsamen Heldentaten der Großväter“ und versucht, die pro-westliche Kräfte im Land durch vermeintliche oder tatsächliche Nähe zu den Nationalisten zu diskreditieren.

Insofern ist es nicht verwunderlich, dass Putin den Untergang der Sowjetunion als „die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts“ bezeichnet hat. Damit bezog er sich nicht auf die kommunistische Ideologie, sondern auf den Weltmachtstatus des sowjetischen Imperiums. Besondere Wertschätzung misst Putin der in Jalta und Potsdam geschaffenen Ordnung bei, diese sei „zum Inbegriff der Intellektuellen und politischen Sehnsüchte mehrerer Jahrhunderte geworden“.

Diese Ordnung wurde aus Putins Sicht nach 1990/91 durch den Westen in Frage gestellt. Der wiederholt vorgetragene Vorwurf lautet, im Zusammenhang mit den Verhandlungen über die deutsche Wiedervereinigung sei von westlicher Seite zugesichert worden, die Nato nicht nach Osten auszuweiten. Dieses Versprechen habe der Westen gebrochen, von „zynische[n] Täuschungen und Lügen“ sprach Putin in diesem Zusammenhang in seiner Fernsehansprache zur Entfesselung des Ukraine-Krieges am 24. Februar 2022. Festgehalten werden muss jedoch, dass es von westlicher Seite keinerlei schriftliche Zusagen gab. Vereinzelte Aussagen westlicher Politiker zum Festhalten am Status quo hatten keine Verbindlichkeit und sind vor dem zeitlichen Hintergrund zu sehen: Die Sowjetunion existierte noch, ihr baldiges Ende war noch nicht zu erwarten, der Warschauer Pakt löste sich erst Mitte 1991 auf.

 

Putin bewegt sich in den Denkmustern des Kalten Krieges

Für Putin jedoch ist diese Frage zentral. Seine Vorstellung von Russland beruht wie diejenige der Slawophilen und Panslawisten des 19. Jahrhunderts ganz wesentlich auf einer Abgrenzung vom Westen. Auch in seinen jüngeren Äußerungen nimmt diese Abgrenzung breiten Raum ein. In der Fernsehansprache vom 24. Februar 2022 steht dieses Thema sogar im Mittelpunkt und liest sich eher wie eine Kriegserklärung an den Westen als an die Ukraine. Dazu passt, dass Putin im Grunde seit Jahren Krieg gegen den Westen führt – auf allen Ebene unterhalb des Militärischen. Sowohl in Putins Aufsatz von 2021 als auch in seinen aktuellen Äußerungen spielt das so genannte „Anti-Russland Projekt“ eine zentrale Rolle, das dessen „westliche Autoren“ nun angeblich in der Ukraine als „Sprungbrett“ umsetzen wollten. Diese Denkweise „passt in sein bipolares Weltbild eines sowjetisch sozialisierten Geheimdienstlers“ (Andreas Kappeler).

Die europäischen Verbündeten der USA sind aus Putins Sicht reine „Trabanten“, die Nato „nur ein Instrument der amerikanischen Außenpolitik“ und ein „Lügenimperium“. Putin bewegt sich in den Denkmustern des Kalten Krieges. Was in seinen Äußerungen zum Ausdruck kommt, ist ein diffuses, irrationales Bedrohungsgefühl. Eigenes Handeln als Ursache für von ihm als feindlich wahrgenommene Handlungen anderer nimmt er nicht wahr. Dieses Weltbild lässt nicht nur keinen Dialog zu, sondern es könnte sein, dass auch das Prinzip der Abschreckung gegenüber Putin nur noch begrenzte Wirkung hat. Wenn er vor Kriegsbeginn ausführte, die westlichen Sanktionen gegen Russland würden in jedem Fall kommen, zeigt das, dass er Sanktionen nicht nur schon „eingepreist“ hatte, sondern dass er jede Reaktion des Westens als Bestätigung seiner irrationalen Ängste betrachtet.

Der Osteuropa-Historiker Andreas Kappeler spricht mit Blick auf dieses Geschichts- und Weltbild von einer Mischung aus „Sowjetpatriotismus, imperiale[m] und ethnische[m] Nationalismus und ein[em] Blut- und Boden-Pathos“. Die Frage, was davon persönlichen Überzeugungen entspringt, und was pure Propaganda ist, lässt sich kaum beantworten. Die Grenzen sind nach der Auffassung von Beobachtern längst verschwommen. Wie dem auch sei: Putins geschichtspolitische Aussagen müssen ernst genommen werden, da in ihnen eine fundamentale Feindseligkeit gegenüber dem liberalen Westen zum Ausdruck kommt. Es ist nicht damit zu rechnen, dass Putin sie jemals ablegen wird.

 

Dieser Artikel erschien am 2. März zuerst auf www.cicero.de.

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February 28, 2022
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