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Chinas Aufstieg zur globalen Wirtschaftsmacht: Bedrohung oder Chance für Asien?

kohta Stefan Friedrich
Der vorliegende Bericht bildet den Auftakt für eine Reihe von Analysen zum chinesischen Wirtschaftssystem.

Weitere Berichte, die im 2-3 Wochenrhythmus folgen werden, umfassen u.a. folgende Themenbereiche:

  • Neue Schwerpunkte in der Wirtschaftspolitik der neuen Führungsriege
  • Die Krise des chinesischen Finanzsystems
  • Balanceakt am Kapitalmarkt: Chinas Börsen zwischen Dirigismus und freier Marktwirtschaft
  • Zwischen Markt und Macht: Die gesteuerte Öffnung der Medienbranche
  • Abschied vom Egalitarismus: Chinas gespaltene Gesellschaft
Die Auswahl der Themen folgt aktuellen Entwicklungen in der Volksrepublik sowie entsprechenden Anregungen und Wünschen aus der Zentrale.

Chinas Wirtschaft ist zurück auf Wachstumskurs. Nachdem es zwischen April und Juni diesen Jahres so aussah, als würde SARS1 die chinesische Wirtschaftsmaschine längerfristig lahm legen, so zeigen die aktuellen ökonomischen Eckdaten der „boom economy“ wieder nach oben. Betrug das Wirtschaftswachstum im Jahr 2002 noch satte 8%, so sanken die Erwartungen für das Jahr 2003 im zweiten Quartal auf 6,7%. In einer jüngsten Vorhersage von 16 internationalen Broker-Agenturen wurden die Aussichten jedoch für dieses und kommendes Jahr bereits wieder auf 7,5% nach oben korrigiert.2 Chinesische Experten rechnen mittlerweile sogar erneut mit einem Wachstum von acht Prozent.

Viele westliche Firmen betrachten diesen anscheinend durch nichts zu bremsenden wirtschaftlichen Aufstieg Chinas als große Chance. In vielen Branchen gilt China seit Jahren als der Wachstumsmarkt schlechthin – sei es in der Automobil-, der Luftfahrt- oder der Telekommunikationsbranche. Diesen großen Hoffnungen multinationaler Unternehmen stehen jedoch die Ängste von Entwicklungsländern insbesondere in Asien entgegen. Sie befürchten, dass der Aufstieg Chinas letztendlich zu ihren Lasten gehen wird. Dies ist aber keine zwingende Folge dieser Entwicklung. Wie die folgende Analyse zeigen wird, hat der Aufstieg Chinas zwar in der Tat den Wettbewerbsdruck für viele Länder in der Region erhöht – und wird dies zunehmend tun. Jedoch bietet diese Entwicklung auch große Chancen, gerade für die Nachbarländer der Volksrepublik.

Eckdaten des chinesischen Wirtschaftsaufstiegs

Die Volksrepublik ist in absoluten Zahlen bereits zur sechstgrößten Volkswirtschaft der Welt aufgestiegen und steht damit nur knapp hinter Frankreich. In einer an die „purchasing-power parity“ (PPP) angepassten Auflistung steht die chinesische Volkswirtschaft weltweit sogar an zweiter Stelle, nur übertroffen von den USA und noch vor Japan und Deutschland. Bei einem pro Kopf Vergleich des BSP fällt das bevölkerungsreichste Land der Erde zwar erwartungsgemäß weit zurück, belegte 1999 aber mit Position 84 bereits einen Platz im Mittelfeld, knapp hinter Russland (81) und Paraguay (83), jedoch noch vor den Philippinen (85).3

Das robuste Wachstum der chinesischen Wirtschaft basiert im wesentlichen auf drei Säulen:

  • Exportstärke,
  • hohe ausländische Direktinvestitionen und
  • Binnennachfrage,
wobei letztere der chinesischen Führung nach wie vor große Sorgen bereitet.

Exportstärke

Im Außenhandel konnte China seine internationale Position seit Beginn der 1990er Jahre deutlich ausbauen. Zu den wichtigsten Exportgütern zählen u.a. elektronische Erzeugnisse, Strickwaren und Bekleidung, Maschinen, Schuhe, Kinderspielzeug und Sportartikel. Mittlerweile werden mehr als 50% aller Kameras, 30% aller Klimaanlagen und Fernsehgeräte, 25% aller Waschmaschinen und fast 20% aller Kühlschränke weltweit in China produziert.

Lag Chinas Anteil an den globalen Ausfuhren 1990 noch bei 1,8%, so erreichte dieser Wert im Jahr 2001 bereits 4,4%. Das durchschnittliche Wachstum der Ausfuhren lag bei 14% p.a. und damit deutlich über dem globalen wie auch dem asiatischen Wachstumstempo der Ausfuhren (5% bzw. 7% p.a.).

Nachdem die VR China Ende 2001 Mitglied der WTO geworden war, konnte sie im vergangenen Jahr die Exporte nochmals drastisch erhöhen: von 266 auf 325 Mrd. US$ (+22%). Aufgrund dieser Steigerungsraten sehen manche Beobachter bereits voraus, dass China in den nächsten zwei bis sieben Jahren Japan als exportstärkste Nation in Asien ablösen wird.4 Im Handel mit Deutschland übernahm China bereits im vergangenen Jahr erstmals die Führungsposition vor Japan als exportstärkstem Partnerland in Asien.

Als Folge dieser enormen Zuwächse bei den Exporten kann die Volksrepublik seit den 1990er Jahren jährlich eine sehr hohe positive Handelsbilanz verbuchen. Dies schlägt sich nicht zuletzt darin nieder, dass China nach Japan die weltweit höchsten Devisenreserven besitzt (Ende Juli 2003: 340 Mrd. US$).

Hohe ausländische Direktinvestitionen

Eine zentrale Rolle für den Aufstieg Chinas zu einer der größten Exportnationen der Welt spielt die zunehmende Attraktivität der Volksrepublik als Produktionsstandort. So trugen im Jahr 2001 allein die ausländischen Unternehmen einen Anteil von 48% zu den Exporten der Volksrepublik bei. 2002 war China das Land, das mit 52 Mrd. US$ weltweit die höchsten ausländischen Direktinvestitionen (ADI) anziehen konnte. Dabei wurden erstmals auch die USA übertroffen. Allerdings darf in diesem Zusammenhang der Hinweis nicht fehlen, dass - obwohl in China ein stetiges Wachstum zu verzeichnen war - dieser Erfolg der Volksrepublik in erster Linie darauf zurückzuführen ist, dass die ADI-Zahlen in den USA dramatisch eingebrochen sind.5

Binnennachfrage

Die Binnennachfrage wird von der chinesischen Regierung bereits im sechsten Jahr in Folge künstlich hoch gehalten. Wichtigstes Mittel hierbei sind groß angelegte Infrastrukturprojekte, für die alleine in den Jahren 2001 und 2002 jeweils 18 Mrd. US$ im Haushalt veranschlagt wurden. Zu diesen Projekten zählen u.a. der Drei-Schluchten-Staudamm, die Eisenbahnverbindung von Qinghai nach Tibet sowie das Süd-Wasser-Nord-Projekt, mit dem die Oberläufe zweier Flüsse miteinander verbunden werden sollen, um den Wassermangel im Norden Chinas zu beheben.

Alle diese Projekte werden weitgehend über Schulden (1999: 20 / 2001: 30 / 2002: 32 Mrd. US$)6 und ausländische Investitionen finanziert. Während diese Maßnahmen insbesondere die Schaffung und Sicherung von Arbeitsplätzen garantieren sollen, sind andere Aktivitäten gezielt auf Konsumsteigerung gerichtet. So werden die chinesischen Banken angehalten, großzügig Kredite zu vergeben, um den Erwerb von Eigentumswohnungen oder PKWs zu fördern.

Darüber hinaus sollte das Konsumverhalten der Bevölkerung verstärkt werden, indem man sog. Goldene Wochen einführte. Dabei handelt es sich um die Ausdehnung der Feiertagsregelungen um das Frühlingsfest, den 1. Mai und den 1. Oktober. Auf diese Weise soll die Bevölkerung Gelegenheit zum Reisen und Einkaufen erhalten (auf eine Gegenrechnung, welche Kosten der Volkswirtschaft durch die zusätzlichen freien Tage entstehen, wird allem Anschein nach jedoch verzichtet).

Diese aktive Wirtschaftspolitik der chinesischen Führung wird verständlich, wenn man berücksichtigt, dass China mindestens ein Wachstum von 7% benötigt, um mit den gravierendsten Problemen fertig zu werden, die die umfassende Transformation von Staat und Gesellschaft mit sich bringt:

  • Umbau der Staatsbetriebe,
  • hohe Arbeitslosenrate,
  • Reform des Finanzsektors u.v.m.
Viele Experten sprechen mit Blick auf China deshalb auch von einer zum Wachstum verdammten „Fahrrad-Ökonomie“: Genauso wie ein Fahrrad-Fahrer nicht zu langsam werden darf, um nicht umzufallen, so darf Chinas Wirtschaft nicht zu langsam wachsen, weil sonst die Probleme überhand nehmen.

Chinas Aufstieg und die Folgen für die Nachbarländer

Die wichtigsten Exportgüter Chinas wurden oben bereits genannt. Es handelt sich dabei überwiegend um arbeitsintensive Produkte. Genau in diesen Bereichen konkurriert die Volksrepublik mit ihrem Heer an billigen Arbeitskräften überaus erfolgreich mit einer Vielzahl von Entwicklungs- und Schwellenländern in Asien.

So werden mittlerweile beispielsweise 60% aller Fahrräder weltweit in China produziert. In der Bekleidungsindustrie hat sich die Volksrepublik mit Durchschnittslöhnen von ca. 0,4 US$/Std. bereits zum größten Textilexporteur entwickelt. Nach der Beseitigung der entsprechenden Quotenregelungen 2005 wird China diese Position sogar noch weiter ausbauen können. Ähnliches wird für die Bereiche Schuhindustrie, Halbleiter und Fernsehgeräte erwartet. Der Vorstandsvorsitzende von Siemens, Heinrich von Pierer, nannte China die „global factory“ seines Unternehmen (Siemens hat mehr als 50 Betriebe und Joint-Venture in der Volksrepublik).

Importnation China

All diese Entwicklungen werden mit Sicherheit den Wettbewerbsdruck bei vielen Produkten auf den Märkten innerhalb und außerhalb Asiens erhöhen und zahlreiche Anpassungsprozesse erforderlich machen. Auf der anderen Seite hat das hohe Wachstumstempo in China aber nicht nur einen Anstieg der Exporte, sondern auch der Importe zur Folge – und hier bieten sich vielfältige Möglichkeiten für regionale Exporteure.

So entwickelte sich China bereits zum (nach Japan) größten Markt für Elektronikprodukte aus den ASEAN-Staaten. Allein im Jahr 2000 wurden 7,17 Mio. PCs, d.h. 45% aller PCs in der asiatischen Region, in China verkauft.7 Diese Nachfrage kann China einerseits nicht selbst decken, und andererseits wird die Volksrepublik in diesem Bereich nicht nennenswert exportieren. Insgesamt haben sich Chinas Importe zwischen 1996 und 2002 von 140 auf 295 Mrd. US$ mehr als verdoppelt.

Während China im Handel mit den USA und der EU in den vergangenen zehn Jahren jeweils einen großen Handelsüberschuss erwirtschaften konnte, verbucht die Volksrepublik seit 1998 im Handel mit den ASEAN-Staaten ein steigendes Defizit (2002: 8 Mrd. US$ bei Gesamtvolumen von 55 Mrd. US$).8

Zunahme der regionalen Integration

Die gestiegene Bedeutung des regionalen Handels schlägt sich auch in der Politik nieder. Im November letzten Jahres unterzeichneten Vertreter der Volksrepublik und der ASEAN ein Rahmenabkommen zur umfassenden Wirtschaftskooperation zwischen beiden Seiten. Das erklärte Ziel dieser Vereinbarung ist es, bis zum Jahr 2010 eine ASEAN-China Freihandelszone zu errichten. Mit diesem überraschenden Erfolg ist die Volksrepublik ihren Konkurrenten Japan und Südkorea, die mittlerweile ähnliche Pläne vorantreiben, zuvorgekommen.9 Es darf also als sicher angenommen werden, dass die Intensität der grenzüberschreitenden Aktivitäten in Asien in Zukunft eher zu- als abnehmen wird.

Ein praktischer Hinweis auf die gestiegene Integration der Region sowie die Bedeutung der chinesischen Volkswirtschaft ist die Ausbreitung der chinesischen Währung (Chinese Yuan – CNY) in der Region. Obwohl der Yuan nach wie vor nicht frei konvertierbar und an den US-Dollar gekoppelt ist, wird er in vielen Nachbarländern mehr und mehr als Zahlungsmittel angenommen. Hierzu tragen nicht zuletzt die zahlreichen chinesischen Touristen bei, die mittlerweile zu einem wichtigen Faktor im Tourismussektor von Staaten wie Thailand oder den Philippinen geworden sind. Hinsichtlich der zunehmenden Stärke des Yuan steht die chinesische Regierung derzeit allerdings unter wachsenden Druck aus dem Ausland (insbesondere Japans), den Yuan aufzuwerten.

Vergleich der ADI-Zuflüsse in Asien

Eine genauere Betrachtung der ADI-Zuflüsse in der Region zeigt auch, dass die Attraktivität Chinas nicht notwendigerweise zu Lasten anderer Staaten in der Region geht. So hat sich der prozentuale Anteil Chinas an den Gesamt-ADI in Asien zwischen 1995 und 2000 nur geringfügig von 53 auf 54,2% erhöht. Im gleichen Zeitraum konnten jedoch Taiwan seinen Anteil fast verdreifachen (von 2,3 auf 6,5%) und Korea seinen Anteil sogar mehr als versechsfachen (von 2,0 auf 13,6%). Für die ASEAN Staaten ist eine weitgehend stabile Entwicklung festzustellen, mit Ausnahme Indonesiens, wo die ADI komplett eingebrochen sind.10

Insbesondere die ASEAN-Staaten profitieren seit einigen Jahren sogar von chinesischen Investitionen. So unterhält z.B. der in der ehemaligen deutschen Kolonie Qingdao im Nordosten Chinas ansässige Elektro-Konzern Haier bereits jetzt Produktionsstätten in Indonesien, den Philippinen und Malaysia; die New Hope Gruppe investierte jüngst 20 Mio. US$ in Vietnam und den Philippinen.11

Fazit: Mehr Chance als Bedrohung

Die Antwort auf die Eingangsfrage, ob Chinas Aufstieg zur regionalen und globalen Wirtschaftsmacht eine Bedrohung oder Chance für die Region darstellt, muss differenziert ausfallen.

Länder mit einer Exportgüterstruktur, die der Chinas vergleichbar ist, z.B. Thailand oder die Philippinen, werden unter relativ starken Anpassungsdruck geraten. Gleichzeitig bieten die Investitionen von chinesischen Großunternehmen in diesen Ländern neue Chancen. Darüber hinaus bietet der wachsende Importbedarf der Volksrepublik auch diesen Ländern neue Absatzmärkte, mit denen sie Einbußen in anderen Bereichen ausgleichen können.

Die wirtschaftlich am wenigsten entwickelten ASEAN-Länder, wie Kambodscha, Laos, Myanmar und Vietnam, können von Chinas wachsendem Bedarf an Rohstoffen sowie landwirtschaftlichen Erzeugnissen profitieren. Der Besuch des indischen Ministerpräsidenten, --Atal Bihari Vajpayee--, im Juni d.J. hat die Hoffnung gestützt, dass das enorme Wachstumspotential in den bilateralen Wirtschaftsbeziehungen dieser beiden asiatischen Großmächte (insbesondere im IT-Bereich) in Zukunft besser genutzt wird.

Alles wird letztlich allerdings davon abhängen, wie die chinesische Führung mit dem großen Projekt der Transformation von Staat und Gesellschaft fertig wird. Sollte alles ohne größere Brüche weiterlaufen, würden voraussichtlich alle Beteiligten davon profitieren können. Der Ausbruch von SARS im Frühjahr diesen Jahres hat jedoch gezeigt, dass mit Rückschlägen welcher Art auch immer gerechnet werden muss. Negative Entwicklungen würden dann nicht nur in der Volksrepublik, sondern auch in den Nachbarstaaten spürbar sein.

SARS - Severe Acute Respiratory Syndrome. Für Einzelheiten vgl. meinen Bericht vom 29.4.03: „SARS in der VR China: Gefährliche Lungenkrankheit mit politischer Brisanz“, 14 S

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