Der Wahltag in Israel verlief zunächst normal. Israelis können ihre Stimme nur persönlich und nur am Wahltag abgeben, Briefwahlen sind in Israel nur in Sonderfällen erlaubt, vor allem für Diplomaten und Soldaten. Die meisten Wahlstationen sind von 7 Uhr bis 22 Uhr geöffnet. Sie befinden sich in Schulen oder Community Centern. Vor den Wahlstationen bauen die Parteien Stände auf, um letzte Unentschlossene zu überzeugen.
Eine erste Besonderheit dieses Wahltages war die hohe Wahlbeteiligung. Etwa alle zwei Stunden veröffentlichte das Wahlkomitee den Zwischenstand der Wahlbeteiligung. Zu jeder Zeit war diese höher als bei den letzten Wahlen. Zwischendurch war die Wahlbeteiligung so hoch wie seit der Wahl 1977 nicht mehr. Die Wahlbeteiligung am Ende des Wahltages lag mit 77,7 Prozent so hoch wie seit 1999 nicht mehr. Dies liegt vor allem an der Mobilisierung der arabischen Parteien.[1]
Um 22 Uhr schlossen die Wahllokale und die großen TV-Sender veröffentlichten erste Hochrechnungen. Überraschend lag der Likud mit 25 Mandaten vor Gadi Eisenkots Partei Yashar mit 21-22 und Naftali Bennetts B’Yachad mit 13-14 Mandaten, obwohl nahezu alle Umfragen vor der Wahl Eisenkots Yashar als stärkste Kraft vermuteten. Gleichzeitig unterlag Netanjahus Koalition der zionistischen Opposition mit 50 zu 53 Mandaten, ein Regierungswechsel mithilfe der arabischen Partei Ra’am erschien, trotz des Sieges des Likud, möglich.
In der Nacht begann die Auszählung, aus den Hochrechnungen wurde das amtliche Wahlergebnis.
Reaktionen aus Israel
Die Oppositionsparteien werteten die ersten Hochrechnungen am Wahlabend als Auftrag für einen politischen Wechsel. Gadi Eisenkot (Yashar) sprach zunächst von einem „massiven Vertrauensverlust“ für die Regierung Netanjahu und erklärte später vor seinen Anhängern, die Bevölkerung habe gegen die „coalition for failure“ gestimmt. Er forderte Netanjahu auf, das „Misstrauensvotum“ der Wähler zu akzeptieren und kündigte an, an der Bildung einer neuen Regierung zu arbeiten. Auch Yair Golan (Demokraten) sah den Wahlausgang als klare Absage an Netanjahu und erklärte, die Israelis hätten ihn und den Likud „gefeuert“. Naftali Bennett (B’Yachad) sprach von einem Mandat, das Land „wieder aufzubauen“. Vertreter der arabischen Parteien äußerten ebenfalls die Hoffnung auf einen Regierungswechsel, während Avigdor Lieberman (Yisrael Beytenu) zwar zunächst zur Geduld mahnte, später jedoch die Likud-Mitglieder aufrief, gegen Netanjahu zu rebellieren und eine „echte rechte Regierung“ zu ermöglichen. [2]
Vertreter der Regierungsparteien zeigten sich am Wahlabend kämpferisch. Itamar Ben-Gvir (Otzma Yehudit) dankte seinen Anhängern, verwies auf die Erfolge der Regierung und warnte vor einer Regierung der nationalen Einheit ohne seine Partei, die er als „furchtbaren Fehler“ bezeichnete. Bezalel Smotrich (HaTzionut HaDatit) kritisierte die frühen Siegesmeldungen der Opposition und betonte, die Regierung habe „nicht verloren“. Zugleich bekräftigte er sein Ziel, den Siedlungsausbau voranzutreiben. Die ultraorthodoxen Parteien reagierten deutlich zurückhaltender: Während Arye Deri (Shas) auf eine Stellungnahme verzichtete, erklärte Yaakov Asher (UTJ), die „Thora habe gewonnen“, mahnte jedoch, vor Koalitionsspekulationen zunächst die endgültige Auszählung abzuwarten. [3]
Um 3 Uhr nachts, als zunehmend klar wurde, dass der Likud stärkste Kraft ist und der Oppositionsblock ohne eigene Mehrheit dasteht, trat Premierminister Netanjahu vor seine Anhänger. Er machte klar, der rechte Block habe die Wahl gewonnen. Er kündigte an, eine rechte, nationale, starke Regierung bilden zu wollen, die nicht von „anti-zionistischen arabischen Parteien“ abhänge. Israel habe in den kommenden zwei Jahren unter US Präsident Trump die historische Chance, „die iranische Bedrohung“ endgültig zu beseitigen. Israel sei bislang in der Lage gewesen, alle Feinde zu besiegen, und das werde Israel auch in Zukunft können, so Netanjahu. [4]
Das amtliche Wahlergebnis
In der 26. Knesset hat die aktuelle Regierungskoalition 53 Mandate (bislang 64). Davon entfallen 27 auf den Likud (bislang 32 Mandate), 6 auf Shas (bislang 11), 7 auf UTJ (bislang 7), 7 auf Otzma Yehudit (bislang 6) und 6 auf die nationalreligiöse Partei von Bezalel Smotrich (bislang 7).
Die Opposition kommt auf 48 Mandate. Davon entfallen 21 auf Gadi Eisenkot und seine Partei Yashar, 12 auf Bennetts B’Yachad (die Partei Jesh Atid, Teil der gemeinsamen Liste, hatte bislang 24 Abgeordnete), 8 auf die Demokraten (bislang 4) und 7 auf Yisrael Beytenu (bislang 6).
Die gemeinsame arabische Liste wird mit 11 Mandaten (bislang 5), die Partei Ra’am mit 8 (bislang 5) in der nächsten Knesset vertreten sein.
Oktober 2026 3 Einiges ist auffallend und verdient Aufmerksamkeit. Keiner der beiden großen Blöcke konnte eine Mehrheit erlangen. Die Umfragen vor der Wahl hatten dies bereits angedeutet, allerdings war in nahezu allen Umfragen der Oppositionsblock von Eisenkot vor der Regierungskoalition. Dass es Netanjahu gelungen ist, stärkste Kraft zu werden und seinen Block vor der Opposition zu platzieren, ist eine der großen Überraschungen dieser Wahl.
Einer der Gründe, warum der Likud, aber auch die arabischen Parteien, so erfolgreich waren, ist die enorme Mobilisierung. Der Likud hat in absoluten Zahlen mehr Stimmen erhalten als 2022 (1.111.500 in 2022 zu 1.157.000 in 2026) und trotzdem 6 Mandate verloren. Eine ähnliche Mobilisierung konnten in der Opposition nur die arabisch israelischen Parteien erreichen.
Bemerkenswert ist auch, dass die ultraorthodoxen Parteien ihre Wähler nicht mobilisieren konnten. Normalerweise liegt die Wahlbeteiligung bei den Ultraorthodoxen über dem Durchschnitt, bei dieser Wahl lag sie unter der landesweiten Quote. Dies lag vor allem an Shas, die das schlechteste Ergebnis seit der Wahl 1999 erzielten. Woran das genau liegt, wird aktuell noch debattiert.
Nicht gewachsen sind auch die Parteien der extremen Rechte, Otzma Yehudit und Mafdal HaTzionut HaDatit. Ihre Regierungsbeteiligung und die z.T. auch in deutschen Medien rezipierten Auftritte und Entscheidungen haben ihr Wahlergebnis nicht befördert.
Die neu gewählte Knesset unterscheidet sich vom Parlament der vergangenen Legislaturperiode deutlich. Bereits vor der Wahl war bekannt, dass mindestens 30 der 120 Mandate neu vergeben werden, da die bisherigen Parlamentsmitglieder nicht erneut antraten. 59 der 120 Mandatsträger waren in der vergangenen Legislaturperiode nicht in der Knesset, 87 Abgeordnete sind männlich, 48 geben an, sie sind säkular und zwei sind Drusen. Zudem werden in der neuen Knesset drei Parteien vertreten sein, die sich erst während der letzten vier Jahre in einer neuen Konstellation gründeten: Gadi Eisenkots Yashar, Naftali Bennetts Bennett26 sowie die Demokraten. Auch die Partei Zehut, obwohl bereits 2015 gegründet, zieht nun erstmals in die Knesset ein. Die Liste der in Israel landesweit bekannten Abgeordneten, die nicht mehr Teil des Parlamentes sein werden, ist ebenfalls beachtlich. So verlassen Yuli Edelstein und Avi Dichter (ehemals Likud), der ehemalige Sprecher der Knesset Micky Levy (Yesh Atid), Merav Michaeli (Demokraten), Benny Gantz (Blau&Weiß) und weitere die Knesset.
Welche Trends sind im Ergebnis zu erkennen?
Die bislang verfügbaren Daten zeigen, dass es keiner Partei gelungen ist, Wähler aus dem anderen Block zu überzeugen. Auch die geografische Verteilung folgt bekannten Mustern: Im Zentrum waren die zionistischen Oppositionsparteien stark, an der Peripherie eher Likud, im Norden und Teilen des Negev die arabischen Parteien. Die Polarisierung der israelischen Gesellschaft war auch bei dieser Wahl entscheidend. Die beobachtbare Wählerwanderung fand innerhalb der Blöcke statt. Teile der früheren Wähler der extremen Rechte wählte bei dieser Wahl Likud, während Teile der früheren Jesh Atid Wähler nun Eisenkot ihre Stimme gaben.
Ebenfalls sehr wichtig ist die bereits thematisierte Mobilisierung. In arabischen Gemeinden lag die Wahlbeteiligung z.T. 30 Prozent über dem Niveau der letzten Wahl 2022, während die Mobilisierung in anderen Teilen der Gesellschaft im Vergleich zu 2022 nicht zunahm, was sich in den Wahlergebnissen widerspiegelt.
Auffallend ist die Zunahme an Personen in der Opposition, die mit klassischer Sicherheitspolitik verbunden werden. Der Oppositionsführer war bislang Jair Lapid. In seinem Block wurde Lapid nun überholt von den beiden ehemaligen Verteidigungsministern Naftali Bennett und Avigdor Lieberman, vor allem aber vom ehemaligen Generalstabschef Gadi Eisenkot.
Der Blick nach vorne
Das Ergebnis macht eine schnelle Regierungsbildung unwahrscheinlich, da kein Block eine Mehrheit hat. Zähe Verhandlungen und abschließend Neuwahlen könnten die Folge davon sein. Die aktuelle Regierung bleibt so lange als Interim-Regierung weiterhin im Amt, die Handlungsfähigkeit ist dennoch eingeschränkt.
Drei Szenarien sind denkbar: Eine Regierung der nationalen Einheit, eine Regierung der Opposition zusammen mit der arabisch-israelischen Parteien, oder Neuwahlen.
Netanjahu könnte es gelingen, eine Koalition zu bilden und mit mindestens 61 Mandaten eine neue Regierung zu stellen. Seine bisherige Koalition kommt auf keine eigene Mehrheit, somit muss Netanjahu entweder weitere Parteien in seine Koalition einbinden oder bisherige Koalitionspartner durch neue ersetzen. Eine Koalition der nationalen Einheit aus Likud und Yashar, unterstützt durch weitere Parteien, kommt auf die erforderliche Mehrheit. Aufgrund der enormen Polarisierung erscheint dieses Szenario zwar unwahrscheinlich, ist aber auch nicht auszuschließen. Sollte Netanjahu eine Koalition bilden, in der rechtsextreme Parteien nicht vertreten sind, würde das auch die Weiterentwicklung des deutsch israelischen Verhältnisses erleichtern. Von vielen internationalen Partnern würde dieses Szenario begrüßt werden.
Ebenfalls möglich ist eine Koalition der Opposition mit den arabisch-israelischen Parteien. Da der Oppositionsblock weniger Stimmen hat als die Koalition von Netanjahu, müssen die arabisch-israelischen Parteien oder Teile davon in der Knesset für Eisenkot als Premierminister stimmen. Während des Wahlkampfes waren nur die Demokraten offen für eine Zusammenarbeit, die anderen Parteien schlossen sie kategorisch aus. Rechnerisch haben Opposition und arabisch-israelische Parteien eine Mehrheit in der Knesset, daher bemühen sich einige, wie Yair Golan, Parteivorsitzender der Demokraten, eine Form der Kooperation zu entwickeln. [5] Ob belastbare Absprachen möglich sind, wird am 10. November sichtbar, denn 14 Tage nach der Wahl muss die Knesset zu ihrer konstituierenden Sitzung zusammentreten und einen neuen Sprecher wählen.[6] Wenn die Listen erscheint daher ebenfalls unwahrscheinlich. Eine israelische Regierung ohne Netanjahus Likud und die rechtsextremen Koalitionspartner würde international große Erwartungen wecken. Diese Regierungskoalition wäre jedoch erwartbar instabil und innenpolitisch sehr umstritten, sodass die Beziehungen Israels zur internationalen Gemeinschaft nicht notwendigerweise von einem Regierungswechsel profitieren würden.
Mit Blick auf die Polarisierung und die Verteilung der Mandate ist es genauso möglich, dass kein Block eine Mehrheit in der Knesset findet. Innerhalb von sieben Tagen nach Veröffentlichung des amtlichen Wahlergebnisses beauftragt Präsident Herzog ein Mitglied der Knesset mit der Regierungsbildung. Dies wird voraussichtlich Gadi Eisenkot sein, wenn er zunächst von den in der neuen Knesset vertretenen Parteien mehrheitlich dafür empfohlen wird. Die ausgewählte Person hat maximal 42 Tage Zeit, um eine Regierung zu bilden, ansonsten wird der Auftrag formal an den zweiten Kandidaten gehen, der wiederum 28 Tage Zeit hat. Gelingt es beiden nicht, müssen innerhalb von 21 Tagen 61 Abgeordnete einen Kandidaten vorschlagen, der innerhalb von 14 Tagen eine Regierung bilden muss. Existiert am Ende keine Regierung, löst sich die Knesset auf und es gibt Neuwahlen innerhalb der nächsten 90 Tage. Dies wäre spätestens im April 2027. [7] Israel wäre in diesem Szenario international nur eingeschränkt fähig, belastbare Absprachen zu treffen. Für Deutschland und andere internationale Partner relevante Themen, wie die Zukunft des Gazastreifens und das EU-Assoziierungsabkommen, würden nur begrenzt bearbeitet werden. Dieses Szenario wäre daher ebenfalls nicht im Interesse Deutschlands und würde nicht dabei helfen, in den Beziehungen Israels zur internationalen Gemeinschaft Fortschritte zu erzielen.
[1] JPost, Arab voter turnout surges past 2022 figures as haredi strongholds lag behind, 27 October 2026, online: https://www.jpost.com/israel-election-2026/article-913061 (accessed 28.10.2026). Oktober 2026 6
[2] Times of Israel, Eisenkot and Netanyahu each vow to form next coalition, even as exit polls predict stalemate, 28. October 2026, online: https://www.timesofisrael.com/eisenkot and-netanyahu-each-vow-to-form-next-coalition-even-as-exit-polls-predict-stalemate/ (accessed 28.10.2026).
[3] Times of Israel, Eisenkot and Netanyahu each vow to form next coalition, even as exit polls predict stalemate, 28. October 2026, online: https://www.timesofisrael.com/eisenkot and-netanyahu-each-vow-to-form-next-coalition-even-as-exit-polls-predict-stalemate/ (accessed 28.10.2026).
[4] Times of Israel, Eisenkot and Netanyahu each vow to form next coalition, even as exit polls predict stalemate, 28. October 2026, online: https://www.timesofisrael.com/eisenkot and-netanyahu-each-vow-to-form-next-coalition-even-as-exit-polls-predict-stalemate/ (accessed 28.10.2026).
[5] Times of Israel, Golan Repeats call to work with Arab Parties, says undemocratic to discount them out of hand, 30 October 2026, online: https://www.timesofisrael.com/liveblog_entry/golan-repeats-call-to-work-with-arab parties-says-undemocratic-to-discount-them-out-of-hand/ (accessed: 30.10.2026).
[6] Israel Elections 2026: What happens after polls close and when will we know who won?, 27 October 2026, online: https://www.ynetnews.com/article/bytladcnzg (accessed 28.10.2026).
[7] Stuttgarter Nachrichten, So geht es im Machtpoker um die Knesset weiter, 28. October 2026, online: https://www.stuttgarter-nachrichten.de/politik/nach-der-wahl-in-israel-so geht-es-im-machtpoker-um-die-knesset-weiter-79619559.html (accessed 28.10.2026).
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