Die bulgarische Medienlandschaft hat ohnehin einen schlechten Ruf: Eine Monopolisierung im Zeitungssektor, fehlende oder ineffiziente gesetzliche Spielregeln und eine nur theoretische Selbstregulierung rufen Kritiker auf den Plan. Ausländische Botschafter haben sich besorgt geäußert, und die politische Instrumentalisierung der Zeitungen war Gegenstand westlicher Presseberichte.
Nun stellen die Bürger ihren Medien ein vernichtendes Zeugnis aus, so eine Umfrage des Instituts Market Links, das in Bulgarien ein gutes Renommee genießt. Rund 1.200 Erwachsene wurden in persönlichen Interviews repräsentativ zur Qualität der Medien befragt (Dezember 2013). Nur eine kleine Minderheit glaubt demnach an reale Pressefreiheit.
Bürger der Hauptstadt haben besonders kritisches Medienbild
Besonders skeptisch sind die Einwohner von Sofia – dort sehen sogar nur sieben Prozent die Medien als „völlig“ oder „eher“ unabhängig. Die Hauptstädter haben Zugang zu einem größeren Medienspektrum, nutzen das Internet intensiver, und viele demonstrieren seit Monaten für politischen Wandel. Die besseren Möglichkeiten zur Meinungsbildung in der Kapitale beeinflussen das Medienbild, das hier extrem kritisch ausfällt.
Auch wenn die Digitalisierung voranschreitet, ist das Fernsehen für weite Bevölkerungskreise nach wie vor das Medium Nummer eins. Für zwei Drittel (62 Prozent) der Bulgaren ist es die bevorzugte Informationsquelle für Politik, nur 20 Prozent nennen hier das Web und lediglich 4 Prozent die Zeitungen. Auch inhaltlich wird das Fernsehen weit besser bewertet als Online- und Printmedien. So sagen 78 Prozent, das Fernsehen helfe
ihnen, Politik und Wirtschaft zu verstehen; nur 17 Prozent behaupten das von den Zeitungen. Und dies, obwohl Printmedien sich theoretisch besser eignen, um komplexe Themen gründlich darzustellen.
Online-Portale überzeugen jüngere Bulgaren durch Objektivität
Nach dem „größten Vertrauen“ in eine einzelne Mediengattung befragt, nennen ebenfalls weit mehr Bürger das Fernsehen (57 Prozent) als andere Medien (Internet 22, Radio 4 und Zeitungen 3 Prozent). Die jüngere Generation der bis zu 34-Jährigen hält aber Online-Medien für ebenso vertrauenswürdig und objektiv wie das Fernsehen; Senioren vertrauen dem Netz erwartungsgemäß am wenigsten.
Das vergleichsweise hohe Vertrauen in TV-Sender kann mit den Bedingungen vor Ort, aber auch medienwissenschaftlichen Überlegungen erklärt werden. So hat zumindest bis vor kurzem der staatliche Sender BNT politischem Druck widerstanden und sich bei Berichten über politische Konflikte als recht ausgewogen erwiesen.
Auch der private Kanal BTV genießt einen relativ guten Ruf. Die Zeitungen wiederum haben durch interessengeleiteten Kampagnenjournalismus und öffentlich ausgetragene „Medienkriege“ in jüngster Vergangenheit an Glaubwürdigkeit eingebüßt. Hinzu kommt der psychologische Faktor, dass viele Menschen Bildern mehr vertrauen als Worten. Auch ist die Rolle der Zeitungen im Medien-Mix nicht so stark wie etwa in Deutschland, und die Macht der Gewohnheit – hoher TV-Konsum – führt zu einem positiveren Gesamtbild fürs Fernsehen.
Alarmierender Befund für die Tagespresse
Für die Tagespresse ist der Befund alarmierend, weil sich mangelndes Vertrauen offensichtlich seit längerem in einem starken Auflagenschwund bemerkbar macht. Hinter vorgehaltener Hand werden für manche landesweit erscheinenden Traditionsblätter Zahlen von nur 10.000 bis
20.000 Exemplaren genannt. Viele Titel sind laut Insidern längst nicht mehr rentabel und werden nur deshalb gehalten, weil sie branchenfremden Interessen dienen und Einfluss auf politische und wirtschaftliche Entscheider ausüben sollen. Dies erklärt auch teilweise die schlechte Platzierung des EU-Landes Bulgarien in internationalen Rankings zur Medienfreiheit. Es liegt nach den Angaben von „Reporter ohne Grenzen“ auf Rang 87 weltweit, bei „Freedom House“ auf Platz 77 (jeweils 2013). Je nach Quelle liegt Bulgarien damit etwa gleichauf mit Staaten wie der Mongolei oder Madagaskar.
Gerade im zunehmenden Wettbewerb mit dem Internet müssten die Printmedien konsequent auf höhere Qualität setzen, um für breitere Bevölkerungsschichten relevant zu bleiben. Wenn schon in traditionell starken Print-Märkten wie Deutschland die Verlage unter Druck stehen, gilt dies erst Recht für Bulgarien als kleineres Land in einer Transformations- und Modernisierungsphase. Es muss sich erst noch zeigen, ob die überwiegende Zahl der Medieneigentümer und -manager diese wirtschaftliche Herausforderung annimmt und sich stärker an internationalen professionellen Standards orientiert.
Das KAS-Medienprogramm Südosteuropa hat die öffentliche Diskussion über Qualität und Vielfalt in den bulgarischen Medien in den vergangenen zwei Jahren intensiv unterstützt. So betreibt die Stiftung ein wissenschaftliches Medien-Monitoring zur Qualität der politischen Berichterstattung und hat die Diskussion um ein noch fehlendes Pressegesetz in dem jungen EU-Land begleitet. Gemeinsam mit dem KAS-Landesbüro, anderen NGOs und der deutschen Botschaft veranstaltet das Medienprogramm in Sofia Panels zu den Herausforderungen in der Medienlandschaft. Eine an EU-Standards orientierte Medienpolitik ist in der angespannten Gesamtlage nicht kurzfristig zu erwarten, doch Medienfreiheit und -vielfalt bleiben im Bewusstsein vieler Journalisten und Experten wichtige Bausteine für die weitere Demokratisierung.
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Bulgarien Bulgarien