Rapoarte de tari

Der Islam als politischer Faktor in Russland

de Gabriele Baumann
Eine zahlenmäßig nicht unbedeutende Anzahl von Moslems in Russland zwingt alle tragenden politischen Kräfte im Land dazu, ihre Position in Hinsicht auf den Islam und seine weitere Entwicklung zu bestimmen. Das Verhältnis zum Islam ist in der politischen und wirtschaftlichen Elite Russlands nicht eindeutig.

Der Einfluss des Islam auf die Innen- und Außenpolitik in Russland ist immer noch wenig erforscht. Das fängt bei den Angaben über die Anzahl der islamischen Bevölkerung in Russland an. 1993 sprach der damalige russische Außenminister Andrej Kosyrew von 20 Millionen Moslems in Russland. Kürzlich nannte auch der Moskauer Großmufti Imam Rawil Gajnuddin die Zahl 19 Millionen.

Laut einer Umfrage des Russischen Zentrums für Meinungsforschung aber gaben 1993 gerade einmal 2 Prozent der Bevölkerung in Russland an, Moslems zu sein, was ungefähr einer Anzahl von 3 Millionen entspricht. Nach Berechnungen des staatlichen Komitees für Statistik zu Bevölkerungswachstum und Migration ergab sich 1999 ein Anteil von 9% Moslems an der Bevölkerung in Russland, d.h. 13,1 Millionen. Davon sind 5,8 Millionen Tataren, 1,4 Millionen Baschkiren, 1,1 Millionen Tschetschenen, 262 Tausend Inguscheten, 2,1 Millionen Dagestaner, 910 Tausend Angehörige anderer Nationalitäten im Nordkaukasus, 463 Tausend Aserbaidschaner, 691 Tausend Kasachen sowie Moslems anderer Nationalitäten Zentralasiens. Von diesen 13 Millionen seien ca. 8 Millionen gläubige Moslems, darunter allerdings nur 500 Tausend, die - gemäß den Glaubensvorschriften - 5 mal am Tag beten. Mit anderen Worten: Der Anteil derjenigen, die man als aktive Moslems bezeichnen könnte, ist relativ gering. Der islamische Bevölkerungsanteil wächst allerdings wesentlich stärker als der Anteil anderer Konfessionen an der Bevölkerung, so dass für die kommenden Jahrzehnte ein Anwachsen der Anhänger des Islam vorausgesagt wird.

Russland geht sowohl innen- als auch außenpolitisch von der Überzeugung aus, dass es keinen Antagonismus zwischen dem Islam und der russischen Orthodoxie gibt. Die Geschichte des Verhältnisses von Islam und Orthodoxie zeigt auch, dass die beiden Religionen sich immer tolerant zueinander verhielten, religiöse Konflikte gab es in der russischen Geschichte praktisch nicht. Schwierige Phasen gab es in der zweiten Hälfte des 19. Jh. und am Beginn des 20. Jh., als die Orthodoxie besondere Unterstützung seitens der Staatsmacht erfuhr.

Zu Zeiten der Sowjetunion waren dann gerade die orthodoxen Gläubigen starken Repressionen ausgesetzt, was sich sehr langsam erst nach dem 2. Weltkrieg besserte. In den folgenden Jahrzehnten entwickelten sich beide Religionen parallel. Der Begriff "Islamische Bedrohung" hatte in der Politik keinen Platz. Die Furcht vor einer islamischen Bedrohung tauchte nicht einmal während des Afghanistan-Krieges auf, der die Beziehungen der UdSSR zu einflussreichen Kreisen in der islamischen Welt insgesamt nur unwesentlich schwächte.

Zu Zeiten der UdSSR war der Einfluss Moskaus in vielen Ländern der islamischen Welt recht groß. Traditionell hieß es, der Islam und der Sozialismus hätten viele Gemeinsamkeiten (die Idee von Gleichheit und Gerechtigkeit für alle sowie eines unvermeidlichen Kampfes gegen Anhänger anderer Weltanschauungen). So hatte die UdSSR seinerzeit einige Vorteile beim Werben um die Sympathie von Ländern wie Afghanistan, Ägypten, Syrien, Südjemen und anderen.

Zu einer Fusion von Islam und Sozialismus ist es international allerdings nie gekommen und nachdem die Idee des Sozialismus sich in der UdSSR völlig diskreditiert hatte, verbanden sich in den neuen unabhängigen Staaten im Süden die Ideen des Islams und die traditionellen islamischen Werte mit den Traditionen aus der vorsowjetischen Zeit (politische Clanbildung und Feindseligkeit gegenüber demokratischen Institutionen).

Unter Präsident Putin ist Russland bemüht, die Anfang der 90-er Jahre verlorenen Positionen in der islamischen Welt zurückzugewinnen. Dies hat sich als wesentlich schwieriger erwiesen als z. B in den GUS-Staaten oder in Ländern wie Kuba und Vietnam. Die Schwierigkeiten lassen sich zum Teil dadurch erklären, dass die "Rückkehr" in eine Partnerschaft mit den islamischen Staaten vor dem Hintergrund des Krieges in Tschetschenien passiert, der - auch wenn die russische Regierung dies nicht so darstellen möchte - einen islamischen Untertext hat.

Im Unterschied zur heutigen russischen Orthodoxie, die bemüht ist, ihren Platz an der Seite der Staatsmacht zu sehen, aber nicht die Macht für sich beanspruchen will, ist der Islam aufgrund der Schariah in der Lage, sich in den sozialen Strukturen der Gesellschaft zu verankern und eigene Institutionen mit einem Großteil der islamischen Bevölkerung im Staat zu bilden. Bisher hat es solche Versuche noch nicht gegeben, aber das Potential dafür ist vorhanden.

Deshalb reagierte Russland 1999 so scharf auf das Eindringen tschetschenischer Kämpfer auf dagestanisches Gebiet, wo kurz zuvor die wahhabitischen Salafiten erklärt hatten, sie würden die Gesetze der Russischen Föderation nicht mehr anerkennen und ein von der Schariah kontrolliertes islamisches Gebiet ausrufen.

Im offenen Konflikt mit Tschetschenien Anfang der 90-er Jahre hat Russland immer wieder das Klischee "Islamischer Fundamentalismus" zur Bezeichnung seines Gegners verwendet. In der Praxis ergab sich allerdings ein viel komplexeres Bild und mit dem Islam hatte das tschetschenische Problem eher am Rande zu tun. Seit einiger Zeit spricht man offiziell und in wissenschaftlichen Arbeiten von der Bedrohung durch den "Internationalen Terrorismus".

Auf der anderen Seite ist es offensichtlich, dass die Militäraktion in Tschetschenien das Verhältnis zum Islam in der russischen Bevölkerung negativ beeinflusst hat. Eine der am häufigsten in der russischen Politik diskutierten Fragen ist die, wie lange denn der Krieg in Tschetschenien noch dauere. Nach zweijährigen Kämpfen in Tschetschenien sind sowohl der russische Präsident als auch die Vertreter der politischen Parteien zu der Einsicht gelangt, dass es keine militärische Lösung des Tschetschenienproblems gibt.

Die anfänglichen Berechnungen von einem Zweiphasenkrieg (eine schnelle militärische und eine langwierige Auseinandersetzung mit dem Erbe von Djochar Dudajew und Aslan Maschadow) haben sich als falsch erwiesen. Seit Herbst 1999, d.h. dem Beginn des 2. Krieges, sind beide Phasen in einer verschmolzen, d.h. in großangelegten Kampfhandlungen und ständigen Bemühungen um die Wiederherstellung normaler Lebensbedingungen für die Bevölkerung.

Nach Einschätzung führender russischer Experten wird diese Situation noch einige Jahre so andauern. Sollten die Bemühungen der USA und der NATO bei der Verfolgung und Zerschlagung der internationalen Terroristen-Netzwerke erfolgreich sein, so wird sich die Lage für Russland in Tschetschenien wohl vereinfachen, aber sicher nicht lösen lassen.

Eine zahlenmäßig nicht unbedeutende Anzahl von Moslems in Russland zwingt nun alle tragenden politischen Kräfte im Land dazu, ihre Position in Hinsicht auf den Islam und seine weitere Entwicklung zu bestimmen. Das Verhältnis zum Islam ist in der politischen und wirtschaftlichen Elite Russlands nicht eindeutig.

Eine Umfrage ergab bereits im Frühjahr 2001, dass 16 Prozent den islamischen Fundamentalismus als größte Bedrohung für die Sicherheit in Russland ansehen, 15 Prozent den "Internationalen Terrorismus", den viele wiederum mit den Vertretern des islamischen Fundamentalismus gleichsetzen.

Eine nicht geringe Bedeutung im Verhalten des postsowjetischen Russlands gegenüber dem Islam hatte der Artikel von Alexander Solschenizyn "Wie man Russland organisiert", in dem er noch vor 10 Jahren darauf bestand, man solle alle nichtslawischen Republiken von Russland abspalten und einen slawischen Staat gründen, auch wenn man dabei territoriale Verluste in Kauf nehmen müsse.

Der Standpunkt Solschenizyns war einige Zeit lang sehr populär unter den russischen Nationalisten, heute ist hiervon nicht mehr viel zu spüren. Eine andere Gruppe russischer Nationalisten ist der Meinung, dass der Islam und die Orthodoxie viel gemeinsam haben. Was sie vereint, sei der gemeinsame Feind im Westen.

Nach Ansicht des bekannten russischen Religionswissenschaftlers M. Schewtschenko wird der islamische Fundamentalismus als politische Lehre auf der Grundlage der islamischen Religion verstanden. Diese Lehre fordere die moderne liberale Welt heraus, und zwar langfristig, da der Islamismus sich auf eine gesunde demographische Basis stütze.

Die Wahrscheinlichkeit, dass sich die moslemischen Regionen von Russland trennen wollen, verliert vor allem seit der Amtsübernahmen durch Präsident Putin immer mehr an Kraft. In den ersten Monaten seiner Präsidentschaft nannte Putin die Gefahr eines Auseinanderfalls der Russischen Föderation als eine der größten Bedrohungen für die Sicherheit des Landes. U. a. mit der Notwendigkeit, dieser Gefahr entgegenzusteuern, motivierte er seine Reform der zentralen Verwaltungsstrukturen.

Ein wichtiger Bestandteil dieser Reform war die allmähliche Beseitigung des Sonderstatus der Regionen, die die höchste Konzentration an moslemischer Bevölkerung in Russland haben: Baschkirien und Tatarstan. Sogar der recht gemäßigte Präsident von Tatarstan M. Schajmijew zieht es vor, von "moslemischen Republiken" innerhalb der Russischen Föderation, und nicht von Republiken mit einer moslemischen Mehrheit zu sprechen. Ein Konfliktpotential ist hier durchaus vorhanden, stellt aber keine echte Bedrohung dar.

In den 90-er Jahren war in Russland die Ansicht populär, dass ein Ziel des Westens und insbesondere der NATO-Staaten sei, die Positionen Russlands in der islamischen Welt zu schwächen. Es ist allerdings nicht leicht, Beweise für diesen Standpunkt vorzulegen.

Zu nennen wäre hier vielleicht, dass der Westen nichts gegen die Unterstützung Aserbaidschans durch die Türkei in ihrer antirussischen Haltung unternommen hat oder dass die USA in besonderer Weise Georgien hilft. All dies sind Vermutungen, stichhaltiger ist hier der wirtschaftliche Standpunkt, dass der Konflikt zwischen Russland und Tschetschenien von einer Reihe islamischer Staaten unterstützt wird, die kein Interesse an einem verstärkten Zugang von Erdöl aus dem Kaspischen Meer auf den Weltmarkt haben.

Den Faktor Islam in der russischen Politik sollte man nicht überbewerten. Separatismus ist zur Zeit sogar in ausgewiesenen moslemischen Regionen Russlands kein Thema und es ist schwer, sich eine Situation vorzustellen, in der die russische Regierung den Islam als "Feind der Nation" heraufbeschwört. In den nächsten Jahrzehnten ist zudem von einer Gleichgewichtung des Einflusses der Hauptkonfessionen neben der Orthodoxie (Islam, Judaismus, Buddhismus, Katholizismus) in Russland auszugehen.

In dem Zusammenhang möchte ich erwähnen, dass die vielzitierte Theorie von S. Huntington Russland nicht gerecht wird. Sie betrachtet Russland als Land, wo ethnische Russen neben zahlreichen anderen Völkerschaften leben, die von den Russen seinerzeit erobert wurden und dies weiterhin als Bedrohung für sich empfinden. Hier sollte man eine grundsätzlich andere Betrachtungsweise ansetzen: viele "Russländer", d. h. Bewohner der Russischen Föderation, sind Moslems, was von den anderen als natürlich gesehen und nicht von Ängsten und Feindseligkeit belastet wird.

Die Konsolidierung der vielen religiösen Konfessionen in Russland ist gegenwärtig ein wichtiges Ziel der russischen Innenpolitik. Es wird daher z.B. vermieden, den Islam mit dem Terrorismus in einem Atem zu nennen und es wird klar unterschieden zwischen den internationalen Terroristen und dem Teil der Bevölkerung in Tschetschenien, die die Souveränität Tschetscheniens unter dem Deckmantel des Islam anstreben. Man geht in Russland davon aus, dass der Islam so lange ungefährlich ist, wie er nicht von radikalen Terroristen instrumentalisiert wird.

Die Rolle des Islams im gesellschaftspolitischen Leben Russlands bleibt aber widersprüchlich. Die Zugehörigkeit einiger Völkerschaften in der Wolgaregion und im Ural sowie im Nordkaukasus zum Islam wird häufig verwendet, um die Andersartigkeit dieser Regionen zu unterstreichen.

Eine Radikalisierung der islamischen Ideologie unter Einwirkung innerer und äußerer Faktoren sowie eine Politisierung des Islams durch radikale Terroristen macht ihn grundsätzlich zu einem Faktor der Destabilisierung im politischen Leben Russlands. Der radikale Islamismus kann - wenn auch eingeschränkt - als Gefahr von den benachbarten Ländern ausgehen. Die Situation im Kaukasus und in Zentralasien, wo Russland und die islamische Welt eng aufeinandertreffen, hat noch nicht die Stabilität erreicht, bei der sich akute Widersprüche und ein Anwachsen von Konflikten ausschließen ließen.

International ist Russland bemüht, die Beziehungen zu moslemischen Staaten nicht zu verschlechtern und sich eher aus dem aktiven Geschehen bei der Konfrontation gegen den internationalen Terrrorismus zurückzuziehen, nach jahrelangem Kampf gegen ihn und unermüdlicher Kritik aus den Reihen westlicher Staaten und Organisationen.

Russland wird wohl versuchen, die schwierige Aufgabe des Kampfes gegen den internationalen Terrorismus in den nächsten Jahren auf die Schultern anderer Staaten abzuwälzen. Russland ist bereit, dem Westen zu helfen, aber nur so lange, wie eine solche Hilfe die Verbreitung des Terrorismus im eigenen Land einzudämmen hilft. Sollte die Zusammenarbeit zwischen Russland und den führenden NATO-Staaten in diesem Bereich erweitert werden, so fordert Moskau vom Westen Eingeständnisse sowohl in der Frage der NATO-Osterweiterung, der Interessen Russlands auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion als auch im wirtschaftlichen Bereich.

Der islamische Faktor könnte sich somit zu einem wichtigen Katalysator hin zu Veränderungen in den außenpolitischen Beziehungen entwickeln, in denen Russland mit den Staaten der NATO und der EU zusammenarbeiten wird, aber seine eigenen Interessen verstärkt berücksichtigt wissen will.

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Leiter des Auslandsbüros Ukraine (Kiew)

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