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Nachruf

Thomas Jansen – ein vornehmer und leidenschaftlicher Streiter für Europa

de Dr. Michael Borchard
Ein Nachruf auf den am 6. Mai 2026 verstorbenen Europapolitiker Thomas Jansen.

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Was von einem Menschen wie Thomas Jansen bleibt und sofort ins Gedächtnis „schießt“ sind natürlich auch die Verdienste als Europapolitiker, aber es ist doch letztlich immer an erster Stelle der persönliche Eindruck, der hängen bleibt: Wer Thomas Jansen kannte, dem kommt seine überaus ruhige, sehr gelassene, im schönsten und respektvollsten Sinne des Wortes, „vornehme“ Art in Erinnerung. Dazu trug bei, dass Thomas Jansen zweifelsohne zu den Menschen gehörte, auch das bleibt haften, die sich niemals mit „Halbwissen“ oder Unüberlegtem hätten ertappen lassen, die anders als viele andere den Wert des sorgfältigen „Zuhörens“ erkannt haben und dann zum richtigen Zeitpunkt stets fundiert, reflektiert und differenziert, aber immer konzentriert und glasklar in der Sache argumentieren.

Diese Eigenschaften und diese „Vornehmheit“ würden aber völlig in die Irre führen, wenn man nicht zugleich zur Kenntnis nehmen würde, wie leidenschaftlich er auf Dinge geblickt hat, die ihm wichtig waren – wovon unzählige, offenbar von den Redaktionen bereitwillig abgedruckte Leserbriefe von taz bis FAZ zeugen. Und diese Leidenschaft entfachte sich entlang zweier Orientierungspunkte, die sich durch sein ganzes Leben gezogen haben, zwei Fixpunkte, die auf den ersten oberflächlichen Blick getrennt erscheinen mögen, aber doch massiv aufeinander bezogen sind: Seine Haltung zur katholischen Kirche und zur Europäischen Union. Und wie das bei Leidenschaften naturgemäß ist, lag ihm beides ebenso am Herzen, wie er das eine oder andere Mal mit Entwicklungen in beiden Institutionen gehadert hat. Das trifft dann auch auf die Christliche Demokratie zu, die für Thomas Jansen ebenso Herzens- und Überzeugungsangelegenheit wie durchaus auch so etwas wie das Bindeglied zwischen beidem – Glauben und Europa – war. Für den wichtigen Wegbegleiter des legendären Europäers Walter Hallstein war die Europäische Einigung – vor allem ideengeschichtlich – ein christlich-demokratisches Projekt, das ohne die Impulse der „heiligen europäischen Dreifaltigkeit“, Konrad Adenauer, Alcide De Gasperi und Robert Schuman, nicht eine solche Dynamik entwickelt hätte. Dass diese bedeutenden Staatsmänner dem Projekt nicht nur eine konkrete Gestalt gegeben haben, sondern durch „ihre Erfahrung, ihre Weitsicht und ihr Beispiel auch eine ethische Dimension“, so er selbst, gegeben haben, hat ihn sehr beeindruckt.

Diese Leidenschaften waren ihm im wahrsten Sinne des Wortes in die Wiege gelegt: Es war sein Vater, ein katholisch-rheinischer Diplomat, der ihn geprägt hat. „Der katholische rheinische Föderalismus, mit leicht antipreußischen Elementen und die Idee der Subsidiarität waren von Bedeutung und formten mich“. sagte er später in einem Interview. „Der Rheinische Merkur war unsere Hauszeitung“.  Die Begeisterung seines Vaters für die deutsch-französische Versöhnung und die Anfänge des europäischen Einigungsprozesses steckte ihn ebenso an, wie der Gedanke, diesen Prozess von Beginn an durch eigene Institutionen eine ganz eigene Richtung zu verleihen. Auf diesen Fundamenten baute sich Thomas Jansen, so der zitierte Rheinische Merkur, eine „zwar nicht spektakuläre, dafür aber mit soliden Erfahrungen gepflasterte Karriere“ auf. Dazu gehörte zunächst auch das Studium in Bonn mit der Promotion beim späteren Nestor der zeitgeschichtlichen Forschung Karl Dietrich Bracher über die Abrüstungsfrage als Problem bundesdeutscher Außenpolitik. Die damals übliche Frage, ob es in die Wissenschaft oder in die Politik geht, war nach kurzen Zeiten als Assistent in Bonn und Mainz mit dem Eintritt in den „Dunstkreis“ Hallsteins als europapolitischer Referent der CDU/CSU-Bundestagsfraktion spätestens 1970 klar beantwortet. Schon als Student hatte sich Thomas Jansen in der Europa-Union und im Europäisch-Föderalistischen Studentenverband engagiert und war dem Europapolitiker, der in den Bundestag eingezogen war, aufgefallen. Thomas Jansen wusste den epochalen Einfluss Hallsteins auf die Verwaltungsstrukturen und den Aufbau der Europäischen Gemeinschaft zu schätzen. Noch prägender allerdings als das vergleichsweise kurze Intermezzo bei Hallstein, der zu diesem Zeitpunkt den Zenit seiner europapolitischen Karriere schon überschritten hatte, war die Arbeit Jansens als Persönlicher Referent des Fraktionsvorsitzenden Rainer Barzel, dem er in den Jahren 1971 bis 1975 an der Seite stand und dessen europapolitische Initiativen er mit prägte. In Bonn haben, so schrieb der Rheinische Merkur, „einige Schlaumeier wissen wollen, die beiden passten doch eigentlich gar nicht zueinander“. Tatsächlich aber wurde Thomas Jansen zu einem politischen Vertrauten des spätestens mit dem – aus den bekannten Gründen gescheiterten – Misstrauensvotum gegen Willy Brandt jäh abgestürzten Hoffnungsträgers. Den neuen starken Mann der CDU, Helmut Kohl, der in der Regel nicht nur politischen Konkurrenten, sondern auch ihrem Stab gegenüber eine deutliche Skepsis pflegte, hat dies nicht daran gehindert, schon recht bald ein Auge auf den profilierten Europa-Experten zu werfen. Das lag auch daran, dass er mit der Berufung zum Stellvertretenden Generalsekretär der Europa Union 1975, deren Generalsekretär er 1981 wird, aus dem Status des „Edelstaffers“, wie man ihn wohl heute nennen würde, heraustritt und selbst europapolitisch in Erscheinung tritt.

1981 erfüllt sich für seine aus Italien stammende Frau und auch für ihn selbst eine Sehnsucht: Der Ortswechsel in jene Stadt, die auch durch Alcide De Gasperi immer schon auch eine Stadt der europäischen Bewegung war – nach Rom. Dort wird er zum Kollegen in der Institution, die mit diesem Nachruf an seine Verdienste erinnert: der Konrad-Adenauer-Stiftung. Dort bemühte er sich nicht nur um eine Vertiefung der Zusammenarbeit zwischen der deutschen und der italienischen Christlichen Demokratie – und das in einer Zeit, in der die Democrazia Cristiana in Italien nach Jahrzehnten an der Spitze der Regierung das Amt des Ministerpräsidenten einem Koalitionspartner überlassen musste und sich programmatisch und personell erneuern musste -, sondern er profitierte auch von seinen guten Kontakten zu Repräsentanten der katholischen Kirche und von der Tatsache, dass er als Generalsekretär der Internationalen Europäischen Bewegung auch in seiner Zeit dort europapolitische Akzente setzen konnte.

Auch wenn das Intermezzo bei der Stiftung mit knapp drei Jahren vergleichsweise kurz war, so blieb aber die Verbindung und die Verbundenheit mit der Stiftung eng. Immer wieder fungierte Thomas Jansen als Ratgeber, als Ideengeber, als Begleiter nicht nur der europapolitischen, sondern auch der religionspolitischen Aktivitäten der Stiftung, die ihm über die Jahrzehnte deshalb viel zu verdanken hat.

Dass er Rom so bald wieder verlässt, hat mit einem prominenten Besucher zu tun, den er im Spätsommer als KAS-Vertreter bei einer Reise in die Ewige Stadt betreut: Die Visite des Partei- und Fraktionsvorsitzenden Helmut Kohl, der kurze Zeit später zum Bundeskanzler gewählt wird, wird 1983 zum Sprungbrett in die Aufgabe, die Thomas Jansen selbst als seinen „Traumjob“ sieht. Kohl kämpft gegen Widerstände dafür, dass Thomas Jansen das Amt des Generalsekretärs der EVP übernimmt: „Da muss ein Deutscher hin, jemand, der sich rund um die Uhr mit der EVP befasst und sich engagiert“, so Helmut Kohl. Jansen selbst macht den klugen Schachzug, auch das Amt des Generalsekretärs der EUCD, der Europäischen Union Christlicher Demokraten, an sich zu ziehen, mit der Erwartung, dass es ihm gelingt, den Bedeutungs- und Funktionsverlust der EUCD an der Seite der EVP rückgängig zu machen.

Auch wenn der gleiche Helmut Kohl, der ihn in das Amt berufen hatte, knappe elf Jahre später seine Abwahl betrieben hat, so hat er doch in Thomas Jansen einen ausgesprochen wichtigen und einflussreichen „Überzeugungstäter“ vor Ort, der sich nicht nur massiv einbringt, sondern auch in vielen grundsätzlichen Überzeugungen mit ihm übereinstimmt. Bis zu seinem Tod ist Thomas Jansen gemeinsam mit Helmut Kohl der klaren Auffassung, dass die immer wieder peinlich vermiedene Frage der Finalität des Europäischen Einigungsprozesses wenigstens insofern eine partielle Antwort erhalten muss, als die Verwirklichung der Politischen Union als Gegenstück und letztlich als Ergänzung zur Wirtschafts- und Währungsunion, vor allem aber als Garant für deren Fortbestand akut bleibt. Das sei, so Jansen, das Ziel, „das dem europäischen Einigungsunternehmen von Anfang an seinen tieferen Sinn und seine historische Dimension verliehen" habe.

Was er nie verstanden hat, war, dass die nationalen Regierungen und die Parteien so tun, wie er selbst gesagt hat, „als ginge sie die Europäische Union nichts an – es sei denn sie brauchen einen Sündenbock“. Dass das Wissen und das Interesse an diesen Themen zu wenig ausgeprägt ist, fand er nicht nachvollziehbar. Dabei war er aber fern davon ein Idealist zu sein, der allein auf die Tragfähigkeit der europäischen Idee vertraut hätte, sondern ein ausgeprägter Institutionalist. In einem Leserbrief schreibt er noch zuletzt an die Herausgeber der FAZ: „Die Mitgliedstaaten gehen in der Gemeinschaft nicht unter, sondern wirken in eigenständiger Weise an der Verwirklichung der Gemeinschaft mit. In der Kommission verfügt sie über eine Exekutive, die von den Regierungen und Parlamenten der Mitgliedstaaten unabhängig ist; ihr Ministerrat, in dem die Vertreter der Mitgliedstaten zusammenwirken, ist ihr föderales Organ.“ Es seien diese Institutionen, die der europäischen Konstruktion Halt, Dauerhaftigkeit und Zuverlässigkeit verleihen würden und so mithin die Voraussetzungen dafür geschaffen hätten, dass der historische Prozess der Einigung vorankomme. „Die durch die Sachlogik verursachte Dynamik der Entwicklung wird von den Institutionen aufgefangen, rationalisiert und in Politik umgesetzt. Gleichzeitig tragen sie dazu bei, die vielen schwerwiegenden Probleme zu meistern, welche die Völker und Staaten Europas gemeinsam lösen müssen, um nicht unterzugehen.“ Als Vorsitzender des kleinen, aber in der CDU bis in die Gegenwart in Sachen Europapolitik auf nahezu jedem Bundesparteitag überaus präsenten CDU-Auslandsverbandes in Brüssel versucht er, diesen Überzeugungen Stimme und Ausdruck bis tief in die Partei hinein zu geben. Das tut er auch als überzeugter Laienkatholik und als europapolitischer Sprecher des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken mit der Überzeugung, dass gerade Katholiken und Christen auf eine weitere Vertiefung der Europäischen Union drängen sollten. Auch als Kabinettchef des Präsidenten des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses bleibt er ein sehr engagierter Kämpfer für die Notwendigkeit der Übertragung weiterer politischer Souveränitätsrechte auf die europäische Ebene und ein großer Streiter für die Kompetenzen des Europäischen Parlamentes.

Mit diesen festen Überzeugungen und mit seiner Fähigkeit, eben zwischen den nationalen und den europäischen Interessen zu vermitteln, wird er zu einem jener Player, vergleichbar mit Politikern wie Alois Mertes, die zwar nicht in der allerersten Reihe stehen, deren Einfluss aber unbestreitbar groß ist. Der Rheinische Merkur hat das in einem frühen Portrait wunderbar auf den Punkt gebracht: „Ein Steuermann für viele Kapitäne“. Dass lange vor dem Brexit der Gegensatz zwischen den eher konservativen und deutlich wirtschaftsliberaleren „Flügel“ in der EVP und jenen Mitgliedern, die sozialer engagiert sind, nicht eskaliert, ist auch sein Verdienst. In einem Interview wird er nach seinen Fehlern gefragt und bekennt, dass er so auf die Inhalte konzentriert gewesen sei, dass er zu wenig versucht habe, sich in der eigenen Partei eine eigene Vertrauensbasis zu schaffen und darauf zu drängen, dass der Generalsekretär der EVP automatisch Mitglied des Vorstandes oder des entsprechenden Bundesausschusses der Partei sein müsse, wenn der der CDU angehört.

An Selbstbewusstsein hat es ihm gleichwohl nicht gefehlt. Gerne verweist er immer wieder auf ein japanisches Schriftzeichen, das im Büro seines Vaters gehangen habe und das bedeutet habe: „Der Beamte ist kein Werkzeug“. Thomas Jansen  hat immer die Balance zwischen seiner dienenden Funktion und seinen eigenen Überzeugungen, seinem eigenen Kopf gefunden. Bis zuletzt hat er hellwach und mit großem Interesse verfolgt, was sich in Brüssel und Straßburg abspielt und immer wieder wichtige Hinweise gegeben.

Er wird fehlen: Der Adenauer-Stiftung, der EVP, der CDU, der Bewegung jener, die sich für den europäischen Einigungsprozess einsetzten, aber natürlich vor allem seiner Familie, der unser ganzes Mitgefühl gilt.

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