Contributii la manifestari

Die Aufgaben der Juden in Europa

de Ernst-Ludwig Ehrlich

Judentum und jüdischer Geist in Europa

"Die Juden in Europa hatten in der Geschichte weitgehend eines gemeinsam, nämlich das kritische Bewusstsein und den Willen zur Humanität. Beides sind grundlegende Vorstellungen der Hebräischen Bibel."

Die Frage muss gestellt werden, was eigentlich Judentum in diesem Zusammenhang ist. Handelt es sich um Menschen jüdischer Abstammung, um Menschen, die ihr Judesein bejahen oder verneinen; gibt es Kriterien, die den meisten Juden und Jüdinnen gemeinsam sind?

Wir müssen davon ausgehen, dass es eine mehr als 3000-jährige Geschichte gibt, die wir zu Anfang aus der Bibel kennen. Seit dem 1. Jahrhundert freilich leben Juden weitgehend vor allem in der Diaspora mit den Problemen, die sich hier hinsichtlich der nichtjüdischen Umwelt ergeben. Schliesslich hat dann bis zur französischen Revolution das Judentum vor allem nach innen gewirkt, wenngleich auch im Mittelalter und in der beginnenden Neuzeit geistige Beziehungen zur Umwelt bestanden. Diese förderten eine gegenseitige Einflussnahme; das gilt etwa im Mittelalter für Maimonides und in der beginnenden Neuzeit für Spinoza. Zweifellos hat sich auf das geistige Leben der Juden auch ihre soziale Situation ausgewirkt, das heisst die Ausgrenzung der Juden seit dem 4. oder 5. Jahrhundert durch die christliche Herrschaft. Die Verfolgung der Juden, ihre Diskriminierung, ihre Depravierung, ihre Gettoisierung, die durch die Kirchen erfolgte, die geistige und theologische Abwertung hat natürlich das Leben der Juden stark beeinflusst. Den häufigen Vertreibungen folgte nicht selten eine relativ rasche Rückkehr, da man die Juden vor allem als Zinsgeber brauchte. (Das Zinsnehmen war den Christen verboten.)

Die geistige Wirkung von Juden hat freilich keineswegs immer nur mit ihrem eignen Schicksal zu tun. Das lässt sich besonders aufweisen, als durch die französische Revolution allmählich die politische Emanzipation der Juden in Europa erfolgte. Naturwissenschaftliche Entdeckungen werden weitgehend unabhängig von einer nationalen sprachlichen Kultur gemacht; sie können sich überall dort ereignen, wo ein individuelles Genie auf eine technisch-naturwissenschaftlich weitgehend fortgeschrittene Zivilisation trifft. Anders ist es bei Philosophen und Soziologen. Als Beispiel sei hier etwa Marx genannt, der sich nicht damit begnügte, die Welt zu interpretieren, sondern es unternahm, sie zu verändern. Hier stellt sich schon die Frage, ob seine Lehre nicht zu einem Teil die Antwort auch auf eine individuelle Biographie ist. Ähnliches lässt sich auch von Freud sagen, der in einem Spannungsverhältnis zur Heimat Österreich lebte, zu der besonderen Physiognomie deutscher Kultur im Wien der Jahre vor dem Ersten Weltkrieg. Er selbst äusserte sich in einem Brief vom 6. Mai 1926 zu diesem Thema:

„Was mich ans Judentum band, war - ich bin schuldig, es zu bekennen - nicht der Glaube, auch nicht der nationale Stolz, denn ich war immer ein Ungläubiger, bin ohne Religion erzogen worden, wenn auch nicht ohne Respekt vor den ‘ethisch’ genannten Forderungen der Kultur. Ein nationales Hochgefühl habe ich, wenn ich dazu neigte, zu unterdrücken bemüht, als unheilvoll und ungerecht erschreckt durch die warnenden Beispiele der Völker, unter denen wir Juden leben. Aber es blieb genug anderes übrig, was die Anziehung des Judentums und der Juden so unwiderstehlich machte, viele dunkle Gefühlsmächte, umso gewaltiger, je weniger sie sich in Worte fassen liessen, ebenso wie die klare Bewusstheit der inneren Identität, die Heimlichkeit der gleichen seelischen Konstruktion. Und dazu kam bald die Einsicht, dass ich nur meiner jüdischen Natur die zwei Eigenschaften verdankte, die mir bei meinem schwierigen Lebensweg unerlässlich geworden waren. Weil ich Jude war, fand ich mich frei von vielen Vorurteilen, die andere im Gebrauch ihres Intellekts beschränkten, als Jude war ich dafür vorbereitet, in die Opposition zu gehen und auf das Einvernehmen mit der ‘kompakten Majorität’ zu verzichten.“

Hier wird der Versuch unternommen, Charakteristisches für den jüdischen Geist aufzuweisen, sozusagen in einer Art von Selbstanalyse des grossen Analytikers. Sicher hat sich jeder denkende Jude seit der Neuzeit die Frage gestellt, inwieweit er sein Judesein geistig und politisch in seiner Existenz erkennt. Dies Bewusstsein war keineswegs für den einzelnen immer harmonisch. Wenn wir an die Beziehung Mendelssohns zu Lessing denken, zeigt sich hier zwar schon eine gewisse geistige Harmonie, anderseits befand sich Mendelssohn auf einer niedrigeren Stufe der allgemeinen Gesellschaft. Für ihn als jüdischen Denker im Zeitalter der Aufklärung war dies offenbar weniger wichtig, da er in seiner eigenen Welt als Jude und Philosoph seine Heimat fand. Anders etwa Walter Rathenau, der fast schon in die deutsche Gesellschaft integriert war; aber dieses „fast“ hatte für ihn selbst eine Dimension, die ihn seelisch stark beeinträchtigte. Ähnliches gilt etwa für den Schriftsteller Jakob Wassermann, der in seiner Zeit zwar ein viel gelesener Autor war, aber die Ablehnung der Umwelt stark empfand.

Nicht nur im Mittelalter hat der Hass der Umwelt das Seine dazu beigetragen, dass Juden sich eine eigene geistige Welt geschaffen haben. Die Verehrung des Absoluten, das heisst also das strenge Durchhalten des Glaubens an den einen Gott - wie auch immer diese Vorstellung ausgeprägt wurde - hat einen wesentlichen Beitrag für eine gewisse Einheit geleistet. Damit ist natürlich die Negation des Götzendienstes in jeder Form verbunden und ferner das Gefühl einer bewussten oder unbewussten Zusammengehörigkeit. In diesem Zusammenhang spielt die dem Judentum eigene Weise der Zertrümmerung von Mythen und Ideologien eine Rolle - ein Vorgehen, das sich bereits in der Bibel findet und bis in die Neuzeit durchgehalten wurde. Das hatte zweifellos auch zur Folge, dass Tabus durchleuchtet, Götzen und magische Verhaltensweisen entlarvt wurden und sehr früh schon ein Ansatz für Kritik vorhanden war. Die hebräische Bibel ist dafür ein eindrückliches Zeugnis, nicht minder der Talmud.

Wessen geistiges Gebäude schwach ist, sieht in der Kritik eine Gefahr und ist geneigt, sie als „zersetzend“ zu bezeichnen. Es ist ein Merkmal der meisten Formen der Orthodoxie, teilweise auch der jüdischen, dass Kritik nicht ertragen und geduldet wird. Juden wurden in der Geschichte allzu oft aus dem Wege geschafft, weil man ihren kritischen Geist nicht mehr vor Augen haben wollte. Wer aufgrund der eigenen Einsicht eine Sache oder einen Menschen respektiert und liebt, dem kann die psychologische Erklärung seines Ideals nichts antun. Der uneingestandenen, unbewussten Ahnung jedoch, dass das eigene Bekenntnis auch Motive hat, zu denen man nicht stehen mag, erscheint kritische Betrachtung als Gefahr. Das gleiche hat übrigens auch vor der Einverleibung Kantischer Lehren in die offizielle Philosophiegeschichte gegolten. Seine Kritik von Metaphysik und Theologie wurde als Sakrileg empfunden. Man hasste den analytischen Zugriff und alles, was Relativierung heisst, sofern man des eigenen Glaubens nicht so sicher war.

Nun hat es in der Geschichte sehr verschiedene Perioden von beinahe geglückten geistigen Beziehungen von Juden zur nichtjüdischen Umwelt in Europa gegeben. In der hellenistischen Zeit des Altertums kam es zu geistigen Begegnungen; dafür steht, um nur ein Beispiel zu nennen, Philo von Alexandrien. In der spanisch arabischen Epoche des Mittelalters sowie in der Neuzeit, seit der Emanzipation, die in Frankreich und Holland früher, in Deutschland später erfolgte, kam es in der jüdischen Geschichte zu Höhepunkten. Vollends kann dies für das 19. und 20. Jahrhundert gelten, als Juden die Möglichkeit gegeben wurden, in der allgemeinen Gesellschaft ihren Platz zu finden. Diese Strömungen haben freilich in Deutschland kaum ein Jahrhundert gedauert. Überall, keineswegs nur in Deutschland, ist das europäische Judentum durch die Schoa verändert worden. Das bedeutet zwar nicht, dass es keine geistig hoch stehenden Juden mehr gibt, wohl aber liegt hier sowohl im Bewusstsein als auch im Geschehen eine deutlich wahrnehmbare Zäsur vor, man denke nur an das ausgerottete deutsche und osteuropäische Judentum. Juden erblicken hier eine Zäsur in der Zeit.

In den USA und im Staate Israel liegen die Dinge anders; hier haben sich in beiden Ländern völlig neue Situationen ergeben. In den USA stellt sich die Frage, wie sich die Integration der Juden in die allgemeine Gesellschaft für den jüdischen Geist auswirkt. Im Staate Israel, der noch nicht 60 Jahre besteht, wird sich erst noch zeigen, in welcher Weise der Kulturkampf sich schliesslich auf den jüdischen Geist auswirkt. Das amerikanische Problem, wie es heute vor uns steht, hat es natürlich längst auch in Europa gegeben und besteht heute noch in Frankreich und England. Es handelt sich um die Stellung des einzelnen Juden innerhalb der nichtjüdischen Gesellschaft, wenn er als Staatsbürger mit gleichen Rechten am kulturellen und ökonomischen Leben teilnimmt. In seiner Lebensweise und in seinem Denken passt er sich natürlich seiner Umgebung an. Man bezeichnet diesen Vorgang gerne als Assimilation, wobei die Wertvorstellung dieses Begriffes bei Juden und Nichtjuden nicht die gleiche ist. Für viele Juden ist der Begriff Assimilation negativ besetzt, weil sie eine Auflösung des jüdischen Elementes befürchten; anderseits befürwortet eine gutwillige Umwelt diesen Assimilationsvorgang. Wir halten diesen Begriff daher für nicht besonders nützlich und ziehen das Wort Integration vor; der Begriff hat bekanntlich heute in Europa eine zentrale Bedeutung erhalten.

Es stellt sich die Frage, inwiefern ein jüdischer Mensch als Jude charakterisiert werden kann. Dies ist oft schwierig zu definieren, denn es ergeben sich einige Fragen: Sind Handlungen oder Gedanken eines jüdischen Menschen als ‘jüdisch’ zu betrachten, auch wenn sie gar nichts mit einem spezifisch jüdischen Inhalt zu tun haben oder gar nicht von jüdischen Interessen inspiriert sind? Kann jüdisch einfach aus der Tatsache deduziert werden, dass das Subjekt von jüdischen Eltern geboren wurde? Bedarf es etwa einer speziellen Untersuchung seiner Denk- und Handlungsweise, die von seiner jüdischen Herkunft beeinflusst erscheint? Gar nicht selten wird das Jüdischsein eines Individuums hervorgehoben - und dies mit tadelndem Beigeschmack -, wenn der Betreffende unangenehm auffällt. In diesem Fall wird er als Jude betrachtet. Erhält er jedoch den Nobelpreis, gilt er vielen etwa als Deutscher, Franzose oder Amerikaner. Die Juden selbst haben in dieser Streitfrage oft eine schwankende Haltung; soweit es sich um positive Beiträge zum kulturellen oder gesellschaftlichen Leben der Gesamtheit handelt, sind sie geneigt, mit Stolz auf individuelle Juden hinzuweisen, auch wenn diese keineswegs irgendeine Form des Judentums praktizieren. Wir erwähnen hier drei bedeutende Persönlichkeiten - Karl Marx, Sigmund Freud und Albert Einstein - alle drei Entdecker neuer Welten. Sicher boten sie Zeugnis von einer Kultursynthese; aber sie waren - wie erwähnt - zumindest teilweise durch ihr Judesein beeinflusst, obwohl natürlich eine exakte Analyse so komplexer geistiger Vorgänge ein unlösbares Problem darstellt. Eines steht gewiss fest, dass diese Männer Produkte des geschichtlichen Prozesses sind, durch den die Juden aus ihrer Gettoisierung durch die Emanzipation in die freie Welt geführt werden. Es ist dabei nicht wesentlich, wie die betreffenden Persönlichkeiten selbst ihr Judentum eingeschätzt haben. Marx war von jüdischem Selbsthass erfüllt. Freud war ein selbstbewusster Jude, wobei er keine volle Klarheit darüber besass, was ihm der geistige Inhalt des Judentums wirklich bedeutete. Einstein schliesslich war konfrontiert mit den antisemitischen Strömungen seiner Zeit; er hat sich mit voller Überzeugung zu seinem Judentum bekannt und sich schliesslich auch für eine jüdische Regeneration in Palästina eingesetzt, so dass man ihm sogar das Amt des Staatspräsidenten im neugeschaffenen Staate Israel angeboten hatte.

Wenn wir über den jüdischen Geist in Europa sprechen, geht dies nicht ohne die Interpretation der Vergangenheit. Ein Hindernis des gegenseitigen Verstehens zwischen Juden und Nichtjuden besteht darin, dass das Vorstellungsbild in der Vorstellungswelt der Nichtjuden ein anderes war, als das Bild, das die emanzipierten Juden von sich selbst in der Gesellschaft gaben. Viele Quellen beweisen, wie stark etwa bei Deutschen die Vorstellung vom Juden von der Vergangenheit beeinflusst war. Daher ist die Interpretation der Vergangenheit, das bewusste oder unbewusste Gefühl zu rationalisieren, eine wichtige Aufgabe. Die gesamte Literatur - angefangen von den Gegnern der Emanzipation, den Verächtern Heinrich Heines, bis zu den Angriffen auf den so genannten jüdischen Geist in expressionistischen Dichtungen und den Anklägern der so genannten „Judenpresse“ - gehört ebenso zum Material dieses Studiums wie die umfangreiche jüdische apologetische Literatur. Was Deutschland anbetrifft, bildet dies das Material zur Geistesgeschichte eines nun zum Abschluss gelangten Abschnittes, der Österreich und Böhmen einschliesst.

Wenn wir versuchen, skizzenhaft das Gemeinsame des jüdischen Geistes zu definieren, so würden wir etwa das folgende formulieren: Die Juden in Europa hatten in der Geschichte weitgehend eines gemeinsam, nämlich das kritische Bewusstsein und den Willen zur Humanität. Beides sind grundlegende Vorstellungen der Hebräischen Bibel. Das Judentum ist in Jahrtausenden dadurch geprägt, und selbst bei Juden, die sich selbst am Rande ihres Judeseins empfinden, sind diese beiden Begriffe, wenn auch in stark säkularisierter Form, vorhanden. Wenn sich diese beiden Seinsweisen erhalten - gleichgültig in welcher Form - hat das Judentum eine Zukunft und - zumal in der Diaspora - eine Aufgabe, selbst wenn der kritische Geist und der Wille zur Humanität für die anderen oft schwer erträglich sind. Das gilt freilich nicht nur für Juden, sondern auch für diese Welt, in der es keine Humanität ohne Aufklärung geben kann und keine Aufklärung ohne Humanität. Das ist vielleicht auch eine der Botschaften, die uns der jüdische Geist zu vermitteln vermag.

Wenn wir über den jüdischen Geist in Europa sprechen, können wir nicht davon absehen, die innerjüdische Situation zu erörtern. Hier geht es darum, dass das Judentum geistig aus seiner mittelalterlichen Struktur herausgefunden hat. Dazu diente die Wissenschaft des Judentums, die im 19. Jahrhundert begann und in Deutschland eine Blüte erlebte. Sie hatte dann schon relativ bald eine weit über Deutschland hinausgehende Bedeutung und war vor allem zunächst in den USA und später auch in Israel entscheidend für die geistige Entwicklung des Judentums.

Der Beginn im 19. und anfangs des 20. Jahrhunderts wurde durch drei Anliegen bestimmt: Durch die allmähliche akademische Emanzipation der jüdischen Wissenschaft als gleichberechtigtes Universitätsfach. Gleichzeitig entstanden auf diesem Hintergrund die modernen Rabbinerseminare. So sollte die politische Emanzipation des Judentums durch die wissenschaftliche vollendet werde n. Das gesamte Überlieferungsgut sollte mit den modernen Mitteln kritischer Sprach- und Literaturwissenschaft gesichtet und historisch dargestellt werden. Schliesslich wurde auch eine Systematisierung der jüdischen Glaubensinhalte erstrebt. Leo Baecks „Wesen des Judentums“ ist eine späte Frucht dieses Bemühens.

In diesem Zusammenhang ist vor allem die Verdeutschung der Hebräischen Bibel durch Martin Buber und Franz Rosenzweig zu erwähnen. Die beiden Persönlichkeiten haben diese Arbeit als Beitrag zur geistigen Wirklichkeit der deutschen Juden verstanden. Für sie handelt es sich hier um ein Zweifaches, um den Zusammenfluss zweier geistiger Quellen: der deutschen Kultur und des jüdischen Geisteserbes. Beide wollten zeigen, dass jüdische Tradition unversehrt und unverkürzt erhalten werden konnte, und dass ebenso die Kultur von Juden wie von Nichtjuden gleichermassen bereichert wurde.

Im Jahre 1961, nach dem Abschluss dieser Bibelübersetzung, fand im Hause Martin Bubers eine Zusammenkunft statt, bei der Gershom Scholem unter anderem ausführte:

„Ob sie es nun bewusst wollten oder nicht. Ihre Übersetzung ... war etwas wie das Gastgeschenk, das die deutschen Juden dem deutschen Volk in einem symbolischen Akt der Dankbarkeit noch im Scheiden hinterlassen konnten...

Für wen wird diese Übersetzung nun bestimmt sein, in welchem Medium wird sie wirken? Historisch gesehen, ist sie nicht mehr ein Gastgeschenk der Juden an die Deutschen, sondern - es fällt mir nicht leicht, das zu sagen - das Grabmahl einer in unsagbarem Grauen erloschenen Beziehung.“

Wir haben soeben Gershom Scholem erwähnt, dessen Bedeutung zum Verständnis des Judentums bis in unsere Zeit einzigartig ist. Scholem ist nicht nur wegen der Breite seiner Wirkung mit Kafka und Freud vergleichbar. Scholems Werk dominiert einerseits die von ihm selbst begründete wissenschaftliche Disziplin, und zwar die Erforschung der jüdischen Mystik. Seine Arbeiten auf diesem Gebiet sind für alle nachfolgenden Forschungen Programm und Inspiration und befruchten sie durch die Kontroversen, die sich an ihnen entzündet haben. Seine Schriften besitzen Reichtum und Gewicht und haben eine Wirkung, die weit über die Grenzen einer Geschichte des jüdischen Geistes reicht. Die thematische Vielfalt seines Werkes bezeugt einen kreativen Geist, der über spezialwissenschaftliche Thesen und Themen hinausgeht. In seinem Werk geht es auch um die Frage, was die Philologie über die eigentlichen Triebkräfte der jüdischen Existenz und Geisteswelt zu enthüllen vermag. Indem Scholem das Untersuchungsgebiet der jüdischen Gelehrsamkeit auf das Heterodoxe, das Irrationale, das Mystische und das Magische ausdehnt, entwirft er eine Geschichtsschreibung, die über eine verherrlichende Darstellung jüdischer Errungenschaften hinausweist. Scholem gewährt uns stattdessen einen Einblick in die Fährnisse der jüdischen Seele. Es ist wenigen Menschen gegeben, eine neue Wissenschaft zu kreieren. Gershom Scholem ist dies gelungen, und sein immens grosses Werk ist längst noch nicht erschöpft. Darüber hinaus hat er eine Schule begründet, und seine Schüler arbeiten heute als Universitätsprofessoren an seinen Erkenntnissen - teilweise differenzierend - weiter.

Die Auseinandersetzung über die Möglichkeit einer Synthese zwischen Tora und Wissenschaft verlief im Laufe der Geschichte natürlich keineswegs harmonisch. In den Rahmen der Wissenschaft des Judentums gehört dann auch das Nachdenken, in welcher Weise Judentum in einer modernen Gesellschaft wirksam werden kann. Hier sei neben Leo Baeck und vielen anderen, die noch zu behandeln wären, auch Martin Buber und Franz Rosenzweig, vor allem aber Hermann Cohen (1842-1918) erwähnt. Er hatte sein jüdisches Wissen am Breslauer Rabbiner Seminar erhalten, bevor er zum Begründer des Neukantianismus wurde, um dann später schliesslich als Erneuerer der jüdischen Religionsphilosophie in die Geschichte einzugehen. Cohens Veröffentlichungen auf dem Gebiet der Wissenschaft des Judentums konzentrierten sich vor allem auf ethische Probleme und sein posthumes Hauptwerk „Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums“ ist auch heute noch wesentlich für das Verständnis jüdischen Denkens im letzten Jahrhundert. Seine Wirkung auf Franz Rosenzweig ist bedeutend, und wenn Cohens geistiger Einfluss sonst früher eher eingeschränkt schien, so hängt dies vor allem mit seinem Antizionismus zusammen. Gleichwohl hat Hermann Cohen für die nach ihm kommenden jüdischen Denker Grosses geleistet. Seine Bedeutung ist in unseren Tagen nicht zuletzt durch eine Persönlichkeit wie Emmanuel Levinas wieder zum Ausdruck gekommen, dessen strikte Ethik zweifellos einen Vorläufer in Hermann Cohen hatte.

Wir sehen also, in welcher Weise gerade auch aus Deutschland wesentliche Impulse auf die übrige Welt ausgegangen sind. Die Wissenschaft des Judentums wäre heute ohne die Anfänge in diesem Lande nicht denkbar, und von keinem andern Land ist zumindest im 19. und 20. Jahrhundert eine derartige Wirkung des jüdischen Geistes ausgegangen, der dann auch in anderen Ländern wirksam wurde. –

Wenn wir heute soviel von der Erinnerung reden, so denken wir nicht nur an die unendlich vielen ermordeten Menschen, sondern auch an den Geist, der mit ihnen getötet wurde. Zugleich muss jedoch auch unsere Erinnerung dem gelten, was in Deutschland einst gerade innerjüdische kreativ gestaltet worden ist. Ein schwacher Trost mag sein, dass schliesslich der Geist des deutschen Judentums heute, wenn auch in anderer Form, in anderen Ländern seine Fortsetzung findet.

Wir haben uns weder mit der Literatur noch der Malerei von Juden beschäftigt, weil hier zu fragen ist, was daran eigentlich spezifisch jüdisch wäre. Wenn man Max Liebermann erwähnte, so waren es erst die Nazis, die Liebermann ausgrenzten, während er sich selbst bis zuletzt - als er 1935 in Berlin im Alter von 88 Jahren starb - als Deutscher, Preusse, Jude und Berliner bezeichnet hätte.

«Mein ganzes Leben lang habe ich immer zuerst gefragt: „Bist du Jude, Christ oder Heide?“ Und er fügte hinzu: „Ich bin als Jude geboren und werde als Jude sterben.»

Dieses Nebeneinander von Überzeugungen war für die deutschen Juden dieser Epoche charakteristisch. Sie waren, wie es ihre Abwehrorganisation der Welt in Erinnerung rief, „deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens“ und hätten ihre Leistung gewiss nicht als spezifisch jüdisch bezeichnet. Ähnliches gilt auch für die Schriftsteller, ob sie nun Wassermann, Georg Hermann, Carl Sternheim oder später Stefan Zweig oder Else Lasker-Schüler heissen, wobei die letzteren bereits von den nazistischen Barbaren ausgegrenzt und auf ihr Judesein zurückgeworfen wurden. Freilich hat gerade der Beitrag von Juden schon Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu starken antijüdischen Angriffen geführt, bis dann die jüdischen Intellektuellen, die ergriffen werden konnten, ermordet wurden. Die Liste der Selbstmorde ist entsprechend lang: Kurt Tucholsky, Ernst Toller, Ernst Weiss, Walter Hasenclever, Walter Benjamin, Carl Einstein, Stefan Zweig, Alfred Wolfenstein, und dann nach dem Krieg etwa Primo Levi und Paul Celan.

Diese summarische Aufzählung zeigt, wie zumal in Deutschland, in Österreich und in Böhmen Juden untergegangen sind und damit auch das, was sie verkörperten: eine Form des Geistes, die sie selbst wahrscheinlich nur in seltenen Fällen als jüdisch bezeichnet hätten, die aber von den anderen als solche angesehen wurde.

Wir können abschliessend daher feststellen: Es waren unendlich viele Juden in Europa, die diese Kultur wesentlich mitgeprägt haben.

Wir haben hier ausführlich das einstige deutsche Judentum erwähnt. Ihr Erbe gilt auch noch heute. Was diese Menschen im Wesentlichen auszeichnet und anderseits oft ein Anstoss war, ist ein Gemeinsames: kritisches Denken und der Wille zur Gerechtigkeit. Wenn nach der Aufgabe der Juden in Europa gefragt wird, kann man daran anknüpfen, was die vergangenen Generationen gerade in Deutschland in die Gemeinschaft ihres deutschen Volkes einbringen wollten, auch wenn dieses es allzu oft nicht annahm. Das kritische Denken und der Wille zur Gerechtigkeit. Beides müsste auch ein gegenwärtiges und kommendes Europa aufnehmen. Das wäre dann eine kreative Form der Erinnerung.

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Discutie
13 - 15 mai 2005
Bildungszentrum Eichholz, Wesseling b. Bonn
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