Medaillenrennen für China

Patriotische Gefühle im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen

Die Wohnviertel von Peking sind seit Wochen in ein Meer von roten Fahnen getaucht. In einigen Straßen wird fast jede Haustür von einer chinesischen Flagge geziert. Die Bewohner haben sie aufgehängt, um ihre Unterstützung für die chinesischen Athleten zu signalisieren.

Die Chinesen setzen große Hoffnungen in ihre Sportler. Sie sollen möglichst viele Goldmedaillen gewinnen und China im Licht der internationalen Öffentlichkeit als große Sportnation erglänzen lassen. Jahrelanges hartes Training haben sie im Vorfeld der Spiele durchlaufen. Es war verbunden mit vielen Entbehrungen, denn neben dem Sport bietet das Leben der Athleten nicht viele Freiräume.

Der Hürdenläufer Liu Xiang ist ein gutes Beispiel dafür. In einem Zweibett-Zimmer an der Shanghaier Sportschule trainierte er weitgehend abgeschottet von der Öffentlichkeit für seinen Lauf. Seinem Trainer musste er versprechen, dass er auf ein Liebesleben vorerst verzichtet. Umsorgt von einem Team von Ärzten und Ernährungsberatern bereitete er sich auf die Wettkämpfe vor und versuchte, den Erwartungen, die in China an ihn gestellt wurden, gerecht zu werden. Wie kein anderer wurde er nach seinem überraschenden Sieg in Athen zur Ikone stilisiert. Sein Gesicht strahlt von zahllosen Werbeplakaten in allen Fußgängerzonen der Stadt. Mit seinem Namen wird das Nationalstadion, auch „Vogelnest“ genannt, in dem die Leichtathletikwettkämpfe ausgetragen werden, in Verbindung gebracht. Auf seinen Sieg haben sich die chinesischen Zuschauer am meisten hingefiebert.

Sogar die Kommunistische Partei hat ihn zum Nationalhelden erkoren. Im Frühjahr wurde Liu Xiang als Abgeordneter in die Politische Konsultativkonferenz berufen. Er war es auch, dem Staats- und Parteichef Hu Jintao die Fackel überreichte, als diese in China ankam. Liu Xiang war das Gesicht der Olympischen Spiele in Peking. Sein Erfolg sollte für die Stärke der Chinesen stehen. Er sollte zeigen, dass China gewinnen kann, selbst in Disziplinen, die zuvor von Europäern und Amerikanern dominiert wurden. Obwohl er schon seit Beginn des Jahres Probleme mit seiner Achillessehne hatte, trainierte er weiter. Als er am Dienstag unter großen Schmerzen wegen seiner Verletzung aus dem Wettkampf ausscheiden musste, verließen einige Zuschauer weinend das Stadion.

Am Mittwoch hat sich Liu in einem offiziellen Statement dafür entschuldigt, dass er aufgegeben hat. Die Sympathie der Chinesen hat er nach wie vor. "Liu bleibt unser Nationalheld", schreibt die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua und auch die Sponsoren, darunter Nike, Coca Cola und die Versicherungsgesellschaft Ping An stehen weiter hinter den Sportler.

Doch Liu war nicht die einzige Medaillenhoffnung. Auch nach seinem Aus tickt der Goldmedaillenzähler für China weiter. Es werden wohl am Ende über 50 an der Zahl sein, was Chinas bisher beste Leistung bei Olympischen Spielen darstellt. Genau darauf haben die Machthaber in Peking hingearbeitet. Man wollte die Welt beeindrucken, mit überragenden sportlichen Erfolgen und einem Sportfest der Superlative. Die olympischen Spiele wurden als gigantische Möglichkeit der Selbstdarstellung wahrgenommen. Die ganze Welt sollte vor Erstaunen erstarren.

Verletzter Nationalstolz im Vorfeld der Spiele

Als im Vorfeld der Spiele, insbesondere im Zusammenhang mit den Unruhen in Tibet, die Menschrechtssituation in China verstärkt ins Interesse der internationalen Öffentlichkeit rückte und sich die Machthaber mit heftiger Kritik konfrontiert sahen, traf dies den empfindlichen Nerv der Chinesen. Als Antwort auf die Rügen aus dem Ausland, wurde in den chinesischen Medien das Gerücht verbreitet, dass die westliche Berichterstattung chinakritisch eingestellt sei. Westliche Medien, so wurde behauptet, würden mit Absicht die Wahrheit verdrehen, um das Gastgeberland der Spiele in ein schlechtes Licht zu rücken. Als Beispiel wurde die Verfälschung von Fotos während der Unruhen in Tibet herangezogen. Mehrere deutsche Zeitungen hatten Film- und Bildmaterial, das Angriffe von Polizisten auf Zivilisten in Nepal zeigt, fälschlich Berichten aus Tibet zugeordnet. Die Proteste, die während des Fackellaufs im Ausland zu beobachten waren, verstärkten den Unmut der Chinesen nur noch mehr. Der Westen gönne China die Ausrichtung der Spiele nicht, so die verbreitete Meinung.

Als Reaktion auf die Kritik aus dem Ausland hat in China das Nationalbewusstsein stark zugenommen. Dies ging so weit, dass Länder, die nach hiesiger Meinung durch ihre Kritik die Gefühle der Chinesen verletzt haben, abgestraft wurden. Nachdem es während des Fackellaufs in Paris zu heftigen Protesten gekommen war und Gerüchte aufkamen, dass Carrefour eine finanzielle Unterstützung für tibetische Separatisten geleistet habe, wurde vor allem von Bloggern zu einem Boykott französischer Waren aufgerufen. Obwohl Carrefour die Gerüchte umgehend zurückwies, kam es zu Demonstrationen vor Filialen der französischen Warenhauskette und zahlreiche Chinesen weigerten sich, in Carrefour-Märkten einzukaufen.

Die chinesische Regierung versuchte anschließend die Wogen der nationalistischen Empörung zu glätten und rief dazu auf, die patriotische Leidenschaft auf die Spiele zu konzentrieren.

Patriotismus und internationales Gemeinschaftsgefühl schließen sich nicht aus

Trotz aller Spannungen im Vorfeld wurden die internationalen Gäste herzlichst empfangen. Man bemühte sich, ihnen so gut es ging entgegenzukommen: mit Englisch-Schulungen für Taxifahrer, Ehrenamtlichen, die Fremden den Weg weisen, und einer Notfall-Telefonhotline, die Übersetzungsdienste für alle Sprachen anbietet. Das bunte Gemisch fremder Völker hat sich harmonisch unter die Einheimischen gemischt.

Doch so sehr man sich von offizieller Seite anstrengte ein angenehmes Ambiente für die Ausländer zu schaffen, sind im privaten Bereich ein gewisses Unbehagen gegenüber einzelnen Nationen und alte Feindseeligkeiten bestehen geblieben. Diese äußerten sich auf der Zuschauertribüne: Einige Sportler, insbesondere diejenigen aus den USA, hatten es schwer, die Unterstützung des chinesischen Publikums zu bekommen. Gegenüber japanischen Sportlern wurden sogar einzelne Schmährufe geäußert, als diese die Arena betraten, so beispielsweise gegenüber der japanischen Ringerin Saori Yoshida. Beim Volleyballspiel China gegen Japan gipfelte dies sogar darin, das bei jedem Aufschlag die chinesischen Zuschauer einen Chor aus „Buh“-Rufen anstimmten, worauf tatsächlich gleich zu Beginn des Spiels vier Aufschläge der Japaner ins Netz gingen.

Bei anderen Wettkämpfen, bei denen sich keine chinesischer Sportler in der Arena befanden, ließen sich die einheimischen Zuschauer allerdings durchaus dazu hinreißen, andere Nationen anzufeuern. Mitunter wurde für Kuba, Großbritannien oder auch Deutschland gejubelt. Dabei stimmte man in die Rufe der ausländischen Besucher mit ein und feierte ein gemeinsames Fest des Sports.

Am leidenschaftlichsten wurde die Zurufe jedoch immer dann, wenn die Athleten im rot – gelben Trikot im Rennen waren. In den Gesichtern der chinesischen Zuschauer und an ihren Kleidern fanden sich dann Aufkleber mit chinesischen Flaggen, die teilweise vor dem Spiel gratis verteilt wurden. Um den Kopf gebunden trugen einige auch ein rotes Band, auf dem in gelber Schrift „China muss gewinnen“ aufgedruckt stand. Immer wieder sprang in den vorderen Reihen ein Zuschauer auf, streckte in Manier der Helden auf früheren Propagandaplakaten die geballte Faust in die Höhe und schrie: „China“. „Auf geht´s“ antwortete die Menge und mündete in einen nicht enden wollenden Sprechchor von Jubelgesang. Über den Köpfen der Zuschauer wurden die chinesischen Flaggen geschwungen. Gerne schenkte man dann auch dem ausländischen Gast eine Fahne und lud ihn ein, an der Feier teilzunehmen.

Sabrina Eisenbarth, 22. August 2008

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