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Bemerkenswertes oder Merkwürdiges über Amerika und die transatlantischen Beziehungen

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Zusammenfassung einer Rede von Allen W. Dulles vor dem Council on Foreign Relations am 3. Dezember 1945

Übersetzung von Frank Kostelnik;

aus: Foreign Affairs November/December 2003 S. 4-8

Die Situation und die Problematik im heutigen Deutschland sind von großen Schwierigkeiten und hoher Komplexität gekennzeichnet. Seit nunmehr zweieinhalb Jahren ist Deutschland eine politische und ökonomische Wüste, in der dennoch die öffentliche Ordnung aufrecht erhalten werden konnte. Obwohl einige Zeitungen in den Vereinigten Staaten solche Geschichten aufgebracht hatten, gibt es keine nennenswerte Untergrundbewegung, die uns gefährlich werden könnte. Die Führer Nazi- Deutschlands konnten verständlicherweise ihre Niederlage nicht eingestehen; die Gefühle der Bevölkerung sind demgegenüber aber heute weniger von Scham und Schuld geprägt als von der Meinung, von ihren Führern im Stich gelassen worden zu sein.

Die wirtschaftliche und industrielle Situation in Deutschland könnte fast nicht schlechter sein – es gibt nur sehr wenige Geschäfte in denen man überhaupt etwas kaufen kann. Sobald wir versuchen, Deutschland in Schwung zu bringen und Vorbereitungen für die Errichtung von Verwaltungen anlaufen, wird der Mangel an unbelasteten Fachleuten offensichtlich. Die meisten Männer, welche die nötigen Fähigkeiten besitzen, sind politisch vorbelastet. Wenn wir endlich jemanden ausfindig machen, dessen Fähigkeiten akzeptabel sind und dessen politische Vergangenheit unbelastet ist, müssen wir für gewöhnlich feststellen, dass er die letzten zehn Jahre in der Emigration gelebt hat und den Bezug zu den realen Verhältnissen vor Ort hoffnungslos verloren hat. Wir mussten leider der Tatsache ins Auge sehen, dass wir keine Eisenbahnen zum Laufen bringen, ohne auf ehemalige Parteimitglieder angewiesen zu sein.

Das Denken in Schubladen ist immer etwas willkürlich und oft verschleiert eine allzu starre Einordnung von Personen in Kategorien die tatsächlichen Gegebenheiten. Den Bürgern A, B, C oder D zum Beispiel, welche sich nie für Politik interessiert hatten, wurde auf die eine oder andere Weise nahe gelegt, in die NSDAP einzutreten, um das Plansoll an Parteimitgliedern in der Fabrik, in der sie arbeiteten, erfüllen zu können. Obwohl sie wahrscheinlich keine negativen Konsequenzen zu erwarten gehabt hätten, wenn sie nicht eingetreten wären, sind sie aber - dem sozialen Druck folgend - dennoch in die Partei eingetreten. Mir ist der Fall von zwei Brüdern bekannt, welche eine Münze warfen, um auszulosen, welcher von beiden in die SS eintreten sollte. Ich erwähne dies nicht um etwa anzudeuten, dass nennenswerte Teile der Bevölkerung in Opposition zur NSDAP standen, sondern um zu verdeutlichen, wie irreführend aber gleichzeitig von welch ausschlaggebender Bedeutung das Merkmal „Parteigenosse“ manchmal sein kann. Weiterhin gibt es zu viele Regeln und Vorschriften für den Umgang mit Deutschen, so dass es an der notwendigen Flexibilität für deren Rekrutierung für Verwaltungsaufgaben mangelt. Es gibt 126 Kategorien von Deutschen, welche von jeder öffentlichen Tätigkeit oder von Posten in der öffentlichen Verwaltung ausgeschlossen sind. Nehmen Sie zum Beispiel den Fall eines Besitzers von Zink- und Kohlegruben in Oberschlesien, welcher ein erbitterter und unerschütterlicher Gegner der Nazis und ein Mann von unbestreitbarer Integrität und Zivilcourage war. Es war mir allerdings nicht erlaubt, ihm in der Verwaltung einen Posten zu geben, da er unter die „Kategorie 106: Überwachungsfunktion in der Kriegswirtschaft“ fiel.

Wir bemühten uns sehr, Finanzfachleute zu finden, aber die meisten Bankiers, welche in den 20er und 30er Jahren in Deutschland tätig waren, wurden umgebracht (wahrscheinlich bezieht sich Dulles hier auf jüdische Bankiers, die von den Nationalsozialisten umgebracht wurden; Anm. des Übersetzers) Ich machte einen Bankier in einer Gefängniszelle im „automatic arrest“ ausfindig: er war zu Beginn des Krieges zum Vermögensverwalter eines Ausländers bestimmt worden – einer Tätigkeit, von der er allerdings später wieder zurücktrat. Mir wurde berichtet, dass er dieser Pflicht aus heutiger Sicht mit größter Korrektheit nachkam. Ich musste diesen Fall den Vereinigten Stabschefs in Washington vortragen, ehe es mir gelang, ihn für Verwaltungsaufgaben einzusetzen.

Dann gibt es zum Beispiel noch den Fall von Professor Sauerbruch, einem der besten Chirurgen in Berlin. Ich fand ihn ebenfalls in einer Gefängniszelle Es bedurfte einer offiziellen Anfrage aus Washington an die britische Regierung, damit er freigelassen wurde und sich wieder der medizinischen Versorgung der Bevölkerung widmen konnte; allerdings wurde er von den Briten einige Tage später wieder verhaftet, da er nun unter eine andere Kategorie politisch Belasteter fiel.

In unserer Besatzungszone haben wir 70000 Personen verhaftet. Zunächst gab es kein Recht auf „habeas corpus“ und es gab auch keine Überprüfungsinstanz – erst später haben wir dafür spezielle Gerichte eingerichtet. Ich mache unsere Leute nicht für diese Zustände verantwortlich – schließlich konnten wir in der Anfangszeit der Besatzung nicht jedem Fall einzeln nachgehen als es zunächst darauf ankam, ein effektives Besatzungsregime zu errichten.

Die gegenwärtigen politischen Verhältnisse in Deutschland basieren auf den Vereinbarungen von Teheran, Jalta und Potsdam. Die Vereinbarung von Teheran wurde getroffen, als sich Churchill in seiner Position etwas unsicher fühlte. Die Vereinbarung betraf nicht die französische Zone, da diese erst später eingerichtet wurde. Unabhängig von ihrer Entstehungsgeschichte passen die getroffenen Vereinbarungen im Großen und Ganzen fast nicht auf die in Deutschland gegebenen Verhältnisse. Wir haben Baden, Württemberg und Hessen zu künstlichen Besatzungszonen auseinandergerissen. Im Falle Sachsens schneidet die russische Besatzungszone die britische und amerikanische Zonen von ihren gewachsenen Verbindungen dorthin ab. Allerdings ist es schwer vorstellbar, wie es die Alliierten anders hätten bewerkstelligen sollen, zumal die Russen niemals einer angloamerikanischen Vormachtstellung in Deutschland zugestimmt hätten und umgekehrt es die Amerikaner und Briten ablehnen, den Russen einen einseitigen Vorteil zu gewähren; so wurden bisher nur geringe Fortschritte erzielt, einzelne Verwaltungsbereiche zu zentralisieren. Was die Sache noch komplizierter macht ist die Tatsache, dass Frankreich erklärt, es könne in seiner Zone erst dann eine zentrale Verwaltung einrichten, wenn abschließende Entscheidungen zu der Rhein- und Ruhrfrage von den Alliierten getroffen worden seien.

Die Anwendung kommunistischer Doktrinen in der russisch kontrollierten Zone bleibt weitgehend auf das Papier beschränkt. Die Russen halten es für etwas schwierig die Anwendung kollektivistischer Doktrinen - einschließlich der Verstaatlichung der Banken, der Schaffung neuer Grundbesitzverhältnisse und das Entstehen einer neunen Klasse kleiner bäuerlicher Grundbesitzer - mit den Verhältnissen, wie sie unter den Nazis herrschten oder allgemeiner: in einem kapitalistischen Wirtschaftssystem existieren, zu vereinbaren.

Wir Amerikaner können uns auf exzellente Männer verlassen. Ich habe den höchsten Respekt vor Clay; und Eisenhower ist ein Genie als Diplomat und Verwalter. Aber ich bin dennoch geneigt zu glauben, dass die sich stellenden Probleme zu groß sind, um von uns gelöst zu werden. Unsere Leute in Deutschland sind übermäßig ängstlich, Kritik in den Vereinigten Staaten herauszufordern, zum Beispiel ist die Straße von Frankfurt nach Wiesbaden so voller Schlaglöcher, dass es fast unmöglich ist, auf ihr zu fahren und die Überquerung des Mains ist unmöglich, da alle Brücken zerstört sind. Aber die Reparaturarbeiten wurden von der Army noch nicht in Angriff genommen, da sie sich sicher ist, dafür kritisiert zu werden, die „deutsche Kriegsführungsfähigkeit“ wieder aufzubauen.

Die Industrie in Deutschland – ausgenommen einige Kohlezechen im Ruhrgebiet – liegt vollständig danieder. In dem Moment, in dem entschieden wird, welche Industrien wieder produzieren sollen und man daran geht, sie wieder funktionsfähig zu machen, beginnen die eigentlichen und schwierigen Probleme.

Was nun die Industriepolitik der einzelnen Beatzungsmächte anbetrifft, so ist besonders die russische Politik schwer zu durchschauen. Es ist schwer abzuschätzen, ob die Russen wirklich ihre Zone entindustrialisieren wollen, um mit den Anlagen Russland wieder aufzubauen, aber es gibt Anzeichen, die sich in diese Richtung deuten lassen. Die Russen haben bei allen zweigleisigen Bahnstrecken das zweite Gleis entfernt, sie behalten weiterhin alle körperlich fitten Kriegsgefangenen in Gefangenschaft und sie haben eine große Anzahl Industrieller, Bankiers, Wissenschaftler und andere Fachleute in den Osten verschleppt. Das Ansehen der Russen in ihrer Zone ist ziemlich gering. Die russischen Truppen ernähren sich aus dem Land und es kam weit häufiger zu Plünderungen als in den anderen Zonen. In Berlin plünderten sie die Häuser von Arbeitern, genauso wie sie es in Ungarn getan haben. Daraus kann man wohl schließen, dass in beiden Gebieten die Kommunistische Partei keinen großen Rückhalt in der Bevölkerung hat. Auf jeden Fall haben nun die Russen den Westen kennen gelernt und wir die Russen. Indem die Russen die Gebiete östlich der Oder unter polnische Verwaltung gestellt haben, haben sie den Polen den Schwarzen Peter zugeschoben. Es ist schwer zu durchschauen, was dort vor sich geht, aber im allgemein verhalten sich die Russen nur wenig besser als eine Schlägertruppe. Sie haben den gesamten verfügbaren Alkohol verkonsumiert. An Deutsche werden keine Lebensmittelkarten ausgegeben; um sich Lebensmittel zu beschaffen, sind diese gezwungen, zu Fuß in die russische Zone zu gehen, wo sie mehr tot als lebendig ankommen. Ein Eiserner Vorhang ging vor dem Schicksal dieser Leute hernieder und es ist zu vermuten, dass die Verhältnisse dort wirklich schrecklich sind. Im Gegensatz zu den in Jalta abgegebenen Versprechungen, sind wahrscheinlich 8 bis 10 Millionen Menschen versklavt worden.

Es besteht kein Zweifel, dass Deutschland bestraft werden muss, aber in diesem Fall wird ein Gefühl der Bitternis zurückbleiben, welches für die Zukunft nichts Gutes bedeutet.

Ich sagte schon, dass das Gesamtproblem „Deutschland“ höchstwahrscheinlich gar nicht gelöst werden kann. Die Frage ist nun: „was können wir trotzdem tun?“

Als erstes müssen wir uns untereinander einig werden. Dann müssen wir Deutsche finden, welche wir für den Wiederaufbau einsetzen können. Wir könnten uns in dieser Beziehung an die Kirchen wenden, welche sich Hitler nicht gebeugt hatten, aber viele Leute würden bezweifeln, dass es weise ist, dass sich die Kirchen überhaupt in die Politik einmischen. Wir könnten auch die Überlebenden des versuchten Staatsstreiches vom 20. Juli in Erwägung ziehen oder schauen, welche Leute wir bei den Gewerkschaften finden können. Schließlich könnten wir auch versuchen, das Potential der Kriegsgefangenen auszuschöpfen.

Frauen sind wahrscheinlich keine große Hilfe für uns, obwohl sie es theoretisch sein könnten. Es gibt momentan ein Sprichwort in Deutschland, dass heutzutage alle kräftigen Männer Frauen sind. Hitler hatte großen Einfluss auf die Frauen - die Existenz von Eva Braun scheint den meisten Frauen unbekannt gewesen zu sein. Sie sind sehr verbittert. Alles in allem gesehen bedarf die „Frauenfrage“ großer Beachtung.

Ich glaube, dass es notwendig werden könnte, die Art und Weise unseres Besatzungsregimes zu verändern. Bisher gab das Verhalten unserer Besatzungstruppen kaum Anlass für Tadel. Ich glaube, dass wir uns kleine und hochmobile Heereseinheiten abstützen müssen und zur Überwachung verstärkt Flugzeuge einsetzten sollten. Diese Truppen würde ich außerhalb von Städten stationieren, damit ihre Präsenz keinen Anatzpunkt für deutsche Propaganda liefert. Einen ausreichenden Lebensstandard für die Bevölkerung in Deutschland zu sichern ist fast hoffnungslos, was wahrscheinlich von niemandem gelöst werden kann. Aber dennoch müssen wir für dieses Problem irgendwie eine Lösung finden.

Das Potential Deutschlands muss zum Wohle Europas und insbesondere zum Wohle der von den Nazis geplünderten Länder, nutzbar gemacht werden.

Wenn wir die Deutschen nicht in Lohn und Brot setzen und das Flüchtlingsproblem lösen können, werden die Deutschen in irgendeiner Form auf Rache sinnen, auch wenn es hundert Jahre dauern sollte.

Frage:

Können Sie uns etwas über die Versorgung mit Lebensmittel sagen?

Antwort:

In der amerikanischen Besatzungszone ist der Standard 1500 Kalorien pro Tag; aber dieses Ziel konnte bisher nicht erreicht werden. Wir und die Briten müssen Lebensmittel nach Deutschland importieren, wenn die Deutschen überleben sollen. Sechzig Prozent der Deutschen leben in der französischen, englischen und amerikanischen Zone; dort werden allerdings nur vierzig Prozent der Lebensmittel produziert. In der russischen Zone zweigen die Russen einen Teil der Lebensmittelproduktion für ihren eigenen Bedarf ab.

Frage:

In den Vereinigten Staaten verstärkt sich die Meinung, dass karitative Privatorganisationen bei der Lösung der Ernährungsfrage und beim Wiederaufbau Deutschlands helfen sollten. Was halten Sie von dieser Idee?

Antwort:

Aufgrund der Verschiedenartigkeit der Organisationen würde dies ein großes Problem darstellen; aber ich habe dieses Problem mit Eisenhower diskutiert- und ich glaube, dass es gelöst werden kann. Ich weiß nicht wann es möglich sein wird, private Spenden nach Deutschland zu überweisen.

Frage:

Welche Aussichten sehen Sie für die Errichtung nationaler Verwaltungseinheiten in Deutschland?

Antwort:

Solange sich die Russen nicht aus Deutschland zurückziehen – und es gibt keine Anzeichen dafür, dass sie dies beabsichtigen – kann es keine zentralen Verwaltungseinheiten geben. Daher erscheint es mir notwendig, lokale Verwaltungseinheiten aufzubauen, nicht in dem Sinne, dass wir Deutschland spalten wollen, sondern um eben irgend eine Art von Verwaltung zur Verfügung zu haben.

Frage:

Wann wird es eine zivile Verwaltung in der amerikanischen Zone geben?

Antwort:

Die Army ist nicht besonders erpicht darauf, mit der Verwaltung Deutschlands betraut zu sein – und ich mache ihr draus nicht den geringsten Vorwurf. Die Frage, wann wir eine zivile Verwaltung haben werden, hängt davon ab, welche Pläne in Washington geschmiedet werden. Bisher habe ich nichts davon gehört, dass ein solcher Plan existiert.

Allen. W. Dulles war während des Zweiten Weltkrieges Repräsentant der OSS (der Vorgängerorganisation der CIA) in Bern; er unterhielt Kontakte zum militärischen Widerstand in Deutschland und war maßgeblich am Zustandekommen des Waffenstillstandes in Italien beteili gt. Er war enger Beobachter der frühen Besatzungsphase in Deutschland nach dem Mai 1945. Von 1953 bis 1961 stand er an der Spitze des Geheimdienstes CIA.

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