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KAS / Giuseppe Moro
Rezension

Wenig Neues vom „Alten“

Drei Neuerscheinungen zum 150. Geburtstag Konrad Adenauers

Norbert Frei: Konrad Adenauer. Kanzler nach der Katastrophe. C.H. Beck Verlag, München 2025; Friedrich Kießling: Adenauer. Dreieinhalb Leben. dtv, München 2025; Holger Löttel: Konrad Adenauer. Leben in Zeiten des Umbruchs. BeBra Verlag, Berlin 2025.

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In seinen „Anmerkungen zu Adenauer“ kam Hans Peter Schwarz 2004 zu folgendem Urteil: „Auch in der historischen Forschung und in der Publizistik ist die frühere Umstrittenheit der Gestalt Adenauers von einer insgesamt respektvollen Bewertung abgelöst worden. Der Historikerstreit um Adenauer hat sich gelegt.“

Zwischenzeitlich schien diese Bewertung nicht mehr zu gelten. Aspekte wie die personellen Kontinuitäten zur NS-Zeit in der öffentlichen Verwaltung oder die Ausforschung der SPD durch den Bundesnachrichtendienst in den 1950er Jahren wurden in jüngeren Publikationen zum Schwerpunkt gemacht und die Adenauer-Zeit damit  insgesamt in ein trübes Licht getaucht. Es konnte bisweilen der falsche Eindruck entstehen, die Zeit nach 1949 sei im Grunde nur eine postfaschistische Phase gewesen, die erst mit der 68er-Bewegung oder dem Regierungswechsel 1969 mit der Wahl Willy Brandts zum Bundeskanzler geendet sei.

Pünktlich zu Konrad Adenauers 150. Geburtstag ändert sich die Perspektive jedoch erneut im Sinne des Schwarz-Diktums, denn aufgrund der derzeitigen Ungewissheiten sowohl im Innern als auch in der internationalen Politik treten das Lebenswerk Adenauers und seine Leistungen wieder stärker in den Vordergrund. Dazu zählen insbesondere die Westbindung der Bundesrepublik  (transatlantische Beziehungen und europäische Integration), die Politik der Sozialen Marktwirtschaft sowie die Etablierung einer stabilen und erfolgreichen Demokratie, bedenkt man, dass allein die Ära Adenauer länger dauerte als die gesamte Zeit der Republik von Weimar. Und anders als sonstigen wichtigen Persönlichkeiten der neueren deutschen Geschichte wie Otto von Bismarck oder Gustav Stresemann gelang Adenauer etwas Entscheidendes: Seiner Politik Stetigkeit zu verleihen. Die drohende Gefährdung oder der drohende Verlust des Bestehenden schärft heute den Blick auf das in der frühen Bundesrepublik Geschaffene, das lange als selbstverständlich galt. Nach 75 Jahren ist das Vermächtnis Adenauers durch innere wie äußere Faktoren jedoch bedroht. Das ist Anlass, sich dieses Erbes zu versichern und es, wo notwendig, zu verteidigen.

Gleich drei biografische Neuerscheinungen anlässlich Adenauers 150. Geburtstag unternehmen aus der Perspektive einer unübersichtlichen Gegenwart nun den Versuch einer historischen Einordnung dieser Jahrhundertfigur. Die Darstellungen sind jeweils mit unterschiedlicher Motivation oder Schwerpunkt verfasst und ergänzen sich damit insgesamt recht gut.

Als Leiter der Abteilung Archiv und Wissenschaft bei der Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus in Rhöndorf ist Holger Löttel seinem Untersuchungsgegenstand am nächsten, und er lässt entsprechend Zitate und Bilder aus dem Nachlass Adenauers mit einfließen. Als klassische Überblicksdarstellung verfasst, ist eine Vertiefung der Inhalte nur punktuell möglich, so etwa bei der anschaulichen Schilderung der Moskau-Reise des Bundeskanzlers 1955. Mit dem eigenen Urteil ist Löttel sehr zurückhaltend, hier hätte man sich teils eine etwas deutlichere Einordnung durch den Experten gewünscht. Umso stärker fallen die Passagen auf, in denen das der Fall ist, wie etwa bei der Schilderung der Zeit der seelischen Niedergeschlagenheit Adenauers nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten, seiner Entfernung aus dem Amt des Kölner Oberbürgermeisters und seiner Flucht ins Kloster Maria Laach, in der er trübe Gedanken zu Papier brachte, die jüngst gar dazu führten, ihm eine depressive Veranlagung zu attestieren. Zu den Aufzeichnungen und Äußerungen Adenauers vom Herbst 1933 schreibt Löttel: „Man sollte aus diesen Zeugnissen innerer Verzweiflung indes keine allzu weitreichenden Schlussfolgerungen ziehen. Zum einen wurde Adenauer durch Gussie und die Kinder, die ihn hin und wieder besuchen konnten, seelisch stabilisiert. Zum anderen war er eine Kämpfernatur, die gerade in dem Moment, in dem die entscheidenden Existenzfragen gestellt wurden, nicht resignierte“ (S. 59).

Die vom Umfang und Inhalt her umfangreichste der drei Biografien hat Friedrich Kießling, Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität-Bonn, verfasst. Er legt den Schwerpunkt auf die Lebensgeschichte Adenauers bis 1945, mit der Begründung, es wäre „falsch, die sieben Jahrzehnte zuvor lediglich als eine Art Vorgeschichte des Machtantritts von 1949 zu begreifen. Nein, Adenauer lebte nicht ein Leben mit der Kanzlerschaft als Mittel- und Zielpunkt“ (S. 11). Das tat er zwar nicht, aber die Kanzlerschaft stellte gewiss den Höhepunkt dieses langen Lebens und den Hauptgrund für seine heutige Biografiewürdigkeit dar. Vor diesem Hintergrund ist das Kapitel zu den Jahren 1949 bis 1963 mit knapp 90 von über 450 Seiten Text proportional doch recht kurz bemessen.

 

"Bonn wurde eine stabile Demokratie!"

Hingegen legt Norbert Frei, emeritierter Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, den Schwerpunkt seines deutlich knapperen „Porträt[s]“ (S. 9) auf die Zeit von Adenauers Kanzlerschaft. Einen Schwerpunkt setzt Frei – nicht überraschend – auf die Vergangenheitspolitik und kommt hier – ebenfalls nicht überraschend – zu einer recht negativen Beurteilung, die in Teilen zwar ihre Berechtigung hat, in Teilen aber auch ein zu negatives und historisch unrealistisches Bild der jungen Bundesrepublik zeichnet, wenn er etwa polemisiert: „Die inzwischen nicht mehr ganz so jungen Funktionseliten der NS-Zeit, die Hitler den Staat gemacht und das Gesellschaftsprojekt des ‚Dritten Reiches‘ in Wirtschaft und Wehrmacht, in Wissenschaft und Kultur vorangetrieben hatten – sie sollten sich nun unter der Regie des ‚Alten‘ in der Demokratie bewähren“ (S. 151). Das bedeutet aber anders gewendet auch: Gerade im Rückblick spricht doch einiges für Adenauers „pragmatischen“ Ansatz der Einbeziehung minderbelasteter Bevölkerungsteile. Denn Bonn wurde – in den Worten des Schweizer Journalisten Fritz René Allemann – eben nicht Weimar, sondern entwickelte sich unter schwierigsten Voraussetzungen gleichwohl zu einer stabilen Demokratie. Dass  der vierzehn Jahre lang regierende Bundeskanzler und die prägende politische Figur dieser Zeit, der die Bundesrepublik politisch und mental eng an die Demokratien des Westens band, hieran entscheidenden Anteil hatte, ist bei der historischen Bewertung sicherlich in Rechnung zu stellen.

Zu den Aspekten, die im Lichte der Gegenwart in allen drei Neuerscheinungen stärkere Aufmerksamkeit erfahren, gehört auch Adenauers konsequente Gegnerschaft zum Nationalsozialismus zwischen 1933 und 1945 sowie die existenziellen Bedrohungen, denen er und seine Familie in diesen Jahren ausgesetzt waren. So beschreibt Kießling insbesondere Adenauers Situation in den Monaten nach dem 20. Juli 1944 als „lebensbedrohlich“ (S. 264). Zugleich irritiert seine Aussage – in Anlehnung an Henning Köhler – auf der nachfolgenden Seite, „die Frage, warum Adenauer als prominenter NS-Gegner und Vertreter der verhassten Weimarer Republik nicht noch schwereren Verfolgungsmaßnahmen ausgesetzt war, ist berechtigt.“

Frei und Kießling zitieren jeweils aus einem offiziellen Vermerk des Innenministeriums vom November 1934, in dem es um Adenauers Pensionsansprüche aus seiner Zeit als Kölner Oberbürgermeister ging: „Dr. Adenauer gehörte zu denjenigen Persönlichkeiten, die als Träger des verflossenen Systems in besonders ausgesprochener Weise hervorgetreten sind. Er vertrat es in enger Verbindung mit den führenden Sozialdemokraten rückhaltlos in seinen verschiedenen politisch hochbedeutenden Ämtern.“ Und Frei fügt hinzu: „Was für ein Loblied auf einen Weimarer Demokraten!“ (S. 44). Darüber hinaus würdigen alle drei Autoren, jeweils bei unterschiedlich stark konnotierter Einschränkung im Einzelnen, Adenauers Verdienste um die Demokratie in der Bundesrepublik. So kommt etwa Kießling zu der Bewertung, es „darf der Beitrag der Adenauer-Jahre zur Demokratisierung Deutschlands trotzdem nicht unterschätzt werden“ (S. 460).

Dem ist zuzustimmen. In den ersten eineinhalb Jahrzehnten der Geschichte der Bundesrepublik wurde der Grundstein für ihren Erfolg gelegt: Mit freien Wahlen und spannenden Wahlkämpfen mit klaren inhaltlichen Unterschieden, kontroversen politischen Diskussionen über die innere und äußere Grundausrichtung des Landes, lebendigen parlamentarischen Debatten, wirtschaftlichem Erfolg und sozialer Absicherung, verbunden mit der Möglichkeit des gesellschaftlichen Aufstiegs, sowie  der Wiedererlangung internationalen Ansehens für (West-) Deutschland durch eine kluge Außenpolitik in engem Verbund mit den westlichen Demokratien , die zugleich den innovativen Weg der europäischen Integration beschritt und den Weg zur Aussöhnung mit früheren Kriegsgegnern sowie mit dem Staat Israel und dem Judentum ebnete. Für diese Leistungen und Errungenschaften stand und steht zwar nicht allein, aber doch zentral ein Name: Konrad Adenauer.

Zusammenfassend ist zu konstatieren, dass Löttels Darstellung eine recht ansprechende Übersicht gibt und Kießlings etwas seltsam proportionierte und insgesamt recht kritische Gesamtbiografie uns Adenauers überwiegende Lebenszeit vor dessen Kanzlerschaft wieder stärker in Erinnerung ruft, während Freis Adenauer-Porträt zwischen deutlicher Kritik einerseits und der punktuellen Anerkennung seiner historischen Verdienste mäandert. Freis etwas überraschendem Schlussfazit, nachdem er für die Gegenwart einen Mangel an Führungsstärke und an europapolitischem Engagement beklagt hat, kann man sich jedoch anschließen: „Beides wäre heute so nötig wie zu Adenauers Zeit“ (S. 275).

Insgesamt bieten die drei Darstellungen wenig Neues, so dass dem geneigten Leser zu empfehlen ist, der zweibändigen Biografie von Hans-Peter Schwarz sowie seinen „Anmerkungen“ weiterhin einen prominenten Platz im heimischen Bücherregal zu belassen.

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Essay
picture alliance / Bernhard Frye
16. Mai 2024
Jetzt lesen
Konrad Adenauer -Kanzler nach der Katastrophe. Coverfoto, C.H. Beck Verlag. Verlag C.H. Beck
Coverbild Friedrich Kießling: Dreieinhalb Leben. dtv. dtv
Buchcover Holger Löttel, Adenauer: Leben in Zeiten des Umbruchs. BeBra Verlag

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