Veranstaltungsberichte

Die Zukunft der globalen Finanzwirtschaft

von Johann C. Fuhrmann

Ethik und Moral im Kontext der Finanz- und Schuldenkrise

Vor mehr als 200 interessierten Gästen diskutierten hochrangige Vertreter aus Politik und Wirtschaft gemeinsam mit Repräsentanten der Evangelischen Kirche am 25. Januar in Moskau über die Zukunft der globalen Finanzwirtschaft. Im Zentrum der Konferenz stand die Frage nach der Notwendigkeit neuer ethischer und moralischer Standards im Kontext der gegenwärtigen Finanz- und Schuldenkrise.

„Die Alternative zum Kapitalismus liegt nicht außerhalb des Systems. Sie liegt im System. Ihr Name lautet - Soziale Marktwirtschaft“, argumentierte der Büroleiter der Adenauer-Stiftung in Moskau, Dr. Lars Peter Schmidt, bei seiner Begrüßungsansprache. Ulrich Brandenburg, Botschafter Deutschlands in der Russischen Föderation, verwies in seinem Grußwort darauf, dass ein Selbststeuerungsmechanismus der Märkte nicht länger greife. Gerade deshalb müsste man global über neue Standards in der Finanzpolitik nachdenken.

Die anschließende Vortragsreihe wurde von Christina Schnepel, Pfarrerin der Deutschen evangelischen Gemeinde in Moskau, moderiert. Dr. Reinhard Göhner, Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), widmete seinen Vortrag den Ursachen der Finanzkrise und ihren Auswirkungen. Besonders hob er dabei die Rolle der Kurzarbeit zur Überwindung der Krise in Deutschland hervor. Arbeitgeber und Gewerkschaften, so Dr. Göhner, hätten sich im Angesicht der Krise auf diese historisch einmalige Lösung geeinigt. „Ökonomisches Kalkül und soziales Verantwortungsbewusstsein sind hier zusammengekommen. Arbeitsplätze wurden gerettet und die Unternehmen konnten ihr hochqualifiziertes Personal erhalten“. Diese Politik habe dazu geführt, dass Deutschland heute besser dastehe als vor der Krise. Besonders stark sprach sich Göhner für den Euro aus. Dieser sei eine Erfolgsgeschichte. „Wenn wir als Europäer langfristig international mitreden möchten“, so der ehemalige Bundestagsabgeordnete, „können wird dies nur gemeinsam – und mit einer gemeinsamen Währung“.

Prof. Dr. Ruslan Grinberg, Direktor des Wirtschaftsinstituts der Akademie Wissenschaften Russlands, sprach in seinem Vortrag über die mögliche Auswirkungen der Weltfinanz- und Schuldenkrise auf Russland. Prof. Grinberg hob hervor, dass die russische Wirtschaft aufgrund gestiegener Preise für Energieexporte schnell aus der Krise gekommen sei. Die Krise habe Tendenzen der russischen Politik verstärkt: „Russland, das sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion einem marktradikalen Wirtschaftsystem verschrieben hat, macht einen Wandel durch. Es entwickelt sich von einer reinen Marktwirtschaft, einer adjektivlosen Marktwirtschaft, zunehmend zu einer Sozialen Marktwirtschaft.“

Dr. Brigitte Bertelmann, Stv. Leiterin des Zentrums Gesellschaftliche Verantwortung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, machte in ihrem Vortrag unter dem Titel „Kirche und Wirtschaft“ deutlich, dass die Ökonomie den Menschen zu dienen habe – und nicht umgekehrt. Der Ruf nach einer moralischen Wirtschaft möge manchen naiv erscheinen, so Dr. Bertelmann, aber auch in der Umweltpolitik seien Abkommen erzielt worden, die man vor dreißig Jahren noch für unmöglich gehalten habe. Die Wirtschaft könne und solle sich ihrer Verantwortung für die Menschen nicht entziehen.

Alle Teilnehmer der Vortragsreihe nahmen anschließend an einer Podiumsdiskussion teil, die von Matthias Schepp, „Der Spiegel“, geleitet wurde. Darüber hinaus gehörten Joerg Bongartz, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank in Moskau, und Dr. Nikita Maslennikow, Berater des Instituts für Moderne Entwicklung (INSOR), zu den Diskutanten, die über Chancen und Notwenigkeit globaler moralischer Wirtschaftsnormen debattierten. Die Podiumsdiskussion bot auch dem Publikum die Möglichkeit, sich aktiv in das Expertengespräch einzuschalten, wovon zahlreiche Zuhörer Gebrauch machten.

Ansprechpartner

Claudia Crawford

Claudia Crawford bild

Leiterin des Büros Multilateraler Dialog KAS in Wien

claudia.crawford@kas.de +43 1 890 14650 +43 1 890 146 516
Dr. Reinhard Göhner, Hauptgeschäftsführer BDA Eigene Bilder
Prof. Dr. Ruslan Grinberg 25.01.12 Eigene Bilder
Dr. Brigitte Bertelmann 25.01.12 Eigene Bilder