Autoren:
Valentyn Badrak, Direktor des Zentrums für Armee-, Konversions- und Abrüstungsstudien.
Valeriia Chumak, Expertin des Zentrums für Armee-, Konversions- und Abrüstungsstudien.
Englischsprachige Audioversion
Zusammenfassung
Die Republik Belarus, die Russland den militärischen Angriff auf die Ukraine von ihrem Territorium aus ermöglicht und auf ihrem Staatsgebiet russische taktische Nuklearwaffen stationiert hat, spielt für Moskau vor dem Hintergrund der zunehmenden Schwierigkeiten des Putin-Regimes im Krieg gegen die Ukraine eine immer wichtigere Rolle.
Die militärstrategische Bedeutung von Belarus als russisches Aufmarschgebiet und potenzieller Verbündeter nimmt weiter zu. Angesichts der wachsenden Erschöpfung Russlands durch den Krieg in der Ukraine wird seit 2026 eine umfassende Vorbereitung der belarussischen Streitkräfte auf einen möglichen Krieg betrieben. Die Bedrohungen sowohl für die Ukraine als auch für europäische Staaten haben spürbar zugenommen. Sie hängen insbesondere damit zusammen, dass Russland Belarus als Ausgangspunkt für Drohnenangriffe nutzen kann und belarussische Staatsangehörige durch Vertragsabschlüsse mit dem russischen Verteidigungsministerium in den Krieg einbezogen werden. Zugleich muss auch die Möglichkeit neu bewertet werden, dass Russland eine zweite Front eröffnet und Belarus unmittelbar in den Krieg gegen die Ukraine hineinzieht.
Schlussfolgerungen und Empfehlungen
Die Nutzung des belarussischen Territoriums für militärische Operationen gegen die Ukraine ist grundsätzlich möglich – vor allem aufgrund der fortschreitenden Einschränkung der politischen Handlungsfähigkeit Lukaschenkos. Für eine groß angelegte russische Offensive von Belarus aus müssten jedoch bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein: Ein umfassender Angriff aus dem Norden würde die Verlegung erheblicher russischer Truppenverbände nach Belarus voraussetzen, da Belarus selbst – auch unter russischer militärischer Führung – einen eigenständigen Kriegseintritt vermeiden dürfte. Derzeit sind solche Truppenbewegungen nicht zu beobachten. Die aggressive Rhetorik Lukaschenkos scheint eher Ausdruck des Drucks Putins zu sein als eines tatsächlichen politischen Willens, Russland militärisch aktiv zu unterstützen oder die Verpflichtungen gegenüber Moskau vollständig zu erfüllen.
Bemerkenswert ist zudem, dass der Höhepunkt der Drohungen im April lag, während die Diskussion über eine „belarussische Front“ im Mai deutlich in den Hintergrund trat. Dies lässt sich mit den unbestreitbaren Erfolgen der ukrainischen Verteidigungskräfte auf dem Kriegsschauplatz sowie mit einer gewissen Unsicherheit des Kremls im Vorfeld des 9. Mai erklären.
Der Kreml hat inzwischen die Voraussetzungen für einen stärkeren und besser begründeten Druck auf Belarus geschaffen und wird versuchen, gegen die Ukraine zumindest einzelne belarussische Einheiten einzusetzen, wenn nicht die belarussischen Streitkräfte insgesamt. Solche Szenarien werden durch die Krise innerhalb der NATO und eine allgemeine Phase der Schwäche des westlichen Lagers begünstigt. Für die Eröffnung einer vollwertigen neuen Front verfügt Russland selbst nur über begrenzte Möglichkeiten, und der militärische Beitrag Belarus’ wäre in einem solchen Fall vergleichsweise gering. Daher dürfte es für den Kreml vorteilhafter sein, Belarus als unterstützendes hybrides Element des Krieges zu nutzen, statt es zur Grundlage einer neuen groß angelegten Offensive aus dem Norden zu machen.
Es ist davon auszugehen, dass Lukaschenko einer Nutzung des belarussischen Territoriums und der Infrastruktur durch Russland sowie möglicherweise auch einer Beteiligung belarussischer Staatsangehöriger durch freiwillige Vertragsabschlüsse mit dem russischen Verteidigungsministerium relativ leicht zustimmen würde. Auch der mögliche Einsatz von Gefangenen erscheint nicht ausgeschlossen. Deutlich problematischer wäre hingegen der Einsatz regulärer belarussischer Einheiten, da dies erhebliche Risiken für die Machtposition und sogar für das persönliche Überleben des Minsker Machthabers mit sich bringen würde. Einige Fachleute halten dennoch den Einsatz einzelner Verbände, etwa der belarussischen Spezialoperationskräfte mit einer Stärke von rund 12.000 bis 20.000 Soldaten, für durchaus möglich.
Nicht auszuschließen ist zudem, dass der Kreml auf einen „ukrainischen Gegenschlag“ als Reaktion auf Provokationen setzt – etwa Grenzverletzungen, Drohnenangriffe von belarussischem Territorium aus oder sogar Beschuss. Da die Voraussetzungen für groß angelegte Provokationen aktiv geschaffen werden, ist mit solchen Szenarien zu rechnen.
Das Minimalziel des Kremls besteht darin, ukrainische Reserven entlang der Grenze zu Belarus zu binden; das Maximalziel wäre eine militärische Reaktion der Ukraine auf hybride Aggressionen.
Besondere Aufmerksamkeit verdient die Stationierung des Mittelstreckenraketensystems „Oreschnik“ sowie russischer taktischer Nuklearwaffen auf belarussischem Territorium. Diese Waffen könnten als Mittel der Abschreckung gegen eine ukrainische militärische Antwort dienen, falls Belarus erneut als Ausgangspunkt für russische Angriffe auf die Ukraine genutzt würde. Ein tatsächlicher Einsatz solcher Waffen erscheint jedoch wenig wahrscheinlich.
Die Empfehlungen betreffen drei Ebenen: die politische, die informationelle und die militärische Dimension.
Politische Ebene
Auf politischer Ebene sollte die Ukraine verstärkt die Plattformen internationaler Organisationen nutzen – insbesondere der Vereinten Nationen, der NATO und der Europäischen Union. Sinnvoll wäre zudem ein gesonderter Appell an die Vereinigten Staaten, die über eigene Einflussmöglichkeiten gegenüber Minsk verfügen, mit dem Ziel, zusätzlichen Druck auf den Kreml auszuüben und Russland die volle Verantwortung für jede weitere Ausweitung des Krieges in Europa zuzuschreiben.
Formal betrachtet handelt es sich international weiterhin um einen Krieg zwischen Russland und der Ukraine. Selbst der Einsatz nordkoreanischer Truppen erfolgte ausschließlich auf russischem Territorium. Ein aktives Hineindrängen Belarus’ in den Krieg würde dagegen die Zahl der unmittelbar beteiligten Staaten erhöhen und damit einen gefährlichen Schritt in Richtung einer weiteren Internationalisierung des Konflikts darstellen.
Die politische Kommunikation sollte darauf abzielen, Lukaschenko in erster Linie davon abzuhalten, belarussische Truppen für gemeinsame Angriffe mit Russland bereitzustellen, und in zweiter Linie davon, russischen Streitkräften sein Territorium für eine neue Offensive zur Verfügung zu stellen. In diesem Zusammenhang wäre auch eine Beschleunigung der europäischen Bemühungen um die Einrichtung und vollständige Arbeitsaufnahme eines Sondertribunals zur Untersuchung des Verbrechens der Aggression Russlands und zur strafrechtlichen Verfolgung der höchsten russischen Führung, einschließlich Wladimir Putins, von besonderer Bedeutung.
Informationelle Ebene
Die informationelle Dimension sollte auf pragmatischen Druck auf Lukaschenko setzen. Durch öffentliche Erklärungen von Politikerinnen und Politikern, Diplomatinnen und Diplomaten sowie über die Medien muss klar kommuniziert werden, welche Schritte seitens Belarus eine militärische Antwort der Ukraine auslösen würden und welche Ziele dabei getroffen werden könnten.
Denkbar wäre ein abgestuftes Vorgehen: zunächst Angriffe auf russische Objekte in Belarus – sowohl im Falle eines Grenzübertritts und einer Offensive als auch bei Raketen- oder Drohnenangriffen; in einem zweiten Schritt, falls belarussische Einheiten aktiv beteiligt sind, Angriffe sowohl auf diese Einheiten als auch auf militärische Einrichtungen Belarus’.
Erforderlich ist eine systematische Informationskampagne, deren Narrative sich direkt an die belarussische Führung richten und die persönliche Verantwortung Lukaschenkos für eine Beteiligung am Krieg gegen die Ukraine hervorheben. Gleichzeitig müssen die erheblichen Fähigkeiten der Ukraine zur Durchführung präziser Schläge im gesamten Operationsgebiet betont werden.
Belarussische Soldaten sollten verstehen, dass ein Grenzübertritt in die Ukraine als Akt der Aggression gewertet würde und Belarus damit zu einem legitimen militärischen Ziel würde. Die ukrainischen Verteidigungskräfte würden in diesem Fall militärische und industrielle Objekte angreifen. Lukaschenko selbst muss im Rahmen dieser Kampagne klar erkennen, dass er im Falle eines Kriegseintritts an der Seite Putins ebenfalls unmittelbar zum Ziel wird.
Zusätzlich wäre eine eigene Informationskampagne gegenüber den belarussischen Streitkräften sinnvoll, um zwischen den Soldaten und der politischen Führung zu unterscheiden, die das Land verantwortungslos in eine Katastrophe zu führen droht. Ziel wäre es, bei den belarussischen Militärangehörigen ein Bewusstsein für ihre eigene Verwundbarkeit und für die Sinnlosigkeit einer Beteiligung an einem zerstörerischen Krieg zu schaffen. Dabei könnte auch auf die Appelle des Kalinowski-Regiments – der Armee des Freien Belarus – verwiesen werden, die belarussische Soldaten zum Übertritt und zum Kampf für eine europäische Zukunft Belarus’ aufrufen.
Militärische Ebene
Im militärischen Bereich wird ein Maßnahmenpaket vorgeschlagen, das auf eine möglichst sichtbare Vorbereitung der Ukraine auf eine mögliche Konfrontation an der Grenze zu Belarus abzielt.
-
Erstens: Ausbau eines kontinuierlichen Monitorings und einer gezielten Aufklärung von Truppen- und Technikbewegungen in Belarus sowie des Aufbaus militärischer Infrastruktur. Zudem sollte eine priorisierte Zielhierarchie auf belarussischem Territorium für den möglichen Einsatz unbemannter Systeme erstellt werden.
-
Zweitens: Verstärkung der Minen- und Pioniersperren entlang der gesamten Grenze zu Belarus. Gleichzeitig sollte der Aufbau unbemannter automatisierter Verteidigungslinien unter Einsatz von Drohnensystemen, bodengebundenen Robotersystemen, automatisierten Führungsstrukturen und Mitteln der elektronischen Kampfführung vorangetrieben werden.
-
Drittens: Nutzung der Grenzabschnitte als Räume zur Regeneration von Einheiten der ukrainischen Verteidigungskräfte und gleichzeitige Demonstration einer sichtbaren militärischen Präsenz an der Grenze zu Belarus durch Verbände, die sich faktisch in der Erholungs- und Vorbereitungsphase auf weitere Kampfhandlungen befinden.
Der vollständige Text der Publikation kann in englischer Sprache als PDF über die rechte Seitenleiste heruntergeladen werden.
Bitte melden Sie sich an, um kommentieren zu können.