Riikide raportid

Soziale Verantwortung der christlichen Kirchen in der Russischen Föderation

kohta Thomas Schneider, Lucas Netter

Sprunghafte Entwicklung mit merklich zunehmender Geschwindigkeit

"Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?" Im Gegensatz zu Dr. Faust würde diese Frage bei vielen russischen Bürgern kein unangenehmes Herumlavieren um eine klare Antwort, sondern allenfalls ein kurzes, zwangloses Schulterzucken nach sich ziehen.

„Ich bin orthodox!“ wäre in der Regel die bestimmte Antwort. Das klare Bekenntnis zur russischen Orthodoxie ist nicht selbstverständlich, hatte die Kirche in der Sowjetära doch mit erheblichen Einschränkungen und Repressionen zu kämpfen; Glaube und Religion sollten nachhaltig aus den Köpfen der Menschen verbannt werden. Erfolgreich war dieses Vorhaben offensichtlich nicht: Mehr als 70% der Russen bezeichnen sich heute selbst als Anhänger der Russisch-Orthodoxen Kirche (ROK). Das liegt allerdings weniger an einer überbordenden Frömmigkeit sondern vielmehr an der zentralen Bedeutung der ROK für die eigene kulturelle Identität. Das Bekenntnis zur Orthodoxie ist in Russland nämlich eher als Bekenntnis zur russischen Kultur zu verstehen und hat in den meisten Fällen nur wenig mit regelmäßigen Kirchenbesuchen, dogmatischer Festigkeit oder dem Führen eines bibeltreuen Lebens gemein. „Russisch“ zu sein impliziert eben, dass man zu einem gewissen Grade auch „orthodox“ ist. Die obligatorische Ikone in der Wohnung oder im Auto und das für mitteleuropäische Augen zunächst ungewohnt scheinende orthodoxe Kreuz gehören da noch am Ehesten als manifeste Symbole einer solchen Identität dazu; große Bewandtnis für das alltägliche Leben entfaltet die Kirchenzugehörigkeit darüber hinaus aber in der Regel nicht. Nichtsdestotrotz hat sich die ROK auf der gesellschaftlichen Bühne in den letzten Jahren einem weitreichenden Transformationsprozess unterzogen. Aus der ehemals unterdrückten Glaubensgemeinschaft hat sich seit 1991 eine bedeutende, faktisch auch politisch wirkmächtige Institution mit hohen Ansehens- und Vertrauenswerten innerhalb der Bevölkerung entwickelt. In einer Gesellschaft, in der Religion über Jahrzehnte als antiquiertes Relikt einer vorrevolutionären Epoche galt, kann die ROK heute als Trägerin der orthodoxen Kultur mit vergleichsweise großer Freiheit agieren und ihren seelsorgerischen Verpflichtungen nachkommen.

Das hat seinen Preis. Der Regierung und ihren Mängeln bei der Bekämpfung der sozialen Missstände im Land begegnet die Kirche bemerkenswert unkritisch. Viel lieber bemüht sie sich um eine möglichst große Kongruenz der eigenen Interessen mit denen des Staates. Eine offene Partnerschaft zwischen den beiden Institutionen ist daher eher die Regel als die Ausnahme - ein Verhältnis, das sich in der jüngsten Vergangenheit als für beide Seiten ausgesprochen vorteilhaft herausgestellt hat und das seine theologische Begründung in der in den Ostkirchen weit verbreiteten Lehre von der Symphonia, dem harmonischen Zusammenspiel von Kirche und Staat findet: Der Staat sieht die Kirche als Garant für den inneren Zusammenhalt der Gesellschaft und als stabilisierendes Element für das angeschlagene nationale Selbstverständnis; für die Kirche wiederum bietet der Staat einen politisch wohlwollenden Raum, in dem sie einen privilegierten Platz gegenüber anderen Glaubensrichtungen, Konfessionen und Weltanschauungen einnehmen kann. Die häufige Anwesenheit des Patriarchen Kyrill als kirchliches Oberhaupt bei Empfängen und Staatsakten sowie das Vertrauensverhältnis, das ihm und anderen Geistlichen zur russischen Regierung nachgesagt wird, tragen weiter zu diesem Eindruck bei.

Die ROK ist zwar die mit Abstand größte Glaubensgemeinschaft auf dem Gebiet der Russischen Föderation, neben ihr gibt es aber noch eine Reihe anderer staatlich anerkannter Glaubensrichtungen. Unter den christlichen Konfessionen spielen vor allem noch die römisch-katholische (ca. 140.000 – 1.000.000 Mitglieder) und die evangelisch-lutherische (ca. 700.000 – 2.000.000 Mitglieder) Kirche eine mehr oder weniger bedeutende Rolle. Beide positionieren sich damit zahlenmäßig zwar hinter dem sunnitischen Islam als zweitgrößter religiöser Gruppierung Russlands aber deutlich vor verschiedenen Freikirchen oder etwa der Jüdischen Gemeinde. Ihre Mitgliederstruktur besteht dabei überwiegend nicht aus ethnischen Russen sondern aus Balten, Deutschen, Polen, Finnen oder Ukrainern (bzw. deren Nachkommen). Das mag auch an der gesellschaftlichen und sozialen Resistenz gegen Konversionsbemühungen liegen, derer man die beiden großen „Mitbewerber“ vor allem von Seiten der ROK gerne verdächtigt. Vor allem die Katholische Kirche musste sich immer wieder den Vorwurf der „aggressiven Missionierung“ in Russland gefallen lassen, besonders in der Phase kurz vor und nach dem Ende des Kalten Krieges. Auch die diakonische Arbeit der Katholiken wurde häufig unter diesem Vorzeichen interpretiert und als Versuch abgetan, Mitglieder von der ROK „abzuwerben“.

Heute sind die Beziehungen der ROK zu Katholiken und Protestanten noch immer nicht besonders intensiv, jedoch auch nicht mehr im eigentlichen Sinne feindselig; man begegnet sich mit einer je nach Anlass reservierten bis freundlichen Distanz. Sowohl der Katholizismus als auch die verschiedenen protestantischen Strömungen werden aber in der Öffentlichkeit nach wie vor vorrangig als „fremde“ Religionen wahrgenommen und haben deshalb, anders als die russische Orthodoxie (die sich schon im 15. Jahrhundert organisatorisch und personal ihrer griechisch-byzantinischen Wurzeln entledigt hatte), ein untergeordnetes Standing innerhalb der Gesellschaft inne und genießen keinerlei Protektion durch die staatliche Ordnungsmacht. Rechtlich spiegelt sich diese untergeordnete Stellung in der Anerkennungspraxis staatlicher Stellen wieder, die, obwohl Artikel 28 der russischen Verfassung vollständige Glaubens- und Gewissensfreiheit garantiert, zwischen den anerkannten, traditionellen Glaubensgemeinschaften und den sogenannten nichttraditionellen Gruppen unterscheidet. Anerkannt und auch gesetzlich erwähnt (etwa im Gesetz über die Gewissensfreiheit und Religionsgemeinschaften von 1997) werden das Christentum, der Islam, der Buddhismus und das Judentum, wobei sich der Begriff des Christentums ebenso sehr auf die ROK bezieht, wie der des Islams auf die dortige sunnitische Hauptströmung.

Betrachtet man die Funktion der ROK in Russland als Bindeglied zwischen Staat und Gesellschaft, so könnte man auch eine exponierte Stellung der Kirche als soziale Institution und Quelle sozialpolitischer Impulse und Handlungsempfehlungen erwarten, wie es in den Westkirchen der Fall ist. Hier ist die kritische Stellungnahme zu politischen und gesellschaftlichen Themenfeldern eine jahrhundertealte, eng in der Selbstwahrnehmung des kirchlichen Lehramts verwurzelte Tradition, die besonders in der katholischen Soziallehre unter dem Begriff der sozialen Ordnung (Ordo Socialis) einen ausgiebigen theologischen Unterbau findet.

In der russischen Orthodoxie sind die Verhältnisse dezidiert anders; so sehr Kirche und Staat in ihrem Grundverständnis füreinander auch harmonieren möchten, so sehr tun sich in der täglichen sozialen und karitativen Arbeit immer neue Reibungsflächen auf. Gerade sozialpolitischen Vorhaben wird vom Staat häufig misstrauisch bis ablehnend begegnet und das Engagement selbst wird häufig als spärlich, unstrukturiert und wenig zielführend wahrgenommen. Daraus ergibt sich die Frage nach der theologischen Fundation der orthodoxen Soziallehre, ihrer Bedeutung und Schwerpunktsetzung, ihrem Wirkungskreis und nicht zuletzt auch ihrem Potential – gerade im Hinblick auf die ökumenische Zusammenarbeit.

Entwicklung und Rahmenbedingungen der sozialen Arbeit der Kirchen in Russland

Dass sich die Orthodoxie zu Beginn des 21. Jahrhunderts mit dem Finden eines sozialen Profils schwertut hat mehrere Gründe, die zumindest zum Teil in der Geschichte zu suchen sind. Historisch gesehen hatte die ROK zunächst über Jahrhunderte hinweg eine führende Rolle auf dem Feld der Wohltätigkeit und der sozialen Arbeit inne. So wurde die Pflicht der Kirche, sich um Behinderte, Witwen, Waisen und Obdachlose zu kümmern bereits im 11. Jahrhundert kodifiziert. Schon vorher hatten sich die Klöster Russlands nicht nur als Zentren geistlichen Lebens, sondern auch als Zufluchtsstätten für Waisen, Hospitäler für Kranke sowie Pflegeheime für Alte und Gebrechliche hervorgetan. Besonders während der „Goldenen Epoche“ des 19. Jahrhunderts entstanden überall im Russischen Reich verschiedene Einrichtungen der Wohlfahrt, Obdachlosen-, Kinder-, und Erziehungsheime, Krankenhäuser, Refugien und Altenheime. Die gesamte soziale Tätigkeit wurde in erster Linie von speziell dafür gegründeten Bruderschaften und Vereinen organisiert und unterhalten. Mit Unterbrechungen setzte sich diese Entwicklung bis Anfang des 20. Jahrhunderts fort, bis die Oktoberrevolution und die Abschaffung des Zarentums die kirchliche Machtbasis in ihren Grundfesten zu erschüttern wusste. Während der darauffolgenden Sowjetzeit verlor die ROK schließlich fast ihren gesamten Besitz und Einfluss. Kirchen wurden geschlossen, Vermögen eingezogen, Geistliche schikaniert und Überzeugungen verleumdet. Auch deshalb existiert in Russland heute eine sehr gebrochene diakonische Tradition, die sich schwer damit tut, die karitativen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte aufzuholen. Mit dem Ende der Sowjetunion 1991 brach schließlich das gesamte Fürsorgesystem des Staates auseinander und riss damit klaffende soziale Löcher in die Lebenswirklichkeit vieler Russen, auf die die gerade erst dem Dornröschenschlaf erwachte ROK zunächst nicht adäquat zu reagieren wusste. Der gewaltige Umbruch im politischen und gesellschaftlichen Bereich und das Überkommen sowjetischer Verhaltensmuster bescherte den Menschen bisher zwar nie gekannte Freiheiten, führte aber zu Verarmungstendenzen und durch den Verlust eines festen ideellen Wertekompasses auch zu zunehmender gesellschaftlicher Orientierungslosigkeit. Ein Vakuum entstand, das die ROK jetzt wieder neu zu besetzen versucht.

Daneben existieren - seit dem Entstehen ihrer jeweiligen Gemeinden - auch lokale katholische und evangelische Wohltätigkeitsinitiativen in Russland. Anfang 1992 wurden schließlich auch die ersten Caritasverbände im europäischen und asiatischen Teil Russlands ins Leben gerufen, die sich nur wenige Monate später zusammenschlossen und neu konstituierten. Gerade in der Anfangszeit der kirchlichen Sozialarbeit in der Post-Sowjetära hat sich die Caritas als Spender, Organisator und Mittler zahlreiche Meriten erarbeitet und seit der Verband 1996 von der Leistung bloßer humanitärer Hilfe zu dauerhaftem sozialem Engagement übergegangen ist, hat er sich, allen Vorbehalten zum Trotz, auch innerhalb der russischen Soziallandschaft einen festen Platz erarbeitet. Besonders der Caritasverband Deutschlands spielte in diesem Konsolidierungsprozess eine wichtige Rolle als Koordinator und Impulsgeber und unterhält auch heute noch gute Beziehungen in die Region. Neben der rein materiellen Hilfe haben katholische und evangelische Sozialorganisationen auch die Methoden und Strukturen ihrer Heimatländer übernommen und in das diakonische Bewusstsein der russischen Gesellschaft überführt. Besonders deutlich wird dies, wenn man die Entwicklung der Sozialdoktrin der ROK aus dem Jahr 2000 nachzuzeichnen sucht, auf der heute die soziale Arbeit der ROK fußt.

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