Aggregatore Risorse

Pubblicazione singola

Papa Europa

Termin mit Hans-Gert Pöttering

Das Amt des EU-Parlamentspräsidenten war der Höhepunkt seiner Karriere. Heute leitet er die Konrad-Adenauer-Stiftung. Ein Volkstribun war er nie, eher der Typ „sanfter Macher“

Aggregatore Risorse

Condividi

Im Hintergrund der Ostfries des Pergamonaltars. Streitbare Olympier. Kämpfende Götter werfen sich ihren Widersachern, den Giganten, entgegen. Leto stößt einer nach hinten stürzenden, tierhaften Gestalt die brennende Fackel ins Gesicht. Die Zwillingskinder fechten an ihrer Seite. Artemis schlägt sich mit Pfeil und Bogen, während Apollon Ephialtes gerade tödlich getroffen hat. Ein Furioso der Antike. Vor der geballten Göttlichkeit nimmt sich das hölzerne Rednerpult, auf das Hans-Gert Pöttering zueilt, sehr irdisch aus. Daran ändern auch Europa-Banner und Schwarz-Rot-Gold nichts. Der Vorsitzende der Konrad-Adenauer-Stiftung spielt den Part des Gastgebers. Für ihn eine gewohnte Rolle – und doch etwas Besonderes. Denn der CDU-Mann wird an diesem 9.November, dem so bedeutungsvollen Datum der Deutschen wie auch der Europäer, die erste Europa-Rede einführen.

„Neues trifft auf Neues“, wird er den Spitzen des Staates zurufen, „unsere neue erste ,Europa-Rede‘ wird gehalten von dem Mann, der als Erster das neue Amt des Präsidenten des Europäischen Rats innehat.“ Gemeint ist Herman Van Rompuy, der Belgier, der Ex-Premier, der ganz im Sinne des antiken Kaisers Marc Aurel gern den philosophierenden Staatsmann gibt und ganz nebenbei aus der gleichen Parteienfamilie stammt wie der Gastgeber. Dessen Rede fließt, bricht sich Bahn wie ein Strom, der durch die Ohren illustrer Gäste mäandert. In ihm hat auch Jean Monnet Platz, der Gründervater Europas, der überzeugt war: „Nichts ist möglich ohne die Menschen, nichts dauerhaft ohne Institutionen.“ Präsidial setzt der Begrüßende die Worte, spielt auf dem Klavier der Rhetorik wie ein Virtuose auf dem Piano. Und er vergisst keinen, auch nicht die Jugendlichen, die auf den Marmorstufen eng zusammensitzen. „Ich hoffe, Sie fühlen sich wohl“, ruft er ihnen spontan zu. Pöttering weiß, man muss die Zuhörer mitnehmen.

Der Niedersachse, 1945 in Bersenbrück geboren, beherrscht den Auftritt. Ob bei der Festrede vor der Knesset in Jerusalem, bei der Verleihung der Ehrendoktorwürde der Korea-Universität in Seoul oder vor Wahlkreisgruppen in Europas Parlament – Hans-Gert Pöttering wirkt souverän, salbungsvoll zuweilen, aber stets persönlich zugewandt, eben so, als ob er sich mit seinem ganzen Herzen dem Publikum, das da gerade vor ihm sitzt, verschrieben hätte. Er sei ein Meister der Rede, sagen seine Freunde. „Es ist wirklich eine Gabe, wenn man zu jedem Anlass die richtigen Worte findet“, meint sein langjähriger Mitstreiter im Straßburger Haus, der Ex-Vizepräsident des EU-Parlaments Ingo Friedrich (CSU). Sogar sein parteipolitischer Kontrahent, der Fraktionschef der europäischen Sozialisten Martin Schulz, selbst nie um einen Spruch verlegen, gesteht: „Der Mann kann in wohlgesetzten Worten reden.“

Wer genau hinschaut, dem fällt allerdings auf, dass da kein kalter Routinier am Werk ist. „Ein gewisses Lampenfieber ist immer da“, gesteht er, „ohne dass man die Nerven verliert.“ Und dann schaut er zurück in die Zeit seiner Jugend, als er das Gymnasium besuchte. Die Mutter hatte ihm den Schulbesuch ermöglicht. Der Vater war gefallen. „Ich bin das Ergebnis seines letzten Besuches zu Hause. Das war Ende 1944/45“. Der Junge engagierte sich in der Theatergruppe, spielte mit im Ur-Faust. Schon damals muss sich gezeigt haben, dass er sich durchsetzen kann, nicht mit Ellbogen, vielmehr mit Argumenten. Jedenfalls spielte er die Hauptrolle, den Faust. „Da habe ich gelernt, dass Lampenfieber gut ist für die Konzentration.“

Er muss noch mehr gelernt haben, damals am Artland-Gymnasium in Quakenbrück.In der Theatergruppe? Beim Fußball? Fairplay. Der kollegial korrekte Umgang, bei einem Politiker nicht unbedingt dominierender Teil der Charakterausstattung, verschaffte ihm Anerkennung. „Er ist ein fairer Kollege“, sagt Schulz, „ein Mann, auf dessen Wort man sich verlassen kann.“ Und der SPD-Mann, der gern Tacheles redet, geht noch weiter. Fast rührend wirkt es, wenn er sagt: „Es gibt Grundüberzeugungen, die wir nicht teilen. Pöttering ist katholisch, hat ein konservatives Weltbild. Aber durch ihn habe ich gelernt, dass man unterschiedliche politische Auffassungen haben und trotzdem freundschaftlich miteinander umgehen kann. Hans-Gert Pöttering würde ich als Freund bezeichnen.“

Weil der Junge den Vater, den er nicht kannte, durch den Krieg verlor, engagierte er sich für die europäische Versöhnung, für Friedenspolitik. Konrad Adenauer wurde zum geistigen Übervater, zum intellektuellen wie politischen Vorbild. Nach dem Studium der Rechtswissenschaften, Politik und Geschichte in Bonn und Genf und einer ersten Tätigkeit als wissenschaftlicher Angestellter zog es ihn in die Europapolitik. Man schrieb das Jahr 1979, die erste Direktwahl zum Europaparlament stand an. Der junge Jurist kandidierte – und kaum einer hatte Verständnis dafür. Die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft EWG, wie die EU damals noch hieß, war weit weg. Und sie hatte kaum etwas zu sagen.

So galten die, die es nach Straßburg zog, als friedensbewegte Idealisten, sympathisch zwar, aber ohne Machtinstinkt. „Als ich mich damals um einen Sitz im Straßburger Haus bewarb, fragten mich viele, warum ich das täte. Da hätte ich doch nichts zu sagen“, blickt Pöttering zurück. Er muss schon damals ein überzeugter Europäer gewesen sein, einer, der dieses Europa gestalten wollte. Der Konservative schaffte den Sprung ins Parlament, vertrat fortan die Region Osnabrück, Emsland und Ostfriesland und fand im Hohen Haus einen Europäer, der sein Denken und Handeln prägen sollte: Otto von Habsburg. Der Erzherzog von Österreich mochte den Adenauer-Adepten, der noch etwas scheu daherkam. Und er muss ein guter Menschenkenner gewesen sein. Jedenfalls erkannte er , dass „der Hans-Gert große Ziele“ hatte.

Wie bei jedem Abgeordneten stand auch bei Pöttering zunächst parlamentarische Kärrnerarbeit an. Ackern in Ausschüssen war angesagt. Erst in den Neunzigerjahren ging es dann rasant nach oben. Der Deutsche wurde Vorsitzender der christlich-konservativen EVP-ED-Fraktion und übernahm damit eine Herkulesaufgabe, hieß es doch, euroskeptische Briten, national gesinnte Berlusconi-Gefolgsleute wie liberale Christdemokraten zusammenzuhalten. Einen Sack Flöhe hüten muss leichter sein. Pöttering schaffte das Wunder und wurde gleichzeitig als „spröder Strippenzieher“ oder „Vorsitzender mit dem Charisma eines Kreissparkassendirektors“ verspottet.

Im Jahr 2007 erreichte er den Zenit seiner politischen Laufbahn:„Dass ich Präsident des Europaparlaments wurde“, gesteht er, „ist für mich der Höhepunkt meiner Karriere.“ Pöttering war angekommen. Die Last, den Moderator zu spielen, Kompromisse schmieden und Konflikte entschärfen zu müssen, war abgefallen. Er wirkte befreit, konnte witzig, spontan, sogar kantig sein. Der Christdemokrat, von den Medien zuweilen als „Mann ohne Eigenschaften“ belächelt, zeigte Profil.

Es war eine fruchtbare Zeit, in der er im Kreis der EU-Staats- und -Regierungschefs zum 50. Jahrestag der Römischen Verträge im März 2007 die „Berliner Erklärung“ unterzeichnen konnte. Im Dezember des gleichen Jahres öffnete er den Schlagbaum in Zittau und markierte so die Erweiterung des Schengen-Raumes. Besonders stolz ist er auf das europäische Klimaschutzgesetz, das er unterzeichnete. Gut traf sich, dass die Verabschiedung der europäischen Grundrechtecharta in seine Ära fiel, hatte sich Pöttering den Einsatz für die Menschenwürde doch ebenso zum Programm gemacht wie den interkulturellen Dialog.

Im Brüsseler Büro umgibt er sich mit Erinnerungsfotos. Da sieht man einen Parlamentspräsidenten, der dem Großmufti von Syrien, Scheich Achmed al-Din Hassoun, die Hand schüttelt. Der Bartholomaios, den ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, und Großrabbiner Jonathan Sachs empfängt. Der mit dem Dalai Lama redet. Zwischen den Fotos steht eine Menora, der siebenarmige Leuchter der Juden. Er ruft Pöttering seine Reise nach Israel in Erinnerung, die in seiner Rede vor der Knesset kulminierte.

Ungewöhnlich deutlich mahnte er damals zur Versöhnung mit den Palästinensern. Er habe Gaza besucht. „Die wirtschaftliche Lage und die soziale und humanitäre Situation haben mich tief betroffen gemacht. Was ich gesehen habe, ist unzumutbar für die Menschen, es ist unannehmbar für die arabische Welt und es ist inakzeptabel für die internationale Staatengemeinschaft.“ Nach wie vor kämpft der weißhaarige Mann für den Frieden im Nahen Osten, bringt sein ganzes Gewicht, sein über Jahre aufgebautes Netzwerk ein in die einschlägige Arbeitsgruppe im Parlament.

Die Woche ist kurz, oft zu kurz für den stets in dunklen Zwirn gehüllten „Mr. Europa“. Montags und dienstags „europäisiert“ er die Adenauer-Stiftung in Berlin, setzt neue, zur EU hin orientierte Akzente. Mittwochs ist Brüssel angesagt. Und an diesem Donnerstag geht es zu Gesprächen nach Rom. Am Wochenende wartet der Wahlkreis. Bleibt da noch Zeit fürs Privatleben? Der zweifache Vater nutzt jedenfalls seine Freizeit, um mit den beiden Söhnen zusammen zu sein. Und neuerdings gibt es da noch Enkel Jakob. Mit der Familie geht es – wie zu jedem Jahresauftakt – auch heuer wieder nach Zermatt zum Skilaufen. In den Bergen kann der Politprofi abschalten. Auch beim Schwimmen findet er Erholung. Und dann gibt es da noch die historischen Romane, in denen er so gern schmökert.

Jetzt ist Hans-Gert Pöttering 65, ein Alter, in dem sich andere zur Ruhe setzen. Er denkt nicht daran. Gerade hat er angefangen, sein politisches Leben aufzuzeichnen. Und dann ist da noch sein Lieblingsprojekt, sein politisches Vermächtnis: Ein „Haus der europäischen Geschichte“ soll entstehen, ein historisches Museum, das jedem Europäer den Gang durch die Geschichte ermöglicht, durch die Genesis der Europäischen Union.

VON SABINE SEEGER

Mit freundlicher Genehmigung des Rheinischen Merkurs

Aggregatore Risorse

Hans-Gert Pöttering www.poettering.de

comment-portlet

Aggregatore Risorse