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Interviews

"Putin kann keine Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in seiner direkten Nachbarschaft dulden."

Interview mit der Osteuropahistorikerin Ricarda Vulpius anlässlich des vierten Jahrestags des russischen Überfalls der Ukraine.

Zwischen Stromausfällen und Drohnenalarm: Ricarda Vulpius berichtet über den Alltag ukrainischer Kollegen und Kolleginnen im Krieg und die Arbeit der Deutsch-Ukrainischen Historischen Kommission. Sie erklärt, warum die Ukraine lange eine „übersehene Nation“ war, analysiert Putins Geschichtsnarrative und beantwortet die Frage, wie echte Solidarität mit der Ukraine heute aussehen kann.

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Kyiv im Februar 2026: Im Stadtteil Trojeschtschyna stehen Menschen während eines Luftalarms vor Wärmezelten und warten auf die Nachricht für die Entwarnung. picture alliance/dpa | Andreas Stein
Kyiv im Februar 2026: Im Stadtteil Trojeschtschyna stehen Menschen während eines Luftalarms vor Wärmezelten und warten auf die Nachricht für die Entwarnung.

Geschichtsbewusst: Frau Prof. Vulpius, Sie gehören zu den Gründungsmitgliedern der Deutsch-Ukrainischen Historischen Kommission, die seit Februar 2015 besteht. Stehen Sie in regelmäßigem – auch persönlichen – Kontakt mit Ihren ukrainischen Kolleginnen und Kollegen und was erfahren Sie von diesen über die Situation der Menschen in der Ukraine in diesem Winter, der ja von massiven russischen Angriffen auf die zivile Infrastruktur der Ukraine geprägt ist?

 

Ricarda Vulpius: Es ist ein tägliches Jonglieren. Meine Kollegin aus Czernowitz sagte heute zu mir: „Der Tag ist komplett bestimmt durch die Stromstunden.“ Sobald man Strom hat, lässt man alles stehen und liegen und nutzt die kostbaren Stunden. Glück haben zudem diejenigen, die schnell laufende Waschmaschinenprogramme haben. In den meisten Haushalten bedeutet „kein Strom“ allerdings zugleich auch: keine Heizung. Vielerorts sinken die Temperaturen in den Haushalten auf 10 Grad.

Und doch, das bestätigte mir meine Kollegin auch heute wieder: Das geistige Verlangen der Menschen bleibt ungebremst – ihr Hunger nach Kultur ist heute vielleicht sogar stärker als zuvor. Trotz ständig wiederkehrender Drohnenalarme versuchen sie Museen aufzusuchen, Buchmessen und Konzerte zu besuchen, die teilweise in U-Bahn-Schächten stattfinden.

 

Das Ziel der Deutsch-Ukrainischen Historischen Kommission ist es nach eigenem Bekunden, „die Verbindungen zwischen der deutschen und ukrainischen Geschichtswissenschaft zu vertiefen und die Verbreitung von Wissen über die deutsche und ukrainische Geschichte wechselseitig zu befördern“. Nun erfährt die Ukraine seit 2022 ungleich mehr Aufmerksamkeit in der deutschen Öffentlichkeit, als dies wohl jemals zuvor der Fall war. Wie hat sich Ihrer Meinung nach das Bild von der Ukraine und ihrer Geschichte in Deutschland seither gewandelt?

 

Ich denke, der Titel des jüngst erschienenen Buches unseres Gründungsvorsitzenden der DUHK (Martin Schulze Wessel) ist hier vielsagend: „Die übersehene Nation“. Die Ukraine wurde bis 2022 in Westeuropa und insbesondere in Deutschland schlicht übersehen. Trotz des Kriegsbeginns von 2014, trotz einer der eindrucksvollsten Revolutionen, die die jüngere europäische Geschichte aufzuweisen hat, nämlich der Revolution der Würde von 2013/2014, als Hunderttausende auf die Straße gingen, um für das Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union zu demonstrieren, das der damalige ukrainische Präsident Viktor Janukovič nicht unterzeichnen wollte.

Jetzt wird die Ukraine gesehen. Das ist der wichtigste Wandel. Darüber hinaus ist es eindrucksvoll, wie viele Menschen sich seit 2022 auch für die Geschichte des Landes zu interessieren beginnen. Die Säle, in denen ich seither landauf-landab Vorträge zur Geschichte der russisch-ukrainischen Beziehungen halte, sind jedes Mal rappelvoll. Trotzdem bleibt es ein sehr mühsamer Prozess, beispielsweise der Ukraine einen gleichberechtigten Platz im kollektiven Gedächtnis der Deutschen zum Vernichtungskrieg des nationalsozialistischen Deutschlands zu verschaffen. Nach wie vor werden in der Mehrzahl der Fälle Sowjetunion und Russland gleichgesetzt und damit auch die deutsche Verantwortung für die Verbrechen oftmals primär gegenüber Russland gesehen. Es ist immer wieder erschütternd zu sehen, auf welch überraschte Gesichter man schaut, wenn man das Ausmaß des Leids beschreibt, dass unsere deutschen Vorfahren in gleich zwei Weltkriegen der Ukraine gebracht haben, und wenn man darlegt, dass die Großzahl der Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen, die während des „Dritten Reiches“ nach Deutschland deportiert wurden, Ukrainer und Ukrainerinnen waren.

Mein Eindruck ist allerdings, dass der Bekanntheitsgrad des Holodomor, also der von Stalin verursachten Hungersnot in der Ukraine von 1932/33, bei der knapp 4 (!) Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer starben, in Deutschland inzwischen groß geworden ist. Das hat nicht zuletzt auch damit zu tun, dass sich der Deutsche Bundestag 2022 eingehend mit der Frage befasst hatte, ob es sich hierbei um einen Genozid gehandelt hatte, und sich diese Debatte auch in zahlreichen Presseberichten niederschlug.

Portraitfoto Ricarda Vulpius, Aufnahme von Stefan Klatt. Ricarda Vulpius/Stefan Klatt
Portraitfoto Ricarda Vulpius, Aufnahme von Stefan Klatt.

Wie sehr beeinflusst der Krieg die Zusammenarbeit der Wissenschaftler in beiden Ländern? Sehen Sie eine Schwerpunkverlagerung bei den Themen, über die geforscht wird? Und hat die veränderte politische Situation zu einer Steigerung der Fördermittel für deutsch-ukrainische Kooperationen geführt?

 

Der Krieg beeinflusst stark die Zusammenarbeit. Zunächst einmal führte das unmittelbare Kriegsgeschehen für viele Kolleginnen zu teilweise dramatischen Fluchtverläufen. Eine Kollegin aus der DUHK verließ im Bombenhagel zusammen mit ihrem damals 4-jährigen Kind gerade noch rechtzeitig ihre Heimatstadt Charkiv. Ihre Wohnung ist inzwischen komplett zerstört, sie lebt und forscht jetzt in Wuppertal. Eine andere Kollegin verließ ihre zu Beginn des Krieges massiv bedrohte Heimatstadt Odessa und arbeitet heute von Regensburg aus.

Wir Osteuropawissenschaftler in Deutschland standen mit einem Mal vor der Aufgabe, geflohenen Kolleginnen (wegen der Ausreisebeschränkungen für Männer sind es weitaus mehr Frauen als Männer) dabei zu helfen, neue Existenzen in für sie fremden Ländern aufzubauen und ihnen über die Entwurzelung hinwegzuhelfen. Dies gilt übrigens genauso für geflohene Wissenschaftler aus Russland, die mit ihrem Land gebrochen haben. Die in der Ukraine verbliebenen Wissenschaftler beeindrucken mich ungemein mit ihrem eisernen Willen, sich trotz unfassbar schwieriger Bedingungen weiterhin in der Lehre und Forschung zu betätigen. Die Nationale Vasyl-Karazin-Universität Charkiv verlegte fast von Tag 1 an ihre Lehre unter die Erde!

Als DUHK haben wir von 2022 bis Ende 2023 zahlreiche wissenschaftliche Webinare unter dem Oberthema „Historians and the War: Rethinking the Future“ durchgeführt (die Videoaufnahmen sind alle mit englischen und ukrainischen Untertiteln auf der DUHK-Website einzusehen) und dabei hautnah erleben müssen, wie sich mitten in einem Webinar Kollegen verabschiedeten, weil sie wegen Drohnenalarm in den Keller flüchten mussten.

An dieser Stelle ist es auch passend, auf Ihre Frage nach gesteigerten Fördermittel zu antworten: Ja, es hat zum Beispiel für diese Webinare eine großzügige Förderung von Seiten des DAAD aus Mitteln des Auswärtigen Amtes, vom damaligen Bundesministerium für Bildung und Forschung und der Konrad-Adenauer-Stiftung Kyiv gegeben. Auch die großen Forschungsorganisationen wie die Alexander-von-Humboldt-Stiftung, die DFG, die Gerda Henkel Stiftung und zahlreiche weitere haben großartige Förderprogramme für ukrainische Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aufgelegt. Dieses Ausmaß scheint mir innerhalb der Europäischen Union einzig zu sein. Das Problem ist jetzt aber die Verstetigung. Keiner dachte am Anfang, dass sich dieser verbrecherische Krieg so lange hinziehen würde; hätte er sich vermutlich auch nicht, wenn sich die transatlantische Allianz von Anfang an so konsequent mit militärischer Hilfe an die Seite der Ukraine gestellt hätte, wie es einige der europäischen Länder jetzt tun (wobei auch hier immer noch deutlich Luft nach oben ist).

 

Bei dem Krieg gegen die Ukraine hat sich von Beginn an gezeigt, wie sehr gerade Putin durch die Berufung auf Geschichtsbilder die Aggression Russlands legitimiert. Sie selbst haben sich intensiv mit der Geschichte des russischen Imperialismus beschäftigt. Wie tief ist die Vorstellung, dass die Ukraine eigentlich ein Bestandteil des russländischen Imperiums ist, und keine eigene Identität besitzt ihrer Auffassung nach in Russland verbreitet – über den engeren Zirkel der staatlichen Führungselite hinaus? Welche Rolle spielt dies Ihrer Ansicht nach bei den Verhandlungen über ein Kriegsende und im Hinblick auf die Möglichkeit längerfristiger stabiler Beziehungen zwischen den beiden Ländern?

 

Präsident Putins Geschichtsbild wird von der Bevölkerung sehr breit geteilt. Allerdings muss ich eine bedeutsame Korrektur einbringen: Weder Vladimir Putin noch der Großteil der Bevölkerung sieht die Ukraine als Bestandteil eines „russländischen Imperiums“. Aus russischer Perspektive ist die Ukraine vielmehr Teil der der all-russischen Nation. Damit wird ein wesentlicher Unterschied zu Jakuten, Burjaten, Tataren und anderen Ethnien gezogen, die kaum ein Russe als Teil der russischen Nation, wohl aber als Teil der Russländischen Föderation bezeichnen würde. Dieser Punkt ist wichtig, weil er verdeutlicht, warum der „Abfall“ der Ukraine nach dem Zerfall der Sowjetunion aus russischer Perspektive so schmerzhaft ist: Es stellt das eigene Identitätsverständnis in Frage.

Die Zustimmung zu Putins Geschichtsbild kann man aus nackten Zahlen ersehen. In einer repräsentativen Umfrage von 2007 erklärten 60 Prozent der Befragten, dass sie die Ukraine nicht als „Ausland“ betrachteten, und dies 16 Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung des Landes!

Diese weit verbreitete Haltung wird dann verständlich, wenn man eine historische Tiefenbohrung vornimmt. Dann nämlich wird deutlich, dass das Narrativ von der dreieinigen all-russischen Nation, die sich aus Russen, Belarusen und Ukrainern zusammensetzt (bis 1917 auch „Großrussen“, „Weißrussen“ und „Kleinrussen“ tituliert) bereits auf die Mitte des 19. Jahrhunderts zurückgeht und sich im Zuge der Nationalisierung der russischen Öffentlichkeit im Zarenreich unter großen Teilen der russischen Bevölkerung verfestigte.

Dieses Narrativ, oder genauer: dieses Identitätskonzept stellt in der Tat auch für die Zeit nach dem aktuellen Krieg ein großes Problem für längerfristige stabile Beziehungen zwischen Russland und der Ukraine dar, allerdings ist es vielleicht eher als ein kleines Problem zu bezeichnen, vergleicht man es mit dem abgrundtiefen Hass, Abscheu und der Verachtung, die Ukrainer durch die fortgesetzten russischen Verbrechen gegenüber Putins Land empfinden, – Gefühle, die mit Sicherheit für mehrere Generationen die Beziehungen vergiftet haben.

Für Vladimir Putin ist das Narrativ allerdings mitnichten der einzige Grund, warum er die Ukraine unterwerfen möchte. Er kann auch keine Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in seiner direkten Nachbarschaft dulden, was sich bereits 2004 zeigte, als vermutlich russische Geheimdienste den ukrainischen Präsidentschaftskandidaten Viktor Juščenko zu vergiften suchten. Mit einer demokratisch-rechtsstaatlichen Ukraine an seiner Seite wäre sein eigenes Herrschaftssystem unmittelbar bedroht. Wie er mit derartigen Bedrohungen umgeht, zeigt die Ermordung von Alexej Nawalny.

 

Ihre Kollegen Gerd Koenen und Karl Schlögel haben vor einigen Tagen in einem Beitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung die barbarische russische Kriegsführung kritisiert und eine neue Solidarität der Europäer mit den Menschen in der Ukraine gefordert. Womit könnten wir Ihrer Meinung nach eine solche Solidarität konkret zum Ausdruck bringen?

 

Hier gibt es viele Dimensionen. Auf der politischen Ebene ist es unglaublich wichtig, dass die Bevölkerung den Kurs von Bundeskanzler Friedrich Merz stützt, konstant an der Seite der Ukraine zu stehen, und dies insbesondere dann, wenn die USA unter der Regierung von Donald Trump der Ukraine wieder in den Rücken fällt, was jederzeit erneut passieren kann (und aktuell dadurch passiert, dass die amerikanischen Verhandlungsunterhändler von der Ukraine Gebietsabtretungen fordern, und dies sogar über die aktuell von russischer Seite besetzten Gebiete hinaus).

Genauso wichtig ist die konstante finanzielle und militärische Unterstützung. Auch hier wird eine große Rolle spielen, ob die Bevölkerung in Deutschland begreift, dass wir mit der Unterstützung der Ukraine uns selbst und unsere Freiheit gegen ein mörderisches Regime unterstützen und dass jede Ausgabe und militärische Hilfe, die wir aktuell tätigen, richtig ist, wenngleich letzteres leider viel zu spät kommt. Der Krieg wäre möglicherweise längst zu Ende, wenn wir von Anfang an das gegeben hätten, was wir jetzt geben. Das Versagen der Regierung unter Bundeskanzler Olaf Scholz hätte in der Ukraine-Politik kaum größer sein können: immer zu spät, immer zu wenig, der Entwicklung hinterherhinkend, anstatt die historische Dimension der Situation zu erkennen und vorausschauend und verantwortungsvoll so schnell und so maximal wie möglich die Ukraine zu unterstützen und die eigene Militär- und Rüstungsindustrie anzuwerfen (ich erinnere nur an die Zusage der „5.000 Helme“).

Wir in den Sozial- und Geisteswissenschaften sind nach wie vor dazu aufgefordert, ukrainistische Themen da aufzugreifen, wo sich dies anbietet und dafür zu sorgen, Kenntnisse in die Öffentlichkeit hineinzutragen und dafür zu sorgen, dass die Putin’schen Geschichtslügen nicht greifen können und die Ukraine nie wieder „übersehen“ wird.

Es ist beglückend zu sehen, wie viel in der deutschen Kulturbranche für die Ukraine getan wird. Möge dies anhalten!

Schließlich aber (und vor allem) kann jeder Einzelne von uns einen bedeutenden Beitrag dadurch leisten, dass er oder sie spendet. Es gibt unzählige zivilgesellschaftliche Unterstützungsprogramme, wo wir sicher sein können, dass das Geld ankommt. Für die medizinische Erstversorgung von Verletzten an der Front. Für Evakuierungswagen. Für die alten Menschen, die in den sogenannten grauen Dörfern leben, wo es keine Geschäfte mehr gibt, die aber zugleich nicht wissen, wo sie sonst hingehen könnten und von einzelnen Pfarrern und deren Gemeinden versorgt werden. Für Wärmepakete, damit die Menschen, die ohne Heizungen Tage und Nächte verbringen müssen, Generatoren erhalten. Für die Krankenhäuser, die an der Belastungsgrenze arbeiten, weil ihnen Materialien ausgehen.

Die Deutsch-Ukrainische Gesellschaft wird in Kürze auf ihrem Portal Spendenadressen aufführen, und ist mit ihrer Präsidentin Franziska Davies (einfach schreiben an: vorstand@deutsch-ukrainische-gesellschaft.de) auch jetzt bereits jederzeit auskunftsfreudig, seriöse Adressen zu nennen, sollte jemand spenden wollen.

 

Herzlichen Dank für das Interview.

 

Prof. Dr. Ricarda Vulpius ist Inhaberin des Lehrstuhls für Osteuropäische und Ostmitteleuropäische Geschichte an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.

 

Das Interview für Geschichtsbewusst führte Dr. Christine Bach.

 


 

Geschichtsbewusst" bildet eine Bandbreite an politischen Perspektiven ab. Der Inhalt eines Essays gibt die Meinung der Autorin oder des Autors wider, aber nicht notwendigerweise diejenige der Konrad-Adenauer-Stiftung.

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