Reportage sui paesi

Der Untergang der "Kursk" und die russische Gesellschaft

di Marlies Salazar
Der Untergang des Atom-U-Bootes "Kursk"am 12. August 2000 hat für Präsident Putin völlig unerwartete Folgen. Er und seine Berater wollten Gras über die Affäre wachsen lassen und verbreiteten eine Woche lang in guter alter Tradition Desinformationen. Sie hatten nicht damit gerechnet, daß die russische Öffentlichkeit nach 12 Jahren "Glasnost" sich doch an mehr Offenheit und Meinungsfreiheit gewöhnt hat und nicht mehr alles einfach hinnimmt.

Nicht nur die Angehörigen der Opfer, sondern auch die Medien lassen sich nicht mehr so gängeln, wie das früher der Fall war. Deswegen versuchte Putin auch, das Fernsehen für alles verantwortlich zu machen. In Wirklichkeit ist natürlich die jahrelange Vernachlässigung der Armee und der Flotte durch die Regierung ein offenes Geheimnis.

Auf einer Tagung der Konrad-Adenauer-Stiftung zum "Krieg in der Arktis", die Anfang September in Archangelsk stattfand, und an der deutsche, skandinavische, englische und russische Militärhistoriker und Marinekommandanten teilnahmen, wurde kritisch vermerkt, daß der Rettungsdienst der Flotte schon seit zwei Jahren kein Geld mehr bekommt und in desolatem Zustand ist. Aber die russische Regierung war nicht bereit, das zuzugeben, und bat viel zu spät um westliche Hilfe. Daß es den norwegischen Tiefseetauchern innerhalb eines Tages gelang, die Luke des gesunkenen U-Bootes zu öffnen, war eine schwere Blamage für die russische Marine.

Großmachtdenken und Feindbilder

Die Marineführung und das Verteidigungsministerium haben in der Krise nach dem Untergang der "Kursk" ihre Inkompetenz bewiesen. Immer noch hängen sie alten Feindbildern an und benutzen Argumente aus dem Arsenal des Kalten Krieges. So versuchte Verteidigungsminister Sergejew, die Schuld einer Kollision mit einem Nato-Unterseeboot zuzuschieben.

In Rußland ist man wieder auf das alte Freund-Feind-Denken zurückgefallen und sieht im Westen einen Gegner. Das war schon in den heftigen russischen Reaktionen auf die Nato-Intervention im Kosovo sehr spürbar und auch in dem Zögern, sich nach dem "Kursk"-Unglück vom "Feind" helfen zu lassen. Das Sicherheitskonzept, das Putin im Januar 2000 verkündet hat, geht klar in diese Richtung. Putin will die militärische Schlagkraft des Staates stärken, übersieht aber dabei, daß Rußland nicht die wirtschaftliche Basis hat, um seinen Großmachtsansprüchen gerecht zu werden. Wie kann ein Land, dessen Militärhaushalt nur zwei Prozent des Militärhaushalts der Vereinigten Staaten beträgt, Gleichheit mit den USA anstreben?

Führungsschwäche des Präsidenten

Gleichzeitig hat aber diese Krise auch die Führungsschwäche des neuen Präsidenten gezeigt. Er reagierte nicht adäquat auf die Katastrophe, sondern blieb erst einmal im Urlaub. Als er sich dann nach 6 Tagen äußerte, wirkte das nicht mehr ganz so spontan. Ganz im Gegensatz zu Jelzin fehlt es Putin an politischem Instinkt. Er reagiert wie ein Bürokrat und zieht sich erst einmal mit seinen Beratern zurück, bevor er an die Öffentlichkeit tritt. Wie ein Mann von der Straße in Murmansk sagte: "Ich dachte, wir hätten einen Präsidenten gewählt. In Wirklichkeit ist er nur ein hoher Beamter."

Auch seine Gefühlskälte gegenüber den Menschen ist klar zu Tage getreten. So sagte er ganz ruhig, man habe doch wenigstens die Atomreaktoren abschalten und die technische Ausrüstung retten können. Kein Wort von den menschlichen Opfern! Die Angehörigen haben sehr wohl registriert, daß ein Menschenleben in Rußland immer noch weniger wert ist als das Prestigedenken des Staates. Deswegen wollten sie auch nicht zusammen mit Putin eine Trauerfeier in der Barentssee veranstalten und er mußte unverrichteter Dinge zurückreisen.

Putin, der bis vor kurzem noch großes Ansehen und Vertrauen in der Bevölkerung genoß, hat durch sein Verhalten in dieser Krise viel guten Willen verloren. Aber statt die überfällige Reform der Streitkräfte und der Verwaltung endlich in Angriff zu nehmen, wird er versuchen, die Schuld an den Problemen seinen Kritikern und den Medien zuzuschreiben. Es steht zu befürchten, daß in Zukunft noch mehr versucht werden wird, die kritischen Medien mundtot zu machen und die öffentliche Meinung durch regierungstreue Medien zu kontrollieren.

Aber damit schafft er die grundlegenden Probleme der russischen Gesellschaft natürlich nicht aus der Welt, sondern verzögert nur die notwendigen Reformen.

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Claudia Crawford

Claudia Crawford bild

Leiterin des Büros Multilateraler Dialog KAS in Wien

claudia.crawford@kas.de +43 1 890 14650

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