Zu Beginn stellte Ludwig zentrale Phasen der Biografie Wladimir Putins vor. Besonders prägten ihn seine Kindheit in Leningrad, seine Tätigkeit beim sowjetischen Geheimdienst KGB sowie seine Stationierung in Dresden während der Friedlichen Revolution 1989. Die Erfahrung des Zusammenbruchs der DDR habe bei Putin die Überzeugung verstärkt, dass staatliche Schwäche zum Zerfall politischer Systeme führen könne.
Die Referentin analysierte entscheidende historische Narrative in Putins Denken. Ein erster Mythos ist die Vorstellung, dass Russland der Nachfolger der Kyjiwer Rus sei. Ludwig erklärte die Geschichte dieses mittelalterlichen Reiches und betonte, dass viele Historiker eine direkte Verbindung zum heutigen Russland bezweifeln. Trotzdem nutzt Putin dieses Bild, um Ansprüche gegenüber der Ukraine zu begründen. Besonders deutlich wird das in seinem Aufsatz „Zur historischen Einheit von Russen und Ukrainern“ (2021), in dem die ideologischen Grundlagen der heutigen russischen Politik sichtbar werden.
Als zweiten zentralen Mythos stellte die Referentin die Idee Russlands als „Drittes Rom“ vor. Diese Vorstellung geht auf den Fall Konstantinopels 1453 zurück und beschreibt Moskau als neues Zentrum der christlich-orthodoxen Welt. Historisch wurde diese Idee insbesondere unter den Zaren weiterentwickelt und später durch expansionistische Politik verstärkt. Die Mythen Kyjiwer Rus und das „Dritte Rom“ seien jedoch historisch widersprüchlich, würden aber dennoch zugleich zur Rechtfertigung russischer Herrschaftsansprüche genutzt.
Anschließend zeigte Dr. Ludwig, wie diese historischen Deutungen in der Gegenwart politisch wirksam werden. Putin verbinde sie mit Vorstellungen einer besonderen russischen Zivilisation, religiöser Mission und enger Zusammenarbeit zwischen Staat und orthodoxer Kirche. Dadurch werde sowohl nationale Identität gestärkt als auch außenpolitisches Handeln legitimiert.
Im letzten Teil ging die Referentin auf die geopolitischen Ziele Russlands ein. Der Krieg gegen die Ukraine wird in der russischen Propaganda als Konflikt mit dem Westen dargestellt. Russland präsentiert sich dabei als Verteidiger traditioneller Werte gegenüber dem sogenannten „kollektiven Westen“. Gleichzeitig verfolgt die russische Führung das Ziel, ihren Einfluss in ehemaligen Sowjetrepubliken und in Osteuropa zu verbreiten. Darüber hinaus strebt sie eine Veränderung der internationalen Ordnung in Richtung einer Weltordnung, in der mehrere starke Länder gleichzeitig Einfluss haben.
In der anschließenden Diskussion hatten die Teilnehmenden Gelegenheit, Fragen zu stellen und die Thesen zu vertiefen. Die Veranstaltung bot einen kompakten Einblick in die historischen und ideologischen Grundlagen der russischen Politik und verdeutlichte die Bedeutung geschichtlicher Narrative für das Verständnis des Krieges gegen die Ukraine.
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