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Interviews

„Russland führt einen hybriden Krieg gegen Deutschland“

Interview mit dem Sicherheitsexperten Dr. Edmund Ratka

Die Bundesregierung schreibt den gescheiterten Drohnenanschlag am Leipziger Flughafen Russland zu. Schon seit Jahren ist Deutschland hybriden Angriffen ausgesetzt, deren Spur oftmals nach Moskau führt. Unser Sicherheitsexperte Dr. Edmund Ratka erläutert die Hintergründe dieses „Schattenkrieges“ und empfiehlt Maßnahmen zur Gegenwehr. Deutschland ist dabei auf dem richtigen Weg, braucht aber politische Entschlusskraft und Tempo beim Aufbau seiner operativen Fähigkeiten.

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Die Sprengstoff-Drohne von Leipzig reiht sich ein in eine Vielzahl russischer Maßnahmen zur Destabilisierung der Gesellschaften in Deutschland und Europa. Herr Ratka, warum greift Russland uns an?

Putins Russland sieht den Westen seit Langem als geopolitischen und ideologischen Gegenspieler und zunehmend offen als Feind. Entsprechende Äußerungen lassen sich bis auf Putins Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2007 zurückführen und verfestigen sich mit der Annexion der Krim 2014. Im Zuge des vollumfänglichen Angriffs auf die Ukraine, den Russland am 24. Februar 2022 beginnt, stilisiert Putin den Konflikt zu einer existenziellen Auseinandersetzung der „Russischen Welt“ mit dem Westen und gerade mit den europäischen Unterstützern der Ukraine, wie Deutschland. Damit formuliert Moskau zudem einen imperialistischen Machtanspruch in seiner Nachbarschaft, vor allem mit Blick auf das Gebiet der ehemaligen Sowjetrepubliken, das neben der Ukraine auch das Baltikum einschließt, also drei Mitgliedstaaten von EU und NATO.

Deutschland steht als Schlüsselstaat des westlichen Bündnisses sowie als wichtiger Unterstützer der Ukraine besonders im Fadenkreuz der hybriden Kriegsführung Russlands. Womöglich entgegen dem Kalkül aus Moskau hat sich die Bundesrepublik aber in den letzten Jahren hier durchaus als resilient erwiesen. Vor allem unter den politischen Eliten, aber auch in weiten Teilen der Bevölkerung wird die Unterstützung der Ukraine befürwortet. Gleiches gilt für die Zustimmung zu EU und NATO. Dies mag – gemeinsam mit dem ausbleibenden militärischen Erfolg in der Ukraine – die schrittweise Eskalation Russlands gegenüber Deutschland erklären.

 

Inwiefern ist diese Kriegsführung „hybrid“?

Hybrid hat sich im sicherheitspolitischen Diskurs als Bezeichnung für aggressive Maßnahmen etabliert, die sich unterhalb der Schwelle eines offen erklärten Krieges bewegen. Hybride Angriffe finden nicht auf dem klassischen Schlachtfeld statt, sondern zielen auf die Destabilisierung und Zersetzung der Gesellschaften des Gegners. Dazu gehören zuvorderst Spionage, Sabotage, Cyberangriffe und Desinformation, wobei diese Handlungsfelder oft miteinander vermischt werden bzw. kombiniert werden. Hybride Maßnahmen sind vergleichsweise billig, sei es durch zunehmend KI-gestützte Kampagnen in den Sozialen Medien oder einfach analoge Aktivitäten, die oft durch angeheuerte Kleinkriminelle ausgeführt werden, so genannte „Wegwerfagenten“. Moskau kann einfach ausprobieren. Die vielen kleinen Nadelstiche sollen dann einzahlen auf immer das gleiche Ziel:  Verunsicherung und Spaltung der Gesellschaft, Schüren von Misstrauen in der Bevölkerung gegenüber dem politischen System und der politischen Führung, Untergraben der Unterstützung für die Ukraine sowie grundsätzlich für die EU und NATO.

 

Seit wann führt Russland hybride Angriffe auf Deutschland aus?

Bereits ab 2014 lassen sich Cyberangriffe und Desinformationskampagnen auf Russland zurückführen. Mit dem Vollangriff auf die Ukraine im Februar 2022 nehmen dann auch die hybriden Angriffe auf Deutschland und Europa dramatisch zu. Mittlerweile gibt es Dutzende Vorfälle, die von den Sicherheitsbehörden eindeutig Russland zugeordnet werden, darunter den Paket-Brandsatz im DHL-Logistikzentrum am Flughafen Leipzig (Juli 2024), ein Cyberangriff auf die Deutsche Flugsicherung (August 2024) oder die seit 2022 laufende „Doppelgänger-Kampagne“ zur Verbreitung von Desinformation über gefälschte Medienwebseiten. Aktuell wird diese im Vorfeld der Landtagswahlen in Ostdeutschland eingesetzt (Operation Matrjoschka). Bei Brandanschlägen auf Rüstungsfabriken in mehreren europäischen Ländern, zuletzt im August 2026 in Estland, weist die Spur ebenfalls nach Moskau.

Seit 2024 setzt Russland vermehrt auf Drohnen. Zum einen geht es dabei um militärische Inkursionen an der Ostflanke, wie das Eindringen von rund 20 Drohnen in den polnischen Luftraum im September 2025 oder den Einschlag in einem Wohnhaus in der ostrumänischen Stadt Galati im Mai 2026. Zum anderen operiert Russland mit Kleinstdrohnen, die von Agenten oder gekauften Handlangern – vermutlich auch von der Schattenflotte in der Ostsee aus – gegen Ziele in Deutschland, aber etwa auch Frankreich und Belgien, eingesetzt werden. Hier stand zunächst das Ausspähen kritischer Infrastruktur und militärischer Anlagen im Vordergrund, das Austesten von Drohnenabwehr, Verunsicherung und das Verursachen wirtschaftlicher Kosten. Ein Beispiel ist das Lahmlegen des Flughafens München zweimal für mehrere Stunden im Oktober 2025. Der gescheiterte Sprengstoff-Anschlag durch Drohnen am Flughafen Leipzig Anfang August 2026 lässt indes vermuten, dass auch hier auf weitere Eskalationsschritte gesetzt wird. Am 14. August 2026 erklärte der russische Außenminister Lawrow, Russland würde „alles zerstören, was Kiews Kriegsmaschinerie aus dem Westen speist.“

 

Wie abwehrbereit ist Deutschland gegen solche hybriden Angriffe?

Russlands hybride Kriegsführung setzt an drei Schwachstellen Deutschlands an: Gesellschaftliche Polarisierung, unklare Zuständigkeiten und operative Lücken. Das erste Einfallstor ist die seit einigen Jahren zunehmende Polarisierung und das wachsende Misstrauen vieler Bürgerinnen und Bürger in staatliche Handlungsfähigkeit. Desinformationskampagnen zielen auf Triggerpunkte, um Spaltungstendenzen zu befördern und damit gesellschaftlichen Zusammenhalt als Voraussetzung für Wehrhaftigkeit und politische Entscheidungskraft zu untergraben. Zweitens war die Bundesrepublik in ihrer föderalen und rechtsstaatlichen Verfasstheit auf hybride Angriffe, die juristisch und operativ meist in Grauzonen stattfinden, in der Tat nicht gut vorbereitet. Während im Kriegs-, Spannungs- und Bündnisfall klare Zuständigkeiten für die Verteidigung vorliegen (in der Regel werden diese dann auf Bundesebene zentralisiert), gilt dies nicht für hybride Angriffe unterhalb dieser Schwelle. Drittens fehlt es bisher oft schlicht an einem geeigneten Abwehr-Instrumentarium, wie es im Bereich der Drohnenbekämpfung am augenscheinlichsten ist.

Doch die Bundesregierung hat die Herausforderung durch hybride Bedrohungen angenommen. Gesetzesänderungen zur Stärkung operativer Abwehrfähigkeiten sind entweder bereits vollzogen (Luftsicherheitsgesetz, Bundespolizeigesetz) oder auf den Weg gebracht (Reform der Nachrichtendienste). Gleiches gilt für den operativen Fähigkeitsaufbau, wie im Bereich der Drohnenabwehr. Hier müssen die neu etablierten Strukturen (Gemeinsames Drohnenabwehrzentrum, Drohnenabwehreinheit der Bundespolizei, Technologiezentrum Drohnensicherheit in Magdeburg-Cochstedt) nun möglichst schnell handlungsfähig werden.

 

Was ist noch zu tun?

Angesichts der erwartbar längerfristigen und sich möglicherweise weiter verschärfenden hybriden Sicherheitslage gilt es, diesen eingeschlagenen Weg nun weiterzugehen. Fünf Elemente gilt es dabei besonders zu beachten:

Erstens brauchen wir einen gesamtgesellschaftlichen Ansatz. Hybride Angriffe zielen auf die Gesellschaft als Ganzes und können nur ganzheitlich abgewehrt werden. Entsprechend braucht es Sensibilisierung und Befähigung von Bürgerinnen und Bürgern, Unternehmen, der Zivilgesellschaft und Bildungsträgern. Zudem trägt die Vermeidung polarisierender und populistischer Diskurse seitens politischer Eliten zur Resilienz gegen Desinformation bei.

Zweitens müssen die Zuständigkeiten und Befugnisse in der Sicherheitsarchitektur und beim Bevölkerungsschutz mit Blick auf die neue Bedrohungslage fähigkeitsorientiert nachjustiert werden. Dabei geht es nicht zwangsläufig um Zentralisierung, sondern um gemeinsame und geteilte Lagebilder und einzuübende Kooperations- und Koordinationsmechanismen. Der Aufbau neuer Doppelstrukturen sollte vermieden werden, auch durch einen verbesserten Austausch zwischen Bund, Ländern und Kommunen.

Insbesondere mit Blick auf die Anforderungen im Cyberraum, der Sabotage-Abwehr und bei der Drohnenbekämpfung müssen, drittens, die Sicherheitskräfte auf den neuesten technischen Stand gebracht werden. Gleiches gilt für Kommunen und Unternehmen im Bereich der kritischen Infrastruktur bzw. der Daseinsvorsorge. Mit der Bereichsausnahme von der Schuldenbremse stehen entsprechende Mittel zur Verfügung. Das Potenzial und die Innovationskraft deutscher Unternehmen, etwa im Bereich Drohnenabwehr, kann der Staat als Ankerkunde fördern.

Viertens braucht es Mut zur Abschreckung. Hybride Angriffe müssen in der politischen Logik wie konventionelle Angriffe erfasst – und damit auch beantwortet werden. Gegenmaßnahmen sollten dabei, gemäß dem rechtsstaatlichen Selbstverständnis der Bundesrepublik, indes nicht symmetrisch erfolgen, sondern mit Diplomatie und robusteren Mitteln wie Sanktionen, Beschlagnahmungen und der strafrechtlichen Verfolgung von Mittelsmännern.

Fünftens sollten wir eine möglichst enge Abstimmung mit unseren Verbündeten und gerade mit unseren europäischen Partnern anstreben. Deutschland kann insbesondere die sicherheits- und rüstungspolitische Kooperation in Europa noch engagierter und inklusiver vorantreiben. Bei Initiativen wie einer gemeinsamen Luftverteidigung und Drohnenabwehr ergeben sich dabei effizient nutzbare Anknüpfungspunkte zur NATO mit ihren etablierten Standards und Kommandostrukturen. Die Spaltungsabsicht seiner hybriden Kriegsführung kann für Moskau zum Bumerang werden, wenn sich EU und NATO dieser Herausforderung gemeinsam entgegenstellen.

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Контакт Dr. Edmund Ratka
Mann im Anzug, im Hintegrund ist eine Stadt unter blauem Himmel zu erkennen
Referent Europäische Sicherheit
edmund.ratka@kas.de +49 30 26996-3953

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