Widerstand hat viele Gesichter
In ihrer Einführung wies Annegret Kramp-Karrenbauer, Vorsitzende der Konrad-Adenauer-Stiftung e.V., darauf hin, dass sich der Blick der diesjährigen Veranstaltung auf dieses Thema richte, dem lange Zeit nicht die gebührende Aufmerksamkeit zuteilgeworden sei. Sie stellte fest: „Wenn wir an den Widerstand gegen den Nationalsozialismus denken, dann denken viele zunächst an den 20. Juli 1944. Doch Widerstand hatte viele Gesichter. Er wurde von Menschen unterschiedlicher Herkunft, Überzeugungen und Lebenswege geleistet. Zu diesem Widerstand gehörten auch Jüdinnen und Juden, die sich unter unvorstellbaren Bedingungen gegen Entrechtung, Verfolgung und Vernichtung auflehnten.“ Und gerade in der heutigen Zeit sei es wichtiger denn je, diesen Teil der eigenen Geschichte sichtbar zu machen. Erinnerung erschöpfe sich dabei nicht im bloßen Gedenken. Sie verpflichte vielmehr, die Erfahrungen der Vergangenheit ernst zu nehmen und aus ihnen Orientierung für die Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft zu gewinnen. Der Satz von Konrad Adenauer, „Ein Volk kann seine Gegenwart und seine Zukunft nur gestalten, wenn es seine Vergangenheit versteht und daraus seine Lehren zieht“, behalte immer seine Gültigkeit. Lange Zeit sei man überzeugt gewesen, die Lehren aus der eigenen Geschichte verinnerlicht zu haben. Heute aber müsse man erkennen, dass diese Gewissheit nicht selbstverständlich sei. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und die Frage, welche Konsequenzen daraus für das Handeln erwachsen sollten, bleibe weiterhin umkämpft. Dieses Ringen werde niemals endgültig abgeschlossen sein, betonte Frau Kramp-Karrenbauer und führte aus: „Antisemitismus beginnt selten mit Gewalt. Er beginnt mit Vorurteilen, er beginnt mit Ausgrenzung, er beginnt mit Gleichgültigkeit. Und er wächst dort, wo Menschen, er wächst dort, wo wir alle wegsehen. Deshalb ist die Beschäftigung mit dem jüdischen Widerstand keine rein historische Übung. Sie erinnert uns daran, dass die Sicherheit jüdischen Lebens niemals und nirgendwo auf der Welt selbstverständlich ist.“
Zivilcourage bleibt wichtig
In seinem Grußwort betonte der Vorsitzende der Stiftung 20. Juli 1944, Robert von Steinau-Steinrück, dass die Erinnerung an den Widerstand und vor allem an den jüdischen Widerstand gegen die nationalsozialistische Diktatur keine reine Pflichtübung sei und nie sein dürfe: „Wer heute an den jüdischen Widerstand erinnert, erfüllt deshalb keine historische, sondern eine gegenwärtige Pflicht. Aus dem jüdischen Widerstand können wir unendlich viel für heute lernen. Eine der Lehren ist, dass der Erfolg vieler Widerstandsaktionen nur möglich war, weil es auch nichtjüdische Helfer gab, die nicht wegschauten, die nicht gleichgültig blieben.“ Zivilcourage sei aus diesem Grund damals wie heute überaus wichtig. Mit Blick auf das politische Klima und die wieder zunehmenden Anfeindungen gegen jüdische Mitbürger machte Steinau-Steinrück deutlich, dass diese Thematik aktueller denn je sei und die Veranstaltung mit der Wahl des diesjährigen Themas nicht nur der „Erinnerung“, sondern auch dem „Zukunftsauftrag“ gerecht werde.
„Ich will mich nicht verstecken“
Ron Dekel, Vorsitzender der Jüdischen Studierendenunion, beschrieb in seiner Keynote, wie sich das Sicherheitsgefühl vieler Jüdinnen und Juden in Deutschland nach dem 7. Oktober 2023 dramatisch verschlechtert und der Antisemitismus an den Universitäten und im öffentlichen Raum sichtbar zugenommen habe. Viele Universitäten hätten sich zu einem „Ort des Hasses“ entwickelt. Zugleich betonte er, dass viele junge Jüdinnen und Juden darauf mit mehr Sichtbarkeit, Engagement und Widerstand reagiert hätten, statt sich zurückzuziehen oder zu verstecken. Kritisch merkte er an, dass die Mehrheitsgesellschaft jüdische Menschen häufig vor allem als Opfer wahrnehme und den jüdischen Widerstand sowie die Selbstbehauptung zu wenig würdige. Zugleich warf er die Frage auf, ob Deutschland seiner Verantwortung gegenüber jüdischem Leben wirklich gerecht werde, insbesondere mit Blick auf die oft schwierige soziale Lage vieler jüdischer Zuwanderinnen und Zuwanderer und der Tatsache, dass jüdisches Leben oft nur „hinter Panzerglas“ stattfinden könne.
Der vergessene Widerstand: Jüdinnen und Juden im Kampf gegen den Holocaust
Stephan Lehnstaedt (Touro-University Berlin) machte in seinem Vortrag deutlich, dass Jüdinnen und Juden in der Erinnerungskultur häufig vor allem als Opfer des Holocaust wahrgenommen würden, während ihr vielfältiger Widerstand häufig in den Hintergrund trete. Tatsächlich hätten Verfolgte auf sehr unterschiedliche Weise Widerstand geleistet und dabei versucht, unter den Bedingungen der Verfolgung ihre Würde, Identität und Menschlichkeit zu bewahren. Weil viele Aktivitäten konspirativ verliefen und dadurch kaum dokumentiert werden konnten, seien zahlreiche Geschichten verloren gegangen. Jüdischer Widerstand sei dabei weit mehr als bewaffneter Kampf gewesen, er sei vor allem ein Kampf ums Überleben und gegen die Entrechtung durch das nationalsozialistische Regime gewesen, „die Behauptung des Menschen und der Menschlichkeit angesichts einer totalen Gewalt“. Beispiele aus West- und Osteuropa zeigten, wie unterschiedlich der jüdische Widerstand sich Bahn gebrochen habe. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs sei die Erinnerung an den jüdischen Widerstand in Deutschland lange Zeit von politischen und historiografischen Prägungen bestimmt gewesen. In der DDR habe eine marxistische Geschichtsschreibung dominiert, die den kommunistischen Widerstand in den Mittelpunkt stellte und nationalsozialistische Verbrechen vor allem als „faschistische“ Unterdrückung der europäischen Völker deutete. Dadurch seien die spezifisch rassistische Verfolgung der Juden und damit auch der Holocaust weitgehend aus dem Blick geraten. In Westdeutschland wiederum habe sich die Forschung zunächst auf die Vorgeschichte des Nationalsozialismus und den deutschen Widerstand, insbesondere auf das Attentat vom 20. Juli 1944, konzentriert. Jüdische Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfer seien dabei entweder übersehen oder anderen Widerstandsgruppen zugeordnet worden. Eine zentrale Ausnahme sei hier der Historiker Helmut Eschwege, der seit den 1960er Jahren Material über jüdischen Widerstand gesammelt habe, gewesen. Seine Forschungen seien jedoch sowohl in der DDR als auch in Westdeutschland lange Zeit auf Ablehnung oder Desinteresse gestoßen. Erst 1984 sei sein bis heute grundlegendes Werk „Selbstbehauptung und Widerstand. Deutsche Juden im Kampf um Existenz und Menschenwürde 1933–1945“ erschienen. Insgesamt habe sich die deutsche Geschichtswissenschaft bis weit in das frühe 21. Jahrhundert hinein nur am Rande mit jüdischem Widerstand beschäftigt. Dazu habe auch beigetragen, dass dieser Widerstand in Deutschland häufig weniger spektakuläre Formen angenommen habe als in Osteuropa und oft durch individuelle Hilfe, Fluchtorganisation oder alltägliche Formen der Selbstbehauptung geprägt gewesen sei. Lange Zeit habe zudem die Konzentration auf Opferrollen und bekannte Widerstandsereignisse den Blick auf die Vielfalt jüdischer Handlungsmöglichkeiten verstellt.
Lehren für die Gegenwart
In der anschließenden Diskussionsrunde, die von Michael Borchard, Leiter der Hauptabteilung Wissenschaftliche Dienste/Archiv für Christlich-Demokratische Politik, moderierte wurde, sprachen Marina Chernivsky, Vorstand und Geschäftsführerin OFEK e.V. – Beratungsstelle bei antisemitischer Gewalt und Diskriminierung, Stephan Lehnstaedt und Ron Dekel auch über die Frage, welche Lehren aus dem jüdischen Widerstand für die Gegenwart gezogen werden könnten.
Chernivsky merkte an, dass Jüdinnen und Juden in Deutschland häufig auf die Rolle von Opfern reduziert und dadurch ihre tatsächliche Präsenz, Vielfalt und Handlungsfähigkeit aus dem Blick geraten würden. Diese Wahrnehmung beruhe auf einer tradierten Distanz zu jüdischem Leben sowie einer Objektifizierung, die dazu führe, dass Jüdinnen und Juden oft nicht als selbstverständlicher Teil der Gesellschaft wahrgenommen würden. Zugleich wies sie darauf hin, dass in jüdischen Familien nicht nur Erfahrungen von Verfolgung und Gewalt, sondern auch Überlebenswissen, Würde, Widerstandskraft und die Fähigkeit zur Selbstbehauptung weitergegeben würden. Demgegenüber würden in nichtjüdischen Familien häufig Verdrängung und die Schwierigkeit tradiert, sich mit der eigenen historischen Verantwortung auseinanderzusetzen, wodurch unterschiedliche Erinnerungskulturen und Beziehungsmuster fortbestehen würden.
Lehnstaedt machte darauf aufmerksam, wie wichtig es sei, Warnsignale zu erkennen und die richtigen Konsequenzen daraus zu ziehen. Menschen neigten dazu, Gefahren zu lange zu unterschätzen und darauf zu vertrauen, dass am Ende alles gut gehen werde. Die entscheidende Herausforderung sei daher, rechtzeitig zu handeln, statt abzuwarten. Dies sei eine zentrale Lehre sowohl aus dem jüdischen Widerstand als auch aus dem Scheitern der Weimarer Republik.
Dekel machte deutlich, dass die Erinnerungskultur den Holocaust nicht nur als Geschichte der Verfolgung, sondern auch als Geschichte des Widerstands begreifen müsse und wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass man in Israel am Holocaust-Gedenktag Jom haScho'a an den Aufstand im Warschauer Ghetto erinnere. Die deutsche Erinnerungskultur zum Holocaust und zum Widerstand sei zudem oft ritualisiert und oberflächlich. Parolen wie „We Remember“, „Nie wieder ist jetzt“ oder aktuelle Kampagnen gegen Antisemitismus seien zwar gut gemeint, blieben jedoch häufig symbolisch und wenig aussagekräftig. Zudem konzentriere sich die öffentliche Erinnerung immer wieder auf dieselben wenigen, meist nichtjüdischen Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfer. Er wies darauf hin, dass jüdischer Widerstand nicht nur als historisches, sondern auch als gegenwärtiges Thema verstanden werden sollte. Für viele Jüdinnen und Juden bedeute bereits das selbstbewusste Leben in Deutschland angesichts von Antisemitismus und Anfeindungen eine Form des Widerstands. Umso wichtiger sei es, die Geschichten jüdischer Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfer sichtbarer zu machen. Dies werde jedoch durch die oft lückenhafte Quellenlage erschwert, weshalb viele Biografien bis heute weitgehend unbekannt geblieben sind. Gerade deshalb müsse ihre Geschichte stärker erforscht und erzählt werden.
Das Stauffenberg-Attentat auf Hitler und der Widerstand gegen das NS-Regime
Prof. Dr. Johannes Tuchel, der Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, spricht über Motivation und Ziele der Beteiligten sowie den Ablauf und die Folgen des Umsturzversuchs.
YouTube
Про цю серію
Фонд ім. Конрада Аденауера, його освітні установи, учбові центри і зарубіжні представництва щорічно пропонують по декілька тисяч мiроприємств на самі різні теми. На нашому сайті www.kas.de для Вас завжди знайдеться свіжа інформація по найцікавіших конференціях, подіях, симпозіумах і інших мiроприємствах. Окрім інформаційного наповнення тут приведені додаткові матеріали: фотографії, тексти виступів, відео- і аудіозаписи.