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Zentralasien zwischen Russland, China und dem Westen

Im Zentrum der Machtinteressen

Zentralasien entwickelt sich zu einer Schlüsselregion zwischen Europa und Asien. Energie, Rohstoffe, Sicherheit und neue Handelsrouten machen die Staaten der Region zu wichtigen Partnern für Deutschland und die EU. Welche strategischen Chancen entstehen daraus und wie kann Europa seinen Einfluss in einem Umfeld zwischen Russland, China und anderen Akteuren ausbauen?

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In Kürze
  • Geopolitische Bedeutung: Zentralasien befindet sich zwischen Russland und China. Aufgrund dieser Lage wird die Region für den Westen und somit auch für Deutschland und die EU zunehmend strategisch relevant. Sie ist ein Knotenpunkt für Sicherheit, Energie, Rohstoffe, Handel und Migration.
  • Wirtschaftliches Potenzial: Die Staaten Zentralasiens verfügen über Bodenschätze, wachsende Märkte und eine junge, teils hoch qualifizierte Bevölkerung, die für wirtschaftliche Kooperationen und Fachkräftepartnerschaften attraktiv ist. Gleichzeitig bieten sich vielfältige Kooperationen bei erneuerbaren Energien an.
  • Sicherheit, Stabilität und Transitfunktion: Zentralasien gewinnt als Transitregion zwischen Europa und Asien sowie als sicherheitspolitischer Stabilitätsfaktor an Bedeutung. Zusammenarbeit in Grenzsicherung, Terrorismusprävention und Migrationssteuerung ist entscheidend, um regionale Konflikte einzudämmen, irreguläre Flüchtlingsströme zu begrenzen und deutsche sowie europäische Sicherheitsinteressen zu wahren.
  • Geopolitische Konkurrenz: Russland und China bauen ihren Einfluss in Zentralasien aus; Deutschland muss daher als verlässlicher und attraktiver Partner auftreten, um strategische Handlungsspielräume zu sichern.
 

Ein Blick auf die Landkarte macht die geopolitische Bedeutung Zentralasiens deutlich: Die Region liegt an der Schnittstelle zentraler Machtbereiche: Im Norden grenzt sie an Russland, im Osten an China, im Süden an Afghanistan und den Iran sowie im Westen an das Kaspische Meer. Lange Zeit wurden die Staaten Zentralasiens in Deutschland und in der gesamten EU nur am Rande wahrgenommen. Doch in den letzten Jahren hat die Region zunehmend an strategischer Bedeutung gewonnen: Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine seit 2022 hat dem Westen schlagartig vor Augen geführt, wie wichtig es ist, die unmittelbaren Nachbarstaaten Russlands außen- und sicherheitspolitisch stärker in den Fokus zu rücken.

Zentralasien ist dabei längst nicht mehr nur eine geografische Pufferzone zwischen Großmächten. Die Region entwickelt sich zunehmend zu einem eigenständigen geopolitischen Akteur mit wachsendem außenpolitischem Selbstbewusstsein. Besonders Usbekistan und Kasachstan verfolgen eine sogenannte multivektorale Außenpolitik, die auf eine Balance zwischen Russland, China, dem Westen, der Türkei und anderen regionalen Akteuren abzielt. Ziel dieser Politik ist es, einseitige Abhängigkeiten zu vermeiden und die eigenen außenpolitischen Handlungsspielräume zu erweitern.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 entstanden fünf zentralasiatische Staaten mit unterschiedlichen politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen.

Der erste EU-Zentralasien-Gipfel im April 2025 in Samarkand (Usbekistan) markierte den Auftakt einer vertieften strategischen Zusammenarbeit zwischen den zentralasiatischen Staaten und der EU. Die EU-Strategie für Zentralasien, die 2007 verabschiedet und 2019 aktualisiert wurde, bildet den politischen und strategischen Rahmen für diese Zusammenarbeit. Auch Deutschland hat mit den C5+1-Treffen seit 2023 ein Instrument geschaffen, um die Kooperation mit den Staaten Zentralasiens systematisch zu intensivieren.

Um die gewachsene strategische Relevanz Zentralasiens für Europa und Deutschland besser zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf die historischen Entwicklungen und innerregionalen Dynamiken seit dem Zerfall der Sowjetunion: Mit dem Ende der Sowjetunion entstanden 1991 die fünf unabhängigen zentralasiatischen Staaten Kasachstan, Usbekistan, Kirgisistan, Tadschikistan und Turkmenistan. Der Rückzug der sowjetischen Ordnungsmacht führte zu einer Reihe von Grenzkonflikten und ethnischen Auseinandersetzungen, die auf die in den 1920er-Jahren konfliktträchtig gezogenen Grenzen zurückgehen und die Region nach der Unabhängigkeit über viele Jahre hinweg destabilisierten. Der letzte größere Grenzstreit zwischen Kirgisistan und Tadschikistan konnte erst 2025 unter Vermittlung Usbekistans beigelegt werden. Gleichzeitig verliefen die politische und die gesellschaftliche Entwicklung in den einzelnen Staaten sehr unterschiedlich: In Tadschikistan etwa brach in den 1990er-Jahren ein Bürgerkrieg aus, dessen Folgen bis heute spürbar sind. Die Staaten Kasachstan und Usbekistan konnten sich hingegen in den letzten Jahren wirtschaftlich gut entwickeln. Turkmenistan setzte auf eine Politik vollständiger Isolation, während die Entwicklung Kirgisistans von ständigen Machtwechseln und politischen Umbrüchen geprägt war.

 

Wirtschaftliches Interesse in Zentralasien

Während sich die Staaten Zentralasiens politisch unterschiedlich entwickelten, gewann die Region zugleich als Wirtschaftsraum zunehmend an Gewicht. Im Fokus stehen insbesondere die großen Bodenschätze: So verfügt Kasachstan über bedeutende Reserven an Erdöl, Erdgas, Uran und seltenen Erden. Turkmenistan zählt zu den weltweit wichtigsten Erdgasexporteuren und besitzt einige der größten Gasreserven der Welt. Kirgisistan verfügt über große Goldvorkommen sowie Rohstoffe, die unter anderem für moderne Technologien und die Energiewende relevant sind. Tadschikistan besitzt bedeutende Vorkommen an Silber, Gold und weiteren Mineralien sowie ein erhebliches Wasserkraftpotenzial. Auch Usbekistan zählt zu den rohstoffreichen Staaten der Region und gehört weltweit zu den führenden Ländern bei Gold-, Uran- und Kupfervorkommen. Darüber hinaus verfügt das Land über bedeutende Reserven an Silber, Wolfram, Kaliumsalzen und weiteren strategisch relevanten Mineralien. Die bislang nur teilweise geologische Erschließung des Landes deutet zudem auf ein erhebliches zusätzliches Rohstoffpotenzial hin.

Deutsche Unternehmen agieren in Zentralasien zurückhaltend, während China seinen wirtschaftlichen Einfluss gezielt und deutlich schneller ausbaut.

Vor diesem Hintergrund gewinnt die Region insbesondere im Kontext sogenannter kritischer Rohstoffe für Deutschland an strategischer Relevanz. Seltene Erden, Lithium und Uran sind zentrale Rohstoffe für Batterien, Halbleiter, Windkraftanlagen und andere Zukunftstechnologien. Angesichts der starken Abhängigkeit Europas von chinesischen Lieferketten rückt Zentralasien zunehmend als potenzieller alternativer Rohstoffpartner in den Fokus. Deutschland intensiviert daher sowohl bilateral als auch im Rahmen der EU seine Bemühungen um strategische Rohstoffpartnerschaften mit den Ländern der Region, insbesondere mit Kasachstan und Usbekistan. Bisherige Erfahrungen, insbesondere mit Kasachstan, zeigen jedoch, dass politische Absichtserklärungen allein nicht ausreichen. Trotz strategischer Partnerschaften bleiben konkrete Investitionen, industrielle Kooperationen und langfristige Lieferketten bislang häufig hinter den Erwartungen zurück. Analysen zu den deutschen Rohstoffpartnerschaften verweisen darauf, dass Deutschland in Zentralasien bislang vielfach zu zurückhaltend agiert, während China seinen wirtschaftlichen Einfluss deutlich schneller und umfassender ausbaut.1 Hinter dieser Zurückhaltung steckt vor allem ein gewisses Risikodenken der deutschen Wirtschaft: Es wird oft lückenlose Rechtssicherheit erwartet oder gefordert. Während China seine Großprojekte über staatsnahe Konzerne politisch steuert, bremsen auf deutscher Seite langwierige Prüfverfahren und strenge Nachhaltigkeitsauflagen das Engagement. Wenn Deutschland künftig eine echte Alternative bieten will, muss sich das ändern. Gefragt sind flexiblere staatliche Risikoabsicherungen, beispielsweise modernisierte Hermes-Bürgschaften. Ziel muss es sein, politische Risiken wie Sanktionseffekte oder Transitblockaden abzufedern, um somit den Markteintritt für den deutschen Mittelstand finanziell kalkulierbar zu gestalten. Zudem sollte Deutschland nicht nur Rohstoffe importieren, sondern auch gezielt in die Weiterverarbeitung vor Ort investieren. Damit wird Vertrauen geschaffen. Deutschland bietet somit ein alternatives Entwicklungsmodell zu chinesischen Wirtschaftsaktivitäten in der Region an, das stärker auf lokale Wertschöpfung, Qualifizierung und Technologietransfer setzt.

Zugleich eröffnen sich in der Region wachsende Märkte, die für Unternehmen zunehmend attraktiv sind. Auch das Interesse der deutschen Wirtschaft an Zentralasien wächst spürbar, besonders an Kasachstan und Usbekistan. In Usbekistan sind etwa deutsche Investitionen an über 200 Unternehmen vorhanden, vor allem in der Baustoffindustrie, im Landmaschinenbau sowie in der Produktion von Kabeln, Leitungen, Drahterzeugnissen und Glasfasern.2 Unter Präsident Schawkat Mirsijojew verfolgt das Land eine Politik wirtschaftlicher Öffnung und Liberalisierung, um für westliche Investoren attraktiver zu werden. In Kasachstan wurden mit der Strategie 2050 ebenfalls Wirtschaftsreformen in die Wege geleitet, um die Wirtschaft zu modernisieren und stärker international auszurichten. Auch die anderen zentralasiatischen Staaten werben verstärkt um ausländisches Kapital. Dennoch bestehen weiterhin strukturelle Herausforderungen für westliche Investoren. Dazu zählen bürokratische Hürden, teils begrenzte Rechtssicherheit sowie Defizite bei Transparenz und Verwaltungsstrukturen. Diese Faktoren erschweren langfristige wirtschaftliche Kooperationen und bremsen ein ohnehin bürokratisch geprägtes und vorsichtiges Engagement deutscher Unternehmen in der Region.

Eine besondere Rolle spielt China, das 2023 Russland als wichtigsten Handelspartner Usbekistans abgelöst hat und rund 21 Prozent des usbekischen Außenhandelsvolumens ausmacht.3 Auch in den anderen zentralasiatischen Staaten wächst der wirtschaftliche Einfluss Chinas kontinuierlich. Diese Entwicklung unterstreicht die zunehmende geoökonomische Bedeutung der Region und sollte in Deutschland und Europa stärker wahrgenommen werden. Wirtschaftliche Kooperationen sind dabei nicht nur ein ökonomisches Instrument, sondern haben auch eine geopolitische Dimension, da sie zur Sicherung von Einfluss und langfristigen Partnerschaften beitragen. Um die deutsche Position nicht zusätzlich zu erschweren, müssen Investitionsentscheidungen daher künftig deutlich zügiger getroffen werden. Nur so lassen sich strategische Zeitfenster schließen, die von anderen Akteuren wie China oder der Türkei ohnehin genutzt werden, um ihre wirtschaftliche Präsenz auszubauen und entstehende Marktnischen zu besetzen.

Deutschland und die EU gelten neben den USA weiterhin als wichtige westliche Partner in der Region. Sie werden von zentralasiatischen Staaten vielfach auch als Gegenpol zur wachsenden Dominanz Chinas und Russlands betrachtet. Gleichzeitig zeigt sich jedoch, dass die Wirksamkeit deutscher Partnerschaften nicht allein von strategischen Interessen oder politischen Zielsetzungen abhängt, sondern zudem wesentlich von ihrer praktischen Umsetzung und Geschwindigkeit sowie von einer sichtbaren wirtschaftlichen Präsenz bestimmt wird.

Dabei greift der oft synonym verwendete Begriff „der Westen“ in Zentralasien zu kurz. Obwohl Europa und die USA das Ziel teilen, den Staaten der Region eine Alternative zu den mächtigen Nachbarn Russland und China zu bieten, gehen die strategischen Prioritäten auseinander. Während die EU und Deutschland vor allem auf wirtschaftliche Konnektivität, die Diversifizierung von Handelsrouten und langfristige Partnerschaften im Rahmen von Umwelt- und Rechtsstandards setzen, betrachten die USA die Region primär durch die Brille der globalen Großmachtrivalität und setzen sicherheitspolitische Schwerpunkte.

 

Zentralasien als Transitregion zwischen Europa und Asien

Eine zusätzliche strategische Bedeutung gewinnt Zentralasien durch seine Funktion als Transitregion zwischen Europa und Asien. Seit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine bemühen sich europäische Staaten verstärkt darum, alternative Handels- und Transportwege außerhalb Russlands zu finden. Dabei rückt insbesondere der sogenannte Mittlere Korridor in den Fokus. Diese Route verläuft von China über Zentralasien und das Kaspische Meer weiter über den Südkaukasus und die Türkei nach Europa.

Für die Staaten Zentralasiens eröffnet diese Entwicklung erhebliche wirtschaftliche Chancen. Infrastrukturprojekte, Eisenbahnverbindungen und Logistikzentren gewinnen an Bedeutung. Besonders die geplante China-Kirgisistan-Usbekistan-Eisenbahn könnte langfristig zu einem zentralen Bestandteil der eurasischen Handelsinfrastruktur werden.

Der Ausbau erneuerbarer Energien eröffnet neue Kooperationsmöglichkeiten zwischen Deutschland und Zentralasien.

Gleichzeitig verschärft sich die geopolitische Konkurrenz um Einfluss auf Handelswege und Infrastrukturprojekte. Während China mit seiner Belt-and-Road-Initiative seit Jahren massiv investiert, strebt die EU mit ihrer Global-Gateway-Initiative danach, alternative Angebote zu etablieren. Für die zentralasiatischen Staaten eröffnet diese Konkurrenz zusätzliche Handlungsspielräume, da sie die Möglichkeit haben, unterschiedliche Partner gegeneinander auszubalancieren und folglich Abhängigkeiten zu vermeiden.

 

Nachhaltige Energie als Brücke zwischen Deutschland und Zentralasien

Die aktuelle geopolitische Lage zeigt, wie dringend eine Diversifizierung der Energiequellen geworden ist. Nach dem Angriff Russlands auf die gesamte Ukraine hat sich die deutsche Bundesregierung verstärkt dem Ziel verschrieben, unabhängiger von Importen fossiler Energiequellen zu werden. In diesem Kontext eröffnet Zentralasien besonders im Bereich erneuerbarer Energien große Chancen.

Bisher sind die Staaten der Region noch stark von fossilen Energieträgern abhängig, doch sie planen einen deutlichen Ausbau nachhaltiger Energiequellen: Kasachstan strebt an, bis 2035 35 Prozent seines Stroms aus erneuerbaren Energien zu beziehen, während Usbekistan den Anteil von Solar- und Windenergie bis 2030 auf 40 Prozent erhöhen möchte.4 Deutschland sollte diese Entwicklung aktiv begleiten und gezielte Energiepartnerschaften mit den zentralasiatischen Staaten aufbauen.

Solche Kooperationen dienen nicht nur deutschen und europäischen Interessen, sondern unterstützen die Region auch dabei, wirtschafts- und energiepolitische Abhängigkeiten zu reduzieren. Ein genauerer Blick offenbart hier jedoch ein tiefes Sicherheitsdilemma, da die zentralasiatischen Staaten in ihrer Positionierung gegenüber Moskau keine Einheit bilden, sondern je nach Staat höchst unterschiedlich verflochten sind: Die wirtschaftlich schwächeren Länder Kirgisistan und Tadschikistan verfügen über kaum außenpolitischen Spielraum. Sie sind durch russische Militärpräsenz vor Ort und die Abhängigkeit von den Rücküberweisungen ihrer Arbeitsmigranten politisch und ökonomisch eng an Russland gebunden. Den regionalen Schwergewichten Kasachstan und Usbekistan gelingt hingegen ein Balanceakt und beide Staaten haben sich in den letzten Jahren mehr Handlungsspielraum verschafft. Dies zeigt sich beispielsweise beim russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine: Sie verweigern Moskau bei seinem Krieg gegen die Ukraine die offene Gefolgschaft und betonen die territoriale Integrität der Ukraine. Gleichzeitig können sie sich jedoch aufgrund geografischer und historischer Realitäten nicht vollständig von Russland abwenden.

Diese innerregionalen Unterschiede spiegeln sich direkt im Energiesektor wider und werfen kritische Fragen bezüglich der langfristigen Energiesouveränität der Region auf. So intensiviert Usbekistan derzeit seine Energiekooperationen mit Russland in den Bereichen Erdgas und Atomkraft.5 Im Unterschied zu Usbekistan hat Kasachstan beim Bau eines neuen Kernkraftwerks nicht Russland als Partner ausgewählt, sondern China den Zuschlag gegeben. Damit zeigt sich, dass die energiepolitischen Partnerschaften in Zentralasien nicht einheitlich verlaufen. Vor diesem Hintergrund gewinnen Diversifizierungsstrategien in der Energiepolitik der Region insgesamt an Gewicht. Insbesondere im Bereich der erneuerbaren Energien und der Energiewende könnte die Bundesrepublik eine wichtige Rolle spielen, indem sie die Staaten Zentralasiens bei der Entwicklung einer nachhaltigen und klimafreundlichen Energieversorgung unterstützt und zugleich ein Gegengewicht zur Abhängigkeit von fossilen russischen Energiequellen schafft.

Darüber hinaus wird der Klimawandel zunehmend zu einer sicherheits- und wirtschaftspolitischen Herausforderung für Zentralasien. Die Region leidet unter Wasserknappheit, steigenden Temperaturen und dem Rückgang von Gletschern. Konflikte um die Nutzung der Flüsse Syrdarja und Amudarja könnten sich in Zukunft weiter verschärfen. Besonders für die Landwirtschaft und die Energieversorgung der Region ist die Wasserfrage von zentraler Bedeutung. Deutschland und die EU könnten daher ihre Zusammenarbeit mit Zentralasien auch im Bereich der Wasser- und Klimapolitik deutlich ausbauen.

Die junge Bevölkerung in Zentralasien bietet großes Potenzial für Deutschland im Bereich der Facharbeitskräfte.
 

Fachkräfte als „Game Changer“

Die demografische Entwicklung stellt für die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland eine große Herausforderung dar. Im Jahr 2023 blieben rund 530.000 Stellen unbesetzt. In Zentralasien hingegen gibt es eine junge und wachsende Bevölkerung. Nicht alle jungen Menschen können in den heimischen zentralasiatischen Arbeitsmarkt integriert werden, sodass es einen großen Pool von potenziellen Facharbeitskräften für Deutschland gibt. Die Frage der Anwerbung qualifizierter Facharbeitskräfte aus Zentralasien entwickelt sich zu einem zentralen Bereich der bilateralen Zusammenarbeit mit Deutschland. Am 5. März 2025 ist das Migrationsabkommen zwischen Deutschland und Usbekistan in Kraft getreten, das die Arbeitsmigration erleichtern soll. Im Vergleich zu 2023 stieg bereits im Jahr 2024 die Zahl erteilter Erwerbstätigkeitsvisa um 72 Prozent.6 Gleichzeitig darf auch die politische Komponente nicht übersehen werden, da die Abhängigkeit von Russland als wichtigstem Zielland zentralasiatischer Arbeitskräfte reduziert wird.

Wie politisch sensibel die Arbeitsmigration jedoch ist, zeigt das Beispiel Tadschikistan: Die tadschikische Wirtschaft hängt in erheblichem Maße von Rücküberweisungen tadschikischer Arbeitsmigranten in Russland ab, die einen bedeutenden Anteil des Bruttoinlandsprodukts ausmachen. Ein Ausbleiben dieser Geldströme würde die wirtschaftliche und soziale Stabilität dieses Staates erheblich gefährden. Russland erhält dadurch de facto einen wirkmächtigen Hebel, um Einfluss auf die tadschikische Regierung zu nehmen. Deutschland würde folglich mit den Migrationsabkommen nicht nur die eigene Wirtschaft mit dringend benötigten Fachkräften unterstützen, sondern gleichzeitig unter geopolitischen Gesichtspunkten zur Reduzierung der Abhängigkeit Tadschikistans von Russland beitragen. Dies setzt jedoch einen deutlichen Ausbau von Sprach- und Qualifizierungsangeboten voraus.

 

Förderung der deutschen Sprache stärkt den Einfluss in Zentralasien

Die dominierende Fremdsprache in Zentralasien ist nach wie vor Russisch. Zwar haben einige Länder der Region, etwa Kasachstan und Usbekistan, in den letzten Jahren durch vielfältige Initiativen die Förderung ihrer Landessprachen vorangetrieben, dennoch bleibt Russisch prägend in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik. Hauptursache dafür ist die starke Prägung des Schul- und Universitätssystems. Hinzu kommen zahlreiche Ableger russischer Universitäten in Zentralasien sowie weitreichende Bildungspartnerschaften mit Russland.

Deutschland und die EU haben dieses Element von soft power lange unterschätzt und das erhebliche Potenzial übersehen: Allein in Usbekistan lernen rund 400.000 Schülerinnen und Schüler Deutsch. Um das Fachkräfteabkommen langfristig erfolgreich umzusetzen, ist ein Ausbau des Deutschunterrichts in der Region entscheidend. Mit der Gründung einer Außenstelle des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) im Jahr 2025 in Bischkek wurden bereits wichtige Weichen gestellt. Dennoch reichen die wenigen planmäßigen DAAD-Lektorenstellen in Zentralasien und das in Taschkent ansässige Goethe-Institut nicht aus, um den wachsenden Bedarf an Deutschunterricht zu decken und ein Gegengewicht zur dominanten russischen Sprache zu schaffen. Der Bundesregierung muss daher klar werden, dass zusätzliche Investitionen in die Sprachausbildung, die Bildungskooperationen sowie kulturelle Projekte unerlässlich sind, um den deutschen Einfluss in der Region nachhaltig zu stärken.

Darüber hinaus sollte ergebnisoffen geprüft werden, ob nicht die Gründung eines Ablegers einer deutschen Universität vor Ort sinnvoll ist. Als Vorbild können dabei bereits erfolgreiche englischsprachige Hochschulgründungen wie die Westminster International University Tashkent und die Webster University Tashkent dienen.

 

Sicherheitspolitische Interessen

Wie wichtig die Region als geostrategischer Knotenpunkt zwischen Russland, China, Afghanistan und dem Iran konkret ist, zeigte sich bereits zwischen 2002 und 2015: In dieser Zeit betrieb die Bundeswehr im usbekischen Termez einen Lufttransportstützpunkt, der den Nachschub für die Internationale Sicherheitsunterstützungstruppe (ISAF) in Afghanistan sicherstellte. Mit der Machtübernahme der Taliban im August 2021 wurde Termez kurzfristig als Evakuierungsstützpunkt genutzt, wodurch die strategische Bedeutung der Region erneut unterstrichen wurde.

Die Herrschaft der Taliban stellt Deutschland vor erhebliche diplomatische Herausforderungen, da direkte Kontakte auf offizieller Ebene politisch nicht erwünscht sind. Zentralasiatische Staaten hingegen verfolgen einen pragmatischen Kurs gegenüber Kabul und fungieren als wichtige Vermittler. Deutschland teilt mit diesen Staaten das Interesse, Instabilität in Afghanistan sowie regionale Konflikte einzudämmen und irreguläre Migrationsbewegungen nach Europa zu begrenzen.

Besonders relevant sind die diplomatischen Kanäle, über die Abschiebungen afghanischer Straftäter über sogenannte Drittländer abgewickelt werden. Usbekistan hat in diesem Zusammenhang bereits wiederholt Unterstützung signalisiert. Eine interessengeleitete Außenpolitik bietet sich an: Die Nutzung dieser Kanäle sowie die Unterstützung bei Abschiebungen von Straftätern sollten mit verstärkter entwicklungspolitischer Hilfe, beispielsweise durch die GIZ, honoriert werden.

Darüber hinaus verfolgt Deutschland das Ziel, Radikalisierung und religiösen Extremismus einzudämmen. Der Anschlag auf die Crocus City Hall im russischen Krasnogorsk am 22. März 2024 durch aus Tadschikistan stammende Islamisten verdeutlicht die anhaltende Bedrohung. Deutschland engagiert sich bereits in Projekten zur Extremismusprävention, die insbesondere vulnerable Gruppen unterstützen. Langfristig sollte dieser Ansatz durch einen verstärkten Austausch deutscher und zentralasiatischer Sicherheitsbehörden ergänzt werden.

Zentralasien dient weiter als zentrale Transitzone für den Drogenschmuggel aus Afghanistan.

Die geografischen Gegebenheiten der Region erschweren die Sicherheitslage zusätzlich. Während die Grenze zwischen Afghanistan und Usbekistan mit 140 Kilometern vergleichsweise kurz und stark überwacht ist, teilt Tadschikistan eine 1.340 Kilometer lange und schwer zu überwachende Grenze mit Afghanistan, die immer wieder Schauplatz von Zwischenfällen wird. Ende Dezember 2025 starben drei Terroristen und zwei tadschikische Grenzschützer bei einem Gefecht.7 Deutschland und die EU können Tadschikistan durch moderne Technologien, gezielte Schulungen und logistische Unterstützung dabei helfen, die Grenzsicherung zu verbessern.

Zentralasien ist zudem eine Schlüsselregion im Kampf gegen den Drogenschmuggel. 2022 stammten rund 80 Prozent des weltweit illegal produzierten Opiums aus Afghanistan. Zwar hat das Verbot der Taliban die Produktion reduziert, doch der Handel kam nicht zum Erliegen, sodass Zentralasien weiterhin als zentrale Transitzone fungiert.8 Eine enge Zusammenarbeit ist daher unerlässlich, um sowohl die regionale Stabilität als auch die innere Sicherheit Deutschlands zu gewährleisten.

 

Zentralasien zwischen Russland und China

Die Staaten Zentralasiens werden gemeinhin dem Einflussbereich Russlands zugerechnet – eine Einschätzung, die angesichts des fortwirkenden sowjetischen Erbes in engen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen nachvollziehbar ist. Russland unterhält Militärbasen in Kirgisistan sowie in Tadschikistan und hat die militärische Kooperation mit Usbekistan bis 2030 verlängert.9 Kasachstan und Kirgisistan gehören zudem der Eurasischen Wirtschaftsunion an.

Gleichzeitig zeichnet sich ein Wandel ab, den der Angriffskrieg gegen die Ukraine seit 2022 noch einmal verstärkt hat: Die zentralasiatischen Staaten pflegen zwar weiterhin gute Beziehungen zu Russland, setzen aber verstärkt auf eine multivektorale Außenpolitik, um sich von einseitigen Abhängigkeiten zu lösen.

Besonders China baut seinen Einfluss in der Region kontinuierlich aus, wodurch sich die geopolitische Dynamik zunehmend verschiebt. Zentralasien ist für China eine geopolitisch bedeutende Region aufgrund seiner Ressourcen sowie seiner Rolle als Transitkorridor zwischen Asien, dem Nahen Osten und Europa.10 Mit der Belt-and-Road-Initiative, die 2013 verkündet wurde, investiert China in groß angelegte Infrastrukturprojekte und vergibt umfangreiche Kredite. Bekanntestes Beispiel ist die China-Kirgisistan-Usbekistan-Eisenbahn. Mit dem China-Central Asia Summit, der erstmals 2023 stattfand, wurde zudem eine Plattform zur Intensivierung der Zusammenarbeit etabliert. Während China in der Vergangenheit darum bemüht war, Russland einzubeziehen, beispielsweise im Rahmen der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO), geht China mit dem China-Central Asia Summit eigene Wege.11 Russland, das durch den Krieg gegen die Ukraine politisch, wirtschaftlich und diplomatisch belastet ist, sieht sich in Zentralasien mit wachsendem Konkurrenzdruck durch andere externe Akteure konfrontiert.

Die Türkei stärkt ihren Einfluss durch kulturelle, sprachliche und wirtschaftliche Beziehungen zu zentralasiatischen Staaten.

Türkei als weiterer Akteur

Die Türkei baut ihren Einfluss in Zentralasien ebenfalls aus. Über die Organisation der Turkstaaten, die 2009 gegründet wurde, intensiviert Ankara seine kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Beziehungen zu den turksprachigen Staaten der Region. Dabei spielen insbesondere Bildungsprogramme, Medienkooperationen sowie Infrastruktur- und Wirtschaftsprojekte eine wichtige Rolle. Diese wirtschaftlichen Projekte dienen zugleich der Vertiefung der bilateralen Verflechtungen und der langfristigen Positionierung türkischer Unternehmen in der Region. Die Türkei nutzt gemeinsame sprachliche, kulturelle und historische Verbindungen gezielt als Grundlage ihrer soft power und Regionalpolitik. Der türkische Einfluss stellt dabei keine hegemoniale Dominanz dar, sondern ist Teil eines multipolaren Wettbewerbs mit Russland, China und weiteren externen Akteuren. Zentralasien entwickelt sich damit zunehmend zu einem Raum konkurrierender Mittel- und Großmachtinteressen.

 

Ausblick für die deutsche Außenpolitik

Um gegenüber China, Russland und der Türkei bestehen zu können, darf Deutschland nicht in Passivität verharren, sondern muss den zentralasiatischen Staaten eine verlässliche und langfristige Partnerschaft anbieten. Dabei wird entscheidend sein, dass deutsche Initiativen nicht allein strategisch formuliert, sondern zudem schneller, sichtbarer und operativer umgesetzt werden, um gegenüber anderen Akteuren, insbesondere gegenüber China, konkurrenzfähig zu bleiben. Wirtschaftliche Kooperation und Fachkräfteabkommen sind auszubauen, die Potenziale von Energiepartnerschaften sind zu nutzen und auch in der Terrorismusprävention bietet sich eine Vielzahl von Anknüpfungspunkten.

Des Weiteren sollte die Bedeutung der deutschen Sprache in der Region gestärkt werden, um durch diese Form der soft power langfristig Einfluss und gesellschaftliche Bindungen aufzubauen. Gleichzeitig sollte die bislang stark normativ geprägte deutsche Entwicklungspolitik in Zentralasien kritischer überprüft und stärker an strategischen Interessen, regionalen Realitäten und langfristiger Wirksamkeit ausgerichtet werden. Dies schließt aber nicht aus, dass Deutschland Menschenrechtsverletzungen, Einschränkung von Pressefreiheit sowie Korruption in Gesprächen thematisiert. Allerdings sind die eigenen Interessen in Zentralasien klar zu definieren und transparent zu kommunizieren.

Gleichzeitig gilt es, realistisch zu bleiben: Der Einfluss Russlands und Chinas lässt sich allein aus geografischen Gründen nicht verhindern. Entscheidend ist vielmehr, eine verlässliche, attraktive Alternative zu schaffen, um den Einfluss des Westens in der Region zu stärken. Vor diesem Hintergrund erscheint eine Aktualisierung der Zentralasienstrategie der EU dringend geboten. Auch die Bundesregierung sollte prüfen, ob sie eine eigene Zentralasienstrategie entwickelt, um ihre wirtschaftlichen, sicherheitspolitischen und geopolitischen Interessen klar zu kommunizieren. Die strategische Bedeutung der Region für Deutschland und die EU dürfte in den kommenden Jahren weiter zunehmen.

 

 

André Algermißen ist Leiter des Regionalprogramms Zentralasien der Konrad-Adenauer-Stiftung mit Sitz in Taschkent.

 

 
  1. Kullik, Jakob et al. 2026: Das Ende der Rohstoffpartnerschafts-Illusion?, Konrad-Adenauer-Stiftung, 27.03.2026, S. 50, in: https://ogy.de/l4ts [16.05.2026].↩︎
  2. Strohbach, Jens Uwe 2025: Usbekistan in Zahlen 2025, Germany Trade and Invest, Deutsche Wirtschafts­vertretung in Zentralasien, 29.09.2025, S. 7, in: https://ogy.de/l7v1 [10.05.2026].↩︎
  3. Skyner, Louis 2024: Wider dem geopolitischen Sturm. Usbekistans grüner Wandel zwischen Energiereform, Erdgasabhängigkeit und regionaler Kooperation, Zentralasien-Analysen Nr. 165, 30.09.2024, S. 2–7, hier: S. 5, in: https://ogy.de/mejk [10.05.2026].↩︎
  4. Ansari, Dawud et al. 2024: Die Golfstaaten, China und Zentralasiens grüner Energiesektor, SWP-Aktuell 63, 04.12.2024, S. 2, in: https://ogy.de/okey [10.05.2026].↩︎
  5. Skyner 2024, N. 3, S. 2.↩︎
  6. Deutscher Bundestag 2025: Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Clara Bünger, Anne-Mieke Bremer, Mandy Eißing, weiterer Abgeordneter und der Fraktion Die Linke, Drucksache 21/2374, 22.10.2025, S. 3, in: https://ogy.de/fulq [10.05.2026]. ↩︎
  7. RedaktionsNetzwerk Deutschland 2025: Fünf Tote bei Gefechten an der tadschikisch-afghanischen Grenze, 25.12.2025, in: https://ogy.de/rb95 [10.05.2026].↩︎
  8. Parlament Österreich / Parlamentsdirektion 2025: Dossier EU & Internationales zum Thema Zentralasien, 23.05.2025, S. 46, in: https://ogy.de/qtin [10.05.2026].↩︎
  9. Ebd., S. 34.↩︎
  10. Ebd., S. 36.↩︎
  11. Ricker, Rebecca 2026: Machtkampf in Zentralasien, Deutschlandfunk, 26.03.2026, in: https://ogy.de/fg4m [10.05.2026]. ↩︎

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