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Die Herausforderungen der Polarisierung für die konservative Seite der südkoreanischen Politik

Ein K-Drama in Endlos-Schleife

Südkorea gilt als stabile Demokratie – doch gesellschaftliche Polarisierung, wirtschaftlicher Druck und parteipolitische Machtkämpfe verschärfen die Spannungen im Land. Insbesondere das konservative Lager steckt in einer schweren Identitäts- und Führungskrise. Welche Unterschiede bestehen zwischen dem südkoreanischen und dem deutschen Parteiensystem – und was können wir daraus lernen?

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Auf einen Blick
  • Die gesellschaftliche Polarisierung Südkoreas prägt Politik und Alltag tiefgreifend. Historische Erfahrungen, konfuzianische Traditionen und aktuelle Konflikte wie das kurzzeitige Kriegsrecht 2024 verschärfen Spannungen zwischen dem progressiven und dem konservativen Lager. Wirtschaftliche Unsicherheiten, steigende Lebenshaltungskosten sowie eine ausgeprägte Abhängigkeit von internationalen Märkten verstärken den gesellschaftlichen Druck.
  • Demografischer Wandel, extreme Bildungsanforderungen und Wohnungsknappheit belasten besonders junge Generationen. Gleichzeitig verändern Rollenbilder und strukturelle Benachteiligungen von Frauen gesellschaftliche Dynamiken, während Wehrpflicht und Arbeitsmarktkonkurrenz bei manchen jungen Männern zu neuem Antifeminismus führen.
  • Die konservative People Power Party ist innerlich tief zerstritten. Der Konflikt um die Aufarbeitung des Kriegsrechts paralysiert die Partei, schwächt ihre Oppositionsfähigkeit und befeuert einen Richtungskampf zwischen moderaten Kräften und radikaleren Anhängern des ehemaligen Präsidenten Yoon Suk-yeol.
  • Trotz dieser Spannungen bleiben die demokratischen Institutionen stabil. Gerichte, Medien und Bevölkerung verteidigen demokratische Grundsätze. Außerdem gefährdet die politische Polarisierung die grundlegende Stabilität des Landes nicht.
 

Über Jahrhunderte konnte Korea als ein Königreich verstanden werden, das sich abriegelte, um politische Stabilität zu wahren und sich gegen äußere Bedrohungen zu schützen. Vor der Außenwelt schottete sich das Land aus Furcht vor einer japanischen Invasion ab. Das kann Folgen haben. Manchmal haben Traditionen eine besondere Langlebigkeit. Wenigstens in Spuren kann man diese bei näherem Hinsehen nach wie vor erkennen. Ob sich hier die Wurzeln der im Quervergleich ausgeprägten Polarisierung der koreanischen Gesellschaft und ihres Parteiensystems finden lassen, sei dahingestellt – denkbar ist es jedoch. Eine gewisse Rolle dürfte dabei auch das Erbe des koreanischen Konfuzianismus spielen, an dessen Regeln sich noch immer viele gebunden fühlen und sich – bewusst oder unbewusst – orientieren.

Die jüngeren Ereignisse in Südkorea, ausgelöst durch das überraschende Ausrufen des Kriegsrechts durch den damaligen Präsidenten Yoon Suk-yeol im Dezember 2024, haben der bereits zuvor gegenwärtigen und greifbaren Polarisierung einen weiteren Schub verliehen. Insbesondere Themen, die den Wohlstand und das wirtschaftliche Wachstum des Landes beeinflussen, bergen zudem Potenzial für weitere gesellschaftliche Spannungen:

Außenwirtschaftliche Abhängigkeit und Protektionismus: Trotz der vorläufigen Einigung im Zollstreit – erkauft durch Investitionszusagen in Höhe von 350 Milliarden US-Dollar über mehrere Jahre – bleiben die protektionistischen Ambitionen der USA (etwa Zölle in Höhe von 25 Prozent auf PKW und 50 Prozent auf Stahl) eine reale Gefahr. Die Unberechenbarkeit der US-Regierung lässt zudem weitere Forderungen, etwa im Bereich des burden sharing bei den Sicherheitsgarantien, jederzeit möglich erscheinen.

Sicherheitspolitische Eskalation durch Nordkorea: Die Entsendung nordkoreanischer Truppen in die Ukraine im April 2024 löste in Südkorea tiefe Besorgnis aus: Es wird befürchtet, dass Nordkorea die in der Ukraine gewonnenen Erkenntnisse in der modernen Kriegsführung gegen den „feindlichen Staat“ südlich des 38. Breitengrads einsetzen und moderne Militärtechnologie erhalten könnte.

Wirtschaftliche Stagnation und Wohnungskrise: Als wesentlich kann auch der steigende Druck infolge einer wirtschaftlichen Abschwächung gelten. Seit 2015 verlor der Won rund 26 Prozent an Wert. Von besonderer Bedeutung sind die Entwicklungen auf den Immobilienmärkten – präziser: auf den Immobilienmärkten der Großstädte. In überragendem Maße gilt diese Feststellung für den Markt des Großraums Seoul (Metropolitan Area), genannt Sudogwon – eine der bevölkerungsreichsten und am dichtesten besiedelten Metropolregionen der Welt. Allein von Januar 2023 bis April 2025 stiegen die Wohnungspreise um 16,1 Prozent.1 Die Tendenz ist dabei zunehmend. Kein anderer Ballungsraum in den größeren Industriestaaten (abgesehen von Stadtstaaten) vereinigt einen so hohen Anteil der Gesamtbevölkerung des jeweiligen Staates auf sich (50,7 Prozent2).

Demografische Krise: Mit zunehmender Dynamik wird überdies die demografische Entwicklung in Südkorea sowohl die Politik als auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt prägen. Das Land wies im Jahr 2025 mit 0,75 Kindern je Frau die weltweit niedrigste Geburtenrate auf.3 Zu den Ursachen zählen etwa der enorme Leistungsdruck und der hohe Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt, prohibitive Kosten für Bildung und Wohnraum sowie starre Rollenbilder in der Kinderbetreuung.

 

Wesentliche Dysbalancen

Die Polarisierung der Gesellschaft in Südkorea ist geprägt durch eine Mischung aus historischen, politischen und sozialen Faktoren. Sie resultiert aus der Kombination der autoritären Herrschaftsperiode (bis 1987), der schnellen Demokratisierung, einer beeindruckenden Wirtschafts- und Technologieentwicklung in den vergangenen Dekaden sowie stark divergierender Einstellungen zum Umgang mit Nordkorea. Diese Spaltung wird durch unterschiedliche Lebenskonzepte der Generationen, widerstreitende politische Ideologien und ein verändertes Mediennutzungsverhalten verstärkt – letzteres in einem exzessiven Ausmaß bei den Jüngeren. Ältere Menschen neigen zu konservativeren Ansichten und legen Wert auf einen stabilen sozialen Status, während jüngere Generationen wirtschaftliche Unsicherheiten und Zukunftsängste stärker spüren, sich hohen Anforderungen ausgesetzt sehen und kritischer eingestellt sind.

Politisch zeigt sich die Polarisierung darin, dass sich gesellschaftliche Gruppen ideologisch stark auseinanderdividieren – meist entlang der Frontlinien zwischen dem rechtskonservativen und dem linksliberalen Block, derzeit repräsentiert durch die People Power Party (PPP) einerseits und die Demokratische Partei (Minju) andererseits. Eine wesentliche Rolle spielen verschiedene Ansätze und einander diametral entgegenstehende Sichtweisen bezüglich des Verhältnisses zu Nordkorea. Auf der einen Seite finden sich die, die Nordkorea primär als militärische Bedrohung begreifen, welche in Partnerschaft mit den USA abzuschrecken ist. Ziel ist dabei die vollständige Denuklearisierung des Nordens. Eine Wiedervereinigung wird teilweise mit einer „Übernahme“ gleichgesetzt. Demgegenüber steht auf der anderen Seite der Wunsch, durch Annäherung, wirtschaftliche Kooperation und humanitäre Hilfe Spannungen abzubauen, Sicherheitsbedürfnisse des Nordens anzuerkennen und eine friedliche Koexistenz herzustellen.

Die politische Landschaft ist von einem intensiven Konflikt geprägt, wobei sich die Parteien weniger um gesellschaftlichen Dialog bemühen, sondern vor allem die Mobilisierung ihrer jeweiligen Basis im Blick haben. Diese Konstellation führt zu einer stark ideologisierten Wahlentscheidung mit wenig Raum für Einvernehmen, Ausgleich oder Verständnis zwischen den Lagern.

Medien spielen eine entscheidende Rolle: Da ältere Generationen naturgemäß auf traditionellere Informationsquellen zurückgreifen, während jüngere vor allem soziale Medien nutzen, werden Filterblasen und gesellschaftliche Fragmentierung verstärkt. Weitere belastende Faktoren sind wirtschaftliche Ängste, steigende Lebenshaltungskosten sowie Generationenkonflikte, die die Gesellschaft zusätzlich spalten. Die Stimmung wird durch populistische Politiker und radikale Stimmen in der Gesellschaft weiter angeheizt. Zusammen kulminieren diese Faktoren in einer gesellschaftlichen Polarisierung, die Südkorea gegenwärtig so tief gespalten erscheinen lässt wie nie zuvor.4

Im internationalen Vergleich wies Südkorea 2021 die zweithöchste Selbstmordrate auf.
 

Megathema Bildung

Es scheint, als habe in diesem Land kaum etwas eine so herausragende Bedeutung wie die Bildung. Schüler sind höchstem Leistungsdruck ausgesetzt und für Nachhilfeunterricht werden Unsummen ausgegeben. Einzig das Ergebnis der Hochschulaufnahmeprüfung (Suneung) ist entscheidend für den Zugang zu einer Universität. Ziel sind die prestigeträchtigen SKY-Universitäten (Seoul National University, Korea University und Yonsei University), aus deren Absolventen sich die Eliten in Politik und Großkonzernen (Chaebols) und sonstigen Spitzenpositionen rekrutieren. Wenn also die neunstündige Hochschulaufnahmeprüfung im November jedes Jahres ansteht, nimmt die Öffentlichkeit Rücksicht. Geschäfte, Börsen und Banken öffnen nicht oder später, Flughäfen werden geschlossen, Bauarbeiten eingestellt. Der PISA-Test 2022 zeigt ein klares Ergebnis dieser Mühen: Hinter Singapur und Japan belegt Südkorea den dritten Platz.5

Der die Gesellschaft durchdringende Leistungsdruck hat Folgen. Konkurrenz muss man auf Abstand halten, um eigenen Ansprüchen und den Erwartungen anderer zu entsprechen. Im internationalen Vergleich wies Südkorea 2021 zudem die zweithöchste Selbstmordrate auf.6

 

Frauen trotzen der Tradition

Konfliktpotenzial birgt auch ein weiteres zentrales Thema: die an die Frauen gestellten traditionellen Erwartungen beziehungsweise deren Ablehnung. Die Rolle der Frauen in Südkorea hat sich im Laufe der Zeit erheblich gewandelt. Traditionell waren Frauen vor allem auf ihre Rolle in der Familie beschränkt. Als Tochter, Ehefrau oder Mutter waren sie rechtlich und sozial grundsätzlich von männlichen Familienmitgliedern abhängig und auf den privaten Raum (Haushalt, Pflege, Erziehung) beschränkt. Ein eigenständiges Leben außerhalb dieses Kollektivs war kaum vorgesehen. Der rasante wirtschaftliche Aufstieg Südkoreas ab den 1980er-Jahren ermöglichte Frauen den Zugang zu akademischer Bildung auf Augenhöhe mit Männern. Die höhere Bildung erlaubte den Zugang zu qualifizierten Berufen sowie verbesserte Lebensaussichten und berufliche Karriereaussichten. Dennoch blieben strukturelle Benachteiligungen am Arbeitsplatz bestehen, da Frauen trotz gleicher Qualifikation häufig diskriminiert werden und Karrierebeschränkungen unterliegen. Dieser Umstand wird dadurch unterstrichen, dass Südkorea weltweit den größten Gender Pay Gap aufweist; 2023 belief er sich auf 29,3 Prozent.7 Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass sich auch vergleichsweise wenige Frauen in Spitzenfunktionen wiederfinden. Ihr Anteil bei den 100 größten koreanischen Unternehmen beträgt lediglich 6,5 Prozent.8 Unabhängig davon sind Frauen auch weiterhin mit den althergebrachten traditionellen Erwartungen in Gesellschaft und Familien konfrontiert, die sie maßgeblich in der Rolle der Hausfrau und Mutter sehen. Einer Vereinbarkeit von Beruf und Familie steht diese Haltung klar entgegen. Ausdruck dessen ist ein durchschnittliches Heiratsalter, das in Südkorea kontinuierlich steigt.

 
Abb. 1: Durchschnittliches Heiratsalter in Südkorea
 
Jahr
Alter
1994 2004 2014 2024
Männer 28,2 30,6 32,4 33,9
Frauen 25,1 27,6 29,8 31,6
Quelle: eigene Darstellung nach Textor, C. 2025: Median age at first marriage in South Korea from 1990 to 2024, by gender, Statista, 29.11.2025, in: https://ogy.de/nex3 [05.01.2026].
 

Auch das Alter der Frauen bei der Geburt des ersten Kindes ist infolgedessen signifikant gestiegen: von 26,23 Jahren im Jahr 1993 auf 33,08 Jahre im Jahr 2024.9 Diese Entwicklung resultiert aus längeren Ausbildungszeiten, beruflichen Ambitionen und dem Wunsch vieler Frauen, sich nicht ausschließlich auf die Familie, sondern auch auf eine Erwerbsbeteiligung zu konzentrieren und ihre Selbstverwirklichung nicht vollständig aus dem Blick zu verlieren.

Junge Männer wählen tendenziell konservativer.

Wie in Deutschland bringt in Südkorea ebenfalls eine niedrige Kinderzahl gesellschaftliche Herausforderungen mit sich, wie die Alterung der Bevölkerung und einen zunehmenden Mangel an Nachwuchskräften auf dem Arbeitsmarkt. Viel Unmut ergibt sich darüber hinaus aus dem Umstand, dass sich zahlreiche junge Männer aufgrund des in Südkorea obligatorischen Wehrdienstes gegenüber Frauen benachteiligt fühlen. Der Dienst dauert derzeit 18 bis 21 Monate, betrifft Männer ab 18 Jahren und verzögert ihre Ausbildung, ihren Eintritt in das Erwerbsleben und somit ihre Karrierechancen. Sie argumentieren, dass Frauen in dieser Zeit ungestört studieren oder arbeiten können, während sie selbst einen harten Dienst leisten müssen. Diese Konstellation führt zu Frustration auf dem wettbewerbsintensiven Arbeitsmarkt mit wenigen guten Jobs. Besonders im Kontext von Frauenquoten oder Gleichstellungsmaßnahmen sehen diese jungen Männer eine „umgekehrte Diskriminierung“. Diese Stimmung hat zu einem Antifeminismus-Trend geführt, der junge Männer tendenziell konservativer wählen lässt. Sie kritisieren Frauenförderung als unfair und lasten ihr teilweise die niedrigen Geburtenraten an.

 

Parteienlandschaft

Die (partei)politische Zerrüttung ist ein lähmendes und bestimmendes Element der koreanischen Politik. Die sogenannte Nam-Nam-Spaltung ist der hierfür gebräuchliche Begriff („Süd-Süd-Spaltung“ in Anlehnung an die „Nord-Süd-Spaltung“ der gesamten koreanischen Halbinsel nach Ende der japanischen Kolonialherrschaft im Jahr 1945).10 Der Begriff beschreibt die unversöhnliche Trennung der politischen Lager in Südkorea, durch die die politische Handlungsfähigkeit des Landes stark eingeschränkt wird. Dieser Aspekt war in besonderem Maße zu sehen, als im Nachgang zu den Parlamentswahlen im Jahr 2024 die Blockadehaltung der Opposition die Durchsetzung innenpolitischer Ziele des damaligen und später seines Amtes enthobenen Präsidenten Yoon Suk-yeol verhinderte. Die offensichtliche Unversöhnlichkeit kommt nicht von ungefähr. Sie hat ihre Wurzeln in den Auswirkungen des Korea-Krieges, die einen rigiden, militanten Antikommunismus förderten und eine ausgeprägte Freund-Feind-Differenzierung hervorbrachten.11 Insoweit konnte sich angesichts einer ausgeprägten Entweder-oder-Haltung kein breites und inhaltlich ausdifferenziertes parteipolitisches Spektrum herausbilden. Es gibt zwar viele Parteien, diese sind aber in der Regel klar einem der beiden Lager zuzuordnen. Bei den kleinen Parteien handelt es sich indes meist um „One-Hit-Wonder“, während die größeren Parteien (oder treffender: politischen Strömungen) bei nahezu jeder Wahl unter verändertem Namen auftreten.

 
Abb. 2: Mandatsverteilung der Parteien in der Nationalversammlung Südkoreas
 
Mandate nach der Wahl 22. Assembly
seit 2024
21. Assembly
2020–2024
20. Assembly
2016–2020
19. Assembly
2012–2016
People Power Party 90      
People Future Party 18      
Democratic Alliance 14      
Rebuilding Korea Party 12      
New Reform Party 3      
New Future Party 1      
Progressive Party 1      
Minjoo Party of Korea   163    
United Future Party   84    
Future Korea Party   19    
Citizen Party   17    
Parti Minjoo ouvert   3    
Democratic Party of Korea 161   123  
People's Party   3 38  
Justice Party   6 6  
Saenuri Party     122 152
Democratic United Party       127
Unified Progressive Party       13
Liberty Forward Party       5
Independents   5 11 3
Sitze gesamt 300 300 300 300
 
Progressiv 187 180 123 127
Konservativ 111 103 122 157
Progressiv + Konservativ 298 283 245 284
Anteil an den Gesamtmandaten 99 % 94 % 82 % 95 %
Quelle: eigene Darstellung nach IPU Parline: Republic of Korea. National Assembly, in: https://ogy.de/gbar [04.02.2026].
 

Wichtig für die Schlagkraft einer Partei in der Nationalversammlung ist die Möglichkeit, eine sogenannte Verhandlungsgruppe (Fraktion) zu bilden. Diese besteht aus mindestens 20 Mandatsträgern. Kleinere Parteien, die weniger als diese Anzahl von Abgeordneten auf sich vereinen, können sich auch zusammenschließen, um dieses Mindestquorum zu erreichen. Eine Verhandlungsgruppe zu stellen beziehungsweise Teil einer solchen zu sein, ist wesentlich, da hiermit diverse Rechte und Vorteile verbunden sind, die einzelnen oder wenigen Mandatsträgern vorenthalten werden. Dies betrifft zum einen eine bessere finanzielle Ausstattung und parlamentarische Rederechte, aber zum anderen auch die Mitwirkung an Entscheidungsprozessen und bei Geschäftsordnungsfragen. Ohne die erforderliche kritische Größe in der Nationalversammlung liegen die politischen Einflussmöglichkeiten und die politische Relevanz bei annähernd null. Vor diesem Hintergrund erklärt sich die Notwendigkeit der Zugehörigkeit zu einer der beiden dominanten Strömungen in der Nationalversammlung.

Formal ein Mehrparteiensystem, funktioniert die Nationalversammlung wegen der Dominanz zweier Lager de facto als Zweiparteiensystem.

Unabhängig davon, ob den Kleinstparteien in den zurückliegenden Legislaturperioden die Bildung von „Verhandlungsgruppen“ gelungen ist oder nicht, kam diesen angesichts der dominanten Stellung der progressiven (Minju beziehungsweise DPK) und der konservativen Partei (heute PPP) in der Vergangenheit kaum eine Bedeutung zu. Formal setzt sich die Nationalversammlung aus Parlamentariern mehrerer Parteien zusammen und folgt damit den Prinzipien eines Mehrparteiensystems. Die deutliche Vormachtstellung der beiden politischen Lager begründet aber ein auf nur zwei Parteien beruhendes System und wird damit de facto als ein Zweiparteiensystem verstanden. Angesichts der Tatsache, dass beide Strömungen über die vergangenen Legislaturperioden (siehe obige Tabelle) bis zu 99 Prozent der Mandate (2024) auf sich vereinigten (2020: 94 Prozent, 2016: 82 Prozent, 2012: 95 Prozent), lässt sich dieses Verständnis nachvollziehen.

Es gibt auf der konservativen, rechtsorientierten Seite im Prinzip keine Parteien im Wettstreit miteinander. Die aber selbstverständlich vorhandenen Meinungsverschiedenheiten werden zwischen den Parteiflügeln unter dem Dach der PPP selbst ausgefochten. Was sich im Großen zwischen den politischen Blöcken auf der linken und der rechten Seite im Lande unerbittlich und konfrontativ gegenübersteht12, spiegelt sich im konservativen Lager in ähnlicher Weise wider. Das Spektrum reicht von den liberaleren, zukunftsgewandteren und versöhnlicheren Positionen auf der gemäßigten Seite bis hin zu den sogenannten Asphaltrechten. Der Begriff beschreibt eine regressive, hardline-konservative Wählergruppe, die dem ehemaligen Präsidenten Yoon Suk-yeol innerhalb der PPP die Treue hält – oft im Kontext von Protesten auf der Straße. Allein aus Furcht vor der Marginalisierung, also dem Verlust aktueller politischer Einflussmöglichkeiten im Parlament, aber auch nach zukünftigen Wahlen wissen sich beide Seiten aufeinander angewiesen. Derzeit gehören der PPP nach dem Austritt eines Parlamentariers 107 Abgeordnete an. Spalteten sich beispielsweise die Yoon Suk-yeol noch anhängenden Abgeordneten ab, könnte der verbleibende größere Block möglicherweise unter die nicht nur psychologisch bedeutsame Marke von 100 Abgeordneten (ein Drittel der insgesamt 300 Parlamentsmitglieder) fallen und damit die strategisch beachtenswerte qualifizierte Minderheit bei verfassungsrelevanter Gesetzgebung verlieren.

Die Partei ist in ihrer Zerrissenheit gelähmt. Im Zentrum der innerparteilichen Auseinandersetzung steht der Umgang mit den Geschehnissen der jüngeren Vergangenheit, also den Grabenkriegen insbesondere infolge der Aufarbeitung des kurzzeitig am 3. Dezember 2024 bestehenden Kriegsrechts. Finden sich auf der einen Seite diejenigen, die nach wie vor dem ehemaligen, des Amtes enthobenen Präsidenten Yoon Suk-yeol anhängen, die Ausrufung des Kriegsrechts verteidigen, gegen das Amtsenthebungsverfahren opponierten und eine Entschuldigung selbstverständlich ablehnen, gibt es auf der anderen Seite auch die, die das Gegenteil vertreten, mit Yoon gebrochen haben und sich überdies zu einer Entschuldigung durchringen konnten. Mehrheitlich wird in der Partei die Ausrufung des Kriegsrechts als Fehler angesehen. Ebenso mehrheitlich wird aber auch das sich anschließende Amtsenthebungsverfahren gegen den damaligen Präsidenten rechtlich in Zweifel gezogen. Eine erste Entschuldigung hatte der Ende 2024 zum Interimsparteichef ernannte Kwon Young-se ausgesprochen. Eine insbesondere von der Regierungspartei geforderte erneute Entschuldigung erging von wenigen Parlamentariern zum Jahrestag des Kriegsrechts, was erneut zu Kritik innerhalb des eigenen Lagers führte. Schließlich führt jede neuerliche Entschuldigung dazu, die Stigmatisierung zu verlängern, und erschwert das Bemühen, parteipolitisch wieder in die Vorhand zu gelangen. Insoweit hat die regierungstragende Minju-Partei des derzeitigen Präsidenten Lee Jae-myung jeden Grund, dieses wenig zukunftsgewandte Thema am Köcheln und damit die Opposition paralysiert zu halten. Damit nicht genug: Eine öffentliche Spekulation um die Verfassungsmäßigkeit der PPP einschließlich der Überlegung, ein Parteiverbotsverfahren einzuleiten, erhöht den Druck, lenkt von den wesentlichen Herausforderungen (Immobilienkrise, Demografie) ab und führt zu von der PPP unerwünschter Publizität. Auch das Vorhaben der derzeitigen Regierung, eine Neuordnung der Staatsanwaltschaften vorzunehmen, kann als Versuch verstanden werden, diese als Instrumente gegen die oppositionelle PPP insbesondere im Zusammenhang mit der Aufarbeitung des Kriegsrechts zu nutzen. Die gespaltene Partei, die an nichts mehr Interesse hat als daran, sich ihrer Oppositionsrolle zu widmen und gerade diese Frage aus der Öffentlichkeit herauszuhalten, bleibt damit weiter in der Defensive.

Zwischen den Lagern innerhalb der PPP besteht eine andauernde tiefsitzende Animosität, deren Überwindung nicht absehbar ist. Auch hier zeigt sich, dass offenbar die gegenseitige Abneigung die jeweilige Anhängerschaft weit besser und nachhaltiger aktiviert als eine lösungssuchende Befassung mit komplexen Sachverhalten.13 Verloren geht die notwendige Einsicht beider Seiten, die eigenen Überzeugungen nicht zu einhundert Prozent durchsetzen zu können. Wenn ein Ausgleich nicht einmal im eigenen Lager möglich ist, wie soll sich dieser angesichts eines noch viel breiteren politischen Spektrums lagerüberschreitend bewerkstelligen lassen? Auf diese Frage gibt es derzeit keine Antwort.

Auch scheint die Gefahr real, dass das konservative Lager sich in einen sich selbst beschleunigenden Kreislauf begibt – beziehungsweise sich dort längst befindet –, der moderate Parteimitglieder frustriert und zu einem Austritt aus der Politik animiert, die Extreme stärkt und diese weiter auseinanderdriften lässt. Der Eindruck, den die Partei dabei zwangsläufig gegenüber dem Wahlvolk erweckt, ist entsprechend ernüchternd. Der Eindruck, das Land verantwortlich regieren zu wollen und erst recht zu können, lässt sich angesichts der Ohnmacht gegenüber lagerinternen Fliehkräften kaum glaubhaft vermitteln.14 Mit dazu passendem Pessimismus werden die Erfolgsaussichten bei den Anfang Juni 2026 anstehenden Kommunalwahlen gehandelt.

 

Ausblick

Dem konservativen Lager fehlen derzeit die Instrumente und Führungspersönlichkeiten, sich aus den Fesseln des innerparteilichen Zwists zu befreien, geschlossen aufzutreten, neue Akzente zu setzen und so wieder für eine breite Wählerschaft attraktiv zu werden. Allein die verbindende Abneigung gegen den progressiven Präsidenten Lee Jae-myung, dem noch immer juristische Probleme anhaften, wird nicht ausreichen, um wesentliche Fortschritte zu erzielen. Kurzfristig scheint keine Verbesserung in Sicht. Gerade weil Anfang des Jahres der Wahlkampf für die Kommunalwahlen am 3. Juni 2026 begonnen hat, wird für Zwischentöne und die notwendige Differenzierung wenig Platz sein. Ist doch der Wahlkampf und erst recht die Zeit kurz vor den Wahlen die Phase, in der die Zuspitzung traditionell einen Höhepunkt erreicht. Dies dürfte auch dem Umstand geschuldet sein, dass es zum Schluss erfolgversprechender ist, die jeweilige Basis zu mobilisieren und an die Urnen zu locken, als Wechselwählern ein politisches Alternativangebot zu unterbreiten. Dass diese Vorgehensweise wenigstens in langfristiger Perspektive ihren Preis hat, dürfte allen Beteiligten klar sein. Sich zunächst der Selbstrettung zu widmen, mag kurzfristig angezeigt sein, macht aber die Entwicklung von Überzeugungen nicht entbehrlich. Doch möglicherweise kommt den Verantwortlichen der Gedanke, einen Paradigmenwechsel zu wagen: nach der absehbar empfindlichen Niederlage bei den Kommunalwahlen nicht durch eine bloße Umbenennung der Partei den Eindruck zu erwecken, sich der nicht aufgearbeiteten Vergangenheit entledigen zu wollen, sondern sich ihr zu stellen, einen Erneuerungsprozess einzuleiten, um dann moderne politische Angebote machen zu können.

Der Wert der Demokratie und der Parteien scheint der Bevölkerung bewusst zu sein.

Die ausgeprägte Polarisierung in Parteien und Gesellschaft hat Südkorea nicht für sich exklusiv. Sie ist vielerorts zu beobachten. Bei einer Gegenüberstellung der Parteiensysteme in Südkorea und Deutschland lässt sich feststellen, dass beide nicht miteinander vergleichbar sind. In Südkorea haben Strömungen Tradition, Parteien nicht. Die koreanischen Parteien entfalten nicht die mitunter generationenübergreifende Bindungswirkung, die sie in Deutschland haben können.15 In Deutschland sind sie auch Marken. Nur wenige kämen dort auf die Idee, den Markennamen leichtfertig zu ändern oder gar vollständig zu ersetzen.

Grundsätzlich ist die Stabilität des Landes trotz vorliegender Polarisierung in Gesellschaft und Politik aber nicht gefährdet. In Vergessenheit darf nicht geraten, dass Polarisierung im politischen Wettstreit zwischen Parteien gewünscht und als Wesenskern auch notwendig ist. Nach den Entwicklungen der vergangenen Jahre – insbesondere seit dem kurzzeitig ausgerufenen Kriegsrecht – lässt sich feststellen, dass Südkorea einen massiven Angriff auf die Demokratie eindrucksvoll abwehren konnte.16 Der Wert der Demokratie und auch der politischen Parteien scheint der Bevölkerung ganz offensichtlich bewusst zu sein. Die Gerichte haben die ihnen zugedachte Rolle erfüllt. Ihre Urteile wurden zwar nicht allseitig begrüßt, aber – und dies ist entscheidend – prinzipiell akzeptiert. Die Bevölkerung hat Stellung bezogen: für die Demokratie, für das Land – ein ermutigendes Zeichen.

 

 

Henrik Braun ist Leiter des Auslandsbüros Korea der Konrad-Adenauer-Stiftung mit Sitz in Seoul.

 

 
  1. Korean Broadcasting System (KBS) 2025: Zentralbank sieht Gefahren wegen stark steigender Immobilienpreise in Seoul, 25.06.2025, in: https://ogy.de/5rrs [05.01.2026].↩︎
  2. Lee, Jung-joo 2024: Over half of population resides in Seoul metropolitan area: data, The Korea Herald, 14.02.2024, in: https://ogy.de/t2sv [04.02.2026].↩︎
  3. Muschter, René 2024: Südkorea: Fertilitätsrate von 1950 bis 2023 und Prognosen bis 2050, Statista, 03.09.2024, in: https://ogy.de/l7v2 [05.01.2026].↩︎
  4. Taiwan News 2025: South Korea deeply divided before June election, 25.04.2025, in: https://t.ly/MjDJc [05.01.2026].↩︎
  5. Statistisches Bundesamt: PISA-Studie 2022, in: https://ogy.de/3ivj [05.01.2026].↩︎
  6. Statistisches Bundesamt: Registered deaths from suicide, in: https://ogy.de/s5bn [05.01.2026].↩︎
  7. OECD 2024: Gender wage gap, in: https://ogy.de/ltxa [05.01.2026].↩︎
  8. KBS World 2025: Rekordzahl an Frauen in Geschäftsleitung der 100 größten Unternehmen, 05.11.2025, in: https://ogy.de/j5i9 [05.01.2026].↩︎
  9. 지표누리저출생 통계지표 (Statistikindikatoren für niedrige Geburtenraten): 여성의 평균출산연령 (Durchschnittliches Alter der Frauen bei der Geburt), in: https://ogy.de/iu51 [05.01.2026].↩︎
  10. http://tagesschau.de 2024: „Das ist einer Demokratie unwürdig“, Interview mit Dr. Eric J. Ballbach, 04.12.2024, in: https://ogy.de/oxvy [05.01.2026].↩︎
  11. Yun, Bee 2025: Südkoreas Demokratie im Stresstest: Der autoritäre Rückfall des Konservatismus, Bertelsmann Transformation Index, 09.04.2025, in: https://ogy.de/g82c [05.01.2026].↩︎
  12. Yun, Bee 2024: In Südkorea werden Debatten wie Kriege geführt, Spiegel, 08.07.2024, in: https://ogy.de/bgwp [05.01.2026].↩︎
  13. Ji, Da-gyum 2025: Martial law’s animosity has outlived decree – and now defines political identity, The Korea Herald, 02.12.2025, in: https://ogy.de/ocql [05.01.2026].↩︎
  14. Hwang, Joo-young 2025: Main opposition party weighs name change, alliance, The Korea Herald, 17.12.2025, in: https://ogy.de/3yrs [05.01.2026].↩︎
  15. http://tagesschau.de 2024, N. 10.↩︎
  16. Ebd.↩︎

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