Ausgabe: 1/2026
- Die Liberaldemokratische Partei (LDP), die für viele in Japan „natürliche Regierungspartei“, hatte bei den Wahlen 2024/2025 erhebliche Stimmverluste hinnehmen müssen. Die Liberaldemokraten verloren dabei insbesondere an andere Parteien rechts der Mitte.
- Bei der Unterhauswahl im Februar 2026 erzielte die LDP dann aber das stärkste Ergebnis ihrer 70-jährigen Geschichte. Mit einer Zweidrittelmehrheit stellt sie mehr als die Hälfte der Mitglieder in allen Parlamentsausschüssen.
- Die Wahl der rechtskonservativen Sanae Takaichi zur LDP-Vorsitzenden und Premierministerin im Herbst 2025 sowie die Bildung einer Koalition rechts der Mitte mit der Japanischen Innovationspartei waren nicht unumstritten und nicht ohne Risiko. Der Wahlerfolg gibt der Partei und Takaichi nun allerdings Recht.
- Die wirtschaftliche Lage war das zentrale Thema der jüngsten Wahlen. Durch Reformversprechen und ein massives Konjunkturpaket entsprach Takaichi den Präferenzen einer Mehrheit der Wählerinnen und Wähler genauso wie mit ihren restriktiven Positionen in der Einwanderungspolitik.
Würde man die bekanntesten japanischen Parteien von ganz links bis ganz rechts aufreihen und einen Strich durch die Mitte der Parteienlandschaft ziehen, so lägen die Kommunistische Partei Japans, Reiwa Shinsengumi (Reiwa; „Schöne Harmonie“), die Sozialdemokratische Partei (SDP) und die Konstitutionell-Demokratische Partei (KDP) links dieser Linie. Die Kōmeitō („Gerechtigkeitspartei“) markierte die linke Mitte, die Demokratische Volkspartei (DVP) die rechte. Rechts davon folgten die Japanische Innovationspartei (Nippon Ishin no Kai; JIP), die Liberaldemokratische Partei (LDP) und Sanseitō („Partei der politischen Mitwirkung“). Am rechten Rand firmierte auf dieser Skala die Konservative Partei Japans (KPJ). Als eigenständige Parteien sind die KDP und Kōmeitō aber nur noch im Oberhaus (Sangiin; „Haus der Räte“) vertreten; für die zweite Kammer des japanischen Parlaments, das Unter- oder Repräsentantenhaus (Shūgiin), haben sie sich im Januar zur Zentristischen Reformallianz (CRA) vereinigt.
Zwar argumentiert Edo Naito in der Japan Times, dass Begriffe wie „liberal“, „konservativ“ oder „populistisch“ in Japan eine „völlig andere Bedeutung haben“ als anderswo,1 für die vorliegende Betrachtung soll der von Edelman vorgeschlagene Links-rechts-Verlauf aber genügen.2 Außerdem werden in diesem Beitrag nicht alle der oben genannten Parteien analysiert, sondern ausgewählte Parteien rechts der Mitte, insbesondere die LDP.
Ihr gelang am 8. Februar 2026, womit kaum jemand gerechnet hatte: Bei der vorgezogenen Unterhauswahl erzielte die LDP das stärkste Ergebnis ihrer 70-jährigen Geschichte. Die Regierungspartei gewann 316 von insgesamt 465 Sitzen. Sie konnte sich in der mächtigen Parlamentskammer um 125 Sitze verbessern. Damit verfügt sie auch ohne ihren Koalitionspartner JIP über eine Zweidrittelmehrheit und stellt mehr als die Hälfte der Mitglieder in allen 17 ständigen Unterhausausschüssen. Wie war das möglich? Immerhin steckte die LDP bereits seit zwei Jahren in einer tiefen Krise.
Ende 2023 erschütterte ein massiver Parteispendenskandal die Liberaldemokraten. Im Sommer 2024 kündigte der überaus unpopuläre Premierminister Fumio Kishida an, nicht erneut kandidieren zu wollen. Unter seinem Nachfolger Shigeru Ishiba verloren die LDP und ihr damaliger Koalitionspartner Kōmeitō bei der kurz darauf stattfindenden Unterhauswahl im Oktober 2024 ihre Mehrheit. Mitte vergangenen Jahres verfehlte die damalige Regierungskoalition schließlich auch bei der Oberhauswahl die Mehrheit. Links und rechts der LDP verzeichneten die DVP und Sanseitō stattdessen deutliche Zugewinne. Daraufhin musste auch Ishiba seinen Hut nehmen. In der Folge kündigte Kōmeitō das seit 1999 mit der LDP bestehende Bündnis auf. Schlimmer hätte es nicht kommen können! Die neue LDP-Parteichefin Sanae Takaichi musste in Windeseile einen neuen Koalitionspartner finden. Nach intensiven Verhandlungen stand schließlich die JIP dafür bereit. Doch auch mit der Innovationspartei kamen die Liberaldemokraten in den beiden Parlamentskammern nicht auf eine Mehrheit. Für ihre Wahl zur Premierministerin war Takaichi im Unterhaus deshalb zusätzlich auf die Stimmen einiger Unabhängiger angewiesen. Seit Ende Oktober vergangenen Jahres ist sie die erste Frau an der Spitze der japanischen Regierung.
Behauptungskampf an mehreren Fronten
Nachdem im November 2025 drei unabhängige Abgeordnete ihren Wechsel zur LDP vollzogen hatten, verfügte die Regierungskoalition zumindest im Unterhaus wieder über eine hauchdünne Mehrheit. Die Zustimmungswerte der LDP in der Bevölkerung lagen nach dem Amtsantritt von Takaichi aber immer noch deutlich unter 30 Prozent. Die Entscheidung der Premierministerin, gleich im Januar 2026 das Unterhaus aufzulösen und nach nur drei Monaten im Amt – mitten im schneereichen Winter – eine vorgezogene Wahl zu veranstalten, war insofern überaus gewagt. Um ihre Stimmenverluste bei dieser Abstimmung auszugleichen, musste die LDP in einem auf nur zwölf Tage verkürzten Wahlkampf sowohl die moderaten Konservativen als auch die Wählerinnen und Wähler am rechten Rand zurückgewinnen. Außerdem galt es, die Partei unter den Unabhängigen und jüngeren Bevölkerungsgruppen wieder attraktiv zu machen. Wie aber sollte dieser Spagat gelingen? Auch in Japan fühlen sich immer weniger Menschen an die etablierten Parteien gebunden. Seit Anfang der 1990er-Jahre haben die Liberaldemokraten vier Fünftel ihrer Mitglieder verloren; allein 2024 sind rund 60.000 Menschen aus der Partei ausgetreten.3
Mit Sanae Takaichi hatte die Partei im Oktober 2025 aus fünf Bewerberinnen und Bewerbern nicht nur die einzige Frau, sondern auch die „konservativste und am weitesten rechts“ stehende Kandidatin zur Parteivorsitzenden gewählt.4 Mit der Begründung, keinen Partner unterstützen zu können, der gemäßigt konservative Grundsätze über Bord werfe, hatte Kōmeitō die langjährige Zusammenarbeit mit der LDP aufgekündigt – und Takaichi war im Rennen um den Parteivorsitz auch unter den LDP-Abgeordneten keineswegs die unangefochtene Wunschkandidatin.5 Das Bündnis mit der JIP verhinderte überdies eine mögliche Koalition mit der links der Mitte stehenden KDP, obwohl sich so im Parlament komfortable Mehrheiten ergeben hätten. Im Bündnis mit der größten Oppositionspartei hätte die LDP auf vorgezogene Unterhauswahlen zumindest rechnerisch getrost verzichten können.
Bei diesen Entscheidungen spielten atmosphärische Fragen, Gesprächsdynamiken, politisches Timing und überraschende Angebote vermutlich eine ebenso große Rolle wie strategische Überlegungen. Hier soll mit ein wenig Abstand trotzdem der Versuch unternommen werden, zu untersuchen, welche Auswirkungen die Polarisierung der japanischen Gesellschaft auf die Parteipräferenzen der Wählerinnen und Wähler hatte, wie die Kräfte am rechten politischen Rand auf die LDP eingewirkt haben und wie sich die Partei mit Takaichi an der Spitze und in der Koalition mit der JIP dagegen erfolgreich behaupten konnte. Dabei beschränkt sich die Betrachtung auf vier Aspekte: Reformbereitschaft, Konservatismus, Regierungsfähigkeit und Partizipation.
Reformbereitschaft: „It’s the economy, stupid.“
Natürlich vertreten die japanischen Parteien unterschiedliche Positionen bei der Frage, ob das Land seine pazifistische Verfassung aufweichen, die Selbstverteidigungsstreitkräfte als kriegsfähige Armee anerkennen und die Verteidigungsausgaben erhöhen soll; wie Japan mit China und den USA umgehen muss; wie die Gleichberechtigung gefördert werden kann; ob Atomkraft zu risikoreich ist oder nicht; ob und welche Steuern gesenkt oder angehoben werden können und so weiter. Die Wählerinnen und Wähler in der rapide alternden und schrumpfenden Gesellschaft belastet aber vor allem die Sorge um ihr wirtschaftliches Wohlergehen.
Nach den regelmäßigen Umfragen der japanischen Zentralbank (Bank of Japan; BoJ) vertreten mehr als die Hälfte aller Japanerinnen und Japaner seit Ausbruch der COVID-19-Pandemie nahezu durchgängig die Auffassung, die wirtschaftliche Lage habe sich im Vergleich zum Vorjahr verschlechtert (Abb. 1). Mitte 2025 lag der Anteil der Unzufriedenen mit rund 70 Prozent so hoch wie im März 2021, als in mehreren Präfekturen wegen steigender Infektionszahlen der Ausnahmezustand verlängert werden musste.6
Während der COVID-19-Pandemie gingen nach den BoJ-Umfragen viele Menschen noch davon aus, dass sich die wirtschaftliche Lage innerhalb der nächsten zwölf Monate verbessern werde (Abb. 2). Im Herbst vergangenen Jahres äußerte sich jedoch fast die Hälfte der Befragten pessimistisch über die künftige ökonomische Entwicklung.
Abb. 1: Subjektive Einschätzung der gesamtwirtschaftlichen Lage, jeweils im Vergleich zum Vorjahr
Abb. 2: Wirtschaftliche Erwartungen, jeweils für das Folgejahr
Laut den Nachwahlbefragungen der auflagenstärksten Zeitung der Welt, der japanischen Yomiuri Shimbun, waren bei der Unterhauswahl vom Februar die wichtigsten politischen Themen die Inflation und die Wirtschaftspolitik (81 Prozent), gefolgt von Außenpolitik und Sicherheit (65 Prozent). Die Reform des Steuersystems, darunter die zumindest vorübergehende Abschaffung der Verbrauchssteuer auf Lebensmittel, sowie die soziale Sicherheit einschließlich der Renten lagen mit jeweils 64 Prozent praktisch gleichauf.7 Aber wie erklärt das die Stimmenzuwächse der populistischen Sanseitō sowohl bei der Oberhauswahl 2025 als auch jetzt wieder bei der Unterhauswahl? Mit ihren Verschwörungstheorien, nationalistischen Parolen sowie ihrer Kritik an Touristinnen und Touristen und ausländischen Arbeitskräften steht die Rechtsaußenpartei nicht gerade für Wirtschaftskompetenz. Ein Teil der Antwort wurzelt in den frühen 1990er-Jahren.
Damals standen Deutschland, Japan und die USA aus unterschiedlichen Gründen vor erheblichen sozioökonomischen Herausforderungen. Mit dem Spruch „It’s the economy, stupid“ schwor James Carville, Wahlkampfberater von Bill Clinton, die Demokraten 1992 vor dem Hintergrund der Rezession darauf ein, die US-Präsidentschaftskampagne komplett auf das Thema Wirtschaft auszurichten.8 Deutschland musste die Folgen der Wiedervereinigung bewältigen. Viele Menschen in Ostdeutschland verloren ihren Job. In Japan war die Immobilienblase geplatzt und die von vielen Jahren des wirtschaftlichen Aufschwungs verwöhnte „Japan AG“ zusammengebrochen. Was folgte, waren die „Japan-Krise“ und drei verlorene Jahrzehnte. Wer in den 1990er-Jahren die Ausbildung abgeschlossen hatte, fand auf dem Arbeitsmarkt nur schwer eine unbefristete Vollzeitstelle mit ausreichender Bezahlung. Darunter leidet Japans „Eiszeit-Generation“ beruflich bis heute.9 Die Nachwahlbefragung von Asahi Shimbun ergab, dass Sanseitō bei der Oberhauswahl unter Männern (60 Prozent) deutlich mehr Zuspruch fand als unter Frauen. Im Alter zwischen 40 und 59 Jahren stammen 42 Prozent der Wählerinnen und Wähler, die im Juli 2025 bei der Oberhauswahl mit ihrer Zweitstimme für die Rechtsaußenpartei votiert haben, aus dieser „Eiszeit-Generation“.10
So wie Anfang der 1990er-Jahre in den krisengeschüttelten USA die Republikaner von den Demokraten abgelöst wurden, schieden 1993 in Japan erstmalig nach 38 Jahren auch die Liberaldemokraten aus der Regierung aus. Zwar brach das neue Koalitionsbündnis aus sieben Parteien rasch wieder auseinander und die LDP saß schon 1994 wieder im Sattel; für den Politikwissenschaftler Toru Yoshida markierte der damalige Regierungswechsel dennoch einen häufig vernachlässigten Wendepunkt: „Es bildeten sich gegensätzliche Lager von ‚Modernisierern‘ und ‚Konservativen‘, die die alte Spaltung zwischen Links und Rechts ersetzten. Auf der Wählerebene war ab diesem Zeitpunkt eindeutig, dass die Wählerschaft begann, zwischen reformistischen und antireformistischen Präferenzen zu wählen.“11 Die Amtszeit von Jun’ichirō Koizumi (2001 bis 2006) war ein Ergebnis dieser Entwicklung. Dieser LDP-Premierminister setzte in Japan gegen erhebliche Widerstände, auch aus den Reihen der eigenen Partei, weitreichende Reformen durch. In der Bevölkerung genoss Koizumi hohes Ansehen. Sein Nachfolger Shinzō Abe, Premierminister von 2006 bis 2007 und erneut von 2012 bis 2020, zählte ebenfalls zu den Reformern unter den Regierungschefs der jüngeren Vergangenheit. Das erklärt, warum sich jetzt Premierministerin Takaichi in der politischen Nachfolge von Shinzō Abe sieht.
Nach kaum einem Monat im Amt hat Takaichis Regierung ein umfassendes Konjunkturpaket auf den Weg gebracht, das nach einer Umfrage von Yomiuri Shimbun von 63 Prozent der Befragten als „gut“ bewertet wurde. Unter der Anhängerschaft von LDP und JIP lag die Zustimmung bei 72 Prozent. Auch unter den Unabhängigen (59 Prozent) und den Anhängerinnen und Anhängern der Oppositionsparteien (56 Prozent) fand das Paket mehrheitlich Anklang.12 Takaichis Ausspruch „arbeiten, arbeiten, arbeiten, arbeiten, arbeiten“ wurde Anfang Dezember zum Schlagwort des vergangenen Jahres gekürt.13
Konservatismus: „Kaiserliche Familie, kulturelles Erbe, Gedächtnis der Nation“
Aber nicht nur bei der dringend erforderlichen Ankurbelung der Wirtschaft und des Binnenkonsums orientiert sich die 64-Jährige am Reformeifer ihres politischen Mentors. Der 2022 ermordete Abe gehörte innerhalb der LDP ebenso wie Koizumi der stramm konservativen Seiwakai-Faktion an, die 2024 nach Bekanntwerden eines großen Parteispendenskandals aufgelöst wurde. In dieser Gruppierung hatte auch Premierministerin Takaichi ihre politische Heimat. Takaichis Amtsvorgänger Fumio Kishida und Shigeru Ishiba zählten innerhalb der LDP hingegen zur deutlich moderateren Kōchikai-Faktion beziehungsweise wurden von dieser zumindest unterstützt.14 Abe war noch in der Lage, den nationalistischen Flügel seiner Partei bei der Stange zu halten. Bis zum Ende seiner Amtszeit war die LDP keine „Partei der Mitte“ nach deutschem Verständnis, sondern eine Volkspartei in der Mitte des konservativen Wählerspektrums mit dem Anspruch, von mitte-rechts bis ganz rechts außen alle Bevölkerungsgruppen zu erreichen. 2020 gründete sich rechts der Liberaldemokraten dann Sanseitō – und 2023 die KPJ. Beide Gruppierungen haben in den Medien eine Diskussion darüber losgetreten, wofür die Liberaldemokraten heute eigentlich stehen.15
Aus Sicht von Tomohiko Taniguchi, dem Vorsitzenden der einflussreichen Lobbyorganisation Nippon Kaigi, dreht sich Konservativismus in Japan um drei Dinge: „Wir sind hier, um das zu bewahren, was über Generationen hinweg weitergegeben wurde – die kaiserliche Familie, das kulturelle Erbe, das Gedächtnis der Nation.“ Taniguchi ist davon überzeugt, dass „grenzenloser Liberalismus“ die japanische Identität bedroht: „Denken Sie an den Berg Fuji. Ein Berg, ja – aber vor allem eine heilige Stätte. Heute besteigen Menschen ihn und schwenken Fahnen, um ‚Likes‘ in den sozialen Medien zu bekommen. Diese symbolische Entweihung verursacht Schmerz.“ Für Arbeitskräfte aus China fordert Taniguchi ein Quotensystem mit Obergrenzen. Überdies setzt sich Nippon Kaigi dafür ein, die kaiserliche Thronfolge in männlicher Linie festzuschreiben. Außerdem soll Artikel 9 der japanischen Verfassung um eine dritte Klausel ergänzt werden, die die japanischen Selbstverteidigungsstreitkräfte ausdrücklich anerkennt.
Während der Amtszeit von Premierminister Abe seien die Liberaldemokraten dieser Linie gefolgt, versichert Taniguchi. „Nachdem Abe weg ist und Fumio Kishida das, was die Partei ausmachte, demontiert hat, unterstützen wir die LDP nicht mehr blindlings.“16 Auch in diesem Punkt stand Sanae Takaichi mithin unter hohem Reformdruck. Sie musste die Reihen wieder schließen. Mit ihrer konservativeren Politik kam die neue Premierministerin bereits in den ersten Wochen nach ihrem Regierungsantritt vor allem – aber nicht nur – rechts der Mitte gut an.
Nach den Mitte November 2025 veröffentlichten Ergebnissen einer Umfrage von Asahi Shimbun wurde die Regierungskoalition aus LDP und JIP von fast 70 Prozent der Befragten unterstützt; nur 17 Prozent lehnten sie ab. 66 Prozent hielten die von Takaichi versprochene strengere Einwanderungspolitik für „vielversprechend“. 56 Prozent, darunter viele jüngere Menschen, meinten, der Inselstaat brauche weniger Besucher und Einwanderer.17 Jeder neue Skandal, parteiinterne Streitigkeiten oder „falsche“ Äußerungen der Premierministerin hätten den politischen Rückenwind – vor allem aus den Reihen der jüngeren Wählerinnen und Wähler – wohl wieder deutlich geschwächt; stattdessen hielten sich die Zustimmungswerte bis in den Januar 2026. Für die vorgezogene Unterhauswahl war damit der Weg geebnet.
Regierungsfähigkeit: „Politik im LDP-Stil, aber kompetent umgesetzt“
Zum zweiten Mal in ihrer 70-jährigen Geschichte wurden die Liberaldemokraten 2009 abgewählt. Damals gewann die inzwischen aufgelöste Demokratische Partei Japans (DPJ) vor allem deshalb, weil sie in ihrem Wahlprogramm keine klientilistischen Wohltaten für Unterstützer- und Interessengruppen versprach, sondern mit der Ankündigung grundlegender politischer Reformen der Genehmigungsverfahren und Entscheidungsfindungsprozesse im Zusammenwirken von Exekutive und Legislative glaubhaft ihre Regierungsfähigkeit unterstrich.18 Dann brach 2011 die Fukushima-Katastrophe über Japan herein. Aus Sicht vieler Wählerinnen und Wähler versagte die DPJ im Umgang mit der Krise. Ein Jahr später kehrte deshalb Shinzō Abe mit der LDP und dem kleinen Koalitionspartner Kōmeitō an die Regierung zurück. Der Versuch eines linken Kabinetts war für die Menschen im Land damit zum zweiten Mal gescheitert. Die Politikverdrossenheit stieg und die Wahlbeteiligung fiel in den Jahren danach.
Die Liberaldemokraten hatten ab 2012 im Grunde genommen nur einen ernsthaften Herausforderer, nämlich ihren heutigen Koalitionspartner JIP. Programmatisch lagen die beiden Parteien dicht beieinander. Die Innovationspartei hatte sich 2010 als lokale Gruppe von der LDP abgespalten, weil sie den Reformkurs von Ex-Premierminister Koizumi fortsetzen wollte. Ihr gelang es, die Vorherrschaft der LDP in der Region Osaka zu brechen.19 Bei der Bewältigung der COVID-19-Pandemie erhielt die Partei auf lokaler und regionaler Ebene gute Noten.20 Angesichts ihres Charakters als Regionalpartei ist die JIP für die LDP gewissermaßen das, was in Deutschland die CSU für die CDU ist, wobei die Kandidaten beider Parteien in den Wahlkreisen in Osaka und darüber hinaus gegeneinander antreten. Trotz Koalitionsbündnis stellte die JIP in der neuen japanischen Regierung jedoch keinen Minister. Das Regierungsgeschäft wollte sie auch nach der Unterhauswahl zumindest bis zu einer für Herbst geplanten Kabinettsumbildung den Liberaldemokraten überlassen. Daran hat sich nach der Unterhauswahl nichts geändert.
Die LDP gilt vielen Japanerinnen und Japanern seit Jahrzehnten als „natürliche“ Regierungspartei. Hinter ihr standen mächtige Wirtschaftsverbände, die Agrar- und die Fischereilobby. Lokale Unterstützergruppen (Kōenkai) organisierten für „ihren“ LDP-Kandidaten den Wahlkampf.21 Zum System der „organisierten Stimmen“ (Soshikihyō) zählten auch religiöse Gruppierungen. Da bis zur Wahlrechtsreform Mitte der 1990er-Jahre nur die Erststimme zählte, traten gleich mehrere LDP-Kandidaten in den Wahlkreisen gegeneinander an. Sie konnten sich programmatisch nicht voneinander absetzen, sondern nur hinsichtlich ihrer jeweiligen Unterstützergruppen. Unter den LDP-Kandidaten, die nicht aus der Lokalpolitik stammten, sind viele Absolventen der japanischen Top-Universitäten. Vor ihrem Wechsel in die Politik hatten sie Berufs- und Führungserfahrung in der Ministerialbürokratie, staatlichen Behörden, Wirtschaftsunternehmen und Verbänden gesammelt.22 Insbesondere aus dieser Gruppe rekrutieren sich traditionell die Spitzenkräfte in Partei und Regierung.
Die LDP genoss mit ihrer Regierungsfähigkeit in der Bevölkerung über viele Jahrzehnte einen erheblichen Vertrauensvorschuss. Umfragen über die Wahlen von 2012, 2017 und 2024 ergaben beispielsweise, dass 22 Prozent der Befragten, die eigentlich die politischen Positionen der Kommunistische Partei Japans befürworteten, trotzdem die Liberaldemokraten wählen wollten. Das Politikpaket der LDP wurde von nur sieben Prozent der Befragten favorisiert. Trotzdem wollten 38 Prozent den Liberaldemokraten ihre Stimme geben.23 Deren Glaubwürdigkeit hat seit Ende 2023 nach der Aufdeckung des Parteispendenskandals erheblich gelitten. Die Stimmenverluste der LDP bei der Unterhauswahl 2024 waren teilweise darauf zurückzuführen. Michael MacArthur Bosack geht in seinem Kommentar für die Japan Times auch nicht davon aus, dass die Oberhauswahl 2025 „den Aufstieg des konservativen Populismus in Japan und eine fremdenfeindliche und rückschrittliche Politik signalisiert“ habe. Das wichtigste Thema sei bei dieser Wahl die wirtschaftliche Belastung der privaten Haushalte gewesen, und die Wählerinnen und Wähler hätten die LDP für ihre „anhaltende Unfähigkeit“ abgestraft, dieses grundlegende Problem anzugehen. Der Wunsch nach einer „Politik im Stil der LDP“ bestehe weiterhin, aber nur, wenn diese „kompetent umgesetzt“ werde.24 Mit Hochdruck arbeitet die japanische Regierung seit der Unterhauswahl deshalb an der Verabschiedung des Haushalts für das Steuerjahr 2026. Er soll ab April mit einem geplanten Rekordvolumen von 122,3 Billionen Yen (derzeit umgerechnet rund 670 Milliarden Euro) die Weichen für eine nachhaltige Belebung der Konjunktur stellen.
Partizipation: „Klare Zukunftsvision anbieten“
Das Soshikihyō-System mit seinen über Unterstützergruppen und Verbände „organisierten Stimmen“ hat jahrzehntelang verlässlich funktioniert. Seit der Wahlrechtsreform Mitte der 1990er-Jahre verliert es aber zunehmend an Bedeutung. Nach und nach wurde es bei der Einflussnahme auf die Wählerpräferenzen von der klassischen Medienberichterstattung verdrängt. Daneben treten inzwischen Onlinekampagnen.
Sanseitō hat nach ihrer Gründung 2020 die klassischen Medien ausgeklammert und sich vor allem auf YouTube positioniert.25 Ihren rund 70.000 Mitgliedern (Juli 2025) liefert die Partei online einen täglichen Nachrichten-Podcast. Sie hat lokale und regionale Chat-Gruppen eingerichtet und lädt ihre Anhängerinnen und Anhänger zu den Weiterbildungskursen der parteieigenen DIY School ein.26 Sanseitō verlangt gestaffelte und vergleichsweise hohe monatliche Mitgliedsbeiträge. Wer mehr zahlt, hat größere Mitspracherechte.27
Die meisten Anhängerinnen und Anhänger der Rechtsaußenpartei gehören der städtischen und vorstädtischen Mittelschicht an. Sanseitō positionierte sich mit Ortsverbänden in fast allen der insgesamt 289 Einmandatswahlkreise für das Unterhaus, also auch dort, wo sich die Kandidatinnen und Kandidaten mit ihrem Erststimmenergebnis keine Chancen auf einen Sitz ausrechnen durften. Da die Wählerinnen und Wähler den Namen des betreffenden Kandidaten auch auf dem zweiten Stimmzettel eintragen dürfen, bestand aber die Möglichkeit, per Verhältniswahl dennoch ins Unterhaus einzuziehen. Selbst dort, wo die betreffenden Kandidaten nach Mehrheitswahl praktisch keine Chance hatten, warben die Ortsverbände als „Bodentruppen“ deshalb nach Kräften für die Partei und deren Vorsitzenden Sohei Kamiya.28 Im Ergebnis konnte Sanseitō die Zahl ihrer Unterhaussitze so von drei auf 15 deutlich erhöhen.
Noch bei der Oberhauswahl Mitte vergangenen Jahres galt, dass sich die Anhängerinnen und Anhänger von Sanseitō, Reiwa Shinsengumi und DVP deutlich stärker sowohl mit ihrer jeweiligen Partei als auch mit deren Führungspersonen identifizierten als diejenigen der LDP.29 Die Liberaldemokraten nutzten jetzt die Chance, mit Sanae Takaichi bei der Unterhauswahl eine überaus populäre Galionsfigur ins Rennen zu schicken. Mit einer Followerschaft von knapp 2,4 Millionen auf X sollte die Premierministerin auch jüngere und unentschlossene Wählerinnen und Wähler mobilisieren.30 Das funktionierte: Allein während des nur zwölftägigen Wahlkampfs meldeten sich auf Takaichis X-Konto rund 35.000 neue Followerinnen und Follower an. Die Videos und Werbespots der LDP auf YouTube wurden ab der zweiten Januarhälfte bis zur Wahl mehr als 200 Millionen Mal aufgerufen.31 Die Wahlbeteiligung lag mit gut 56 Prozent trotz winterlicher Temperaturen und heftigen Schneefalls schließlich sogar über dem Niveau der Unterhauswahl 2024.
Mit Sanae Takaichi als Parteichefin und Premierministerin ist den Liberaldemokraten nach dem Parteispendenskandal und den Stimmenverlusten der vergangenen beiden Jahre ein fulminantes Comeback gelungen. Takaichi war nach ihrem Amtsantritt im Oktober 2025 sicherlich gut beraten, ihre vier Gegenkandidaten für den Parteivorsitz in der neuen Regierung jeweils mit Ministerposten zu bedienen. Damit konnte sie ihre Kritiker in den eigenen Reihen versöhnlich stimmen. Nachdem sie der LDP jetzt zu einer Zweidrittelmehrheit im Unterhaus verholfen hat, wird sie parteiinterne Grabenkämpfe absehbar nicht befürchten müssen. Takaichi ist aber nicht nur deshalb gewählt worden, weil sie überaus populär ist, sondern auch, weil sie weitreichende Reformen und ein erfolgreiches Krisenmanagement versprochen hat. Die Liberaldemokraten müssen unter ihrer Parteichefin erst noch beweisen, dass sie dazu in der Lage sind. 70 Jahre nach ihrer Gründung müsse die Partei, so Yomiuri Shimbun in einem Leitartikel aus dem vergangenen Jahr, „eine klare Vision für die Zukunft bieten“.32 Nicht der linke oder rechte Rand des politischen Parteienspektrums oder die Polarisierung der japanischen Gesellschaft, sondern der Zusammenhalt der Liberaldemokraten bei den jetzt anstehenden Herkulesaufgaben dürfte darüber entscheiden, ob Sanae Takaichi in einigen Jahren mit Shinzō Abe verglichen wird.
Paul Linnarz ist Leiter des Länderprogramms Japan und des Regionalprogramms Soziale Ordnungspolitik in Asien der Konrad-Adenauer-Stiftung mit Sitz in Tokio.
- Naito, Edo 2025: What is a ‚Japanese conservative‘ in this day and age?, The Japan Times, 31.08.2025, in: https://ogy.de/wcar [24.11.2025].↩︎
- Edelman 2025: Japan’s 2025 Upper House Election Results, 24.07.2025, in: https://ogy.de/abyu [22.11.2025].↩︎
- Johnston, Eric 2025: As it turns 70, LDP struggles to find its fountain of youth, The Japan Times, 16.03.2025, in: https://https://ogy.de/1fnh [07.12.2025].↩︎
- Johnston, Eric 2025: Who’s who in the LDP presidential race?, The Japan Times, 22.09.2025, in: https://ogy.de/s2iy [06.12.2025].↩︎
- Linnarz, Paul 2025: Doppelte Zäsur. Das japanische Unterhaus wählt Sanae Takaichi zur Premierministerin, Länderberichte, Konrad-Adenauer-Stiftung, 21.10.2025, in: https://ogy.de/k3se [06.12.2025].↩︎
- Richter, Carolin 2021: Das ostasiatische Krisenmanagement in der Corona-Pandemie am Beispiel von Japan und ob es als Vorbild für Deutschland dienen kann., 31.05.2021, S. 16, in: https://ogy.de/1dfr [21.11.2025].↩︎
- The Yomiuri Shimbun 2026: Poll Shows 55% Feel Good about Election Result; High Expectations for Takaichi’s Political Positions Seen as Largest Driver of Support, The Japan News, 11.02.2026, in: https://ogy.de/gr6n [22.02.2026].↩︎
- Goddard, Taegan 2024: It’s the Economy Stupid, Goddard Media, in: https://ogy.de/loab [07.12.2025].↩︎
- NHK 2025: Japan’s lost generation missing out on wage hikes, 21.02.2025, in: https://ogy.de/x2hy [22.11.2025].↩︎
- The Asahi Shimbun 2025: Sanseito, DPP sharply increase their presence in Upper House, 21.07.2025, in: https://ogy.de/zte7 [07.12.2025].↩︎
- Yoshida, Toru 2012: The change of government in Japan: temporality and institutional constraints on alternation, University of Tokyo Journal of Law and Politics Vol. 9, S. 49 f., in: https://ogy.de/nwgf [07.12.2025]. ↩︎
- The Yomiuri Shimbun 2025: Japan PM Takaichi’s Economic Policies Rated Well, Yomiuri Poll Finds, The Japan News, 24.11.2025, in: https://ogy.de/m6cx [07.12.2025].↩︎
- The Sankei Shimbun 2025: Takaichi’s ‚Work, Work, and Work‘ Soundbite Wins Buzzword of the Year, JAPAN Forward, 01.12.2025, in: https://ogy.de/0k47 [07.12.2025].↩︎
- Yōichi, Serikawa 2025: Takaichi Sanae: The LDP’s Last Hope to Avoid Further Decline?, Nippon, 07.10.2025, in: https://ogy.de/713j [30.11.2025].↩︎
- Naito 2025, N. 1.↩︎
- Manning, Daniel 2025: What Is Nippon Kaigi? Its New Chair Explains, JAPAN Forward, 01.08.2025, in: https://ogy.de/9bz6 [24.11.2025].↩︎
- Kimijima, Hiroshi 2025: Survey: 66% back Takaichi’s tougher policies on immigration, The Asahi Shimbun, 17.11.2025, in: https://ogy.de/s9qg [24.11.2025].↩︎
- Yoshida 2012, N. 11, S. 54 f.↩︎
- Fahey, Robert Andrew / Marcantuoni, Romeo 2025: From conspiracy theory movement to challenger party: The case of Japan’s Sanseitō, WIAS Discussion Paper No. 2024-001, 23.01.2025, S. 15 f., in: https://ogy.de/cuql [30.11.2025].↩︎
- Kuriwaki, Shiro / Horiuchi, Yusaku / Smith, Daniel M. 2025: Winning Elections with Unpopular Policies: Valence Advantage and Single-Party Dominance in Japan, in: Quarterly Journal of Political Science 20: 4, 07.05.2025, S. 439–476, hier: S. 468 f., in: https://ogy.de/4zao [02.03.2026].↩︎
- Yoshida 2012, N. 11, S. 48.↩︎
- Sugimori, Kōji 1968: The Social Background of Political Leadership in Japan, in: The Developing Economies 6: 4, 12/1968, S. 487–509, hier: S. 492 ff., in: https://ogy.de/mbot [30.11.2025].↩︎
- Itō, Daiichi 1968: The Bureaucracy: Its Attitudes and Behavior, in: The Developing Economies 6: 4, 12/1968, S. 446–467, hier: S. 459, in: https://ogy.de/mbot [30.11.2025].↩︎
- Bosack, Michael MacArthur 2025: Conservatives win big in Japan — just not the Liberal Democratic Party, The Japan Times, 21.07.2025, in: https://ogy.de/bbis [08.12.2025].↩︎
- Sanseito Official: 参政党【公式】(Koalitionspartei Offiziell), YouTube, in: https://ogy.de/mg2a [08.12.2025].↩︎
- DIY School 6th: グローバリズムと日本人ファースト (Globalism and Japan First), in: https://ogy.de/3yex [08.12.2025].↩︎
- Ninivaggi, Gabriele 2025: Doctrine forms the core of Sanseito’s strategy, with some caveats, The Japan Times, 16.10.2025, in: https://ogy.de/f5ua [08.12.2025].↩︎
- Tsunehira, Furuya 2025: Behind Sanseitō’s Electoral Explosion: Bottom-Up Strategy Propels „Japanese First“ Party, Nippon, 19.09.2025, in: https://ogy.de/x81j [30.11.2025].↩︎
- Masaki, Hata 2025: The Passion Behind the Politics: Survey Sheds Light on Support for Japan’s Parties, Candidates, Nippon, 05.09.2025, in: https://ogy.de/hdt4 [30.11.2025].↩︎
- Takata, Akira 2025: PM Takaichi’s Use of Social Media Draws Public Interest, Carries Risks, The Japan News, 30.11.2025, in: https://ogy.de/9nsk [08.12.2025].↩︎
- Yasuda, Tatsuro / Fuji, Ryohei 2026: PM Takaichi’s Online Popularity Also Drives LDP to Landslide Victory in Japan’s Election, Followers on X Increased Rapidly During Campaign, The Japan News, 10.02.2026, in: https://ogy.de/5clm [20.02.2026].↩︎
- The Yomiuri Shimbun 2025: 70th Anniversary of LDP’s Founding: Fulfill Responsibilities As Central Player in Politics / Must Change Its Nature in Multiparty Era, The Japan News, 15.11.2025, in: https://ogy.de/351l [09.12.2025].↩︎