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Der Jüdische Friedhof in Frankfurt am Main

Ein Stück Vergangenheit und Ruhe in der Stadt der Moderne

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Zwischen den Wolkenkratzern und Kränen der Finanzmetropole am Main, Frankfurt, an der Battonnstraße nahe der alten Stadtmauer liegt zwischen den Häuserreihen der zweitälteste jüdische Friedhof „diesseits der Alpen, und jenseits auch“, so Michael Lenarz, Stellvertretender Direktor des Jüdischen Museums Frankfurt.

Wenn man einmal das kleine Törchen in der Mauer öffnet und hinter sich schließt, so verlässt und vergisst man die Hektik der Stadt, die nun weit weg von einem liegt.

Zwischen dem Museum Judengasse und einer Häuserzeile an der Langen Straße befindet sich das kleine, hügelige Areal, teilweise frei, teils bedeckt mit alten, verwitterten Grabsteinen aus rotem Sandstein. Es ist ein grüner Ort der Stille und Harmonie, nur noch ganz leise hört man den hupenden Verkehrslärm hier unter den Schatten der Bäume. Die von Efeu und Moos bewachsenen Gräber, dessen Pflege verboten ist, da die Begräbnisstätte bei den Juden ein Ort der Toten ist und ihnen gehört, dürfen die Grabsteine, ebenso wenig wie die Leichen gestört werden.

Insgesamt fanden hier von 1150 bis 1828 circa 26.000 Beerdigungen statt, weshalb sich Grabsteine verschiedenster Epochen, der älteste von der Darmstädterin Channa bat Alexandern, am 12. Juli 1272 verstorben, noch in einen massiven Findling geschlagen, erkennen lassen, die von Ost nach West, der Grabstein am Haupt in westlicher Richtung, sodass die Toten, wenn sie sich an dem Tag, wo der Messias kommt, aufrichten, die aufgehende Sonne sehen, und teils wie Familienstammbäume angeordnet sind.

Anhand des mit Steinen übersäten Ost-Geländes lässt sich nur noch erahnen, wie es hier aussah, bevor die Nazis den Friedhof allmählich zerstörten und als Schutthalde verwendeten. Glasreste zwischen dem Rasen und eine kurvige Schneise zeugen noch von dieser Zeit.

Der Stellvertretende Direktor, Herr Lenarz, mit seiner Basecap – ich trage auch einen Hut, aus Respekt vor den jüdischen Geboten – erzählt mir, dass hier von den 6.500 Grabsteinen noch circa 2.700 ganz oder in Fragmenten erhalten sind.

Was jedoch den Frankfurter Friedhof besonders mache, seien die charakteristischen Grabsteine aus rotem Sandstein. Als die Jüdische Gemeinde zu Frankfurt am Main, die einer der größten in Deutschland und in der Stadt sehr einflussreich und angesehen war, immer mehr wuchs, begann man, sich nicht mehr nach dem Vater, sondern nach den Häusern zu benennen, in denen man wohnte.

Auf vielen Steinen prangt das Familienwappen, welches bei Namen wie Löwe oder Bär (in Frankfurt eher Pär) noch relativ einfach zu erahnen ist, jedoch bei den Namen zum Paradies, zwei Gestalten unter einem Baum, oder zum freudigen Mann, einer tanzenden Person, die aussieht, als trüge sie ein Kleid, schon etwas Schwerer zu erraten ist.

Obwohl die meisten Nachkommen der Frankfurter Juden, die die NS-Zeit überlebten, in Amerika oder Israel leben, befinden sich auf vielen Gräbern Steine, die nach einem Gebet hingelegt wurden. Denn unter den vielen Verstorbenen befinden sich auch viele in der Jüdischen Gemeinden Prominente, wie zahlreiche Rabbiner, deren Ruhestätten an den ganzen Zetteln, Steinen und Teelichtern, zu erkennen sind. Herr Lenarz erwähnt, dass die Kerzen, eigentlich eher ein katholischer Brauch, von den polnischen Juden kommen.

Oder etwa Rösle Schreiber, um deren Hilfe Frauen beten, wenn sie bisher noch nicht vom Kinderglück gesegnet sind. Sie gilt nämlich als Heilige, nachdem sie lange Zeit keine Kinder kriegen konnte, wie die Erzmutter Sarah, und dann doch einen Sohn gebar, der zudem auch noch Rabbiner wurde.

Der wohl bekannteste hier Liegende ist aber Mayer Amschel Rothschild, Gründer des Bankimperiums der Rothschilds und maßgeblich an der Emanzipation der Juden in Frankfurt beteiligt. Ursprüngliches Familienwappen war ein Topf auf einem Dreifuß, da die Familie zuerst wohnhaft im Hinterhaus zur Pfanne war, später im Haus zum Roten Schild und dann unter Mayer Amschel schließlich im Haus zum Grünen Schild. Trotzdem ist sein Grabstein einer der schlichtesten, das Wappen noch nicht einmal erkennbar auf dem Stein.

Auch ein Vorfahre Anne Franks, die auch Frankfurter Jüdin war, Süsskind Stern, Ahnherr der wohlhabenden Familie Stern, ist hier begraben.

Als wir abschließend auf dem Paulsplatz am Café Stern vorbeilaufen, wundere ich mich, ob es sich ebenfalls um Verwandte von Süsskind Stern handelt und ob es weitere Überbleibsel der einst wichtigen Jüdischen Gemeinde von Frankfurt am Main sind, worauf mir Herr Lenarz antwortet, dass es möglicherweise sein könnte. Bei einer für Frankfurt-typischen Gref Völsing Wurscht, erzählt er mir auch noch, dass man sagt, dass die schweinefleisch-freie, reine Rinderwurst auch Verdienst der Jüdischen Gemeinde sei.

Am Ende laufe ich noch einmal am Friedhof vorbei. Durch das Loch in der Wand sieht man die schrägen, dicht-an-dicht-liegenden, überwucherten alte Steine.

Der Jüdische Friedhof von Frankfurt, ein fast 1000-Jahre altes Relikt inmitten einer Stadt, die gezeichnet ist vom Wandel.

Von Reza Nazir

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