Ebbelwoi oder Ebbelwei? Äppler oder Stöffche? Äpfel- oder Apfelwein? Bei kaum einer Sache kann man so viel falsch machen wie bei dem Frankfurter Nationalgetränk. Über nichts, so scheint es mir, wissen die Frankfurt-Sachsenhausener besser Bescheid und über nichts können sie so ausgiebig philosophieren, wie über ihren geliebten traditionellen Schoppen.
„Den darfst du nicht nippen, nimm einen großen Schluck!“, war der erste Fauxpas auf den mich der ausgeglichene Kelterer Jens Becker mit der grünen Wollmütze in seiner Weinhandlung hinwies. Und es sollte nicht der letzte sein. In meiner kurzen Aufenthaltsdauer im kleinen Stadtteil Sachsenhausen schaffte ich es tatsächlich Handkäse mit der Gabel zu essen, mit süß gespritztem Apfelwein zu sympathisieren und ihn – natürlich – aus einem Weinglas anstatt aus einem Gerippten zu trinken. Ich Kulturbanause. Aber die Frankfurter bewiesen eine überraschende Nervenstärke von der ich als gebürtige Münchnerin, wohnhaft in Berlin, geradezu einen Schock bekam. Nur, woran liegt das?
Eigentlich ganz einfach, erklärt mir ein Stammkunde von Jens Becker, der mich auf meine falsche Gläserwahl hingewiesen hatte. „Beim Bier gibtas halt Aggressivität, beim Ebbelwoi gibtas des ned.“ Man könne deshalb und wegen des niedrigen Alkoholgehaltes auch sehr viel davon trinken. Es gäbe Leute, die acht Schoppen also zwei Liter pro Tag trinken könnten ohne eine nachteilige Wirkung zu verspüren. Er selbst, ein älterer Herr, graue Haare, kleiner Bauch, sieht aus wie ein typischer bayrischer Stammtischbesucher mit dem Unterschied, dass er anstatt der Lederhose ein T-Shirt mit einem aufgedruckten Sprungturm, von dem aus man direkt in ein Glas Apfelwein springen kann, trägt.
Das Gespräch mit ihm hat mich neugierig gemacht. Also frage ich beim Kelterer Jens Becker nach, was Apfelwein denn nun tatsächlich für eine Wirkung hat. „Im Vergleich zu Bier macht Apfelwein nicht so träge und eigentlich kommunikativ“ ,versucht er mir zu erklären, während wir vor seinem Laden sitzen und ein Glas seines selbst gemachten traditionellen „Stöffche“ trinken.
Ganz unrecht kann er nicht gehabt haben, denn als ich mich 40 Minuten später von dem ursprünglich als zehnminütg angedachten Gespräch verabschiede fühle ich mich quicklebendig.
Um wirklich zu verstehen, was das „Ebbelwoi feeling“ ausmacht wurde mir allerdings empfohlen, in eine traditionelle Gaststätte zu gehen. Im Atschel kaum zwei Straßen weiter bestelle ich mir deshalb ein traditionellen Handkäse mit Musik, den ich fälschlicherweise mit der Gabel esse und halte Ausschau. Das Atschel ist übrigens eine Garten-Gaststätte und kein Biergarten, denn – sie werden es ahnen – dort wird kein Bier, sondern Apfelwein serviert.
Beim Bezahlen drinnen treffe ich eine Gruppe fröhlicher älterer Damen, denen ich von meinem Vorhaben erzähle. Ehe ich mich versehe sitzen wir an einem Tisch und ich bekomme in gemütlicher Atmosphäre eine ausführliche Einführung in ihre traditionellen Gepflogenheiten. Die Basis von allem, der Ebbelwoi, wird von den Damen sauer gespritzt also mit Mineralwasser getrunken „gehört einfach dazu“. Auf die Frage, ob das Getränk wirklich kommunikativer macht, haben sie sogar noch eine genauere Erklärung. In traditionellen Gaststädten wäre es immer sehr voll und die Tische so groß, sodass sich beim Ebbelwoi trinken verschiedene Leute zusammensetzen müssen. Die Kombination sorge dann für Kommunikationsfreudigkeit und Gelegenheit, neue Leute kennenzulernen. Dass man acht Schoppen trinken kann ohne beträchtliche Wirkung zu spüren, streiten die Damen allerdings vehement ab. „Woann isch noch Autofahrn muss trink ich blous ein Schoppe.“
In einem sind sich aber alle authentischen Frankfurter einig, zu Apfelwein sagt man nicht Äppler, denn das heißt im Dialekt Busengrapscher.
Von Sophie Goldenbogen