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Eintausend und einer in der Speicherstadt

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Mit seinen rauen Fingern streicht er über die weiche Seide. Eine Ecke klappt er um und betrachtet den faserigen Rand mit kritischem, fast angestrengtem Blick. Den Teppich bündig zum Stapel gelegt, richtet der afghanische Mann seinen gebeugten Körper auf. Er lächelt zufrieden. „Gott gibt Bauch, Gott gibt Essen. Hast du Bauch, geht es dir immer gut. Für Essen musst du arbeiten.“ Das habe sein Vater stets zu ihm gesagt. Kambiz Lewal geht es gut. Auch wenn er für sein Essen arbeitet – einen kleinen Bauch hat er. Sein Lager liegt in einem der roten Blocks entlang der Elbe verborgen. Die Hamburger Speicherstadt ist weltweit der größte Umschlagplatz für Teppiche.

Der Beginn des Geschäfts liegt rund 40 Jahre zurück. Um Perserteppiche aus reiner Seide zu kaufen, reiste Onkel Aschraf Lewal in die indische Provinz Kaschmir. Den Erhalt der richtigen Ware wollte er durch seine Unterschrift auf jeder Rückseite sicherstellen. Die Lieferung war jedoch eine Enttäuschung: Teppiche mit billigerer Qualität und gefälschter Signatur in großer Zahl. Von einem anderen Kaufmann konnte der kaschmirische Händler mehr verlangen. Dass das Teppichgeschäft oft Verlust sei, habe Lewal mit der Zeit akzeptiert. Dennoch beheimaten seine orientalischen vier Wände bis heute Sorten wie „Ziegler“, „Bukhara“, „Gabar“ und „Mamlok“.

Gewebt und geknüpft wurden die Teppiche zunächst in der pakistanischen Stadt Peschwar. Angefangen habe es mit einem Schweizer, der auf seinen Reisen im Orient persische Teppichmuster abzeichnete. Seine Skizzen gab er verarmten afghanischen Einwanderern und stellte sich vor: „Mein Name ist Ziegler, hier sind meine Entwürfe. Webt diese Teppiche, dann habt ihr Brot.“ Die Leute folgten ihm. Als 1999 der vierte indisch-pakistanische Konflikt begann, gab es jedoch zehn Jahre keine reine Seide. Die Rebellenkämpfer „Mudschaheddin“ wälzten die Provinz in ein Kriegsgebiet um. „Kaschmir war eine schöne Kurgegend, doch dann war alles kaputt“, erinnert sich Lewal.

Der Holzboden knarrt, während Lewal Schritt für Schritt durch den dunklen Raum tappt. Dass sich hinter dem engen Vorzimmer eine Kammer wie in Aladdins Wunderlampe verbirgt, erkennt man auf den ersten Blick nicht. Lediglich ein Holzregal mit verzierten Taschen und Portemonnaies hängt an der linken Wand neben der Eingangstür, Preisschilder inklusive. Die begrüßende Erklärung „echtes Ziegenleder und handbestickt“ lässt keinen weiten Raum mit scheinbar eintausend Teppichen vermuten. Viereckig oder rund, gerollt sowie gestapelt – nur noch das Gold und ein Dschinn fehlen dem Wunderlampenzimmer.

Bevor die Familie 1986 nach Deutschland kam, betrieben die Lewals ein Kino in Afghanistan. Im Krieg wurde der Vater von drei Kugeln getroffen. Daraufhin verbrachten sie fünf Jahre in Indien, durften das Land aber nicht verlassen. Flughäfen und Behörden besaßen Fotos von vielen Familien. Indem die Eltern Politiker bestachen, schafften sie es mithilfe gefälschter Pässe nach Nepal. Dort erwartete sie aufgrund der illegalen Flucht jedoch ein sechsmonatiger Aufenthalt im Gefängnis. Trotzdem erreichten sie schließlich die Niederlande. Der bereits in Deutschland lebende Onkel holte seine Verwandtschaft in Amsterdam ab und brachte sie in die neue Heimat Hamburg.

Für die Herstellung eines 20 Quadratmeter großen Teppichs benötigt ein Arbeiter fünf Monate. Der Quadratmeter wird mit fünf Euro entlohnt. Gemeinsam mit seinem Bruder besucht Lewal jährlich für zwei bis drei Monate die eigene Knüpferei in Kabul. Ihre Mitarbeiter laden sie wie Freunde zum Essen und Trinken ein. Außerdem wird geprüft, wer wann was gekauft hat. Für die Kontrolle ist eine Person zuständig, die Arbeiter wechseln laufend. Möchte jemand einen Teppich herstellen, kommt er in die Knüpferei und beginnt seine Arbeit. Sobald er aufhört, erhält er seinen Lohn und eine andere Person setzt die Knüpfung fort.

In seinem 39-jährigen Leben hat Lewal Angst und Leid, aber auch Hoffnung und Freude aus unterschiedlichen Blickwinkeln gesehen. Erst war er arm, dann reich, wieder arm und wieder reich. Das könne man nie wissen, doch eines habe er mitgenommen: „Erfolg ist, wenn du Lebensmittel und viele Kinder hast.“ Natürlich hofft er, dass ein Teil seiner Kinder nach ihm das Geschäft übernehmen wird. Die rechte Hand legt er auf seine linke Brust. „Aber nur, wenn Herz will. Sie leben nur einmal, wie man einen Teppich nur einmal kauft.“ Solange es läuft, hält er an dem Geschäft mit den „eintausend“ Teppichen fest. Er lächelt zufrieden. Kambiz Lewal geht es gut.

Von Janine Ponzer

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